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Das Lied der Kämpferin von Lidia Yuknavitch

Rezension von Matthias Hofmann

Auf Seite 178 steht es schwarz auf weiß. Kapitel 14 beginnt mit den Worten: »Irgendeine Ahnung, was das für eine Scheiße war?«

Nun, ganz so schlimm fällt das Urteil nicht aus, aber der Roman Das Lied der Kämpferin der Vordenkerin Lidia Yuknavitch, die laut Verlagsangaben zu den herausragenden neuen weiblichen Stimmen der amerikanischen Literatur zählen soll, ist ziemlich harter Tobak. Sprachlich mitunter vulgär, aber das gehört zum Zeitgeist, ist diese verstörende Dystopie nichts für Leserinnen und Leser, die sich leicht in andere Welten entführen lassen, sondern eher für Fortgeschrittene, die sich gerne alles selbst zusammenreimen wollen.

Was wir hier vor uns haben, ist eine Neuinterpretation der Geschichte der Jungfrau von Orléans oder Jeanne d’Arc. Am Originaltitel (The Book of Joan, auf Englisch heißt die französische Nationalheldin Joan of Arc) kann man das deutlich ablesen. Am deutschen Titel nicht. Der kommt lieber etwas martialischer daher.

Jeanne d’Arc war eine frühe Feministin, wenn man so will. Sie war im 15. Jahrhundert während des Hundertjährigen Krieges eine Widerstandskämpferin. Sie starb als Märtyrerin im zarten Alter von 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen. Noch heute gilt sie als Heldin, Heilige und Vorbild.

Somit ist »Das Lied der Kämpferin« in erster Linie ein Buch über den Widerstand von Frauen. Zu den Elementen der Geschichte Jeanne d‘Arcs mischte die Autorin Ausschnitte der Biografie von Christine de Pizan, einer französischen Philosophin und Schriftstellerin, die zur Zeit von Jeanne d’Arc gelebt hat. Deren bekanntestes Werk (Das Buch von der Stadt der Frauen) gilt als eines der ersten feministischen Werke Europas. Aus der Sicht einer Christine wird ein Teil des Romans erzählt.

Muss man das alles wissen, um Yuknavitchs Roman zu verstehen? Natürlich nicht, aber es hilft hinter die Kulissen zu blicken, um zu erahnen, was alles in dem Buch drinsteckt und herausgelesen werden kann.

Vordergründig geht es um eine Erde, die eine Apokalypse gerade so überstanden hat. Viel Hoffnung gibt es nicht. Über der zerstörten Erde schwebt diese Plattform namens CIEL (Wer Französisch nicht kann: So heißt bei unseren Nachbarn der Himmel), und von dort werden noch verbliebene Ressourcen über sogenannte Skylines einfach abgezogen. Auf CIEL herrscht diktatorisch Jean de Men, ein klassischer Egoist mit sadistischen Vorlieben. Kurzum: Ein sehr böser Mann.

Die Menschen der Zukunft sind eher geschlechtslos. Sie haben keine Haare und keine Pigmente auf der Haut. Sex ist nur erlaubt, wenn man sich penetriert. Jean de Men höchstpersönlich hat einen Liebesroman-Bestseller geschrieben, in dem fast alle seiner Protagonistinnen darum betteln, vergewaltigt zu werden. Unterschiede zwischen Klassen gibt es nicht. Alt werden sie auf CIEL aber auch nicht, denn mit 50 wird man in der Regel einfach umgebracht. (Warum? Das weiß nur Gott und Lidia Yuknavitch.)

Das Setting für diesen erstaunlichen Roman ist vielschichtiger als es sich anhört. Schließlich geht es um den Kampf zwischen den Welten, die zerstörte Erde auf der einen und die Welt im Himmel auf der anderen Seite. Die Lektüre, wenngleich diese an vielen Stellen selbst zum Kampf werden kann, da der Schreibstil von Yuknavitch äußerst gewöhnungsbedürftig ist, ist trotzdem sehr stimulierend was Gedanken, Bilder und Ideen betrifft.

Das Buch fordert seiner Leserschaft einiges ab, denn immer wieder gibt es Sprünge in der Zeit und zwischen den Erzählperspektiven. Die mitunter wilden Theorien sind fordernd und belehrend, doch wer sich offen darauf einlässt, wird den Roman mit Genuss lesen. SF für Feministinnen und, wie eingangs erwähnt, nur für literarisch Fortgeschrittene, die gerne Fragen stellen wie: »Was möchte uns die Autorin damit sagen?«

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Eure Meinung:

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Buch:

Das Lied der Kämpferin
Original: The Book Of Joan, 2017
Autorin: Lidia Yuknavitch
Taschenbuch, 352 Seiten
btb, 8. März 2021
Übersetzung: Claudia Max
Titelillustration: Florian Schammer 

ISBN-10: 3442717396
ISBN-13: 978-3442717392

Erhältlich bei: Amazon

Kindle-ASIN: B086TWMMZC 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.04.2021, zuletzt aktualisiert: 12.04.2021 19:16