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Das Erbe

Autor: Michael Siefener

 

Als Cajetan Avenarius erwachte, war seine Umgebung so schwarz wie der Raum zwischen den Sternen. Er rieb sich die Augen, richtete sich in dem weichen Bett auf, das er unter sich spürte, und versuchte herauszufinden, wo er sich befand.

Nicht der geringste Lichtschimmer drang herein. Es musste tiefe Nacht herrschen, tiefste Nacht, schwarz wie die Gedanken des Teufels. Und er war nicht zu Hause, nicht in seinem kleinen Zimmer in diesem heruntergekommenen Hochhausblock, in dem es nie dunkel und nie leise war. Hier war es so still, als hätte sich die Welt in der Schwärze des Nichts aufgelöst.

Erst allmählich wich der Albtraum, und die Erinnerung kehrte zurück. Doch, er war zu Hause. In seinem neuen Zuhause. Die erste Nacht im Schloss.

Cajetans Hand tastete über die Platte des Nachtschränkchens neben seinem Bett und fand die alte Lampe und den Schalter an ihrer Schnur. Das Licht trieb die Schwärze in einige schattenverklebte Ecken neben der bauchigen Kommode, dem vergoldeten Herrendiener, an dem Cajetans Kleidung hing, und dem zierlichen Empire-Schreibtisch vor dem Fenster, dessen verblichene schwarze Samtvorhänge Cajetan gestern Abend in Vorfreude auf eine geruhsame Nacht mit großem Schwung zugezogen hatte.

Doch die Nacht war nicht so ruhig gewesen, wie er es gehofft hatte. Noch lange hatten ihn seltsame Geräusche wachgehalten, wie sie jedes alte Gemäuer von sich gab, wenn es sich zur Ruhe bereitete. Für Cajetan aber waren sie fremd und unheimlich gewesen: ein Knacken, ein verstohlenes Stöhnen und Ächzen, hin und wieder ein leises Säuseln. Arbeitendes Holz, abkühlende Leitungen, müdes Mauerwerk, hatte er sich gesagt.

Er stand auf und öffnete die Vorhänge. Sonnenschein überfiel das Zimmer und vertrieb die letzten Schatten. Jenseits der Buchsbaumhecken und Kieswege sah er im weitläufigen Park eine Gestalt, die sich zwischen den blühenden Apfelbäumen bewegte. Das musste Franz Weiler sein. Der Gärtner. Er und seine Frau Margarethe gehörten gleichsam zu Cajetans Erbe; Franz kümmerte sich um den Park und das Gebäude, Margarethe säuberte die unzähligen Zimmer, kochte und besorgte die Vorräte. Sie mochten etwa sechzig Jahre alt sein, kaum älter als Berthold Avenarius, von dem Cajetan dieses Anwesen geerbt hatte.

Und überdies genug Geld für ein sorgenfreies Leben.

Cajetan öffnete das Fenster und ließ die spätmorgendliche Luft herein. Dann huschte er in das angrenzende Badezimmer, drehte mit sinnlicher Freude die sperrigen, kreuzförmigen Hähne über dem Steingutbecken auf und wusch sich, wobei er weiterhin den Ausblick auf den Park und die dahinter sanft ansteigende Landschaft der Eifel genoss.

Angekleidet trat er auf den Korridor hinaus, und das Aroma von gebratenem Speck und Kaffee drang von unten zu ihm hinauf. Er ging die breite, knarrende Holzdiele hinunter in die Eingangshalle und ließ sich vom Duft des Frühstücks leiten.

Tatsächlich war in dem großen Speisesaal mit den vom Alter geschwärzten Deckenbalken und der sanft glänzenden Holztäfelung für ihn gedeckt. Margarethe bediente ihn und fragte, wie er geschlafen habe. Dabei lächelte sie zwar, aber sie wirkte nicht besonders fröhlich. Cajetan gab zu, dass ihm die ungewohnte Umgebung eine unruhige Nacht beschert hatte. „Es war ein Rascheln und Jammern wie von einer ganzen Horde Geister“, sagte er.

Margarethe lächelte nicht mehr, erwiderte aber auch nichts darauf. Sie zog sich zurück, und er speiste allein.

