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Absinth-Geschichten: Im Bann der Grünen Fee von Michael Bammes

Rezension von Ingo Gatzer

 

"Nach dem ersten Glas siehst du die Dinge so, wie du sie gern hättest. Nach dem zweiten Glas siehst du die Dinge so, wie sie nicht sind. Und ganz zum Schluss siehst du die Dinge so, wie sie wirklich sind und das ist die entsetzlichste Sache auf der ganzen Welt."

Oscar Wilde über Absinth

 

Absinth ist eine ganz besondere Spirituose. Geheimnisvolle Geschichten ranken sich um das grünliche, bisweilen "Grüne Fee" genannte Getränk. Es soll nicht nur abhängig machen, sondern auch durch das darin enthaltende Nervengift Thujon Wahnvorstellungen und Halluzinationen erzeugen. Eine Reihe von Künstlern wie Oscar Wilde, Charles Baudelaire oder Vincent van Gogh schätzten die angeblich kreativitätsfördernde Wirkung des Absinths. Zudem umgab es viele Jahre in weiten Teilen Europas die reizvolle Aura des Verbotenen, nachdem das Getränk als Auslöser eines mehrfachen Mordes im Jahre 1905 dargestellt wurde. Das heute frei verkäufliche Absinth ist allerdings - nicht zuletzt wegen des strengen Thujon-Grenzwertes und des reineren Alkohols - kaum noch mit dem damaligen Getränk zu vergleichen.

Michael Bammes, der bisher vor allem lyrische Texte veröffentlicht hat, macht sich die mythenbeladene Geschichte des grünlichen Wermutbranntweins zu Nutze und macht das Getränk zum Verbindungsglied von seinen acht mehr oder weniger phantastischen Kurzgeschichten.

 

Den Anfang bildet "unterwegs", die wohl schwächste Story des ganzen Buches. Hier werden die Erlebnisse eines Vertreters für Absinth episodenhaft dargestellt. Das reicht von der sexy gekleideten, junge Frau, die vor dem Abschluss des Kaufvertrages darauf besteht, den Verkäufer zu vernaschen, bis zum Hundezüchter, der die "Grüne Fee" seinen Tieren zu Gute kommen lässt. Unspektakulär und eher belanglos.

 

Wer sich von diesem schwachen Auftakt nicht abschrecken lässt, wird mit der Geschichte "durch die Nacht" belohnt. Sie handelt von zwei Zechern, die, aus einer Bar kommend, durch eine nächtliche Stadt irren. Dabei werden sie mit immer neuen, scheinbar übernatürlichen Schrecken konfrontiert, wobei aber nicht völlig sicher ist, ob die Männer nicht doch lediglich unter dem Bann der "Grünen Fee" stehen, also zu tief ins mit Absinth gefüllte Glas geschaut haben. Bammes hat mit "durch die Nacht" eine wirklich gelungene, vom Aufbau her klassische, phantastische Geschichte geschaffen. Schon in der Kneipe wird geschickt eine unheimliche Atmosphäre erzeugt, die im Verlauf der Geschichte immer weiter intensiviert wird, wobei dem Element des Fremden und Bedrohlichen eine besondere Bedeutung zukommt. Absolut lesenswert.

 

Ein "kostbares Grün" ist Absinth im gleichnamigen Text für den vampirhaften Jaron. Er erhält das Getränk, das ihm Genuss und Ruhe ermöglicht, von einem Gastwirt und gelobt diesem dafür ihn nie wieder zu behelligen. Aber irgendwann ist jeder Vorrat einmal zu Ende... Nette Erzählung, bei der besonders die Schlusspointe interessant ist.

 

In "abgefüllt" geht es um einen kuriosen Fall von Absinth-Diebstahl. Möglicherweise hat der angesichts dieser Entdeckung verschreckte Absinth-Brenner Jaques aber auch nur eine Kelle zu viel von seinem grünflüssigen Produkt konsumiert. Hier beweist Michael Bammes eindrucksvoll, dass er nicht nur unheimliche, sondern auch witzige Geschichten schreiben kann. Außer- und überirdisch.

 

Die Kurzgeschichte "grüner Sand" handelt von dem Reiseleiter Jean, der Touristen im Jeep durch die Wüste fährt. Während einer Rast gibt er eine angeblich wahre, unheimliche Geschichte zum Besten, in der die Reisenden gewarnt werden, in der Wüste Absinth zu trinken. Jean selbst hält sich aber nicht an dieses Verbot und muss dafür bezahlen. Trotz etwas vorhersehbarer Handlung durchaus lesenswert.

