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Unschöne Dinge von Mark Del Franco

Reihe: Connor Grey, Bd. 1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Schon wieder ein toter Elfenstricher. Der aufgebrochene Leichnam liegt in einer schmuddeligen Gasse, die filigranen Flügel im Blut und Straßenschmutz. Jemand hat dem armen Jungen das Herz herausgeschnitten – warum nur? Ein in der Kindheit selbst missbrauchter Psychopath auf einem Rachefeldzug? Xenophobe Menschen? Oder ist das eine Art von Blutritual? Wann immer der Bostoner Polizist Leo Murdock im Weird Fälle mit Feien bekommt, die nicht von der Gilde übernommen werden, wendet er sich an den ehemaligen Gildenermittler Connor Grey. So auch dieses Mal. Der Druide hatte nach einem Unfall seine magischen Fähigkeiten weitgehend verloren – mehr als Essenzen spüren und die Polizei beraten ist nicht drin. Doch dieser Fall wird von Connor wesentlich mehr abverlangen.

 

Connor Grey ermittelt in Boston, meistens im Viertel "Weird". Seit der Konvergenz vor etwa hundert Jahren sind die Realität der Menschen und die der Feien – Faërie – miteinander verschmolzen. Die uralten und mächtigen Feien, bedingungslosen Gehorsam gewohnt, mussten sich mit einer veränderten Welt abfinden, in der banale Menschen den Ton angeben. Zu den Feien-Völkern gehören Elfen, Alben, Pixies, Druiden, Zwerge und einige Weitere. (An dieser Stelle ein Wort zu den Übersetzungen: Eine Fei ist im Original eine fey, aus einer fairy wird ein Elf und aus einem elf wird ein Alb – der Rest bleibt leicht nachvollziehbar. Die englischen Bezeichnungen passen meines Erachtens besser, aber die Problematik sollte bekannt sein.) Elfen sind sehr mächtige Wesen, die wie große, elegante Menschen mit grazilen Insektenflügeln aussehen; Alben fehlen die Flügel, sie sind nicht ganz so mächtig und etwas kleiner. Druiden können Zaubern; ansonsten unterscheiden sie sich nicht von Menschen. Pixies sind kleine, aber wesentlich derbere Ausgaben von Elfen, die sich mit einem Fingerschnippen unsichtbar machen können. Und Zwerge sind klein mit Bart. Organisiert sind die Feien in der Gilde.

Das Setting bietet sehr viele Möglichkeiten, die hier allerdings nicht ausgereizt werden können. Besonders bedauerlich ist hier die unterentwickelte Beziehung von Faërie und banaler Welt: Was heißt es für Feien, die schon vom Eisenanteil in einer Schusswaffe aus dem Konzept geraten, in einer Welt zu leben, in der alles von Eisen und Stahl durchzogen ist? Machen sich xenophobe Menschen das zu nutzen? Sind Stahlummantelte Hohlspitzgeschosse die perfekten Elfen-Killer? All das erfährt man nicht. Man erfährt dafür sehr viel mehr über die Geschichte der Feien und den seit langer Zeit angespannten Beziehungen zwischen Elfen und Alben, die Beziehungen zwischen Menschen und Feien bleiben dagegen recht undifferenziert: Menschen fürchten Feien und fühlen sich von ihnen verdrängt, Feien blicken auf Menschen herab und wollen die neue Umgebung möglichst der alten anpassen. Typische Migrationsprobleme. Wie es sich im Weird, dem Multikulti-Viertel lebt, erfährt man wiederum nicht. Nichtsdestotrotz legt Del Franco hier den Grundstein für etwas, das ein sehr interessantes Setting werden könnte – ich habe nur den Eindruck, als wolle er das Pferd vom falschen Ende her aufzäumen.

 

Wer einen Blick in das Dramatis Personae wirft, wird geradezu erschlagen: Es gibt siebenundvierzig Einträge. Die meisten der genannten Figuren spielen allerdings nur sehr geringe Rollen – an eine Figur kann ich mich gar nicht mehr erinnern – und dann sind selbst Einträge zu Lloyd Alexander, Cathbad und Dante Aligieri vorhanden; keiner von denen tritt in einer Szene auf. Zentral ist natürlich Ich-Erzähler Connor Grey. Er war ein hochbegabter Druide, der in der Bostoner Gilde ganz nach oben wollte – allein bei einem Zwischenfall mit dem ökoterroristischen Alben Bergin Vize wurden ihm auf mysteriöse Weise die Zauberfähigkeiten weitgehend genommen – Schluss mit der Meisterzauberei. Als Fei, die kaum zaubern kann, kommt er beim Bodensatz der Gesellschaft an. Allerdings bessert er seine magere Gilden-Rente mittels einer Beratertätigkeit für die Bostoner Polizei auf. Dabei stößt er immer wieder an Grenzen, die ihm vor allem von den arroganten Gilden-Elfen gesetzt werden. Er ärgert sich über diese Arroganz, bemerkt, dass er selbst einmal so arrogant war, blickt auf die Stricher herab und schwelgt in Selbstmitleid. An dieser Stelle will ich zwei Probleme ansprechen. Das erste ist die Motivation Connors – warum stürzt er sich so verbissen in den Fall? Die Bezahlung ist es nicht und persönlich (er verachtet die Stricher) wird er wohl auch nicht involviert sein. Auch ist er kein Ordnungsfanatiker – er selbst betätigt sich hin und wieder als Hacker – oder Gerechtigkeitsfetischist – den Mangel an Rechtsstaatlichkeit bei den Feien stört ihn nicht. Es scheint, als sei Connor der Gute und der Mörder der Böse und der Gute bekämpft nun mal den Bösen, die wahre Motivation. Vielleicht will der Autor eine tiefere Motivation angedeutet wissen: Will er den arroganten Gilden-Elfen bloß eins Auswischen? Es bleibt unklar. Ebenso unklar bleibt, ob die konservative Haltung – z. B. Stricher sind schlechtere Menschen – die des Autors oder die Connors ist. Offenkundig lernt Connor im Laufe des Falls, dass er immer noch manche arrogante Sichtweise hat, aber manches bleibt bestehen – es bleibt die weitere Entwicklung abzuwarten.