Immer wieder sah er sich in dem Zimmer um. Ölportraits schauten auf ihn herunter, entfernte Verwandte, über die seine Eltern nur selten – und dann sehr verächtlich – gesprochen hatten. Es war der reiche Teil der Familie – der Teil, zu dem Berthold gehört hatte. Cajetans Großvater war irgendwann wegen seiner unstandesgemäßen Frau enterbt worden, und seitdem hatte es keinen Kontakt mehr zwischen den Zweigen der Familie gegeben – bis vor etwa einem Dreivierteljahr.

Cajetan aß mit herzhaftem Appetit den Speck, die beiden Brötchen, die er dick mit Schinken und Käse belegte, und trank dazu etliche Tassen Kaffee. Weil ihm die starren Blicke der Ahnen unangenehm waren, schaute er aus dem Fenster, hinter dessen Sprossen sich der Garten und – in der Ferne – der Park anschlossen.

Berthold – ein erfolgreicher Bankier – hatte eines Tages während einer Geschäftsreise Cajetans kleines Antiquariat in Hamburg betreten, nur weil ihn der Name Avenarius hereingelockt hatte. Es hatte sich herausgestellt, dass sie tatsächlich entfernt miteinander verwandt waren. Cajetan war dieser plötzlich aufgetauchte Mann gleichgültig gewesen; er hatte noch immer unter seiner Scheidung gelitten und angestrengt versucht, sein Leben neu einzurichten. Sein kleines Leben …

Als er mit dem Frühstück fertig war, verließ er das Speisezimmer und ging nach draußen. Die ersten Maitage waren in diesem Jahr besonders schön; die Luft war klar und warm, der Himmel blau und von wenigen Wattewölkchen durchspielt, frisches Grün und überbordende Blütenpracht erschufen das Bild eines wahren Paradiesgartens. Cajetan wechselte ein paar Worte mit dem Gärtner, spazierte über seinen ererbten Grund, schritt die Begrenzungen ab, sah in der Ferne die Höhenzüge, hinter denen die Mosel lag.

Ein Schatten senkte sich über den gepflegten Rasen. Cajetan schaute in den Himmel. Die winzigen Wölkchen machten einer dunklen Wetterfront Platz, die schnell von Westen heranzog. Schon wenige Minuten später setzte ein Platzregen ein. Cajetan rannte zurück zum Schloss. Der rechteckige Bau mit den hoch aufragenden Türmen an jeder Ecke wurde vom Regenschleier beinahe verdeckt. Als Cajetan den vorderen Eingang erreicht hatte, war er bis auf die Haut durchnässt. Er stürmte in sein Schlafzimmer im ersten Stock, warf seine Kleidung in die Wanne des angrenzenden Badezimmers und trocknete sich ab.

Wasser, Unmengen von Wasser …

Wie damals. Wasser, Blitze, Sturm, Wellen …

Das Bild vor seinem inneren Auge verblasste wieder. Er zog frische Kleidung an, und in Ermangelung einer besseren Beschäftigung machte er einen Rundgang durch das Schloss.

Alles war noch so, wie Berthold es verlassen hatte, vor über einem halben Jahr. Margarethe und Franz hatten Haus und Gelände sauber gehalten, wie in der Hoffnung auf die Rückkehr ihres Herrn. Zuerst hatten sie nicht an seinen Tod geglaubt. Auch jetzt schienen sie noch nicht ganz überzeugt zu sein, obwohl Cajetan ihnen die amtliche Todeserklärung gezeigt hatte.

Er betrat Zimmer nach Zimmer, die teils untereinander verbunden, teils über einen der Korridore zu erreichen waren. Obwohl das Gebäude von außen einen klar gegliederten Eindruck machte, war das Innere ein Gewirr aus kleinen, großen, verwinkelten, manchmal sogar fensterlosen Zimmern und Kammern, Korridoren und Treppen, die die verschiedenen Geschosse und Halbgeschosse miteinander verbanden. Nach einiger Zeit konnte Cajetan nicht einmal mehr sagen, in welchem Stockwerk er sich befand.

