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Antonia und Sarah von Renate Möhrmann

Rezension von Christel Scheja

 

Zu den schillernsten Figuren des 19. Jahrhunderts gehört wohl die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt, die durch ihr Auftreten bereits einer strahlende Diva war, obwohl es den Begriff damals noch nicht einmal gab. Unzählige Männer lagen der Frau, die aus einfachen Verhältnisse stammte und sich durch pures Talent hoch gearbeitet hat, zu Füßen.

 

Aber war sie wirklich glücklich? Genau das versucht die auf Biographien spezialisierte und deutschstämmige Schriftstellerin Antonia zu ergründen. Dabei hat sie selbst massive seelische Probleme, denn ihr derzeitiger Lebensgefährte Jean-Luc verlässt nach einem kurzen Streit die Wohnung und kehrt nicht mehr zurück.

Für die sensible junge Frau bricht eine Welt zusammen, denn das ist nicht die erste Beziehung, die in die Brüche geht. Sie hat bereits zwei gescheiterte Ehen hinter sich. Wird sie jemals dazu fähig sein, sich zu binden?

Selbst Gabriele ihre Schwester, die eilig aus Köln anreist, kann ihr dabei nicht so wirklich helfen. Zwar hat sie sich bisher immer schützend vor Antonia gestellt, wenn irgendwelche Schwierigkeiten im Leben auftraten, aber das scheint jetzt nicht mehr möglich zu sein.

Und so bleibt der Schriftstellerin nichts anderes übrig, als selbst etwas zu unternehmen. Auch wenn sie an einer massiven Schreibblockade leidet, recherchiert sie weiter mit Léon, einem engen, brüderlichen Freund, im Leben der Sara Bernhardt, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter nicht gerade sehr angenehmen Umständen geboren wurde und aufgewachsen ist. Schon mit vier Jahren bewies die Tochter einer Lebedame schauspielerisches Talent und auch strenge Erziehung konnte sie nicht davon abhalten, ihren Traum wahr werden zu lassen. Und es gab nur wenige Menschen, die ihr wirklich etwas bedeuteten - eine jüngere Schwester und ihr Sohn gehörten dazu. Anders als viele andere Schauspielerinnen ihrer Zeit zog sie sich nicht mit vierzig oder fünfzig Jahren ins Privatleben zurück, sondern stand bis ins hohe Alter auf der Bühne. Selbst ihr Dahinscheiden war ein wohl geplanter Akt.

Je mehr sie die Persönlichkeit der Diva ergründet, desto größer ist der Trost, den ihr die Arbeit schenkt. Antonia streift auf der Suche nach Jean-Luc durch Paris und bereits auch andere Orte, was sie aber am Ende findet ist eine Wahrheit und Gefühle, denen sie bisher nur viel zu wenig Beachtung geschenkt hat.

 

Renate Möhrmann schreibt keine glatte, lineare Biographie, in der die Erfolge Sarah Bernhardts im Vordergrund stehen. Sie interessiert eher die Frau hinter der Diva? Was hat sie von Kindheit an geprägt? Welche Erlebnisse Spuren in ihr hinterlassen? Und warum hat sie bis ins hohe Alter nicht vom Rampenlicht der Bühne lassen können? Was war ihr im Leben wichtig, und warum?

Das alles verknüpft sie mit dem Schicksal ihrer Heldin Antonia, die nach einer erneuten Enttäuschung in ein gefühlsmäßiges Chaos stürzt und erst einmal nicht damit fertig wird. Wer selbst sensibel ist wird die Ängste und Verzweiflung, die Selbstvorwürfe und Depressionen wieder erkennen.

Aber so werden auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Frauen deutlich. Sarah Bernhardt inspiriert durch ihr Beispiel Antonia nach und nach selbst etwas zu unternehmen und sich auch anderen Wahrnehmungen zu öffnen, die Biographin lernt durch die von Gefühlen geprägte Recherche auch andere Seiten der selbstbewussten Diva kennen und zeichnet ein ungewöhnlich differenziertes Bild von ihr. Der Blick auf ein bereits abgeschlossenes Leben hilft Antonia am Ende einen weiteren Schritt zu wagen und endlich ihre Unsicherheit beiseite zu schieben. Sie macht nach und nach eine Entwicklung zum Besseren durch und lernt sich so, sich aus ihren Zwängen und Gewohnheiten der Vergangenheit zu lösen. Und indem sie einen Neubeginn wagt, erkennt sie die wahre Quelle ihres Glücks.

Das alles ist in einem sehr flüssigen Stil geschrieben, aber nicht unbedingt immer leicht zu verstehen. Zwar der Roman in eher leisen Tönen und diffusen Bildern, die Umgebung der beiden Hauptfiguren bleibt eher blass und unausgereift, aber es verlangt gerade durch das zwanglose Ineinanderfließen der Zeitebenen und Schicksale auch sehr viel Aufmerksamkeit, um die kleinen Veränderungen und Entwicklungen wahr zu nehmen, die sich durch die Geschichte ziehen.

 

“Antonia und Sarah” ist dadurch nicht unbedingt eine Lektüre für zwischendurch, sondern verlangt eine ruhige Atmosphäre und genügend innere Muße, um den stillen Zauber der Geschichte auch richtig wirken zu lassen. Man muss ihm sehr viel Aufmerksamkeit zugestehen, wird dadurch aber auch reich belohnt.

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Antonia und Sarah

Autorin : Renate Möhrmann

Schenk-Verlag, 2007

gebunden, 312 Seiten

Titelgestaltung von Zsuzsa Navratil

 

ISBN-13: 978-3-939337-40-9

ISBN-10:3939337404

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 20.07.2008, zuletzt aktualisiert: 10.08.2018 17:18