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Das Buch des Wassers von Hub

Reihe: Okko Band 1

Rezension von Christian Endres

 

Mit der französischen Albenproduktion Okko stoßen wir in die etwas raueren, härteren Gefilde der Fantasy vor, wo Star-Designer Humbert Chabuel alias Hub vor der leicht abgewandelten Kulisse eines mittelalterlichen Japans Dämonen, Geister, Samurais, Katanas und auch einiges an Blut und nackter Haut sprechen lässt. Ehe wir diesen Vorstoß wagen und uns ausführlich mit dem ersten Zyklus der vielgelobten Serie aus Frankreich beschäftigen, zur Einstimmung vielleicht erst einmal geschwind noch ein paar Worte zu Hub, dem Schöpfer von Okko:

 

Die Comic-Karriere des 1969 in Anncey geborenen Hub - bürgerlich Humbert Chabuel – begann 1989 relativ klassisch an einer Zeichenschule im französischen Lyon, die er bis Anfang der 90er besuchte. Nach seiner Zeit dort wirkte er u. a. am Design von Luc Bessons Science-Fiction-Blockbuster Das fünfte Element mit. Im Anschluss und nach einigen Arbeiten beim Trickfilm sowie in der Videospiel-Branche zeichnete er seine ersten beiden Comic-Alben, wonach es ihn allerdings wieder in Richtung Film-Design, Werbung und Spiele-Entwicklung zog – bis er 2005 schließlich mit dem ersten Band der auf zehn Alben angelegten Reihe Okko das französische Publikum sowohl als Szenerist, als auch als Zeichner begeisterte und seine Leser fortan (leider nur alle ein bis zwei Jahre) mit einem neuen Album in ein feudal-mittelalterliches Japan entführt, das von Magie, Dämonen und Geistern durchsetzt ist. Im November 2006 fand die Reihe nun auch ihren Weg nach Deutschland (Carlsen), und nur einen Monat später startete der erste Zyklus Le Cycle de L’eau / Das Buch des Wassers / The Cycle of the Water auch in den USA (ASP).

 

Und damit nicht nur der Autor, sondern auch das betreffende Werk gebührend vorgestellt und eingeleitet wird, hier noch geschwind der Teaser-Text frisch vom Backcover des ersten deutschen Bandes:

 

»Wir schreiben das Jahr 1108 nach der offiziellen Zeitrechnung des Kaiserreichs Pajan. In dieser unruhigen Epoche, der Asagiri-Ära, ringen die großen Clans in blutigen Kämpfen um die Macht. Fern der Kriegsschauplätze führt Okko, ein Ronin ohne Herr, eine kleine Gruppe von Dämonenjägern durch die entlegenen Winkel des Reiches. Er wird begleitet von Noburo, einem Hünen, der seine Identität hinter einer Maske verbirgt, und von dem Mönch Noshin, der nicht nur oft und gern dem Sake zuspricht, sondern auch die Kräfte der Natur heraufzubeschwören weiß. Tikku, ein junger Fischer, wendet sich an Okko mit der Bitte, seine Schwester »Kleiner Karpfen« wiederzufinden, die von einer Horde Piraten entführt worden ist. Dieser Auftrag wird die vier Abenteurer viel weiter führen, als sie es sich jemals hätten ausmalen können...Dieser Band umfasst die ersten beiden Bände der Originalausgabe, die zusammen den ersten Zyklus bilden. Die Serie umfasst fünf Zyklen, die jeweils in einem Doppelband als abgeschlossene Episode erscheinen werden.«

 

Das Leben des jungen Tikku verändert sich »in der Dauer des Flügelschlags eines Schmetterlings«, als Piraten einen schwimmenden Handelsposten überfallen und Tikkus ältere Schwester Kleiner Karpfen entführen. Dabei wird auch Noburo, ein maskierter, scheinbar unverwundbarer Riese mit beachtlichen Kräften, der die Nacht mit der wunderschönen Geisha hatte verbringen wollen, angegriffen und muss einen herben Schlag für sein Ego einstecken, da ihn die Piraten kurzerhand mit Pfeilen spicken und auf dem Grund des Flusses versenken. Als Noburos Gefährte Okko, der berüchtigte Ronin und Dämonenjäger, zu den schwelenden Überresten des überfallenen Handelsposten zurückkehrt, um neben Noburo auch den Sake-Mönch Noshin aus seiner bewährten Jagdtruppe aufzulesen, entschließt er sich, Tikku seine Dienste für zehn Tage zu verkaufen, um dem Jungen dabei zu helfen, seine Schwester wiederzufinden – wofür Tikku dem herrenlosen Samurai für den Rest seines Lebens Treue schwören muss.

