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American Gods von Neil Gaiman

The Tenth Anniversary Edition

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Mit seinem 2001 erschienenen Roman American Gods gelang dem Briten Neil Gaiman auch als Prosa-Autor der Durchbruch, nachdem ihm schon die Comic-Welt auf Grund seiner Sandman-Reihe zu Füßen lag.

Die Geschichte von der Schlacht alter (Einwanderungs-)Götter gegen die neuen amerikanischen Götter vereint eine breite Palette mythologischer Gestalten mit typisch us-amerikanischen Elementen.

Gaiman sammelte viele Ideen und Schauplätze während einer USA-Reise und weist auch im Vorwort seiner erweiterten Fassung zum Zehnjährigen Erscheinen, darauf hin, dass etliche Leute und Orte immer noch besuchenswert sind.

Eine vom Autor bevorzugte Fassung muss nicht unbedingt die bessere sein. Immerhin gab es diverse Gründe für den einst editierten Text, aber sie bietet die Gelegenheit, mehr über Vorlieben und Intentionen des Autors zu erfahren.

Nun ist die The Tenth Anniversary Edition mein erster Kontakt mit »American Gods« und so kann ich die Unterschiede nicht bewerten, aber als Leser seines Blogs besitzt eine persönliche Lieblingsfassung eine ähnliche Initimität und gibt der Lektüre eine eigene Note.

 

Der Roman beginnt mit der nahen Freilassung des wegen eines Raubes eingeknasteten Shadows. Drei Jahre saß er ein und nun ist bereits alles für die Zeit danach geregelt. Seine Frau Laura freut sich auf seine Heimkehr und er wird bei seinem Schwager auf der Farm arbeiten können.

Doch dann wird Shadow in das Büro des Direktors gebeten. Er befürchtet schon, seine Freilassung wäre gecancelt worden, doch das Gegenteil ist der Fall. Laura hatte einen tödlichen Autounfall, auch sein Schwager starb dabei und um zur Beisetzung pünktlich zu sein, darf er sogar eher gehen. So steht Shadow recht unvermittelt vor dem Nichts. Außer der Freiheit. Die ihm noch sehr seltsam erscheint. Im Flugzeug nach Hause, oder besser dem Ort an dem er mit Laura lebte, spricht ihn ein eigenartiger alter Typ an. Die Merkwürdigkeiten beginnen, als dieser Mr. Wednesday ihm einen Job als Fahrer und Begleiter anbietet.

 

Nach und nach lernt Shadow eine andere Seite seines Heimatlandes kennen. Alte und neue Götter, der heraufziehende Konflikt zwischen den beiden Mächten und jede Menge Leute am Wegesrand, die alle ihr eigenes Süppchen kochen. Dabei bleibt lange Zeit offen, worum es Gaiman überhaupt geht. Offensichtlich ist der Weg das Ziel. Wir stoßen mit dem Autor zusammen tief in die mythologische Seele der USA vor. In mehreren Zwischenspielen blickt Gaiman weit in die Geschichte zurück. Steinzeitmenschen bringen ihren Mammutschädelgott über die Festlandbrücke mit, Woodoo begleitet eine Sklavin aus Zentralafrika an die amerikanische Küste, eine britische Dienstmagd und Diebin kommt mit ihrem heidnischen Aberglauben – und stets wandelt sich der Mythos, der Glauben, die Legenden.

Gaimans Manifestationen der diversen Gottheiten sind meist gar nicht göttlich, vielmehr stellt er sie auf eine Stufe mit den menschlichen Einwanderern. Gerade die alten Götter leben und hausen in der Handlungsgegenwart eher am äußeren Rand der Gesellschaft. Wie eigentlich das gesamte Bild der von Gaiman beschriebenen USA vor 9/11 eher abgerissen wirkt.

 

Vielleicht musste er diesen Eindruck erwecken, um das kleine Städtchen Lakeside als umso idyllischer zu präsentieren. Dort scheinen die Menschen ihr Auskommen zu haben, es gibt eine nette Nachbarschaft und gemeinsame Aktivitäten. Shadow kann sich hier nicht nur verstecken sondern auch wohlfühlen.

 

Doch echte Idylle gibt es in »American Gods« nicht an den offensichtlichen Stellen. Spät erst im Verlaufe des Romans, quasi mit der Entwicklung der Hauptfigur, gesellt sich eine dritte Kraft hinzu. Gaiman nutzt dabei das verbindende Element aller US-AmerikanerInnen und hat damit wahrscheinlich sehr genau und tief in die wahre Psyche des Landes geblickt. Mit diesem Verständnis gelingt ihm auch eine glaubwürdige Auflösung der Konflikte.

 

Zentrales Element dabei ist Shadow. Der wortkarge und dennoch geradlinige Kerl wird uns aus einer gewissen Distanz erzählt, ähnlich der Comic-Figur Sandman. Nur selten gibt es Einblicke in seine Gedanken. Viel öfter sagen seine Handlungen und die wenigen kurzen Dialoganteile etwas über seine Gefühlswelt aus. Er bleibt stets auf seinem eigenen Weg, wie sehr er auch für ihn vorbereitet wurde. Gaiman lässt seine Figur immer ein bisschen offen. Verrät nie zu viel darüber, was Shadow weiß oder versteht. Diese Rätselhaftigkeit verbindet Leser und die anderen Figuren. Götter wie Menschen stehen staunend vor dieser schwer einzuschätzenden Person.

 

Natürlich ist sehr bald klar, dass Shadow nicht nur Fahrer und Begleiter Odins ist. Seine Schlüsselrolle wird immer offensichtlicher, doch hat sich Gaiman einiges ausgedacht, um die Geschichte verquickter zu machen, als es den ersten Anschein hat.

 

Neben der klaren und zumeist einfachen Sprache sind es diese unerwarteten Wendungen, die den Reiz der Handlung ausmachen. Ich hatte nicht den Eindruck einer aufgeblasenen Story. Viel mehr ist der ruhige und getragene Ton extrem spannungsfördernd. Jede Szene, jeder Aufenthalt besitz durch den Verzicht auf Hektik umso mehr Bedeutung. Immer wieder gelingen Gaiman dabei epische Momente, die beim Lesen nachhallen.

 

Vom schwebenden Sound der Phantastik her ähnelt »American Gods« stark Matt Ruffs Fool on the Hill. Beide Bücher können berühren, wenn man sich auf Melodie einlässt.

 

Der Anhang mit Interview, Jesuskapitel und Forenbeiträgen runden die Edition gelungen ab.

 

Fazit

»American Gods« ist ein gewichtiges Buch im Werk Gaimans. Es enthält alles Bekannte: dunkle Phantastik, Menschlichkeit, klare Sprache und griffige Figuren und darüber hinaus noch eine wunderbare Erforschung der USA, die mit Leichtigkeit Brücken schlägt. Zwischen Kontinenten und Zeiten.

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Eure Meinung:

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Buch:

American Gods

The Tenth Anniversary Edition

Autor: Neil Gaiman

Taschenbuch, 541 Seiten

William Morrow Paperbacks, 5. Februar 2013

Sprache: Englisch

Cover: Houston Trueblood

 

ISBN-10: 9780062080233

ISBN-13: 978-0062080233

ASIN: 0062080237

 

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 13.01.2014, zuletzt aktualisiert: 07.03.2019 12:48