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Bestimmung

Autorin: Rei Miyamoto

 

Als Eve erwachsen geworden war, erfuhr sie, dass sie ein Findelkind war und nun zu ihren Eltern zurückkehren sollte. Da war Eve 20 Jahre alt, hatte kurze, blonde Haare und braune, traurige Augen.

 

"So, du bist also Eve." bemerkte die Frau, die ihre Mutter sein sollte, als sie sich gegenüberstanden. Sie war klein, viel kleiner als Eve und wirkte irgendwie verschrumpelt. Ihr schlohweißes Haar war zu einem strengen Knoten nach hinten gebunden und verlieh ihr einen wütenden Gesichtsausdruck, der nicht einmal durch ein Lächeln entschärft werden konnte. Sie schien so alt und gebrechlich zu sein, dass Eve sich fragte, ob sie wirklich von dieser Frau abstammen sollte.

Sie packten ein paar Sachen ein, dann verabschiedete sie sich. Sie folgte der alten Frau in den nahegelegenen Wald.

"Warum gehen wir hierher?" fragte Eve, als die Schatten der Bäume auf ihr Gesicht fielen.

Die alte Frau sah sie an. "Darum." Sie drehte sich vor Eves Augen langsam im Kreis, bis unter ihren Füßen ein helles Licht erschien. Das Licht schoß mit einer explosionsartigen Wucht nach oben. Es hüllte die Frau ein, riß ihr die Kleider vom Leib und schien sie zu strecken. Die Frau wurde größer, sie wurde schlanker, der Haarknoten löste sich und fiel in weichen Wellen um ihre Schultern. Dann erlosch das Licht auf einen Schlag wieder. Vor Eve stand nun eine junge Frau mit zarten Händen und feinen Gliedern. Ihre schlanke Gestalt war von Seide umhüllt. Sie hatte ein fein geschnittenes Gesicht mit mandelförmigen Augen und spitz zulaufenden Ohren. Ihre Haare waren immer noch schlohweiß und fiel in sanften Locken auf ihren Rücken. Jeweils eine Haarsträhne hing vor einem Ohr und kräuselte sich am Ende.

Eve konnte nur staunen.

"Mein Name ist Ashandra. Ich bin eine Elfe." sagte das verwandelte Wesen zu ihr. "Und du bist auch eine Elfe. Wir haben dich im Reich der Menschen versteckt, damit er dich nicht findet." Mit diesen Worten warf sie ein schimmerndes Pulver über Eve. "Das ist Feenstaub. Er gibt dir deine Gestalt zurück."

Eve fühlte sich hochgehoben, als das Licht sie einschloß. Es war, als ob alles von ihr abfiel: alle Sorgen, alle Probleme, alles, was sie in der Welt der Menschen belastet hatte. Als das Licht von ihr abließ, trug sie ein ähnliches Gewand wie Ashandra. Ihre Haare waren unverändert geblieben. Sie fühlte sich sofort wohl in dem schlanken, hohen Körper.

Eve blinzelte. "Wer ist er?"

"Er?" Ashandra sah sie einen Moment verwirrt an. "Du meinst den Dunklen, vor dem wir dich versteckt haben... Eve, es gibt eine alte Legende bei uns. Es heißt, daß eines Tages der Dunkle zu uns kommen wird und dass nur ein Wesen, welches an diesem Tag geboren wird, uns helfen kann. Aber dieses Wesen ist bedroht, denn der Dunkle weiß um seine Existenz." Sie sah sich kurz um. "Und du bist dieses Wesen, Eve. Du wurdest geboren, als sich der Dunkle in unser Leben schlich."

"Aber..."

"Kein Aber, Eve. Wir haben dich ins Reich der Menschen gebracht, weil er dich da nicht finden kann. Das war die einzige Chance, die wir hatten, um dich zu schützen, bis du erwachsen bist." Ein Brummen unterbrach sie. "Das ist er, Eve, er spürt deine Anwesenheit. Hier, ich habe deine Waffe gehütet, all die Jahre über. Nimm sie." Ashandra übergab Eve einen Zweihänder.

"Aber ich habe doch gar keine..."

"Es ist in dir, Eve. Es war all die Jahre in dir. Erwecke es wieder." sagte Ashandra nur und verschwand im Dickicht des Waldes.

Eve starrte ihr entsetzt nach, und dann war das Brummen ganz dicht an ihrem Ohr. Sie spürte den Boden beben.

Und dann stand er vor ihr. Ein hochgewachsener Mann mit schlanken Gliedern, spitzen Ohren und langen, dunklen Haaren. Sein gesamtes Gesicht schien in Schatten getaucht zu sein.

Eve fröstelte. Der Zweihänder wog schwer in ihrer Hand, und sie wünschte sich, sie wüsste, was zu tun sei.

"Eve..." erklang seine tiefe Stimme. Sie war voller Kälte und Haß.

Sie hob das Schwert.

"Du bist also das Wesen, das mich besiegen soll?" Er lachte höhnisch. "Mich, Harkan, den Dunklen? Das ist doch lächerlich!"

Eve fühlte sich wie eine Marionette, wie von unsichtbaren Fäden geleitet, als sie das Schwert fester packte.

"Du kannst mich gar nicht besiegen." sagte Harkan.