 

Dem magisch begabten Mönch Noshin gelingt es, die Gunst eines seiner Wasserkami zu erlangen, der den Gefährten mit einer kleinen magischen Gefälligkeit – und für ein geringes, alkoholisches Entgelt – den Weg zu Kleiner Karpfen weist. Dieser »Weg« führt das Quartett dabei nach Tagakka Uchi, dem Hafen der Hundert Moränen – ein übles, schwimmendes Pflaster voller Piraten, Söldner, Ronins und Halunken. Ein Besuch in einem noblen Kasino endet beinahe fatal, als Okko und Narubo einer grässlichen Schandtat in den Eingeweiden der schwimmenden Vergnügungs-Feste auf die Schliche kommen; einer Schandtat, deren Entdeckung nicht nur Ärger für die beiden Samurai, sondern die ebenfalls nichts Gutes für das Schicksal von Kleiner Karpfen bedeutet ...

 

Nach wie vor auf der Spur von Tikkus Schwester, erleiden unsere vier Abenteurer unerwartet Schiffbruch auf einer seltsamen Insel. Als sie stumme Zeugen einer barbarischen Treibjagd auf einen Riesen werden, nutzen Okko und seine Gefährten die Gunst der Stunde und folgen den erfolgreichen Häschern des Wesens in aller Heimlichkeit durch den Wald – und lassen sich von ihnen geradewegs zu einem gigantischen schwebenden Schloss führen, in dem sie mehr über das Schicksal von Kleiner Karpfen zu erfahren hoffen ...

 

Im Schloss, wo Okko und seine kleine Truppe die seltsamen Herren der Insel treffen und sich zwischen den alten Mauern ein klassisches höfisches Verwirr- und Intrigenspiel entfaltet, führen die Fäden dann schließlich alle in einem großen Finale zusammen. Doch auch wer den Weg unmittelbar vor sich sieht, erreicht dadurch nicht automatisch sein Ziel, und so hängt bis zum Schluss, trotz aller Enthüllungen und vermeintlicher Siege, das Schicksal von Tikkus hübscher Schwester und ihrem Vermächtnis im wahrsten Sinne des Wortes in der Schwebe ...

 

Wie der Titel des ersten Zyklus nicht anderes erwarten lässt, geht es schon gleich zu Beginn des Bandes heiß her auf und im nassen Element: Schiffe, Wassergeister- und Dämonen, Piraten, schwimmende Handelsposten, wackelige Tempelkonstrukte und Pfahldörfer mitten auf hoher See, riesige Hafenstädte, geheimnisvolle Inseln mit schwebenden Schlössern – der Hintergrund von Hubs Geschichte in seinem Phantasiereich Pajan, das natürlich nicht nur vom Namen her an dem uns bekannten Nippon angelehnt ist, präsentiert sich als ansprechende Symbiose zwischen dem derzeit so beliebten Piraten-Flair und dem mittelalterlichen Japan zur Zeit der Samurais, garniert mit einem Klecks Dark Fantasy und am Ende sogar einer blutigen Note düstren Horrors.

 

Was mir zu besagtem Ende hin stellenweise allerdings nicht immer hundertprozentig gefallen hat, war die Hektik, die um das große Finale herum aufkommt, und der unausweichliche, permanente Drift in Richtung Horror. Der Cliffhanger zum Schluss macht dieses leichte Unbehagen allerdings wieder doppelt und dreifach wett, und die Gier nach der Fortsetzung ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass Hub auch hier trotz allem nicht viel falsch gemacht hat.

 

Neben der dichten, temporeichen Story und dem clever inszenierten Setting ist das Artwork natürlich der große Pluspunkt dieses Comics. Hubs Zeichnungen überzeugen von der ersten bis zur letzten Seite – auch, vielleicht aber auch gerade weil sie ihre Wurzeln zum Trick- und Animationsfilm, dem Film- und Spiele-Design und der Werbung niemals ganz verleugnen, ja manchmal sogar ganz bewusst akzentuieren. Figuren und Mimik, Hintergründe und Perspektiven, Dinge des pseudohistorischen Kontext, Dynamik oder Ruhe, Kampf und Gewalt, Mystik und Magie, Erotik oder Splatter – ganz egal, Hub gelingt im Grunde einfach alles. Dabei überzeugt sein Stil durch einen sehr sauberen, klaren Strich, großartige Perspektiven und stimmungsvolle, liebevoll ausgestaltete Hintergründe.

