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Das Haus auf dem Berg

Autor: Sören Prescher

 

Tief aus der Dunkelheit ertönte das markerschütternde Heulen eines Nachtvogels. Irgendwo knackten auch ein paar morsche Äste. Vielleicht wäre dieses Szenario ein wenig gruselig gewesen, aber Gregor Rubens störte es momentan nicht im geringsten. Er beachtete es nicht einmal.

 

"Verdammt spring endlich an", schrie er seinem Auto zu. Es war mitten in der Nacht und er und seine Frau Christa befanden sich auf irgendeinem Waldweg in irgendeinem abgelegenen Stück Niemandsland. Hinzu kam noch, dass die Gegend nicht gerade dicht besiedelt war. Gregor konnte sich gut daran erinnern, dass er in den letzten paar Stunden nur eine Handvoll Häuser gesehen hatte.

 

Und ausgerechnet hier musste ihnen der Motor ausgehen.

 

"Schatz, reg dich nicht so auf. Davon wird es auch nicht besser.", versuchte ihn seine Frau zu beruhigen. Mit ihrem Engelsgesicht lächelte sie ihn an und sofort vergaß Gregor jeden feindlichen Gedanken, den er gegen seinen Wagen gehegt hatte.

 

Nein, wenn ihn jemand auf eine so wundervolle Art anlächelte, konnte er einfach nicht länger böse sein. Es ging einfach nicht.

 

Ein wenig hilfesuchend blickte er sich nach draußen um und erkannte, von Fichten und Kiefern fast vollständig versteckt, einen Hügel auf dem sich ein kleines Häuschen befand.

Na also, sagte er sich in Gedanken und wandte sich seiner Frau zu.

"Dort hinten gibt es ein Haus. Ich werde dort mal nachfragen, ob sie uns nicht helfen können. Vielleicht haben sie sogar ein Telefon, von dem aus ich uns einen Abschleppdienst schicken kann."

 

Christa begriff schnell, was dies bedeutete und welche Folgen es für sie haben würde.

"Schatz, du willst mich doch hier, mitten in der Wildnis - und noch dazu nachts - nicht allein lassen?"

 

"Von wollen kann gar nicht die Rede sein. Aber einer muss doch auf den Wagen aufpassen. Außerdem wissen wir ja nicht, was für kauzige Typen in dem Haus leben. Vielleicht bekommen sie Angst, wenn mehrere Personen bei ihnen klingeln und um Hilfe bitten. Am besten gehe ich allein."

 

Er drehte sich zu Tür um und wollte sie gerade öffnen. Dann besann er sich und küsste seine Frau liebevoll auf die Wange.

 

"Mach dir keine Sorgen. Ich bin gleich wieder da."

 

Bevor sie auch nur ein Wort erwidern konnte, war ihr geliebter Ehemann aus dem Wagen verschwunden. Stumm blickte sie ihm nach, wie er sich auf den Weg zu dem Haus machte.

Ein wenig unheimlich sieht es schon aus, überlegte sie, weigerte sich aber weiter darüber nachzudenken. Sie wusste, dass sie dadurch nur noch mehr Angst und Nervosität bekommen würde. Und so etwas konnte sie in ihrer Situation überhaupt nicht gebrauchen.

Es war eine recht laue Sommernacht und nur ein dünner Windhauch blies Gregor entgegen. Er warf dem sichelförmigen Mond, der in den letzten Tagen immer mehr zugenommen hatte, einen kurzen Blick zu und richtete seine Gedanken dann wieder auf das Haus.

Lichter konnte er keine erkennen, was aber nichts bedeuten musste. Bestimmt schliefen die Bewohner längst. Schließlich war es mitten in der Nacht.