Weitere wichtige Figuren sind der ruppige, aber herzliche Bostoner Polizist Leo Murdock, ein Detective Lieutenant und Sprössling einer Polizistendynastie, der Feien ein echtes Interesse entgegenbringt und mit Connor befreundet ist, die arrogante Elfin Keeva Mac Neeves, eine Gildenwächterin und einstige Kollegin und Rivalin von Connor, der arrogante Elf Lorcan MacDuin, Connors ehemaliger Boss, die kratzbürstige und unangepasste Gildenarchivarin Meryl Dian, der raubeinige Pixie "Joe" Stinkwort, ein Freund von Connor, und der menschliche Stricher Shay, der nur schwer einzuschätzen ist. Man sieht, Del Franco geht von Typen aus, die im Laufe der Geschichte ungeahnte Seiten offenbaren sollen, was dem Autor immerhin mittelprächtig gelingt.

 

Der Plot ist der eines relativ schnörkellosen Thrillers: Irgendjemand ermordet Elfenstricher und schneidet ihnen das Herz aus der Brust. Wer steckt dahinter? Im Zuge der Ermittlungen werden hochgestellte Persönlichkeiten in den Fall verwickelt. Der Einsatz, das sei verraten, wird am Ende sehr hoch sein – typischer für die Fantasy als für 'normale' Thriller. Daneben gibt es noch weitere Handlungsstränge, die allerdings nur angedeutet werden und zumeist offen bleiben. Da sind zum Beispiel der Fähigkeitsverlust und der flüchtige Bergin Vize oder die Beziehungen zu Keeva sowie Meryl – es ist zu erwarten, dass sich hier noch einiges entwickeln wird.

Entsprechend sind die Spannungsquellen verteilt: Im Vordergrund steht das Rätsel um die Morde sowie die davon ausgehende generelle Bedrohung, aber auch zahlreiche aktuelle Bedrohungen, die sich in Action-Szenen auflösen. Einige überraschende Wendungen runden diesen Aspekt ab. Eher im Hintergrund stehen dann die Beziehungen zwischen Connor und seinem Umfeld, die oftmals von spöttischer Ironie und trockenem Humor geprägt sind, sowie die Interessantheit der Figuren und des Settings selbst.

Der Plotfluss ist leider am Anfang etwas stockend, da der Autor immer mal wieder längere Beschreibungen und bisweilen unsauber passende Informationsblöcke einschiebt; gerade die zuletzt genannten bremsen nicht nur den Plot, sondern können auch als unfreiwillige Vorausdeutungen dienen. Nach dem ersten Viertel wird dann allerdings 'Volle Thriller-Fahrt' aufgenommen.

 

Erzähltechnisch ist der Roman relativ unauffällig. Ich-Erzähler Connor entwickelt die Geschichte entlang eines Erzählstranges, generell neigt der Handlungsaufbau dabei zum Progressiven, aber es gibt auch viele für Kriminalfälle typische regressive Erklärungen. Del Franco lässt seinen Ich-Erzähler zuweilen den 'harten', adjektivarmen und saloppen bis vulgären Sprachstil verwenden, hält dieses aber nicht das ganze Buch durch. Den richtigen Ton verfehlt er dabei hin und wieder: Es wird zum Beispiel mindestens einmal pro Kapitel gekichert. Da wäre mehr Präzision wünschenswert gewesen.

 

Fazit:

Im Bostoner Stadtviertel Weird steht Polizist Murdock vor einem Rätsel: Wer braucht die Herzen von Elfenstrichern? Gemeinsam mit dem ehemaligen Druidenermittler Connor Grey nimmt er eine Spur auf, die ins Zentrum der Macht führt. Mark Del Franco eröffnet seine Reihe mit einem spannenden Urban Fantasy-Thriller. Da gibt es noch manches Klischee und manche Holprigkeit, aber auch viel Potenzial – ich bin gespannt, in welche Richtung sich die Reihe entwickeln wird.

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Titel: Unschöne Dinge

Reihe: Connor Grey, Band 1

Original: Unshapely Things

Autor: Mark Del Franco

Übersetzer: Aus dem Englischen von Michael Krug

Verlag: Otherworld (Oktober 2008)

Seiten: 375 Broschiert

Titelbild: Otherworld Verlag

ISBN-13: 978-3-902607-11-9

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 23.11.2008, zuletzt aktualisiert: 14.05.2018 18:21