 

Und auch der Seitenaufteilung merkt man Chabuels Verbindung zum vielfältigen Design der Werbe- oder Film-Industrie immer wieder an – stets dynamisch und das großzügige Albenformat voll ausnutzend, mal abgeklärt und konservativ-aufgeräumt, ja nahezu klassisch, mal aber eben auch modern und innovativ, spielt er mit der Verteilung der einzelnen Panels und ordnet sie mit großem Geschick und viel Raffinesse auf den Albenseiten an, wobei auch Überlappungen und Überschneidungen keine Seltenheit sind. Großflächige Einstellungen, variierende Panelgrößen, spannungsvolle Anordnungen und das daraus resultierende, abwechslungsreiche Gestaltungsraster sorgen derweil für eine ganz eigene Wirkung und verleihen manchen Szenen darüber hinaus einen nahezu cineastischen Anstrich.

 

Die gelungene, ebenfalls sehr atmosphärische Farbgebung von Hub und Stephané Palayo sowie das schöne Lettering tun dann ihr Übriges dazu, um dem optischen Eindruck von Okko beste Haltungsnoten zu bescheren und den Comic deutlich aus der Masse an monatlichen Neuerscheinungen herausstechen zu lassen. Einzig beim Cover hat man kein so glückliches Händchen bewiesen.

 

Womit wir überhaupt beim Thema wären. Überzeugt die Optik des Albums nämlich auch noch so sehr – in der Aufmachung reicht es leider nicht zur Höchstnote. Und das nicht nur wegen des etwas dunklen, nichtssagenden Covers ...

 

Zwar sind die Verarbeitung, der Druck und die Papierqualität des Softcovers von Carlsen ohne Frage vollkommen in Ordnung – ich muss aber ganz freimütig gestehen, dass ich ziemlich enttäuscht und frustriert gewesen bin, für fast 20,- Euro kein schmuckes Hardcover geboten zu bekommen und mit einem zwar wirklich üppigen (im geschlossenen Zustand immerhin 22 x 29 cm!) und nett aufgemachten, letztlich aber eben auch etwas lapprigen Softcover-Album Vorlieb nehmen zu müssen. Schade, dass der Verlag dem kalkulatorischen Risiko, das man heutzutage mit der Veröffentlichung neuer frankobelgischer Serien hierzulande eingeht, auf diese Weise Rechnung tragen muss.

 

Interessant ist an dieser Stelle vielleicht noch, wie die unterschiedlichen Länder und Comic-Kulturen (oder -Märkte, um es etwas kapitalistischer auszudrücken) Hubs Serie verarbeiten und dem geneigten Leser präsentieren: Während das französische Original pro Zyklus aus zwei klassischen Alben á 48 Seiten besteht, fasst der Carlsen Verlag hierzulande jeweils einen Zyklus zu einem Band von 96 Seiten zusammen, während es in den USA wiederum pro Zyklus vier Hefte á 32 Seiten sind. So liegen wir mit den Carlsen-»Doppelbänden« irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, haben den Staaten mit deren kleinerem Format aber einiges in Sachen Lesegenuss voraus und können im Gegensatz zu den Franzosen die fünf einzelnen Zyklen immerhin jeweils ohne Wartezeiten und Unterbrechung als Ganzes genießen.

 

Fazit: Ein abgebrühter Ronin und Dämonenjäger? Kampfmarionetten und Elementargeister? Sexy Geishas und skrupellose Piraten? Trinkfeste Mönche und geheimnisvolle Maskierte? Vampire und dann auch noch Action ohne Ende? Rats! Das ist der Stoff, aus dem gute Fantasy-Unterhaltung gemacht ist!

 

Dazu eine knackige Story, ein tolles, facettenreiches Ambiente zwischen Historie und Fantasy, interessante Figuren und ein überragendes Artwork – damit schafft es »Okko: Das Buch des Wassers« trotz des fehlenden Hardcover-Einbands, des etwas happigen Preises und des ein klein wenig hektischen und zu »horrormäßigen« Endes auf respektable neun von zehn Sushi-Rollen – und macht definitiv Hunger auf Das Buch der Erde und die anderen Mini-Zyklen, auf die wir allerdings wohl noch eine Weile warten müssen.

 

Scharf wie ein Katana! Hoffentlich verkaufen sich die ersten Alben auch entsprechend wie geschnitten Brot, damit wir die Fortsetzungen, sobald erhältlich, ebenfalls auf Deutsch lesen dürfen. Wünschenswert wäre es allemal.

 

Sayonara, Folks.

 

 

 

Eure Meinung:


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Comic:

Okko: Das Buch des Wassers

Reihe: Okko Bd. 1

Autor/Zeichner: Hub

SC-Album, 96 Seiten

Carlsen, November 2006

ISBN: 3551767955

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 07.05.2007, zuletzt aktualisiert: 17.11.2019 13:35