 

Er begann mit dem Aufstieg auf den kleinen Berg und witzelte darüber, dass dies eigentlich das perfekte Szenario für eine dieser billigen Horrorgeschichten sein konnte. Ein junges Paar bleibt mit seinem Wagen im Wald liegen und der brave Ehemann begibt sich allein zu dem alten und verlassenen Haus, dass sich rein zufällig nur wenige Meter entfernt befindet.

Eigentlich recht amüsant. Und bestimmt hätte er auch darüber gelacht, wenn Christa und er nicht das junge Paar wären. Dieser Aspekt änderte die Sache vollkommen.

 

Er warf Christa und seinem Wagen einen kurzen Blick zu, konnte sie in der Dunkelheit aber kaum erkennen. Ein paar unangenehme Gedanken erschienen in seinem Kopf und Gregor versuchte eiligst sie zu verdrängen. Angst war im Moment etwas, das er überhaupt nicht benötigte. Außerdem kannten Männer wie er keine Furcht. Jedenfalls sagte das sein Vater. Aber im Moment fehlte nicht viel, um ihn daran zweifeln zu lassen.

 

Er erreichte die Bergkuppe und erblickte das Haus vor sich. Es schien ruhig und verlassen und strahlte auch ein wenig diesen unheimlichen Flair aus, den er bereits aus unzähligen Horror- und Gruselfilmen kannte.

 

Gregor holte einmal tief Luft und ging dann mit klopfendem Herzen zur Eingangstür. Dass es keine Klingel gab, wunderte ihn kaum. Er vermutete, dass den Bewohnern, sofern es überhaupt welche gab, sogar elektrischer Strom fremd war.

 

Er entdeckte an der massiven Holztür etwas, das wie ein Klopfring aussah und tastete mit seinen Fingern danach. Und wirklich. Es war genau das, woran er gedacht hatte. Er fühlte kaltes und ebenso hartes Eisen und ließ den Ring plump gegen das Holz schlagen. Gespannt wartete er auf irgendeine Reaktion.

 

Lange Zeit passierte gar nichts und Gregor wollte sich schon wieder zurück zu seinem Wagen begeben, doch dann hörte er von drinnen ein dumpfes Geräusch und etwas, dass sich wie Schritte anhörten.

 

"Mitten in der Nacht...", hörte er jemanden ärgerlich brummen und fragte sich, ob es nicht vielleicht ein Fehler gewesen war, sich hierher zu begeben.

Doch nun war es für solche Gedanken zu spät. Die Tür wurde unter einem schmerzhaften Quietschen geöffnet und vor ihm tauchte ein kleiner, höchstens ein Meter sechzig großer, und auch recht alt aussehender Mann in einem rotkarierten Morgenmantel auf.

 

"Ja bitte?", fuhr er seinen nächtlichen Besucher an. "Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie helfen?"

 

Die Stimme des Alten klang gereizt und müde. Bestimmt hatte er bereits geschlafen.

"Äh...", begann Gregor zu stottern. "Meine Frau und ich haben eine Panne und Ihr Haus ist das einzige weit und breit."

 

Der Mann sah ihn entgeistert an und schien wohl zu überlegen, was er nun machen würde. Er musterte Gregor von Kopf bis Fuß und bat ihn dann herein.

 

Gregor dankte ihm und tat wie ihm geheißen. Er schloss die Tür hinter sich und blickte sich erstaunt um. Von drinnen sah alles bedeutend größer aus. Der Raum, in dem er sich befand war bestimmt genauso groß, wie Gregor das gesamte Haus eingeschätzt hatte. Und noch etwas verwirrte ihn. Der gesamte Raum war hell erleuchtet.

 

"Warten Sie einen Moment!", fuhr ihn der alte Mann an und verschwand durch eine Tür auf der linken Seite. Gregor betrachtete den Raum genauer und bemerkte einen gewaltigen Wandschrank, der ihm bisher noch gar nicht aufgefallen war. Der Schrank war so groß, dass man darin hätte mehrere Menschen problemlos unterbringen können. Bei diesem Gedanken lief ihm ein eisiger Schauer über den Rücken.