"Wieso?" fragte Eve, die neuen Mut geschöpft hatte. Das Schwert schien tief verborgene Talente zu wecken.

"Weil du mich nicht töten kannst, Eve." antwortete Harkan. "Ich bin dein Vater."

Eve wich einige Schritte zurück, als Harkan mit ausgebreiteten Armen auf sie zukam. "Du brauchst vor mir keine Angst haben."

Er war bei ihr.

Eve wich nicht weiter zurück, sie versuchte, in seinen dunklen Augen die Wahrheit zu finden.

Aber sie fand sie nicht.

Er schloß die Arme um sie. Die innige Umarmung dauerte noch nicht lange an, als Eve merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie bekam plötzlich keine Luft mehr, das Atmen fiel ihr immer schwerer.

"Hättest du nur nicht gefragt, warum du es nicht tun kannst, Eve." sagte Harkan.

Eves Augen verloren immer mehr an Schimmer und Glanz. Sie wurden immer stumpfer, bis sie fast erloschen waren. Aber dann zuckte ein kleiner Funke in ihnen. Eve sammelte all ihre Kraft zusammen und stemmte sich gegen die Umarmung des Dunklen. In einer Explosion aus Licht kam sie frei.

Harkan torkelte ein paar Schritt zurück und sah sie überrascht an. "Eve, meine Tochter, was tust du?"

"Du bist nicht mein Vater." sagte sie bestimmt. "Wenn mich die Welt der Menschen etwas gelehrt hat, dann, daß ein Vater liebt und nicht haßt, was sein eigen Fleisch und Blut ist."

"Eve, du bist genauso voller Haß. Merkst du es denn nicht?"

"Red es mir nicht ein." warnte sie Harkan. "Du wirst meinen Zorn nicht wecken. Diesen Gefallen tue ich dir nicht."

Harkan lächelte. Er machte ein paar schnelle Bewegungen und vor ihm standen plötzlich ihre Eltern aus der Welt der Menschen. Sie hielten sich aneinander fest und sahen sich angstvoll um. Ihre menschliche Mutter weinte vor Verzweiflung.

Eve stockte. "Was hast du vor? Halt sie da raus. Es betrifft sie nicht."

"Jetzt schon." knurrte Harkan. Er machte eine weitere schnelle Bewegung. Ihr menschlicher Vater schloß die Augen und fiel auf den Boden. Ihre menschliche Mutter schrie entsetzt auf und kniete sich neben ihren toten Mann.

"EVE!" schrie sie schrill.

Es tat in Eves Herz weh, sie so zu sehen. Das schöne Gesicht war zu einer Grimasse aus Schmerz und Trauer verzogen. Eve lief eine Träne über die Wange.

"Wirst du nicht langsam wütend?" fragte Harkan und lenkte Eve vom Schmerz ihrer menschlichen Mutter ab.

"Nein, du wirst mich nicht wütend machen! Ich werde dich nicht hassen!"

"EVE! Was redest du da?" schrie ihre Mutter wieder. "Er hat deinen Vater getötet! Wie kannst du nur so herzlos sein?"

"Hör auf deine Mutter, Herzchen." mischte sich Harkan ein. "Na los, hass mich schon. Du kannst es."

Er machte eine weitere Bewegung, und ihre Mutter sank mit einem Seufzer neben ihrem Vater zusammen.

Irgendetwas machte in Eve Klick. Von einer Sekunde zur anderen spürte sie, wie sie von dem Gefühl überschüttet wurde, das sie versuchte zurückzuhalten. Der Haß brodelte und wallte in ihr auf. Sie stürzte sich schreiend auf Harkan, der spielend ihren blinden Attacken auswich.

"Ja, Eve, genauso muß es sein."

Eve hielt inne. So vernebelt ihr Verstand in einem Moment war, so klar war er jetzt wieder. Sie ließ das Schwert sinken. Sie kniete sich neben ihre menschlichen Eltern und legte die Arme um sie.

"Was... was tust du denn da?" fragte Harkan verwirrt. Er kam einen Schritt näher.

Eve wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht und schüttelte die Hand in Richtung Harkan aus. Ein paar kleine Tropfen erreichten ihn und hinterließen dampfende Löcher, die rasch größer wurden. Eve nah, ihr Schwert und stellte sich Harkan gegenüber, dessen Kleidung noch immer dampfte.

Harkan wich entsetzt zurück. "Was tust du?" Er löste sich immer mehr auf.

Eve war inzwischen klar geworden, was für ein Wesen sie eigentlich war. Sie war keine richtige Elfe, sie hatte nur deren Gestalt angenommen.

"Du bist der Hass." sagte Eve, während sie auf Harkan zuging. "Und ich bin die Liebe. Und die Liebe kann den Hass besiegen, aber nicht töten."

Harkan löste sich auf. Und während Eve das Schwert sinken ließ, wusste sie, daß er wiederkommen würde.

Denn wo es Liebe gibt, muß es auch Haß geben.

 

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Eure Meinung:

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Hellen
Dienstag, 10. Juli 2012 19:41 Uhr
Die Geschichte gefällt mir von der Idee her sehr gut. Auch der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen. Aber ich denke die Geschichte hat das Potenzial ausgebaut zu werden.

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Erstellt: 26.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58