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Visage

Rezension von Cronn

 

Ich laufe den Flur entlang, während über mir das Knarren des Kronleuchters zu hören ist, der in einem fort hin und her schwingt. Das Licht verändert sich bei jeder Schwingung und jederzeit ist zu sehen, dass sich die Schatten anpassen und über die Wände kriechen gleich dunklen Riesenwürmern.

Vor mir ist die Dunkelheit am Ende des Ganges zu sehen. Sie springt nahezu auf mich zu. Ich greife zu meinem Feuerzeug und hole es heraus. Dann lasse ich es aufschnappen und entzünde es. Die Dunkelheit weicht vor mir zurück und ich kann aufatmen. Es ist nicht geheuer in diesem Haus.

Anschließend biege ich dort am Ende um die Ecke und gehe eine Treppe empor. Ich gelange an den Treppenabsatz. Irgendetwas quietscht dort oben und es poltert. Habe ich etwa ein Fenster offen gelassen oder was ist da oben los? Ich befürchte, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht …

Als ich mich umdrehe, öffnet sich die Tür zum Kinderzimmer wie von Geisterhand. Mich überzieht eine Gänsehaut. Dennoch muss ich wissen, was dort los ist. Ich laufe näher und öffne die Tür.

Nichts. Nur Finsternis und ein Nachtlicht, welches das Kinderbett und die dazugehörigen Puppen beleuchtet. Niemand ist zu sehen. Ich trete ein, doch da geht das Licht aus und alle Türen gehen zu.

Erschrocken bleibe ich stehen. Eine Tür quietscht beim Öffnen. Als ich mich langsam umdrehe, sehe ich, dass die Tür zum Wandschrank sich einen Spalt breit öffnet. Oh, mein Gott! Was ist da los?

Ich zögere, aber ich muss näher herangehen, um das Rätsel zu lösen. Als ich den Schrank öffne und das Licht darin per Schalter anknipse, sehe ich ein Kindergemälde an der Wand: Ein Mädchen, das an der Wand klopft und ein Riesenschatten auf der anderen Seite der Wand.

Soll ich es wirklich tun?

Behutsam ziehe ich in kindlicher Art die Wandschranktüren zu, damit mich niemand von hinten erwischen kann. Dann nehme ich all meinen Mut zusammen und klopfe an die Wand.

Sofort klopft es zurück.

Verflucht. Mir rutscht das Herz in die Hose bei der Vorstellung, dass dort draußen hinter der Wand tatsächlich ein Kinderschreck auf mich wartet. Ich trete aus dem Schrank.

 

Visage heißt das Horrorgame, das am 30.Oktober erschienen ist und von dem SadSquare Studio in Kanada entwickelt wurde. Bereits im Jahr 2015 angekündigt durch eine Kickstarterkampagne im Jahr 2016 erfolgreich gestartet, ist nun wie aus heiterem Himmel das Game auf Steam aufgetaucht.

Doch wie gelungen ist der Horrortrip?

 

Hintergrund:

Man schlüpft in die Rolle eines namenlosen Helden, der in einer Wohnung aufwacht. Vorher hat man eine albtraumhafte Vision eines Familiendramas erlebt, die zu grauenvoll ist, um sie hier in aller Breite zu erzählen. Derart eingestimmt, befürchtet man das Schlimmste.

Nach und nach entdeckt man die Hintergründe dieses Hauses, das verflucht ist. Die Story ist voller Dramatik und familiärer Tragödien, daher wirklich nur Erwachsenen zu empfehlen. Die Geschichte entfaltet sich dadurch, dass man vor allem Gegenstände untersucht. Später kommen Erscheinungen hinzu, die ebenfalls zur Story beitragen.

 

Gameplay:

Im Verlauf des Spiels muss man der Wohnung entkommen. Dazu benötigt man Schlüssel, um versperrte Türen zu öffnen und in weitere Bereiche des Hauses zu gelangen.

Zu lange sollte man sich nicht in der Dunkelheit aufhalten, denn diese ist der Feind des Spielers. Wenn er zu lange sich in Finsternis befindet, färbt sich ein Fleck im unteren linken Bildschirmrand rot ein, dazu erscheint ein symbolisches Gehirn. Das zeigt beides an, dass es nun langsam ungemütlich wird und Gefahr für Leib und Leben droht. Auch die geistige Gesundheit erleidet hierbei Schade, was an Survival-Horrorgames a la Amnesia: The Dark Descent erinnert.

 

Um die Dunkelheit zu überwinden, erhält man Zugriff auf Kerzen, Glühbirnen, Feuerzeuge und dergleichen mehr. Auf diese Weise kann man verdunkelte Bereiche des Hauses gefahrlos betreten.

Leider ist die Bedienung des Inventars und der Gegenstände etwas zu umständlich geraten, sodass man häufiger mit der frickeligen Bedienung kämpft, als sich zu gruseln. Dennoch besitzt das Spiel einige sehr gelungene Horrorideen. So ist das Erhellen der Dunkelheit mittels des Blitzes einer Kamera seit dem Film Saw ein etabliertes Element, das noch zu wenig von Games genutzt wurde. Hier in »Visage« gelingt dies sehr gut. Zugleich deckt der Blitz Wandzeichnungen auf, die bei normaler Beleuchtung nicht oder schwer sichtbar sind. Sehr unheimlich!

In seinen besten Momenten erinnert es an die P.T.-Demo des leider nie erschienen Silent Hill-Teils von Hideo Kojima und Guillermo del Toro.

 

Grafik und Sound:

»Visage« basiert auf der Unreal-4-Engine und kann sich dementsprechend sehen lassen! Die Texturen sind hoch aufgelöst, die Gegenstände mit vielen Polygonen gestaltet. »Visage« ist eines der schönsten Horrorgames derzeit.

 

In Sachen Sound leistet sich »Visage« ein paar Patzer. Nicht immer wird die bedrohliche Atmosphäre auch kongenial durch die Soundeffekte unterstützt. Ab und an hört es sich so an, als würde man random unheimliche Geräusche im Haus erschaffen, aber ohne dass eine auszumachende Ursache (selbst eine paranormale nicht) festzustellen ist. Das ist sehr schade, denn immer wieder läuft »Visage« auch durch den Sound zur Hochform auf, wenn es diese nicht durch Unachtsamkeit verliert.

 

Fazit:

»Visage« ist definitiv ein sehr gutes Horrorerlebnis geworden. Die Atmosphäre ist zum Schneiden dicht, auch wenn in der ersten halben Stunde nur wenig geschieht. Dennoch ist man als Spieler angespannt. Später kracht »Visage« richtig heftig und zieht die richtigen Hebel. Leider ist die Bedienung etwas fummelig geraten, so dass das Management des Inventars und der Gegenstände immer wieder nerven kann.

Für Horrorfans ist dennoch »Visage« genau die richtige Dosis Grauen für die winterlichen Gruselabende vor dem PC.

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Eure Meinung:

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PC-Spiel:

Visage

SadSquare Studio, 30. Oktober 2020

 

Erhältlich bei: steam


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Erstellt: 04.12.2020, zuletzt aktualisiert: 08.01.2021 19:05