Die Einrichtung vieler Räume schien unter einem Thema zu stehen. So gab es ein kleines Zimmer mit mittelalterlichen Truhen, einem groben, uralten Tisch und mehreren Scherenstühlen, das Cajetan sofort „das gotische Zimmer“ taufte. Weiterhin kam er durch ein Barockzimmer mit einem gewaltigen Schrank, an dem sich unzählige hölzerne Gestalten aus der griechischen Mythologie tummelten, ferner durch ein Zimmer mit Kissen, filigranen Tischen und üppigen Damastbehängen wie aus Tausendundeiner Nacht, und er entdeckte sogar ein chinesisches Zimmer voller schwarz lackierter, reich mit Intarsien und zarter Malerei verzierter Möbel. Cajetan hatte keine Ahnung, ob diese außergewöhnliche Einrichtung Bertholds Werk war, oder ob sie bereits von seinen Vorfahren zusammengetragen worden war. Alles jedoch wirkte alt; viele Stücke waren angestoßen oder matt, wenn auch nicht das kleinste Stäubchen auf ihnen lag.

Manchmal hatte Cajetan bei seinem Rundgang das Gefühl, als folge ihm jemand. Einmal knarrte eine Diele hinter ihm, und er wirbelte herum, doch niemand war zu sehen.

Ein Traum. Es konnte nur ein Traum sein. Ein solches Haus – Haus? Schloss! Paradies! – hatte er sich manchmal in seinen lebensfernsten Fantasien vorgestellt; es war beinahe die Gestalt gewordene Vision eines huysmansschen Dekadent, eines Eifeler des Esseintes, eine in sich abgeschlossene Welt, die aus Raum und Zeit heraus geboren worden war und ein eigenes, geheimes Leben begonnen hatte.

Cajetan ließ sich durch das Haus treiben, kam immer wieder in Räume, die er bei der gestrigen kurzen Führung durch Margarethe Weiler noch nicht gesehen hatte, und genoss das angenehme Gefühl, sich in seinem Eigentum zu verirren.

Irgendwann gelangte er in die Bibliothek; der Anblick ließ sein Antiquarsherz höher schlagen. Die Regale reichten bis unter die hohe Decke, und nur die Tür sowie die beiden großen Fenster bildeten Löcher in den Reihen der zumeist alten, in Leder und Pergament gebundenen Bücher. Ein kurzer Blick nach draußen verriet Cajetan, dass er sich nun wieder im Erdgeschoss befand; in der Ferne sah er die Apfelbäume, und der in Richtung Mosel abziehende Regen hatte das Gras unter ihnen mit abgeschlagenen weißen Blüten bestäubt.

Cajetan schlenderte an den Regalen entlang, betrachtete die Goldprägungen sowie die von lange schon vermoderten Händen in verblassender Tinte angebrachten Beschriftungen, las die Titel vergessener Bücher, die Namen vergessener Autoren, die selbst ihm als Fachmann nichts sagten. Den Rest des Vormittags verbrachte er in der düsteren Bibliothek und versuchte in einigen Büchern zu lesen, die er jedoch nicht verstand. Einmal knarrte und ächzte etwas nicht weit von ihm entfernt – so gedämpft, als dringe es aus dem angrenzenden Raum. Er legte das Buch, in dem er gerade gelesen hatte, auf ein kleines Beistelltischchen und trat nach draußen in den langen, schmalen Korridor. Es war wieder alles still. Ich höre Gespenster, sagte er zu sich. Dann suchte er das Speisezimmer.

Er fand es erst nach längerem Suchen, obwohl es ebenfalls im Erdgeschoss lag, links von der Eingangshalle, und daher konnte es nicht weit von der Bibliothek entfernt sein. Schließlich jedoch leiteten ihn die verführerischen Bratendüfte in das richtige Zimmer.

Als Margarethe das Essen auftrug, meinte er so beiläufig wie möglich: „Ein großes Haus. So groß, dass man sich darin verlaufen kann.“

„Herr Berthold hat sich hier nie verlaufen“, erwiderte Margarethe und holte die Schüsseln mit den Kartoffeln und dem Gemüse. Sie lächelte Cajetan an, wünschte ihm einen guten Appetit und zog sich zurück.