 

"Grünanlage" heißt eine neue Bar, in der sich Melanie als Aushilfe verdingt. Wie nicht anders zu erwarten wird in der ganz in Grüntönen gestalteten Kneipe Absinth ausgeschenkt. Auch Melanie kostet von der "Grünen Fee" und schon bald scheint sich ihre Umgebung in einen Dschungel und die Gäste in Tiere zu verwandeln. Ist das nun Realität oder Folge des Absinthkonsums? Gut gelungen ist Bammes hier die phantastische Verwandlung von Melanies (subjektiver) Welt. Die Softsex-Einlage in der Story wirkt hingehen eher albern und ist in der sonst gelungenen Geschichte ein Fremdobjekt.

 

"Ein bunter Abend" soll es für Chris und Tom werden, die drei Kisten Absinth abgezockt haben und eine Fete schmeißen wollen. Allerdings hat der betrogene Verkäufer mit einem Fluch gedroht, was die beiden Partybegeisterten aber nicht Ernst nehmen. Bald jagt jedoch eine Unglück das andere. Die Geschichte kann gerade gegen Ende mit gut choreographierten, schwarzhumorigem Kettenreaktionen aufwaten: Das reicht von dem als Spannungsprüfer fungierenden DJ bis zur brennenden Giraffe. Ein Highlight des Buches.

 

Mit der Erzählung "Game Over" endet das Werk von Michael Bammes. Zentrum der Handlung bildet ein interaktives Online-Computerspiel, an dem Absinth-Käufer mit ihren Freunden teilnehmen können. Was wie ein herkömmliches Quiz beginnt, entwickelt sich bei einigen Gläsern Absinth bald zu einem bedrohlichen Erlebnis. Leider überzeugt die Geschichte nicht völlig, endet etwas abrupt und wirkt unfertig. Aus dem guten Ansatz wäre mehr rauszuholen gewesen. Nicht schlecht, aber kein Hit.

 

Ungewöhnlich ist Michael Bammes´ Schreibstil. Alle Erzählungen sind in Präsens statt des weithin üblichen Präteritums abgefasst. Das wirkt zunächst etwas fremdartig, erweist sich aber bald als durchaus reizvoll, weil es Unmittelbarkeit und zeitliche Nähe zum Leser suggeriert. Man merkt an einigen Stellen, dass der Autor sich bisher vor allem auf die Lyrik konzentriert hat. Jede Geschichte ist in kurze Abschnitte unterteilt. Die Sätze sind klanglich oft ansprechend, eher kurz und immer wieder bewusst unvollständig gehalten. Das sorgt für ein größeres Tempo. Bammes erzählt seine Geschichten schnell, häufig in einer Art Stakkato-Stil, was manchmal, aber nicht immer angebracht ist. Einigen Texten hätte etwas mehr Umfang und weniger Zeitraffung nicht geschadet. Das Stakkato entfaltet nämlich erst dann völlig seine Wirkung, wenn dazwischen auch häufiger legato gespielt wird. Reizvoll ist, dass in vielen Geschichten die phantastische Unschlüssigkeit bis über das Ende hinaus gewahrt bleibt. D.h. man kann sich nicht sicher sein, ob in der Erzählung wirklich etwas Übernatürliches geschehen ist, oder ob es den Protagonisten, aus deren Perspektive dem Leser das Geschehen präsentiert wird, unter dem Einfluss der "Grünen Fee" nur so scheint.

 

Am stärksten sind die "Absinth-Geschichten" dann, wenn ihr Autor das Phantastische nach einer geeigneten atmosphärischen Vorbereitung in die (subjektive) Realität treten lässt oder mit seinem unbestreitbaren (schwarz-)humorigen Talent glänzt. In diesem Sinne sind besonders die Kurzgeschichten "durch die Nacht", "abgefüllt" und "ein bunter Abend" positiv hervorzuheben. Wenn Michael Bammes diese Gabe kultiviert, könnte man auch mit seinen nächsten Werken noch viel Freude haben. Wer sich noch nicht sicher ist, ob die Erzählungen über die "Grüne Fee" etwas für seinen Gaumen sind, kann unter www.michael-bammes.de einige Auszüge aus dem Buch lesen, leider aber nur zu den Geschichten "unterwegs" und "kostbareres Grün".

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Absinth-Geschichten: Im Bann der Grünen Fee

Autor: Michael Bammes

Taschenbuch, 84 Seiten

Edition 42, 29. März 2007

 

ISBN-10: 3939398497

ISBN-13: 978-3939398493

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.07.2007, zuletzt aktualisiert: 10.08.2018 17:03