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Blumen für Algernon von Daniel Keyes

Rezension von Christian Endres

 

Ursprünglich war Daniel Keyes’ »Blumen für Algernon« eine mit dem Hugo-Award prämierte Kurzgeschichte, die später vom Autor zu einem Nebula-Award-prämierten Roman von annähernd 300 Seiten umgearbeitet und mitunter recht populär verfilmt (und dort wiederum mit einem Oscar für den besten Hauptdarsteller ausgezeichnet) wurde. Hinter der nun bei Klett Cotta im edlen Hardcover neu aufgelegten und nach einer Maus benannten Geschichte verbirgt sich ein über die gesamte Länge des Werks intelligentes, manchmal aber auch schonungslos bloßstellend geschriebenes Buch über den Werdegang eines Menschen, für den die erlangte Intelligenz Fluch und Segen zugleich sein sollte ...

 

Charlie Gordons Intellekt ist der eines kleinen Kindes, und entsprechend nimmt er seine Umwelt wahr oder wird von ihr wahr genommen. Diese Sicht der Dinge ändert sich quasi über Nacht, als Charlie an einem Experiment teilnimmt, das seinen IQ drastisch erhöhen soll. Plötzlich ist Charlie nämlich nicht mehr nur der geistig zurückgebliebene, in vielerlei Hinsicht äußerst tollpatschige, gutgläubige und offenherzige Bäckerei-Laufbursche mit dem dümmlichen Lächeln, sondern mit einem Mal ein unbeschreibliches Genie mit einem enorm hohen IQ – womit er jedoch nicht zwingend besser fährt als zuvor, denn einige der Sachverhalte, die er nun in einem neuen, völlig anderen Licht sieht, erschüttern ihn und sein Verständnis für das menschliche Sein zu tiefst, ganz zu schweigen davon, dass es ihm ungemein schwer fällt, auch als Persönlichkeit mit seinem Geist Schritt zu halten und zu wachsen. Und als hätte Charlie mit der Menge an gewonnenem Wissen nicht schon genug Probleme und Sorgen, verliert er dadurch auch noch den Glauben an die Menschheit und – fast noch schlimmer – die Menschlichkeit. In dieser Stunde der Not kommt dann auch noch hinzu, dass es Algernon – jener kleinen, tapferen Maus, an der man die Behandlungsmethode, mit welcher man Charlies Intellekt später erhöht hat, zu erst scheinbar erfolgreich getestet hat – von Tag zu Tag schlechter geht und sich erste gravierende Nebenwirkungen zeigen. Nun liegt es an Charlie und dessen Super-Intellekt, die Forschungen auf diesem neuartigen Studiengebiet voran zu treiben, und wenigstens Gewissheit über sein Schicksal zu erlangen...

 

Eindrucksvollstes Stilmittel Seitens Keyes ist mit Sicherheit die gelungene Veranschaulichung von Charlies geistiger und persönlicher Entwicklung anhand der Schreibweise seines Protagonisten – Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion sind gerade auf den ersten (und den letzten) Seiten ein geschickt angewandtes Mittel der Veranschaulichung, und was eingangs hie und da noch ein wenig befremdend und schleppend wirkt, entwickelt sich schnell zu einem genialen Schachzug des Autors. Überhaupt ist die Perspektive die große Stärke von »Blumen für Algernon«, hier vor allem natürlich die Direktheit, die Ungeschminktheit und quasi die Unmittelbarkeit der Geschichte, die Charlie für uns in Form von Forschungsberichten aufschreibt und dabei auch Träume und Geschehnisse aus seiner Vergangenheit und damit der traurigen und niederschlagenden Welt des »jungen Charlie« festhält, so dass wir unter anderem auch mehr über Charlies Kindheit und seine Familie erfahren. Letztere Eindrücke gehören übrigen zu den beklemmensten des gesamten Buches, dicht gefolgt von denen, die in späteren Jahren spielen, den Kreis zu eben dieser Kindheit aber leider wieder in gewisser Weise schließen...

 

Ebenfalls sehr interessant ist der (zu Beginn zugegebenermaßen etwas irreführende) Titel von »Blumen für Algernon« (»Flowers for Algernon«), der zwar sehr schön klingt, zunächst aber wenig Sinn zu machen scheint. Doch keine Sorge: Die letzte Seite des Buches wird einen ebenso tiefsinnigen wie rührenden Aufschluss bezüglich dieses Titels bringen und unterstreicht damit mit dem letzten leise verklingenden Akkord des Buches noch einmal die Finesse und Geschicklichkeit von Keyes.

 

Die Aufmachung des 300 Seiten starken Hardcovers besticht einmal mehr durch eine saubere Verarbeitung und ein wunderschönes Covermotiv auf dem Schutzumschlag. So und nicht anders müssen sammelwürdige Bücher aussehen, damit sie auch außerhalb des ihnen »zugewiesenen« Genres ihre Abnehmer finden. Und kein Buch hat dies mehr verdient, als Daniel Keyes’ »Blumen für Algernon«.

 

Fazit: »Blumen für Algernon« erfüllt all meine Erwartungen und ist darüber hinaus ein packendes, ergreifendes und sensibles, aber auch beklemmendes, erschütterndes und manchmal sogar zu tiefst trauriges und rührendes Werk, das man so schnell nicht wieder vergisst, und das einen auch über die eigentliche Lektüre hinaus zu prägen versteht – was das Leseverhalten angeht, aber mit Sicherheit auch ein klein wenig den eigenen Charakter und mitunter auch die persönliche Sichtweise mancher Dinge im Alltag oder im Umgang mit Menschen im Besonderen. Mehr kann, will und darf man von einem Buch nicht verlangen.

 

Daniel Keyes hat mit diesem Roman ein Meisterwerk geschaffen, das auf keinen fall in der gerne belächelten »Science Fiction« -oder »Phantastik«-Ecke vor sich hin dümpeln und dort ferner vielleicht schlimmstenfalls sogar »vergammeln« darf. Nein, dieses Werk muss in die Welt hinausgetragen und verbreitet und damit entsprechend gewürdigt werden – als moderner, nachdenklich stimmender Klassiker der Unterhaltungsliteratur, der hier in einer tollen Ausgabe vorliegt.

 

Ich empfinde tiefen Respekt vor Keyes und seinem »Blumen für Algernon«, bin gleichzeitig aber auch unendlich dankbar dafür, dieses Buch gelesen haben zu dürfen.

 

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Buch:

Blumen für Algernon

Autor: Daniel Keyes

Gebundene Ausgabe, 298 Seiten

Klett-Cotta, Februar 2006

 

ISBN: 360893782X

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.03.2006, zuletzt aktualisiert: 01.02.2019 09:27