 

"Kommen Sie bitte", ertönte die Stimme des Alten und Gregor folgte ihr. Er öffnete die Tür, durch die auch der alte Mann gegangen war und betrat das Zimmer. Ein klobiger Geschirrschrank auf der rechten Seite verriet ihm, dass es sich dabei wohl um die Küche handelte.

 

Er ließ seinen Blick durch das Zimmer streifen und suchte nach dem alten Mann. Von ihm fehlte aber jegliche Spur. Statt dessen fiel ihm etwas anderes auf, dass ihn sehr verwirrte.

Seit wann befanden sich denn Spiegel in der Küche? Und was war mit den Fliesen an der Wand? Gregor hätte schwören können, dass sie gerade eben noch nicht dagewesen waren.

Er fühlte sich plötzlich immer unwohler und beschloss den Raum wieder zu verlassen. Der alte Mann war ja auch nicht hier. Bestimmt hatte er sich in der Tür geirrt.

 

Er wollte wieder hinaus auf den Flur treten und erschrak. Vor ihm befand sich kein Flur, sondern ein gewaltiges Esszimmer mit einem ungewöhnlich langen Esstisch. Und als ob das nicht genug wäre, war der Tisch bereits mit leckerem Essen gedeckt. Dazwischen befanden sich silberne Kerzenhalter, in denen dünne brennende Kerzen steckten.

 

"Scheiße, was ist hier los?", fragte er sich laut.

 

Von irgendwoher ertönte die Stimme des alten Mannes, der nach ihm rief.

Eher zufällig blickte Gregor nach links und entdeckte eine weitere Tür, die gerade eben auch noch nicht dagewesen zu sein schien.

 

Er öffnete sie und trat hinein. Binnen eines Augenblickes befand er sich im Bad, und dann wieder im Schlafzimmer. Möbel erschienen und verschwanden und Gregor hatte Mühe seine Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken. Dies alles konnte gar nicht passieren. Bestimmt würde er jeden Moment schweißnass aufwachen und feststellen, dass alles nur ein böser, wenn auch sehr realer Traum war.

 

Wenige Schritte links von ihm erschien ein riesiger Spiegel. Er war fast so groß wie Gregor, aber doch merklich älter. Gregor warf einen kurzen Blick hinein und bemerkte einen Schatten hinter sich. Augenblicklich begann sein Herz schneller zu schlagen.

 

Reflexartig drehte er sich nach hinten um, konnte aber niemanden erblicken. Wahrscheinlich hatte er sich dies nur eingebildet. Seine Nerven waren angespannt und spielten ihm nur einen Streich. Er drehte sich um und wollte wieder in den Spiegel blicken. Doch an der Stelle, wo er sich gerade noch befunden hatte stand jetzt eine bequeme Couch.

Gregor wurde ganz bleich im Gesicht. Die Couch ängstigte ihn kein bisschen. Auch nicht die drei dunkelgrünen Kissen, die auf ihr lagen. Ganz anders sah das aber bei dem dunklen Mann aus, der dort saß und ihn hämisch angrinste.

 

Nur einen kurzen Moment lang schaute Gregor ihn an, aber dies reichte vollkommen, um sich sein Gesicht für immer einzuprägen. Die hervorstehenden wässrigen Augen, die fettigen Haare und dieser grässliche dunkle Schnurrbart.

 

Gregor verspürte das übermächtige Bedürfnis von hier zu verschwinden. Keine zehn Pferde konnten ihn mehr hier halten. Ganz egal, ob der Alte ihm helfen konnte. Er wollte nur noch weg von hier. Und das so schnell wie möglich.

 

Er drehte sich zur Tür um und erstarrte. Er hatte mit vielem gerechnet, aber auf keinen Fall damit. Dort, wo sich gerade eben noch die Tür befanden hatte, war nur noch eine mit farbigen Tapeten verzierte Wand. Die Tür war verschwunden und es schien, als hätte sie nie existiert.

