Die Geißel des Himmels (Autorin: Ursula K. Le Guin)
 
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Die Geißel des Himmels von Ursula K. Le Guin

Rezension von Christian Endres

 

Die 1929 geborene Ursula K. Le Guin gilt völlig zu Recht als die Grand Dame anspruchsvoller phantastischer Unterhaltungsliteratur und hat sowohl in den Bereichen der Fantasy-, als auch in denen der Science-Fiction über die Jahrzehnte hinweg immer wieder herausragende Texte verfasst, die das jeweilige Genre definitiv bereichert haben. Dank der Neuausgabe von »Die Geißel des Himmels« (welches im Original 1972 übrigens einen Locus-Award abgeräumt hat) haben nun vor allem auch solche Leser, die Le Guin bis dahin nur durch Lektüre ihres berühmten »Erdsee«-Zyklus zu schätzen gelernt haben, die Chance, eine andere, nicht weniger inspirierte Seite dieser bemerkenswerten Autorin kennen zu lernen ...

 

Träume haben Macht.

George Orr hat Träume.

Und damit hat er Macht.

Oder?

 

Ganz so einfach ist es mit solchen Gaben natürlich nicht, und das weiß auch George, der seine Träume, welche ihm die zweifelhafte Macht verleihen, die Realität mitsamt der Geschichte dieser Realität zu verändern. Mit Hilfe per Gesetz verbotener, starker Medikamente versucht er irgendwann, diese folgenschweren Träume zu unterdrücken und der ihm durch seine Träume auferlegten Verantwortung zu entfliehen. Hierzu bedient sich George sogar der Medikamentenkarten von Freunden und Verwandten – nach geltendem Recht ein Verbrechen. Eine auf diesen Weg beschaffte und konsumierte Überdosis führt jedoch bald schon dazu, dass George in seinem kleinen Einzimmerappartement einige gefährliche Traumstunden durchmacht. Zwar wird er von einem herbeigerufenen Arzt gerettet, doch meldet ihn dieser auch den Behörden – und so muss George sich in der Folge in psychiatrische Behandlung begeben, wenn er nicht als Irrer in einer Anstalt oder dem Gefängnis enden möchte.

 

Sein behandelnder Arzt ist Dr. Haber, ein ambitionierter, äußerst fähiger Psychiater mit einer kleinen Praxis. Haber ist zudem noch ein herausragender Wissenschaftler und Denker auf dem Gebiet der Schlaf- und Traumforschung, und mit Hilfe eines technischen Verstärkers, Hypnose und bewusster Suggestion möchte er seinem neuen Patienten helfen, die Angst vor dem Träumen zu verlieren. Bald merkt Haber jedoch, dass Georges Träume tatsächlich eine bestimmte Kraft, ja eine ganz und gar außergewöhnliche Macht haben – und scheut sich nicht davor, diese Macht für sich und sein Verständnis einer besseren Welt zu nutzen ...

 

George, der in Dr. Haber trotz allem einen guten, vielleicht etwas übermotivierten Menschen mit edlen Grundgedanken sieht, der augenmerklich nur Gutes tun will, dabei vielleicht aber den falschen Weg eingeschlagen hat und gefährlich an der Schattengrenze zwischen Hell und Dunkel entlang wandert, muss für sich herausfinden, ob – wie in Habers Fall – in allem emsigen Streben nach Gutem nicht auch etwas abgrundtief Böses lauern und sich hinter Forschung und Gutmütigkeit nicht etwas Schlechtes und Amoralisches verstecken kann, während akademische und persönliche Arroganz die Macht der Träume und der Phantasie unterschätzen und in einem Menschen wie George, der sich vor seiner Macht fürchtet, einfach nur ein Werkzeug oder Tier sehen und dabei besagte Macht schamlos ausnutzen.

 

Am Ende ist es aber nicht nur die Liebe, die George in seinem Kampf gegen sich selbst und den ehrgeizigen Doktor hilft, sondern auch ein außerirdisches Volk, das George mit seinen besonderen Fähigkeiten ursprünglich erträumt hat, um mit einer feindlichen Invasion der Menschheit eine fragwürdige Form des Friedens und der Einheit zu bringen, indem er einen gemeinsamen Feind schafft, der plötzlich auf dem Mond über der Erde lauert und die vermeintlich bessere, von Dr. Habers Einflüsterungen bestimmte Welt bedroht ...

