Kraken (Autor: China Miéville)
 
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Kraken von China Miéville

Rezension von Markus Mäurer

 

Rezension:

Dass ich den Namen der Hauptfigur bereits nach einer Woche wieder vergessen habe, ist kein gutes Zeichen. Deshalb beginne mich mal mit meinem Fazit. Kraken erzählt eine abgedrehte Geschichte voll schräger und toller Ideen, aber leider bleiben die Hauptfiguren so blass und ohne Emotionen, dass es mir zu keinem Zeitpunkt möglich war, auch nur zu einer von ihnen, Emotionen aufzubauen. Kraken ist ein reiner Ideen-Roman, dessen Figuren Abziehbilder mit ein paar unterschiedlichen Eigenschaften bleiben. China Miéville macht sich nicht mal die Mühe, ihnen Leben einzuhauchen. Über ihre Vergangenheit, ihr Leben und ihre Gefühle erfährt der Leser überhaupt nichts. Die Frau, die ihren Freund vermissten Freund sucht, begibt sich zwar immer tiefer in eine Welt voller Absonderlichkeiten, aber über ihre Beziehung erfährt man gar nichts. Das Privatleben bleibt in diesem Roman außen vor.

Dabei beginnt die Geschichte noch sehr vielversprechend. Wir lernen Billy kennen, der als Kurator im naturkundlichen Museum arbeitet, und feststellt, dass ein riesiger Tank mit einem präparierten Kraken verschwunden ist. Auf den ersten 50 Seiten habe ich mich noch gefragt, was an diesem Roman so abgedreht sein soll, spielt er doch bis dahin in einer, für Miéville-Verhältnisse, normalen Welt. Doch dann geht es Schlag auf Schlag. Billy Freund Leon wird von einem Tunichtgut verspeist, der sich aus einem Briefumschlag entfaltet und von nun an an Billy Fersen klebt. Dazu kommt noch eine Sekte, die den Kraken als Gott anbetet, ein Geist, der sich nur in Statuen manifestieren kann, ein lebendiges Tattoo und eine unorthodoxe Polizeieinheit mit frechen Gören. Ab diesem Zeitpunkt startet Miéville ein Ideenfeuerwerk voller theologischer und tautologischer Diskurse, jeder Menge popkultureller Anspielungen und einem Schuss Wahnsinn.

Es fühlt sich ein wenig wie Bas-Lag in London an. Da liegt aber auch ein weiteres Problem des Romans. Es gibt schon so viele phantastische Geschichten, die in einem London spielen, das so ganz anders ist, als es scheint. Das berühmteste Beispiel ist sicher Neil Geimans Niemalsland.

Miévilles London ist ein abgedrehter, magischer Ort, in dem alte und neue Götter existieren, ebenso wie Geister, belebte Gegenstände und sonstiges magisches Gezücht. Ein Ort, an dem Moderne und Mystik aufeinandertreffen und miteinander verschmelzen.

Es tauchen auch altbekannte Miéville-Themen auf, z. B., wenn die magischen Helferlein in den Streik treten.

Er hat auch einiges an Potenzial verschenkt. Die Mysterien, die in den unendlichen Weiten des altehrwürdigen Naturkundemuseums schlummern, werden nur am Rande angedeutet. Stattdessen widmet er sich lieber einer Pop-Art-Jagd durch ein von modernen Kulturrelikten geprägtes London.

Miéville gehört zu meinen absoluten Lieblingsautoren und ich wollte dieses Buch wirklich mögen, aber leider hat es mich nicht gepackt. Miéville hat seine Figuren den Ideen geopfert, die zwar originell und teils verrückt sind, den Roman aber nicht über die volle Länge tragen.

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230609210004cab262d2
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Buch:

Kraken

Autor: China Miéville

Taschenbuch, 400 Seiten

Macmillan Publishers, Juni 2010

Sprache: Englisch

 

ISBN-10: 0333989511

ISBN-13: 978-0333989517

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 26.09.2010, zuletzt aktualisiert: 23.02.2023 19:40