 

Gregor schrie laut auf und drehte sich wieder zu dem Fremden um. Ebenso wie die Tür waren auch er und die Couch spurlos verschwunden. Und für einen Augenblick glaubte Gregor ein entsetzliches Lachen zu hören.

 

Er blickte sich nervös in dem Raum um. Neben der Kommode, die gerade eben noch nicht dagewesen war, befand sich eine weitere Tür, an die sich Gregor auch nicht erinnern konnte.

 

Eilig schritt er auf sie zu und riss sie auf.

 

Vor ihm erstreckte sich nun ein scheinbar endloser Gang, der tief in die Dunkelheit führte. Gregor überlegte kurz, ob es wirklich so eine gute Idee war ihn zu betreten. Aber welche Wahl hatte er denn? Wenn er dieses seltsamen Ort jemals verlassen wollte, musste er alles nur Erdenkliche tun, um hier verschwinden zu können. Und mit etwas Glück würde ihn dieser Gang zurück zur Eingangstür bringen. Gregor glaubte zwar nicht wirklich daran, aber es half sehr sein Gewissen zu beruhigen.

 

Er trat vorsichtig auf den Gang hinaus und sah sich prüfend um. Die Wände waren total veraltet. Stellenweise konnte man sogar das Mauerwerk erkennen. Und von irgendwoher pfiff ein kühler Wind, der ihn frösteln ließ.

 

Langsam und äußerst achtsam bewegte er sich vorwärts. Seine Schritte hallten dumpf unter ihm. Manchmal vernahm er auch das Knirschen von Sand unter seinen Schuhen.

Je weiter er sich den Gang entlang bewegte, desto dunkler wurde es. Das helle Licht aus dem Raum, aus dem gekommen war, warf unheimliche lange Schatten vor ihn und Gregor hatte Mühe seine Nerven zu behalten.

 

Er fürchtete sich vor dem, was vor ihm lag. Im Moment war es zwar nur die Dunkelheit, aber wer garantierte ihm, dass dies so blieb?

 

Plötzlich vernahm er ein Geräusch hinter sich und stockte. Er wusste nicht was es gewesen war, aber es hatte ausgereicht ihn noch nervöser zu machen. Gregor drehte sich langsam nach hinten und schaute in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

 

Er hatte schon fast damit gerechnet wieder nichts vorzufinden. Aber diesmal war das nicht der Fall. Am anderen Ende des Ganges befand sich dieser dunkle Mann, der ihn erst schon gehörig erschreckt hatte. Noch immer hatte er dieses fürchterliche Grinsen in seinem Gesicht. Es schien fast so, als würde er Gregor auslachen.

 

Dann war der Mann plötzlich verschwunden.

 

Er löste sich weder in Luft auf, noch passierte irgend etwas. Er verschwand einfach. Genauso, wie auch die Möbel verschwunden waren. In der einen Sekunde war er noch dagewesen, in der nächsten nicht mehr.

 

Gregor drehte sich wieder in die andere Richtung um und zuckte abermals zusammen. Der Gang war jetzt nicht mehr dunkel und auch das sichtbare Mauerwerk war verschwunden.

Statt dessen hatte er sich in einem prunkvollen Korridor verwandelt, den Gregor bislang nur aus Märchenfilmen mit gigantischen Schlössern kannte. Und genauso sah es hier aus. An den Wänden hingen kostbare Gemälde und auch einige bunt verzierte Vasen konnte er auf marmorfarbenen kleinen Türmchen entdecken.

 

Wieder vernahm er dieses entsetzliche Lachen. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter. Was zur Hölle war hier los? Dies alles konnte doch gar nicht passieren. Aber ein Traum konnte es ebenso wenig sein. Dafür war es viel zu realistisch.

