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Carneval von Craig Russel

Rezension von Christine Schlicht

 

Köln in der Karnevalszeit – eine Stadt im Ausnahmezustand. Oberkommissar Benni Scholz von der Kripo Köln hat neben der Gestaltung des Motivwagens der Polizei noch ein anderes Problem, das er dringend vor den tollen Tagen lösen will. In den letzten beiden Jahren, jeweils zur Weiberfastnacht, wurde eine Frau erdrosselt und um ziemlich genau ein Pfund Fleisch aus ihrem Gesäß erleichtert. Scholz kann sich nicht vorstellen, dass der Mörder in diesem Jahr nicht aktiv werden will und ersucht um Hilfe von einem Fachmann für Serienmörder: Hauptkommissar Jan Fabel von der Hamburger Kripo.

 

Doch Jan Fabel will mit alle dem nichts mehr zu tun haben. Er hat gekündigt und reißt nur noch seine letzten Wochen Arbeitszeit ab. Auch ein verführerisches Angebot des BKA lehnt er ab. Er hat genug und will für einen Freund arbeiten, der ihm einen seriösen, gut bezahlten Job angeboten hat. Vor allem will seine Freundin Susanne, die Polizeipsychologin, dass er endlich aufhört. Und Jan will es eigentlich auch, aber alle anderen machen ihm den Abschied schwer. Und die Akte aus Köln ist doch sehr reizvoll.

 

Als er dann erfährt, dass seine ehemalige rechte Hand Maria Klee zu einem privaten Rachefeldzug nach Köln aufgebrochen ist, weil sie erfuhr, dass ihr Erzfeind, der Ukrainer Wassil Witrenko auch dort ist und sein Unwesen treibt, bricht auch Fabel nach Köln auf, um Scholz mit seinem Serienmörder unter die Arme zu greifen. Alldieweil macht sich auch in der Ukraine ein Team Spezialisten auf, um nach Deutschland zu reisen, wo sie Witrenko ein für alle Mal zu vernichten hoffen. Doch die Reise endet schon in der Jagdhütte, in der sie sich treffen, denn in der Gruppe gibt es einen Verräter.

 

Maria kommt mit ihren Ermittlungen Witrenko näher, als ihr lieb sein kann, denn der wartet nur auf sie, um sie als Druckmittel für Fabel zu verwenden. Mit einem neuen Gesicht gelingt es ihm, sie zu täuschen und gefangen zu nehmen. Doch Maria kann sich der Folter besser wiedersetzen als er annimmt.

 

Auch Fabel und Scholz kommen in ihrem Fall weiter. Die Spuren weisen auf einen Kannibalen hin und auf einen länger zurückliegenden Vergewaltigungsfall, den Scholz‘ deutschtürkische Kollegin Tansu fand. Er wirkt wie ein Vorspiel zu den anderen Todesfällen. Doch als sie über eine Kontaktanzeige auf einer Kannibalen-homepage tatsächlich an den Vergewaltiger von damals kommen, müssen sie frustriert feststellen, dass auch in Kreisen, in denen man es am wenigsten vermutet, abartige Begierden gibt – und manche Verbrechen aus Opfern Täter machen...

 

 

Der Wahnsinn ergreift im Karneval nicht nur von den ganz normalen Leuten kurzzeitig Besitz, im wilden Treiben lässt sich auch vieles verbergen. Für ein den Tollen Tagen abgeneigtes Nordlicht wie Jan Fabel muss das Köln der Karnevalszeit einen ähnlichen Kulturschock darstellen wie für einen normalsterblichen Europäer die Welt der Pygmäen. Und dann soll er auch noch unter all den Kostümierten und veränderten Menschen den einen heraus finden, der zwei Morde beging?

 

Aber eigentlich ist der Karneval mehr ein furioser Hintergrund für den Rachefeldzug der Maria Klee und den Kampf gegen die Geister ihrer Vergangenheit. Und darin liegt das Manko dieses Romans: Um wirklich darin aufgehen zu können und alle Hintergründe und Feinheiten zu verstehen, sollte man die drei Vorgänger-Romane um Jan Fabel kennen. Besonders „Blutadler“, den ersten Roman, damit man Marias psychischen Zustand versteht, der durchaus folgerichtig ist, wenn man weiß, woher er kommt. Kennt man diese Vorgeschichte nicht, wirkt Maria allzu abgedreht und unglaubwürdig. Auch „Brandmal“, den dritten Roman sollte man kennen, damit man die Entwicklung zu der Maria in Köln wirklich nachvollziehen kann. Es wird zwar vieles erklärt, aber eben nicht alles.

 

„Wolfsfährte“, der zweite Fabel-Roman kann allein für sich stehen, „Carneval“ nicht. Aber für jemanden, der die drei Vorgänger kennt, für den wird dieser vierte Fall des Leitenden Hauptkommissars zu dem, was man neudeutsch so schön als „pageturner“ bezeichnet. Man kommt nicht von dem Buch weg, bis man es durchgelesen hat, denn bis zum Schluss gibt es Wendungen – in beiden Fällen. In Marias Fall genauso wie im Fall des Serienmörders. Man wird in atemloser Hast durch die aufgeheizte Stimmung der Stadt gezogen bis zur letzten Seite. Karneval literarisch.

 

Und vermutlich – hoffentlich – werden wir mit weiteren Fällen nicht verschont bleiben. Soviel sei verraten – Fabel kehrt der Polizei nicht den Rücken. Wer sich auch ohne Kenntnis der ersten drei Bände durch dieses Buch ans Sofa fesseln lässt, dem sei empfohlen, die Durststrecke bis zum nächsten Fabel-Thriller mit den alten Fällen zu überbrücken.

 

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Carneval

Autor: Craig Russel

Gebundene Ausgabe: 432 Seiten

Verlag: Ehrenwirth; Auflage: 1., Aufl. (2009)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3431037704

ISBN-13: 978-3431037708

Übersetzung: Bernd Rullkötter

Titelbild: Rolf Hörner

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 25.02.2009, zuletzt aktualisiert: 02.08.2019 10:23