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Venezianische Affären (Band 1)

Rezension von Christel Scheja

 

Venedig hat in unserer heutigen Zeit gerade durch den Karneval und die prachtvollen Gebäude noch immer den Ruf, ein Ort zu sein, an dem Dekadenz und Leidenschaft ohne Rücksicht auf Verluste ausgelebt werden konnten. Das hat sich wohl aus den Verhältnissen entwickelt, die im achtzehnten Jahrhundert in der Lagunenstadt üblich waren – als sich die Reichen und Mächtigen verzweifelt im Glanz vergangener Jahrhunderte suhlten, während die Metropole selbst immer mehr an Bedeutung verlor. In genau dieser doch eher dunklen Epoche ist „Venezianische Affären angesiedelt.

 

Die Reichen Venedigs feiern und kümmern sich kaum, was um sie herum geschieht, denn warum Sorgen machen, wenn man noch immer genug Reichtum besitzt um davon ein angenehmes Leben zu führen und sich dabei von seinen eigenen Leidenschaften treiben lassen.

Der schöne Schein wird allerdings nun von bestialischen Morden an jungen hübschen Frauen erschüttert. So lange es nur Kinder des einfachen Volkes traf, war es den Verantwortlichen egal, nun aber wo der entseelte und grausam zugerichtete Leib einer jungen lebenslustigen Adligen gefunden wurde, muss etwas unternommen werden.

Alessandro Beldrame wird beauftragt in diesem Fall zu ermitteln und dabei recht schnell Licht ins Dunkel zu bringen, vor allem weil die Morde schon bald weiter gehen und auch vor anderen reichen Mädchen nicht halt machen.

Der junge Mann verlässt sich bei der Suche nicht nur auf sein eigenes Gespür sondern auch auf die besonderen Künste seiner schwarzen Geliebten Tshano, die das Unheil wesentlich besser lokalisieren kann als er. Aber auch sie scheint ihr eigenes Spiel zu treiben – und allein ihre Taten rufen die Inquisition auf den Plan.

 

Die beiden Künstler nehmen sich sehr viel Zeit für die Geschichte, die nach gut 160 Seiten noch lange nicht am Ende zu sein scheint. Der Plot wirkt zunächst einmal einfach – niemand hat sich darum gekümmert, das einfache Mädchen starben, nun da der Adel betroffen ist, wird man langsam wach und ärgerlich, fühlt man sich doch in seiner dekadenten Lebenslust gestört, gerade weil nicht klar, wer der Täter ist, aus welcher Schicht er stammt und was er mit den Tötungen eigentlich bezwecken will.

Was zunächst nämlich nach Leidenschaftsdelikten aussieht, kann weitaus mehr sein – denn die Toten weisen immer eine Gemeinsamkeit auf – ein Körperteil wurde bei den Misshandlungen ausgelassen.

Das ist allerdings nicht viel womit Alessandro Beldrame arbeiten kann, deshalb benutzt er auch übersinnliche Mittel, um den Hinweisen näher zu kommen und sieht sich überall in der Stadt um.

Hier zeigt sich die Stärke der Geschichte, denn sie ist weniger ein Krimi als ein Sittendrama aus einer Zeit der Dekadenz und des Zerfalls, in der die Adligen eher leben als arbeiten oder die Welt verändern wollen, zumindest die meisten.

Zugleich erhält man einen Einblick in die verkrusteten alten Strukturen, in die sich längst nicht mehr alle fügen wollen – sei es nun die in die Klöster abgeschobenen jüngeren Töchter und die Söhne, die niemals heiraten dürfen oder in die Welt der Familien, die argwöhnisch über das wachen was sie haben.

Kirche und Religion sind zwar präsent, aber auch eher Machtmittel, die man gegen seine Gegner einsetzen kann. Laster gehören zum Leben mit dazu … und nur wenn gewisse Regeln gebrochen werden, ist es mit dem Spaß vorbei, was auch der Held zu spüren bekommt, der sich immer tiefer in das Geflecht aus Intrigen verstrickt, denn es scheint weit mehr hinter allem zu stecken als er zunächst vermutet.

Die Zeichnungen sind realistisch und detailreich gehalten, fangen die orte und auch den Zeitkolorit gekonnt ein, so dass eine intensive Atmosphäre entsteht, die den Leser gut in das dekadente Venedig des 18. Jahrhunderts zurück entführt. Die Ermittlung wirkt dagegen eher wie eine Dreingabe um Spannung zu erzeugen.

 

Fazit:

Alles in allem bietet »Venizianische Affären« durchaus Lesevergnügen, zumal die Künstler, so sehr sie auch eine eher vertraute Geschichte erzählen sehr viel Sorgfalt in die Darstellung des Szenarios gelegt haben, sowohl inhaltlich als auch zeichnerisch.

Denn als Sittengemälde der langsam in seiner Bedeutung und Macht fallenden Lagunenstadt und ihrer dekadenten Bewohner ist das Album mehr als gelungen.

 

Eure Meinung:

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Comic:

Venezianische Affären (Band 1)

Original: Integrale 1 – Les suites venitiennes, 2016

Autoren und Zeicher: Guy Raives und Éric Warnauts

Übersetzung: Julika Herzog

Panini Verlag, 04/2019

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten

 

ISBN-10: 374161288X

ISBN-13: 978-3741612886

 

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 05.05.2019, zuletzt aktualisiert: 10.12.2019 18:33