 

Nackte Furcht und bloßes Entsetzen machten sich in ihm breit. Er fühlte sich wie in einem lebendig gewordenen Alptraum, aus dem es scheinbar kein Entkommen gab. Er wusste nicht was schlimmer war. Die sich ständig ändernden Möbel und Zimmereinrichtungen oder der dunkle Mann, der immerzu auftauchte.

 

Wie sollte dies alles enden? Würde er jemals wieder zu Christa finden?

 

Christa!

 

Was war mit ihr im Augenblick? Ging es ihr gut, oder machte sie ähnliches wie er durch?

Gregor stellte niedergeschlagen fest, dass er tausende Fragen und nicht eine einzige Antwort darauf hatte.

 

Er versuchte seine Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken und grübelte, wie er diesen schrecklichen Ort so schnell wie möglich verlassen konnte.

 

Auch hierauf fand er keine Antwort, aber ihm wurde klar, dass das Ende des Ganges ihn vielleicht ein Stück weiter bringen konnte. Entweder dies, oder er würde sich noch weiter in diesem Tollhaus verirren.

 

Er ging wieder langsam vorwärts und war ständig hin- und hergerissen zwischen schnellstmöglicher Flucht und vorsichtigem Gehen.

 

Er spürte, dass er nicht mehr lange durchhalten würde. Seine Energien waren verbraucht, und seine Nerven am Ende. Nicht mehr lange, und er würde besinnungslos zusammenbrechen. Oder durchdrehen. Er wusste nicht, was schlimmer war.

 

Auf der linken Seite befanden sich jetzt gewaltige Fenster, die ihm die ganze Umgebung präsentierten. Oder zumindest nahm er das an. Alles was er sehen könnte war tiefe Dunkelheit. Nicht einen einzigen Stern konnte er am Himmel erkennen.

 

Er wollte gerade wieder nach vorn blicken, als er plötzlich zwei Dinge vernahm. Zum einen das Sirren von Grillen, die sich irgendwo draußen befinden mussten, zum anderen einen markerschütternden Schrei, den er kurz darauf hörte.

 

Sofort drehte er sich in die Richtung, aus der er gekommen war und erschrak. Wieder konnte er den dunklen Mann erkennen und wieder bemerkte er auch sein unheimliches Lächeln. Doch dies alles störte ihn im Moment nicht im geringsten. Viel schlimmer war die Tatsache, dass der Fremde wie eine Furie auf ihn zugerannt kam. Und ohne Zweifel war er es, der diesen grässlichen Schrei von sich gab.

 

Wie ein Reflex drehte sich Gregor in die andere Richtung und rannte los. Er spürte, dass seine Beine schmerzten, aber das war im Moment egal. Jetzt zählte nur noch, dass ihn der dunkle Mann nicht zu fassen bekam.

 

Gregor dankte Gott dafür, dass sich nicht auch noch der Gang veränderte. Zum Glück blieb wenigstens dieser gleich.

 

Ganz weit entfernt konnte er zwei helle Türen entdecken, aber sie schienen so entsetzlich weit entfernt zu sein. Er wusste nicht, ob seine Kräfte noch ausreichen würden, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Und was dann? Was, wenn er wieder bloß in einen weiteren Raum gelangen würde und das ganze Spiel von vorn begann? Vielleicht würde dies alles nie ein Ende haben? - Außer wenn er es beenden würde.

 

Gregor begann zu schreien und übertönte dabei fast seinen Verfolger. Teuflische Gedanken machten sich in ihm breit und er wollte ihnen nicht länger zuhören. Er wusste, dass sie sein Ende bedeuten würden und hoffte sie durch seine Schreie zu übertönen.

Er richtete seinen Blick nach vorn auf die immer größer werdende Türen. Er nahm sich fest vor sie zu erreichen. Koste es was es wolle. So einfach würde er sich nicht geschlagen geben.