Das Essen war vorzüglich und vertrieb die etwas dunkle Stimmung, die ihn bei seinem Gang durch das Schloss und bei den knappen Worten seiner Haushälterin überkommen hatte. Sie und ihr Mann wohnten nicht im Schloss, sondern im nahe gelegenen Laufeld, und so würde er heute Abend allein in diesem alten Gemäuer sein.

Da der Himmel wieder aufgeklart war, unternahm er nach dem Essen eine ausgedehnte Wanderung durch die Frühlingswiesen und den zartgrünen Wald, dessen frisches Blattwerk wie luftige Elfengedanken wirkte und in einer leichten Brise beruhigend raunte. Als er sein Anwesen endlich wieder erreicht hatte, war das Ehepaar Weiler bereits nach Hause gegangen, und auf dem Tisch im Speisezimmer stand eine Brotzeit. Der Marsch hatte Cajetan hungrig gemacht, und er aß herzhaft. Danach suchte er den Raum, den Berthold als Wohnzimmer genutzt hatte, denn dort stand der Fernseher.

Cajetan erinnerte sich daran, dass dieser Raum, den eine helle Einrichtung aus modernen, abgewohnten Polstersofas und Sesseln zu etwas Atypischem in diesem Traumpalast der Vergangenheit machte, rechts von der Haupthalle im Erdgeschoss lag. Er fand ihn erst nach mehreren Anläufen; vermutlich war er gleich im ersten Korridor falsch abgebogen. Dabei hatte er ihm bislang unbekannte Zimmer durchquert; eines war völlig leer und roch ein wenig nach Farbe; die Wände und die Stuckdecke im Stil der Gründerzeit schienen frisch gestrichen zu sein. Ob das Franz Weiler besorgt hatte? Wo waren die Möbel dieses Zimmers? Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis sich Cajetan einen gründlichen Überblick über sein Anwesen verschafft hatte.

Als er endlich im Wohnzimmer stand, war es schon dunkel. Cajetan tastete an der Wand nach dem Lichtschalter. Dabei hatte er das merkwürdige Gefühl, dass die Wand warm war. Nicht nur warm, sondern auch … beinahe elastisch. Er fand den Schalter, und aus einer schlichten Deckenlampe ergoss sich das fahle Licht einer Sparbirne. Die schmucklosen, fast schäbigen Möbel in diesem Raum wirkten zusammengewürfelt, standen beziehungslos nebeneinander: Schränke, Sessel, Tische. Es erinnerte ihn ein wenig an seine Sozialwohnung in Hamburg-Wilhelmsburg. Er schaltete den Fernseher ein.

Donnernde Wellen. Heulender Sturm. Ein kenterndes Schiff. Schreie. Zuerst drehte Cajetan den Ton ab, dann ließ er das Bild verschwinden.

Doch mit dem Bild in seinem Kopf gelang ihm das nicht.

Cajetan war müde und machte sich auf den Weg zu seinem Schlafzimmer im ersten Stock. Als er durch die Korridore und Zimmer ging, immer wieder Deckenlichter ein- und ausschaltete und dabei Möbel, Bilder und Zierwerk aus der Finsternis riss und sie wieder in Schwärze zurückfallen ließ, glaubte er sich nicht nur beobachtet und verfolgt, sondern hörte auch wieder jenes Ächzen, Knarren und Jammern, das ihm in der vergangenen Nacht den Schlaf geraubt hatte. Oft blieb er stehen und lauschte. Es war, als würde sich das Haus in unruhigen Träumen wälzen. Durch die Geräusche hindurch bemerkte er bald noch ein anderes, verstohleneres. Ein Atmen. Es kam von überall und nirgendwo. Cajetan spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Er lief weiter, ließ die Lampen brennen, rannte über Treppen, durch Korridore und hatte plötzlich sein Schlafzimmer erreicht. Er schloss sich ein und legte sich sofort zu Bett. Auch hier ließ er das Licht brennen.

Das Atmen war nicht mehr zu hören, wohl aber noch das Knirschen, Klappern, Wischen, Stöhnen. Er zog sich die Bettdecke über den Kopf, und die Geräusche wurden ein wenig leiser, verschwanden aber nicht. Immer wieder stand Cajetan auf, lauschte an der Tür zum Korridor, und einmal glaubte er, erneut dieses Atmen zu hören. Er wich von der Tür zurück. Es hörte sich so … abwartend an. So verhalten. Wie ein lauernder Jäger.

