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Wonder Woman Antologie: Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin

Rezension von Ingo Gatzer

 

1941 geschah etwas bis dato Unerhörtes. Der Psychologie William Moulton Marston schuf – wohl zusammen mit seiner Frau Elizabeth Holloway Marston – die erste Superheldin im Comic-Genre. Gut 75 Jahre später hat sich Wonder Woman nicht nur fest etabliert, sondern gehört neben Batman, Superman und Flash wohl zu den wichtigsten Heldenfiguren des DC-Universums. „Wonder Woman Antologie: Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin“ zeigt in achtzehn Geschichten – die erstmals zwischen 1941 und 2015 erschienen – die Entwicklung der Figur auf.


Den Auftakt macht mit „Die Geburt von Wonder Woman“ das, was heute gemeinhin als Origin-Geschichte bezeichnet wird. William Moulton Marston bringt hier bereits viele Elemente ein, die jahrzehntelang für seine Heldin stilbildend sein werden – etwa das berühmte unsichtbare Flugzeug. Die Geschichte ist in Betracht der Entstehungszeit angenehm dynamisch. Heutige Leser werden angesichts von Erzähltexten wie „Wie alle jungen Mädchen konnte es Diana kaum erwarten, die neuen Kleider vor dem Spiegel anzuprobieren“ aber schmunzeln müssen. Dennoch ist der Ton im positiven Sinne feministisch: William Moulton Marston präsentiert eine Heldin, die nicht auf Männer angewiesen ist. Das ist aber nicht die einzige Herkunftsgeschichte, die die Anthologie zu bieten hat. Am besten erzählen wohl George Pérez und Greg Potter die Ursprünge von Wonder Woman. Sie orientieren sich zwar an der bekannten Geschichte, verleihen der Handlung aber eine noch ausgeprägtere mythologische Tiefe. Auch für Abwechslung ist in der Anthologie reichlich gesorgt, so muss Wonder Woman nicht nur normale Verbrecher und Superschurken bekämpfen, sondern etwa auch dem Mann, den sie liebt ein Schnippchen schlagen („Streng geheim“), was recht amüsant, wenn auch etwas konstruiert wirkt. Zudem finden sich ansprechende Geschichten über die junge Wonder Woman („Die Höhle des Minotaurus“) sowie ein Wonder Girl („Spinnst Du jetzt völlig?“). Robert Kanigher fügt mit I Ching eine spannende neue Figur und Roy Thomas mit Black Swan eine interessante Antagonistin in das Universum der DC-Heldin an. Gail Simone lässt in „Gothamzone“ fast alles an Superschurken aufmarschieren, was in Batmans Stadt Rang und Namen hat und sorgt dabei für reichlich Unterhaltung. Insgesamt sind die meisten Storys mindestens passabel, meistens aber deutlich besser. „Die Mutter der Bewegung“ fällt qualitativ allerdings deutlich ab. Der von Darwyn Cooke inszenierte gemeinsame Auftritt von Wonder Woman und Black Canary soll vermutlich lustig sein. Leider bleibt es bei dem Versuch. Auch der Abschluss „Rettender Engel“ hat nur mit viel Wohlwollen etwas mit Wonder Woman zu tun. Hier erzählt Amy Chu vor allem eine recht konventionelle Kriegsmär.


Für die visuelle Gestaltung von Wonder Woman waren während der letzten Jahrzehnte natürlich eine Vielzahl von Zeichnern zuständig, die sich durch verschiedenartige Qualitäten auszeichnen. Die ersten Jahre übernahm das Harry G. Peter, dessen Arbeit sich heute noch sehen lassen kann, auch wenn etwa sein Herkules wie eine Parodie wirkt. Mike Espoito gelingt es in den 50er Jahren sehr schön, die Mimik seiner Heldin herauszuarbeiten und Mike Sekowskys innovative Panelgestaltung war aus heutiger Sicht in den 60ern seiner Zeit voraus. Don Heck überzeugt vor allem bei der Gestaltung von Actionsequenzen („Das zweite Leben der ursprünglichen Wonder Woman“). Die Arbeit von Multi-Talent George Pérez zeichnet sich vor allem durch eine große Liebe zum Detail – etwa bei der Gestaltung der olympischen Tempelanlagen – aus. Für das beste Design der Hauptfigur – genauso wie die ansprechende Umsetzung zahlreicher DC-Bösewichte – ist das Duo Ethan van Sciver und Marcelo di Chiara verantwortlich. „Die Mutter der Bewegung“ fällt leider auch zeichnerisch ab. Möglicherweise gibt es aber Comic-Fans, die den glatten, rundlichen und insgesamt etwas plump wirkenden Stil des Kanadiers J. Bone mögen, der unverkennbar auch an „Batman: The Brave and the Bold“ mitgearbeitet hat.


Eine besondere Stärke der Anthologie sind die hervorragenden Begleittexte. Das beginnt bereits beim Vorwort von Linda Carter, die die Amazonenprinzessin in der von 1975 bis 1979 ausgestrahlten TV-Serie „Wonder Woman“ verkörpert hatte. Die Schauspielerin verdeutlicht nicht nur, was die Rolle ihr persönlich bedeutet(e), sondern zeigt auch den historischen Kontext und Entwicklungen auf, ohne dass dieses für den Leser langweilig wird. Das gleiche hohe Niveau bieten auch die einleitenden Worte zu den vier Kapiteln - „Die Amazone“, „Die Prinzessin“, „Die Botschafterin“ sowie „Die Kriegerin“, in die die Anthologie untergliedert ist. Diese zeigen nicht nur die Veränderungen der Figur, sondern auch interessante Verbindungen zwischen Fiktion und Realität. Hier erfahren die Leser etwa, dass Wiliam Moulton Marston nicht nur Wonder Woman, sondern auch den Lügendetektor erfunden hat, der wiederum seinen Niederschlag im magischen Lasso der Superheldin fand.


Fazit:

Tolle Begleittexte, einige herausragende, viele gute und zum Glück nur wenige schwache Geschichten mit fast durchweg überzeugenden Zeichnungen – das alles macht „Wonder Woman Antologie: Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin“ zu einer perfekten Investition für Fans von Wonder Woman.

 

 

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Eure Meinung:

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Comic:

 

Wonder Woman Antologie: Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin

Autoren: William Moulton Marston, Robert Kanigher, George Pérez, Greg Potter u. v. a.

Zeichner: Harry G. Peter, George Pérez, Ethan van Sciver, Marcelo di Chiara u. v. a.

Hardcover, 404 Seiten

Panini Verlag, März 2017

 

ISBN-10: 3741600385

ISBN-13: 978-3741600388

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 15.05.2017, zuletzt aktualisiert: 13.08.2019 18:27