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Das Jesus-Video von Andreas Eschbach

Rezension von Matthias Oden

 

„Das Jesus-Video“ – allein schon der Titel des Romans ist klasse und treibt durch die geschickte Wahl des Kombinations-Oxymorons die Neugier auf den Inhalt des 700-Seiten-Romans in die Höhe. Und das Schönste: Der Autor Andreas Eschbach hält, was er verspricht.

Der Knaur-Verlag hat „Das Jesus-Video“ (erstmals 1996 erschienen) erneut aufgelegt; und so viel vorweg: Freunde spannender, intelligenter und unkonventioneller Unterhaltung kommen hier voll auf ihre Kosten.

 

Bei einer archäologischen Ausgrabung im gelobten Land wird in einem Grab eine Digital-Kamera gefunden – die erst in drei Jahren auf den Markt kommen wird! Der Vorwahl wird selbstverständlich vertuscht, und schnell ist dem Finanzier der Ausgrabung, einem milliardenschweren Medienmagnaten, klar: Auch wenn das Speichermedium fehlt, derjenige, der in die Zeit zurückgereist ist, konnte nur ein Motiv für seine Linse gehabt haben – Jesus Christus! Und egal, ob das Video nun dessen Existenz beweist oder das Gegenteil, der Marktwert muss unermesslich sein! In Folge setzt er alle Hebel in Bewegung, dieses Video in seine Hände zu bekommen. Doch er ist nicht der einzige, der daran interessiert ist und so entbrennt ein Wettrennen um das Video, dessen Ausstrahlung die Welt verändern wird ...

Als Zeuge in diesem Kampf gegen die jeweiligen Konkurrenten und die Wirrungen einer knapp zweitausend Jahre alten Schnitzeljagd wird der Leser durch den Nahen Osten und über die verschlungenen Pfade der „Jäger des verlorenen Schatzes“ geführt – ein Ausflug, der zu Recht zu den Klassikern des Science-Thrillers gehört.

Eschbach schafft es, schon auf den ersten Seiten Hochspannung zu erzeugen – und diese bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Natürlich gibt es bei 700 Seiten auch den einen oder anderen Hänger, aber das „Jesus-Video“ ist an seinen besten Stellen (und davon gibt es eine ganze Menge) so dicht, dass man den Wälzer nicht mehr aus der Hand legen will. Eschbachs-Roman ist damit einer von der viel beschworenen, aber tatsächlich doch sehr seltenen „Nur-noch-eine-Seite-dann-ist-für-heute-Schluss“-Gattung – man viel einfach wissen, wie es weitergeht.

Eschbach gelingt es immer wieder, aus einer scheinbaren Auflösung eines Spannungsbogens einen neuen zu erschaffen: Wenn beispielsweise die ersten Sätze des gefundenen Briefes des Zeitreisenden entschlüsselt worden sind, scheint es, dass das große Geheimnis um das Video bereits enthüllt ist – doch ein wenig später wird bereits alles wieder auf den Kopf gestellt und das Mitfiebern beginnt von Neuem.

Dass die Charaktere hier und da etwas zu überzeichnet wirken (allen voran der absolut eiskalte und skrupellose Medienmogul Kaun) und Eschbach sich bei der Haltung der Kirche in der Geschichte offensichtlich bei Dostojewskis „Der Großinquisitor“ hat inspirieren lassen, stört da nicht besonders. Vor allem, weil er sich nicht auf der reizvollen Jesus-Thematik und die üblichen Zeitreise-Paradoxa ausruht, sondern seine intelligente Geschichte sorgfältig und handwerklich routiniert verfasst, und dies mit einem ausgeprägten Sinn für Spannung und Story-Entwicklung.

 

Für den Schluss hat sich Eschbach etwas Besonderes ausgedacht: Natürlich kann es für die beiden Fragen, die sich der Leser während des Romans ständig stellt – Bekommen sie das Video oder nicht? Und wenn ja, ist Jesus drauf oder nicht? – nur eine Ja- oder eine Nein-Antwort geben, da lässt sich nicht dran rütteln, und auch Eschbach muss sich für eine Variante entscheiden. Wie er dies aber macht, ist alles andere plump, und das rettet das Romanende vor dem Abgleiten ins Unglaubwürdige bzw. Kitschige. Eschbach lässt sich viel Zeit für seinen Schluss, der länger ausfällt als üblich und auch noch ein paar kleine Überraschungen parat hat. Und am Ende wartet er noch mit einem besonderen Bonbon auf: Der Rezensent schätzt außergewöhnliche, gute, erinnerungswürdige erste und letzte Sätze. Es gehört zu Eschbachs Verdienst, seinem Roman beide gegeben zu haben.

Mehr davon!

 

Eure Meinung:

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Anzeige: 1 - 1 von 1.

Alexander
Dienstag, 22. August 2006 13:30 Uhr
Wie Matthias Oden schon im Vorspann erwähnte, erweckt der Titel die Neugierde. ("Ein Video über Jesus Christus, wie soll das möglich sein?") Andreas Eschbach gelingt es, den Leser auf die ganze Länge des Buches zu fesseln, ohne sich in sinnlosen Dialogen oder langweiligen Handlungssträngen zu verfangen.
Nicht vielen Autoren gelingt dieses Kunststück...

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Buch:

Das Jesus-Video

Autor: Andreas Eschbach

Broschiert - 590 Seiten - Droemer/Knaur

Erscheinungsdatum: März 2006

ISBN: 342663239X

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 13.03.2006, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27