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Das Wakan-Tanka von Markus Böhme

Rezension von Frank Drehmel

 

Douglas Havenguard ist ein junger Mann ohne viele Freunde und Freude am Leben. Nach dem Tod der Mutter und des Bruders und den frühen Fortgang des Vaters fristet er sein eher dröges Dasein als Sachbearbeiter bei General Logistics und verbringt seine Freizeit am liebsten mit seinem Hund Buster. Auf einem der täglichen Spaziergänge kommt er an einem kleinen Laden vorbei, der ihm bisher noch nie aufgefallen ist: “Indian Tattoo” prangt auf dem Schild über dem Eingang.

In einem Akt der Auflehnung gegen die lebensbestimmenden Konventionen fasst er nach reiflichem, Tage dauerndem Überlegen den Entschluss, sich ein Tattoo stechen zu lassen. Unter merkwürdigen Umständen tätowiert ihm ein zwielichtiger Indianer ein altes indianisches Symbol, das Wakan-Tanka auf das rechte Schulterblatt.

Der Stolz, etwas Außergewöhnliches getan zu haben, verschwindet jedoch bald, als das Tattoo über Douglas Körper zu wandern beginnt, dabei eine Spur der Verwüstung auf seinem Leib hinterlässt und erst unter seinem Bauchnabel zum Stillstand kommt. Als die Wunde in einem Schwall von Eiter und Blut aufbricht wird der Junge vor Schmerzen ohnmächtig und wacht in einer fremden Welt wieder auf.

 

In einer menschenleeren, hölzernen Stadt trifft auf einen unheimlichen Mann, der sich der Abwäscher nennt, der ihn zu kennen scheint und der ihm den Ratschlag gibt, den Schamanen zu suchen; gleichzeitig warnt er Douglas vor einem Wesen namens Iktome. Schon bald mehren sich die Anzeichen, dass Iktome, der Herr der Spinnen, das personifizierte Böse ist und diese Welt mit seinem faulen Atem zu verheeren droht.

Douglas Auftrag und Anliegen ist es, diese -seine- Welt zu retten, wobei er sich auf die Hilfe der Welt selbst und einiger merkwürdiger Bewohner verlassen kann.

 

 

“Das Wakan-Tanka” ist der Debut-Roman des jungen, deutschen Nachwuchsautors Markus Böhme, der nach einigen Kurzgeschichtenveröffentlichungen in verschiedensten Anthologien und Magazinen im kleinen Lerato-Verlag einen ambitionierten Herausgeber für sein mutiges 250-Seiten-Projekt gefunden hat.

 

Böhme gelingt es in seinem Buch, eine skurile Anderswelt zu entwerfen, die sich zwar insgesamt merkwürdig leer und unbestimmt präsentiert, die aber dem Leser dennoch bekannt und vertraut vorkommt, da er viele der dargestellten Motive aus Film und Literatur zu kennen glaubt -der Eigenständigkeit dieser Welt und seiner Bewohner tut das jedoch keinen Abbruch- und so durch seine Imaginationskraft diesem Traumland problemlos Substanz verleihen kann. Dabei ist es nicht ganz einfach, den Roman einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn Horror wird in homöopathischen Dosen eingesetzt und auch viele “typische” Fantasy-Elemente sind eher Mangelware; dennoch durchdringt das scheinbar Metaphysische Havenguards Realität, verschmelzen Wirklichkeit und Traum zu einem magisch-realistischen Bild.

Das bezeichnendste Merkmal der Handlung ist eine unterschwellige Spannung durch die Existenz einer mehr oder weniger latenten Bedrohung, die sich mit Fortschreiten der Geschichte zunehmend manifestiert, und die den Leser einer Lösung entgegenfiebern lässt, die sich schlussendlich als unerwartet und äußerst originell erweist.

 

 

 

 

Von den auftretenden Charakteren legt nur Douglas Havenguard, der Ich-Erzähler, eine nennenswerte Tiefe an den Tag, während alle anderen auf wenige markante Eigenschaften reduziert sind. Da sich dieses zum einen quasi gezwungenermaßen aus der Auflösung der Geschichte ergibt und sich zum anderen Douglas dafür umso authentischer erweist, stellt dieses keinen bedauernswerten Mangel dar.

Negativ ins Gewicht fällt hingegen, dass der Autor seinen Helden, der sein Abenteuer rückblickend schildert, gerade zu Beginn der Geschichte als allwissenden Erzähler immer wieder der Handlung vorgreifen lässt. Das ist weder nötig, noch spannungsfördernd, sondern hemmt mehr den Fluss der Story, als dass es einen neugierig macht. Ähnlich ungünstig wirkt sich das wiederholte direkte Ansprechen des Lesers aus, welches diesen immer wieder aus der Traumwelt reißt, seine Distanz zur Handlung und zur Hauptfigur untermauert und somit die Identifikation mit Douglas erschwert.

 

Auf der sprachlichen Ebene dominiert ein unprätentiöser, schnörkelloser, adjektivarmer Stil, der das jeweilige Anliegen des Autors auf eine natürliche Art und Weise -und damit angenehm zu lesen- transportiert. Einige -wenige- Metaphern und Bilder klingen zwar etwas “unbeholfen” und bemüht, aber von einem so jungen Autor kann kaum die Routine und Perfektion erwarten, mit der alte Hasen ihre -oft wesentlich langweiligeren- Bücher runternudeln.

 

Als kleines Gimmick hat der Lerato-Verlag dem Buch ein 5cm großes abwaschbares Wakan-Tanka-Tattoo beigefügt, welches sich der Leser von einem alten Schamanen in seinem Bekanntenkreis auf die rechte Schulter platzieren lassen kann, in der Hoffnung, dass es nicht dort bleibt.

 

Fazit:

Ein lesenswertes, unterhaltsames Buch, das einem kleinen ungeschliffenen Edelstein gleicht: unter der etwas groben und rauen Oberfläche verbirgt sich eine fazinierende und fesselnde Geschichte.

 

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Buch:

Das Wakan-Tanka

Autor: Markus Böhme

Taschenbuch, 250 Seiten

LERATO-VERLAG, 14. August 2006

 

ISBN: 3938882166

 

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 02.09.2006, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27