 

Die furchtbaren Schreie des dunklen Mannes wurden immer lauter und kamen immer näher. Gregor traute sich nicht einmal sich umzudrehen. Er wusste, dass der Abstand zu seinem Verfolger immer weiter schrumpfte.

 

Aber er kam den Türen immer näher und war fest davon überzeugt, dass er es schaffen würde. Plötzlich hatte er keinen Zweifel mehr daran.

 

Wenige Sekunden später war es dann auch so weit. Er sah die Türen jetzt genau vor sich und stieß sie eilig auf. Der Abstand zu seinem Verfolger war abermals kleiner geworden, aber noch war er weit genug entfernt. Noch.

 

Was sich hinter den Türen befand, erfreute Gregors Herz ein wenig. Er sah eine gewaltige Treppe, die geradewegs nach unten führte. Und der Raum darunter sah wie das Esszimmer aus.

 

Er nahm noch einmal all seine Kräfte zusammen und rannte die Stufen hinab. Die Eile und seine riesige Angst trieben ihn immer weiter hinab, aber er achtete stets darauf, dass er nicht zu schnell wurde und die Kontrolle über seine Beine verlor. Sehr leicht konnte man hier stolpern. Und ein Sturz wäre sein sicheres Ende.

 

Er wollte sich gerade freuen, dass die Treppe geradewegs nach unten ging, als sich plötzlich ihre Form änderte. Auf einmal baute sich kurz vor Gregor eine Kurve auf und er hatte große Schwierigkeiten seine Richtung nach rechts zu verändern. Er versuchte seine Geschwindigkeit zu verringern, zweifelte aber einen Moment lang daran, dass es klappen würde.

 

Aber es klappte doch. Seine Beine prallten hart gegen das massive Eisengeländer und verursachten einen durchdringenden Schmerz. Gregor schrie auf und schien für einen Moment sogar sein Gleichgewicht verloren zu haben.

 

Er warf einen kurzen Blick hinter sich und bemerkte, dass der dunkle Mann verschwunden war. Zum Glück vernahm er diesmal kein Lachen.

 

Gregor klammerte sich fest an das Geländer und schnaufte atemlos vor sich hin. Der Schmerz in seinen Beinen verging langsam, war aber noch immer groß genug, um ihn daran zu erinnern, was fast passiert wäre.

 

Er bemerkte, dass seine Beine zitterten und er sie kaum noch richtig bewegen konnte. Aber er ignorierte den Schmerz einfach. Zu groß war das Verlangen diesem Spuk endlich ein Ende zu bereiten.

 

Es dauerte noch einen Moment, aber dann ging er langsam die restlichen Stufen hinab.

Der Raum ähnelte dem Esszimmer sehr. Auch der längliche Tisch war vorhanden. Aber die Tür, die ihn erst in die Küche geführt hatte, war verschwunden.

 

Er trat vorsichtig an den Tisch heran und stellte fest, dass er sich geirrt hatte. Es befand sich gar kein Essen darauf, sondern nur noch das milchig glänzende Geschirr, auf dem sich bereits Spinnweben breit machten. Eine dicke Staubschicht konnte er ebenfalls erkennen. Anscheinend hatten die Sachen schon seit mehreren Jahren keine Beachtung mehr gefunden.

 

Zu seiner rechten erschien eine weitere Treppe, aber er weigerte sich auch nur daran zu denken sie hinaufzusteigen.

 

Zum Glück war die Tür, die vor kurzem noch die Haustür gewesen war, wieder vorhanden. Auch wenn sie im Augenblick eher einem Stallgehege ähnelte. Und seltsamer Weise befand sich daneben noch eine weitere Tür. Diese allerdings ähnelte der Haustür sehr.

 

Gregor ging auf sie zu und stockte. Wer sagte ihm eigentlich, dass dies die richtige Tür war? Bestimmt würde auch sie wieder in irgendeinen anderen Raum führen.

