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Vertraute Fremde von Jiro Taniguchi

Rezension von Christian Endres

 

Hierzulande haftet dem Manga ja gerne der Ruf an, etwas für jüngere Leser zu sein - auf den Punkt gebracht also anspruchslose Schwarzweiß-Comics aus Japan, am besten mit dicken Gummibrüsten, »ultrakrassfetter« Magie und pokémonesquen Trash-Monstern. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis es sich auch in den letzten Winkel der Republik durchgesprochen hat, dass es, wie überall sonst auch, eben Mangas gibt und ... Mangas.

 

Mangas wie »Vertraute Fremde« aus der Feder von Jiro Taniguchi tragen jedoch erheblich dazu bei, den Ruf der japanischen Literaturexportware als Kunstform zu verbessern. Natürlich sind auch Taniguchis Comics noch Mangas - aber was heißt das schon, sieht man einmal von einer gewissen grundsätzlichen Optik sowie einigen handwerklichen und stilistischen Besonderheiten ab? Zumal Taniguchi sich in der Vergangenheit offen an europäische Vorbilder angelehnt hat. An dieser Stelle vielleicht direkt der Hinweis, dass Carlsen »Vertraute Fremde« fürs deutsche, sehr schön aufgemachte Paperback nicht nur mit Klappenbroschur und Vorwort ausgestattet, sondern den Inhalt gleich auch noch gespiegelt hat, sprich: Die Leserichtung ist westlich. Das wiederum stört hoffentlich nur die härtesten Puristen - und hält bitte erst Recht niemanden davon ab, sich dieses Meisterwerk des grafischen Erzählens zu Gemüte zu führen.

 

Denn Manga oder Graphic Novel, gespiegelt oder nicht - »Vertraute Fremde« ist eine beeindruckend gute, nachklingende Story, die zudem noch in sehr schönen Bildern festgehalten wird. Erzählt wird die Geschichte des Architekten Hiroshi Nakahara, der erst in den falschen Zug steigt, letztlich in seiner alten Heimatstadt aufschlägt und dann am Grab seiner Mutter auch noch ohnmächtig wird. Als er schließlich wieder aufwacht, steckt er plötzlich im Körper eines Vierzehnjährigen im Jahre 1963. Nach anfänglichen Schwierigkeiten erkennt er, dass sich ihm damit die Chance bietet, sein Leben noch einmal mit dem Wissensschatz eines Erwachsenen von fast 50 Jahren neu zu leben...

 

Dass dabei diverse moralische Fallstricke auf den ruhigen Helden lauern, versteht sich von selbst. Hinzu kommt, dass Hiroshi es sich in den Kopf gesetzt hat, seine zweite Chance zu nutzen und die vermeintliche Tragödie der Familie Nakahara abzuwenden. Denn irgendwann in einem lauen Sommer verschwand sein Vater spurlos. Doch der nunmehr wieder junge Architekt muss erkennen, dass er trotz, vielleicht aber auch gerade aufgrund seiner ungewöhnlichen Lebenserfahrung nicht in der Lage ist, all seine Ziele zu erreichen...

 

Das Ganze verpackt und erzählt Taniguchi so gut, einfühlsam und charmant, dass man ihm auch den kleinen Kunstgriff am Ende verzeiht, mit dem er sich geschickt aus der Affäre zieht und seine Handlung wieder in die Gegenwart (und damit eher geordnete Zeitbahnen) zurückholt. Ansonsten erinnert das Konzept der japanischen Ausnahme-Graphic Novel von der Idee her stark an Ken Grimwoods modernen SF-Klassiker »Replay – Das zweite Spiel« (Heyne, 2005). Doch der dicke Manga-Schmöker hat weit mehr Nuancen als der ebenfalls sehr gelungene SF-Roman, da er obendrein noch einen tiefen Einblick in eine Zeit des Umbruchs in der japanischen Gesellschaft bietet und auch dadurch zu einer ungemein interessanten, vielseitigen Lektüre wird.

 

Jiro Taniguchi ist ein meisterhafter Erzähler. Niemals schwatzhaft, überhaupt sehr präzise und wie viele seiner japanischen Kollegen ein Meister der Stille, liefert er mit »Vertraute Fremde« ein zwar eher leise auftretendes, aber dennoch ausgezeichnetes Werk großer künstlerischer Reife ab.

 

 

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Comic:

Vertraute Fremde

Autor und Zeichner:

Jiro Taniguchi

Paperback, 416 Seiten

Carlsen, August 2007

ISBN: 3551777799

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 12.12.2007, zuletzt aktualisiert: 20.04.2019 08:39