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Das Herz der Hölle von Jean-Christophe Grange

Rezension von Christine Schlicht

 

Die Polizeikommissare Luc und Mathieu sind Freunde seit Kindertagen, als sie sich in einem kirchlichen Internat kennen lernten. Beide haben, wenn auch getrennt voneinander, den gleichen Lebensweg gewählt, waren nach dem Priesterseminar in Krisengebieten tätig und sind danach in den Polizeidienst getreten, weil sie resigniert feststellen mussten, dass Gott die Welt vergessen zu haben scheint. Nichts desto trotz ist besonders Mathieu seinem Glauben treu geblieben und bekämpft als Polizist das „Böse“ auf seine Art.

 

Völlig unverständlich ist es für Mathieu, dass Luc einen Selbstmordversuch unternommen hat. Zwar wurde er wieder ins Leben zurückgeholt, liegt aber noch im Koma. Mathieu beginnt, die Hintergründe der scheinbaren Verzweiflungstat zu recherchieren und stößt dabei auf eine Mauer des Schweigens. Scheinbar ermittelte Luc in einem grausigen Mordfall fern ab von Paris, an der Grenze zur Schweiz, obwohl er eigentlich für das Drogendezernat arbeitete und auch dort einen Mordfall an sich gezogen hat.

 

Stück für Stück tastet sich Mathieu an den Fall heran und erfährt entsetzliche Details: Die ermordete Frau wurde auf grauenhafte Art und Weise zu Tode gefoltert, ihre Leiche wies verschiedene Verwesungsstadien auf und die unterschiedlichsten Aasinsekten, die zu diesen Stadien gehören, fraßen ihren noch lebendigen Körper. Dazu wurden ihr in den Brustkorb leuchtende Flechten gesetzt. Und Mathieu erfährt noch mehr: Sie wurde oberhalb eines kirchlichen Refugiums gefunden, mit satanischen Insignien. Mathieu findet heraus, dass das Opfer einst seine Tochter umbrachte, weil das Kind vom Teufel besessen gewesen sei.

 

Immer tiefer dringt er in die Materie ein, die auf ein direktes Wirken des Satans hinweist, und immer tiefer muss er in die Vergangenheit gehen. Da bekommt er Informationen über zwei gleichartige Mordfälle, bei denen die Täter aber bekannt sind. Der eine wurde auf der Flucht erschossen, der andere, eine Frau, sitzt im Gefängnis.

 

Verfolgt von Schergen einer Satanistensekte macht Mathieu sich auf den Weg nach Italien um die Frau zu befragen. Dabei macht er eine unglaubliche Entdeckung: Die beiden Täter waren beide schon einmal gestorben und waren wieder ins Leben zurück geholt worden. Und offensichtlich haben beide beim Sterben eine negative Nahtoderfahrung gemacht, statt ins Licht des Himmels zu gehen, sind sie dem Teufel begegnet, der ihnen die Aufforderung gab, diejenigen zu töten, die für ihren Tod verantwortlich waren. Sie sind zu ‚Lichtlosen’ geworden.

 

Immer mehr beginnt der Fall tief in den Glauben abzugeleiten, doch Mathieu weigert sich, an diese biblische Dimension hinzunehmen. Er ist davon überzeugt, dass eine menschliche Person dahinter steht, die unter Zuhilfenahme einer afrikanischen Droge den Menschen diese Nahtoderlebnisse einflüstert – die Verbindung zu dem toten Drogenhändler. Aber wer hat dann die Frau im Jura ermordet? Und warum der Selbstmordversuch Lucs? Wollte auch er eine negative Nahtoderfahrung provozieren?

 

Mathieu findet heraus, dass die angeblich tote Tochter noch lebt und findet sie unter der Obhut der Kirche in Polen. Er verliebt sich in die Frau und ist fest davon überzeugt, dass sie keine ‚Lichtlose’ ist, also bei ihrem Tod keine negative Erfahrung gemacht und daher auch ihre Mutter nicht umgebracht hat. Aber er findet auch ein Bindeglied: Den Arzt, der all die Menschen wieder ins Leben zurück geholt hat mit seiner Wiederbelebungstechnik. Tatsächlich ist dieser Mann derjenige, der die grauenvollen Mordrituale ermöglicht hat, das chemische Verständnis hat und die Insekten züchtet, aber er ist nicht der Mörder.

 

Doch er ist der Verursacher, denn seine Rettungsmethode ist viel älter als er es den Menschen erklärt. Und er hatte einst ein Kind gerettet, das schon früh mit Gott und dem Teufel in Berührung gekommen war: Luc.

 

 

 

Die purpurnen Flüsse fließen wieder! Und sie reißen den Leser mit auf einem bizarren Trip ins Metaphysische, ohne Rettung und gebannt bis (fast) zur letzen Seite. Obwohl man als Leser deutlich schneller als Mathieu zu begreifen glaubt, worin der Grund für Lucs Selbstmord liegt, so hat diese ausgefeilte Story doch immer noch Wendungen parat, die jedes Mal für Überraschungen sorgen, wenn man glaubt, alles zu wissen.

 

Sauber recherchiert in allen angesprochenen Fachbereichen (und offensichtlich extrem Bibelfest) zieht Grangé den Leser tief ins Unbewusste und lässt sogar den Konfessionslosen glauben. Seine Charaktere sind tiefgründig und glaubwürdig in ihrer inneren Zerstörtheit und auf ihrer Reise in sich selbst.

 

Der einzige Knackpunkt im Fluss der Ermittlungen ist die ungewöhnliche Verliebtheit Mathieus in Manon, die Tochter des Mordopfers. Man bekommt den Eindruck, dass diese Lovestory mit rein musste, um wenigstens einen Hauch Erotik in das Buch zu bringen. Das ist die Erklärung für das „fast“ weiter oben. Dieses „Must“ einer Sex- bzw. Liebesszene in diesem hektischen, selbstzerstörerischen Ablauf von Mathieus Ermittlungen wirkt sehr aufgesetzt. Man ist als Leser fast ein bisschen froh, dass Grangé seine Protagonisten auch gern mal sterben lässt. Manons Tod auf der Flucht vor der Polizei rettet auch diese Situation wieder und man ist ganz und gar wieder bei Mathieu und seinen Ermittlungen.

 

Fesselnder Lesestoff mit extremen Charakteren, in die man sich dennoch hineinversetzen kann, ein echter Horrortrip in die Abgründe des menschlichen Bewusstseins.

 

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Das Herz der Hölle

Autor: Jean-Christophe Grange

Gebundene Ausgabe: 778 Seiten

Verlag: Ehrenwirth Verlag; Auflage: 1 (13. November 2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3431037372

ISBN-13: 978-3431037371

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 14.12.2007, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27