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Leseprobe: Das Dedra-Ne

Fackeln flackerten und füllten den niedrigen Raum mit einem unsteten, dämmrigen Licht. Rauchschwaden stiegen von ihnen auf und der Ruß vereinte sich mit der dicken, schwarzen Schicht, die bereits die alten Steine des Gewölbes bedeckte und einen Himmel wie ein schwarzes Loch bildete – wie eine Nacht ohne Hoffnung auf Sterne. Wie vieler solcher geheimer Treffen hatte es bedurft, um die Felsen mit Asche zu überziehen? Wie vieler Zusammenkünfte von Schmuggeln, Mördern, Verrätern und anderen, die nur im Geheimen planen konnten? So gesehen war die Rußschicht wie die Jahresringe eines alten, sehr alten Baumes. Und heute wurde ein weiteres bisschen Geschichte hinzugefügt. Nicht, dass sich irgend jemand einmal daran erinnern würde.

"Dies", so dachte Gwendis, während sie an die Decke starrte, "ist kein Ort zum Erinnern. Es ist einer, an den man Leute bringt, um sie zu vergessen."

Freiwillig wäre sie niemals hierher gekommen, aber leider hatte sie keine Wahl gehabt. Und die vier kräftigen Männer, die die Fackeln hielten, sorgten auch sehr eindrucksvoll dafür, dass sie nicht wieder gehen konnte. Es wäre ihr wohler gewesen, wenn sie auch nur geahnt hätte, warum sie hier war. Sie kannte diese Stadt Saramee nur von weit zurückliegenden Besuchen und war jetzt erst gut zwei Wochen in der Gegend - immer bemüht, nicht aufzufallen und sich wenig innerhalb der Mauern zu zeigen.

"Und trotzdem ist jemand auf mich aufmerksam geworden - oder besser: auf uns beide." Gwendis sah zur Seite auf die andere Gestalt, die im Fackelkreis reglos stand. Lerii hatte die Kapuze ihres rauchgrauen Mantels tief ins Gesicht gezogen und schien die unruhigen Schatten mehr zu suchen als das spärliche Licht. Als hätte sie den Blick ihrer Gefährtin gespürt, wandte sie sich zu ihr um und schickte ihr ein ermutigendes Lächeln. Gwendis erwiderte die Geste, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr Herz schwer und kalt war. Dennoch war sie froh, ihre Gefährtin an ihrer Seite zu haben. Vielleicht würde gerade deren ... Besonderheit helfen können, glimpflich aus dieser rätselhaften Situation zu kommen. Gwendis atmete tief ein und versuchte, sich zu beruhigen. Sie hatte Schlimmeres überstanden, als dieses Kellergewölbe zu bieten hatte. Ihr Haar war nicht über Büchern und in der Sicherheit von Klostermauern grau geworden...

Doch als schließlich vor ihr Schritte in der Finsternis des Ganges erklangen und der schwache Glanz einer Laterne näher kam, beschleunigte sich ihr Herzschlag erneut und sie tastete nach dem Griff ihres Schwertes, das natürlich nicht mehr an ihrer Seite hing.

Der Neuankömmling war ein Mann in auffallend teurer Kleidung, nicht mehr jung und mit kurz rasiertem, grauem Haar, das sein vierschrötiges Gesicht einrahmte. Er hatte etwas an sich, das ihr vertraut erschien, aber sie konnte sich nicht erinnern. Der Fremde musterte die beiden Frauen kurz und nickte dann.

„Nun, wie laufen die Schmugglergeschäfte in diesen unruhigen Tagen?“, dröhnte er schließlich und erntete dafür einen erstaunten Blick von Gwendis.

„Die Tagen sind immer unruhig“, antwortete sie so gelassen wie möglich. „Aber von Schmugglergeschäften weiß ich nichts und wir haben keinen Anteil an ihnen.“

„Ah, sicher!“ Der Mann lachte laut, aber freudlos. „Und darum treibt Ihr Euch auch an dem alten Friedhof mitten im Dschungel herum, nicht wahr?“

Gwendis stutzte und begriff plötzlich, warum sie dort in der Nähe ihres Verstecks immer wieder Menschen gesehen hatten, die kamen, verschwanden und irgendwann wieder auftauchten. Sie hatte gedacht, es seien Grabräuber oder Angehörige einer verbotenen religiösen Gemeinschaft, die solchen düsteren Orte huldigten. Aber anscheinend gab es unterirdische Zugänge zur Stadt und der Friedhof war der Anfang einer lebhaften Schmugglerroute.