Einbildung! Alles Einbildung! Cajetan schlich zurück zum Bett. Löschte die Lampe auf dem Nachtschränkchen, als die Geräusche leiser geworden waren. Versuchte zu schlafen. Irgendwann gelang es ihm.

Die Sonne weckte ihn; gestern Nacht hatte er die Vorhänge nicht zugezogen. Der Gesang der Vögel drang gedämpft durch das geschlossene Fenster. Cajetan stand auf, wusch sich im angrenzenden Badezimmer, schaute dabei wieder aus dem Fenster, wie gestern; wie gestern sah er die Gestalt des Gärtners zwischen den Apfelbäumen.

Er hatte sich den Weg hinunter zum Speisezimmer gemerkt und fand es sofort. Das Frühstück war bereits aufgetragen; Margarethe wollte sich gerade zurückziehen, als Cajetan fragte: „Haben Sie oder Ihr Mann in diesem Haus schon einmal etwas … Seltsames bemerkt?“

Sie hielt mitten in der Bewegung inne und sah ihn fragend an. Die Runzeln um ihre braunen Augen verliehen ihrem alten, abgearbeiteten Gesicht ein Lächeln, das ihr dünner, zusammengekniffener Mund verneinte. „Etwas Seltsames?“, wiederholte sie. „Nein, nie.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging.

Heute war es stickig in dem großen Speisezimmer mit den dunklen Deckenbalken. Cajetan beendete sein Frühstück schnell, nahm den Korridor zur Eingangshalle und trat nach draußen. Er atmete auf. Die Maisonne brannte schon beinahe unangenehm heiß, und Cajetan entschloss sich, in den Wald zu gehen, der sich in einiger Entfernung hinter dem Park erstreckte. Immer wieder schaute er zurück auf das Schloss. Gestern hatte er sich noch wie im Märchen gefühlt, doch nach der vergangenen Nacht mit ihren erschreckenden Unbegreiflichkeiten war er sich nicht mehr sicher, ob dieses Erbe nur gute Seiten besaß. Er dachte an die dankbare Flucht aus seiner beklemmenden Wohnung, die er hatte beziehen müssen, nachdem er mit seinem Antiquariat gescheitert war und große Schulden angehäuft hatte. Nach dem entsetzlichen Unfall mit Berthold auf der Nordsee war sein Leben vollends aus den Fugen geraten.

Cajetan tauchte in den stickigen Schatten des Waldes ein, über dessen Grün sich heute ein staubiger Schimmer gelegt hatte. Fast wirkte es türkisfarben – wie die Wellen am Strand von Sylt.

Wellen. Der Sturm. Der Segler. Bertholds Hand …

Cajetan blieb stehen und schloss die Augen. Nachdem Berthold seinem entfernten Verwandten durch Zufall zum ersten Mal begegnet war, hatte er Cajetan in sein Haus auf Sylt eingeladen und mit ihm, der eingefleischten Landratte, einen Segeltörn unternommen. Es war pure Angeberei gewesen. Bertholds Katamaran war schnell, schön und teuer gewesen, aber gegen den aufziehenden Sturm hatte er keine Chance gehabt.

Cajetan öffnete die Augen wieder und ging tiefer hinein in das Waldesmeer. Immer heißer wurde es hier, immer drückender.

Es war ein Wunder, dass Cajetan nicht ebenfalls über Bord gegangen war. Ein Rettungskreuzer hatte ihn schließlich aus der Seenot befreit. Bertholds Leiche war nie gefunden worden.

Cajetan dachte daran, wie kurz darauf sein Kredit geplatzt war, wie er sein Antiquariat hatte verkaufen und Arbeitslosengeld beantragen müssen. Er war verzweifelt gewesen. Nur ein bestimmter Gedanke hatte ihn in seiner neuen, schrecklichen Umgebung noch aufrecht gehalten.

Nach sechs Monaten hatte Cajetan Berthold für tot erklären lassen, wozu er als einziger noch lebender Verwandter berechtigt gewesen war.