 

Ursula K. Le Guin konstruiert das Bild ihrer Zukunft eingangs primär über zu Bürohöllen umfunktionierte Parkhäuser aus der nahen Vergangenheit, auch aus heutiger Sicht – vielleicht mehr denn je – logisch erscheinende Klimaveränderungen und einige geographische Neuschöpfungen auf der Landkarte der Vereinigten Staaten. Mit zarter Hand formt Le Guin somit das Bild einer Zukunft, wie sie 1971 (da der Roman erstmals erschienen ist) wahrscheinlich gar nicht so abwegig erschienen ist und auch heute noch recht greifbar und vor allem auch denkbar und plausibel erscheint. Das Faszinierende ist dabei vor allem die Beiläufigkeit, mit derer die Autorin das Gefühl und die Atmosphäre ihrer persönlichen Vision einfängt, da das Hauptaugenmerk der stilistisch sehr sorgfältig und ansprechend zu Papier gebrachten Story klar auf den George Orr und Dr. Haber bzw. deren Persönlichkeiten und ihrer seltsamen Beziehung, ja ihrem subtilen Kampf um die Freiheit von Traum und Realität liegt. Erst zu einem späteren Zeitpunkt dann, da die Realität oft genug durch Habers Einflussnahme auf George Orr verschoben und verändert worden ist und die Spuren zur einstigen Vergangenheit und dem, was einst als Wirklichkeit galt, größtenteils verwischt sind, packt Le Guin die Raumschiffe, die Außerirdischen und die Atombomben aus – die Dramaturgie und Struktur der Geschichte stimmen also und münden in einem echten, wenn auch recht komplexen Finale.

 

Die gut 200 Seiten starke Klappenbroschur der Edition Phantasia vereint alle bekannten Vorzüge der seit Juli 2004 erschienen Paperback-Reihe, die für mich jährlich so manches Highlight auf den Markt bringt – selbst wenn es sich, wie im vorliegenden Fall, »nur« um die erstmals ungekürzte Neuausgabe eines bereits auf Deutsch erhältlichen Werkes handelt (die erste, gekürzte deutsche Version erschien 1992 bei Heyne). Zu dieser gelungenen Aufmachung gehört natürlich auch ein sehr schönes Cover mit hübscher Gestaltung in Sachen Fläche und Typographie, das viel Interpretationsmöglichkeiten zulässt, wie Le Guins Geschichte ja überhaupt auch aus einer Hand voll Richtungen oder Winkeln betrachtet werden kann und bedeutungsvolle Thesen, Gedanken und Aussagen zwischen den Zeilen versteckt hält, die mit Sicherheit nicht jedem Akademiker, Psychotherapeuten oder Menschen mit allzu großem Vertrauen in Therapien und bewusste, auf den ersten Blick eher harmlos erscheinenden Manipulationen des Geistes schmecken werden. Als einzigen Kritikpunkt sehe ich die ungewohnte Schreibweise »Geissel«, die ich wohl im altmodischen Gewand mit dem ß gelassen hätte (auch wenn ich die Vorteile aus gestalterischer Sicht natürlich durchaus sehen kann und zu Gunsten der schönen Titelgestaltung gerne akzeptiere).

 

Fazit: Nach Beendigung der Lektüre von »Die Geißel des Himmels« freut mich neben der Tatsache, wieder ein echtes Schmuckstück anspruchsvoller Science Fiction konsumiert zu haben und ein wunderbar aufgemachtes Paperback in die bereits stattlich angewachsene EP-Sammlung mit den blauen, grünen, roten und neuerdings auch gelben Buchrücken integrieren zu dürfen, vor allem zweierlei: Zum einen, dass man Seitens des Verlages einen nun doch schon etwas älteren Klassiker von Le Guin wieder ausgegraben und neu veröffentlicht hat, und zum anderen, dass mit »Die Enteigneten« im Herbst dieses Jahres der nächste Klassiker dieser bemerkenswerten Autorin im Paperback-Programm der Edition Phantasia erscheinen und man ihn optisch an die »Die Geissel des Himmels« angepasst haben wird (was unter Umständen sogar die Prognose zulässt, dass das innerhalb der SciFi-Paperback-Reihe möglicherweise nicht die letzten beiden Romane der Autorin gewesen sein mögen, die ihren Weg nach Deutschland finden...).

 

»Die Geißel des Himmels« ist eine feinfühlige und streckenweise recht nachdenklich stimmende Geschichte über akademische, moralische, humane und gesellschaftliche Verantwortung, aber auch über die Bedeutung eines Gefühls für Eigenverantwortung, Macht und wahre Größe, die sich auch in stillen Wassern oder dem »langweiligen Mittelmaß« äußern kann. Ein stiller Klassiker früherer Tage, seiner Zeit eigentlich deutlich voraus und nun erstmals in einer schönen, ungekürzten Ausgabe erhältlich – und damit ideal, um von alten wie neuen Lesern (wieder-)entdeckt zu werden.

 

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Buch

Die Geißel des Himmels

Original: The Lathe of Heaven, 1971

Autorin: Ursula K. Le Guin

Übersetzer: Joachim Körber

Taschenbuch, 224 Seiten

Edition Phantasia, April 2006

 

ISBN-10: 393789716X

ISBN-13: 978-3937897165

 

Erhältlich bei: Amazon

 


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Erstellt: 21.05.2006, zuletzt aktualisiert: 07.05.2023 18:07