„Nein, wir haben andere Gründe, dort zu sein. Mit den Schmugglern haben wir nichts zu tun“, wiederholte sie. Der Mann trat näher heran, bis sie den ranzigen Schweiß riechen konnten, mit dem das aufwendig bestickte Wams durchtränkt war.

„Sicher. Und was für Gründe soll es wohl sonst geben, sich in dieser götterverlassenen Wildnis herumzutreiben, Gwendis? Was kann jemand wie du dort suchen?“

„Frieden“, kam die Antwort von Lerii. Wie stets klang ihre Stimme sonderbar, als käme sie aus der Ferne, und in diesem Gewölbe verstärkte sich der hallende Effekt auf unheimliche Art. Die Männer, die die Fackeln hielten, zuckten leicht zusammen und tauschten beunruhigte Blicke, blieben aber auf ihrem Platz. Nur der Wortführer musterte Lerii nun eingehend und nickte dann.

„Ich habe Gerüchte gehört, anscheinend sind sie sogar wahr. Erstaunlich. Ich dachte, es sei eine dieser Geschichten, mit denen man Kinder nachts in den Schlaf ängstigt. Sicher, so gesehen ist ein alter Friedhof gar keine so schaurige Umgebung mehr, nicht wahr? Besser als eine Stadt wie Saramee auf jeden Fall!“ Er erhielt keine Reaktion auf seine Worte und so schüttelte er den Kopf und fuhr fort.

„Natürlich wird Euch das außer mir keiner glauben und ich tue es auch nur, weil ich dich kenne, Gwendis. Die Torwachen werden das ganz anders sehen. Die Schmuggler haben einen solchen Schaden angerichtet, dass sie erbarmungslos verfolgt werden und meist gibt es einen ziemlich kurzen Prozess. Und wenn sie deine Freundin sehen, dann kommen bestimmt noch ein paar mehr Leute dazu, die etwas mitreden wollen: Priester zum Beispiel. Du weißt, die mischen sich überall ein.“

„Ich dachte nicht, dass Ihr auf so simple Drohungen zurückgreifen würdet,“ entgegnete Gwendis kalt. Er sagte, er kannte sie? Mühsam versuchte sie sich an ihren letzten Aufenthalt in Saramee zu erinnern. Es war so lange her und ihr Gedächtnis wurde immer schlechter mit den Jahren – manchmal war sie sich nicht einmal mehr sicher, ob sie Dinge erlebt oder nur von ihnen gehört hatte. Sie hatte Saramee kurz nach Leriis Tod besucht, als sie sich für den Weg der Schwerter entschieden und ihre Vergangenheit hinter sich gelassen hatte. Eine Karawane, die sie als Wache angeheuert hatte, war für zwei Wochen hier gestrandet, da alle Zugtiere krank geworden waren. Hatte sie diesen Mann hier kennen gelernt? Aus den Schatten der Erinnerung stiegen Bilder von Abenden in einer schlecht beleumundeten Kneipe, der „Nassen Feder“. Von einem Mann, der unter zuviel Alkohol zuviel über seinen unredlichen Gelderwerb verriet und den sie niederschlug, um ihn vor sich selbst zu schützen. Daraus erwuchs damals für die kurze Zeit ihres Aufenthaltes eine unbequeme Freundschaft – er zeigte ihr die Stadt, sie versuchte dem kleinen Dieb klar zu machen, dass sein Weg ins Dunkel führen würde. Wie war sein Name? Rogan. Ja, der Mann vor ihr war Rogan. Älter, dicker und reicher. Wie es schien, hatte er ihre Worte nicht beherzigt.

„Was willst du“, verlangte sie zu wissen und in Rogans Augen blitzte es auf, als er bemerkte, dass sie ihn endlich erkannt hatte.

 

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Titel: Das Dedra-Ne

Autor: Sylke Brandt

Reihe: Saramee Bd.3

Illustration: Chrissi Schlicht

A5 Paperback – 72 Seiten

ISBN: 3-936742-53-7

Verlag: Atlantis Verlag

erschienen April 2005

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 11.11.2005, zuletzt aktualisiert: 20.02.2015 01:29