Zwischen den Bäumen schien es zu brennen, zu lodern; flüssige, grünlich-blaue Flammen züngelten an den Stämmen hoch. Cajetan rieb sich die Augen. Er glaubte zu ersticken. Drehte sich um. Rannte in die Richtung, aus der er gekommen war. Ließ den Wald hinter sich, hastete unter der sengenden, viel zu heißen Sonne auf sein Schloss zu, das ihm jetzt wie ein rettender Hafen vorkam. Die heiße Frühlingsluft flirrte über dem steilen Dach, und für einen Augenblick hatte Cajetan den Eindruck, als recke sich ein dritter, ungeheuer schmaler und hoher Turm in den milchig gewordenen Himmel. Cajetan flüchtete sich in das Innere.

Hier war es kaum kühler. „Margarethe!“, rief er. Niemand antwortete. „Margarethe!“ Er wollte mit einem Menschen sprechen. Er wollte eine klare, vernünftige Stimme hören. Nicht die Stimme in seinem Kopf. Er rannte über den Teppich in der Eingangshalle, und bei jedem Schritt schien er tiefer einzusinken. Er taumelte durch die Gänge, die so dunkel waren, als befänden sie sich unter der Erde; draußen war die Sonne offenbar von Wolken gefressen worden. Er fand weder Margarethe noch ihren Mann. Die Zimmer schwiegen ihn an; sie alle brüteten in der unerträglichen vorgewitterigen Hitze.

Und er erkannte keines von ihnen wieder.

Moderige Räume mit schweren Renaissance-Möbeln wechselten sich ab mit Zimmern, die gerade erst renoviert und eingerichtet worden zu sein schienen, und mit Kammern, die nicht einmal ein Fenster besaßen, die weiß getüncht und ohne jede Möblierung waren.

Cajetan hörte Schritte hinter sich – schnellere Schritte als seine eigenen. Er wagte nicht, sich im Laufen umzublicken. Er hörte das Atmen, das er bereits in der vergangenen Nacht vernommen hatte. Und er hörte das Knarren, Knirschen, Klappern, Quietschen, Kreischen.

Vor ihm.

Er war zum letzten Raum gelangt. Es war eine Sackgasse, keine Tür führte von hier heraus. Das feucht glänzende, unverputzte Mauerwerk hatte einen rosigen Schimmer wie die Haut eines Neugeborenen. Er wirbelte herum. Der Durchgang, durch den er hergekommen war, schloss sich. Von unsichtbarer Hand wurde Stein auf Stein gesetzt; es wirkte, als würde jede Ziegelreihe die neue über ihr gebären. Das Licht schwand in der kleinen, kaum zwei Meter im Quadrat messenden Kammer. Er hörte, wie draußen das Rauschen eines plötzlichen Platzregens einsetzte. Kurz bevor der letzte Stein den letzten Schein erstickte, sah Cajetan in der Ecke der Kammer jemanden stehen; er schien durch dünne Fäden mit der glitzernden Wand verbunden.

„Nein!“, schrie Cajetan, der sich nicht mehr bewegen konnte. „Nein, ich wollte es nicht!“ Vor ihm raschelte es. Er spürte die Hitze, die von dieser Gestalt ausging, und er roch den salzigen Moder – als hätte sich der Meeresboden aufgetan und all seine Toten ausgespuckt. Wieder sah er die Hand, die er gepackt hielt, nachdem Berthold durch einen gigantischen Brecher über Bord gespült worden war. Und er sah, wie er die Hand losließ. Und spürte abermals das kurze Gefühl der gierigen Freude.

Dann war das Ding über ihm. Er schrie …

 

„Hast du das gehört?“, fragte Margarethe ihren Mann, als sie das unangerührte Mittagessen abtrug. Er war gerade von der Gartenarbeit hereingekommen und wollte sich die Hände in der Küche waschen.

„Jetzt ist es vorbei“, sagte Margarethe.

„Ja, vorbei“, bestätigte ihr Mann.

„Hast du ihn heute schon gesehen?“, fragte sie.

„Nein.“

„Glaubst du, wir werden ihn noch einmal sehen?“

Ihr Mann schüttelte den Kopf. Beide gingen wieder an ihre Arbeit. Der Regen prasselte gegen die Fenster.

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Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

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Erstellt: 14.11.2009, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17