 

Allerdings gefiel ihm die Alternative - das Stallgehege- auch nicht besonders. Irgendein seltsamer Geruch schien von dahinter zu kommen.

 

Trotzdem nahm er all seinen Mut zusammen und riss das Gehege auf. Er holte einmal tief Luft und betrat den finsteren Raum, der sich dahinter befand.

 

Doch der Raum war gar nicht so düster. Hoch über ihm befand sich das unendliche Firmament des Nachthimmels mit seinen unzähligen leuchtenden Sternen. Jegliche Wände und Mauern waren verschwunden. Vor ihm lag nur noch die freie Natur und der Weg, auf dem er hinaufgekommen war.

 

Trotz der schmerzenden Beine und des hämmernden Pulses rannte er ihn freudig hinab, traute sich aber weder sich umzuschauen, noch zu atmen. Noch immer steckte ihm das Grauen in allen Gliedern und er wollte nichts anderes als weg von hier. In seinem Kopf herrschte ein Wirrwarr aus ungeklärten Fragen und seltsamen Dingen, die er nicht zu begreifen imstande war. Gregor war kurz davor gewesen sich für immer in den Fängen des Wahnsinns zu verlieren und nur eine Winzigkeit hatte noch dazu gefehlt.

 

Er erreichte seinen Wagen und spürte, wie sein Herz vor Aufregung pochte. Für einen Moment hatte er Bedenken, ob mit Christa alles in Ordnung war. Er riss die Fahrertür auf und ließ sich eilig hineinfallen. Seine Frau sah ihn gespannt und auch ein wenig erschrocken an. Sie schien sofort bemerkt zu haben, in welchem Gemütszustand sich ihr Mann befand und hielt es wohl für besser ihn nicht sofort darauf anzusprechen.

 

Erleichtert atmete er aus. Hier draußen schien alles in Ordnung zu sein.

 

Er trat die Kupplung fest nach unten und versuchte den Wagen zu starten.

 

Er dachte nicht mehr daran, dass er vor kurzer Zeit noch Probleme mit ihm gehabt hatte. Und er sollte auch nicht gleich wieder Grund dazubekommen.

 

Der Motor sprang sofort an und Gregor legte den ersten Gang ein. Dann drückte er das Gaspedal weit nach unten und hörte den Wagen aufheulen.

 

Das Auto schien sich unsagbar langsam vorwärts zu bewegen und Gregor war mehr als einen Moment fest davon überzeugt, dass es das Haus und seine seltsamen Bewohner waren, die ihn davon abhalten wollten die Gegend zu verlassen.

 

Er schien sich nicht mehr als im Schritttempo vorwärts zu bewegen, doch die Tachoanzeige verriet ihm, dass dies nicht der Fall war.

 

Erst nachdem er Hunderte Meter hinter sich gebracht und auch sein Atem sich beruhigt hatte, traute er sich in den Spiegel zu schauen. Was er sah, erschreckte ihn. Gleichzeitig wunderte er sich aber auch nicht weiter darüber.

 

Das Haus auf dem Hügel war verschwunden. Statt dessen befand sich dort ein knorriger alter Baum, der seine besten Jahre bereits weit hinter sich gelassen haben musste.

 

"Nichts ist wirklich", murmelte er und bemerkte das verstörte Gesicht seiner Frau. Anscheinend wusste sie nicht das geringste von dem, was er gerade erlebt hatte."Später Schatz", sagte er leise zu ihr. "Später."

 

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Eure Meinung:

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HeRmIoNe
Sonntag, 12. Februar 2006 15:27 Uhr
Interessant!

Solche Geschichten liebe ich, ich finde, sie machen einem mehr Angst als solche, bei denen es ums Blutvergießen geht (obwohl ich selbst solche auch schreibe).

Lg, HeRmIoNe

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Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

Freigabe zur Weiterveröffentlichung besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

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Erstellt: 24.07.2005, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17