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Der Aushilfsbarde

Autor: Andreas Fischer

 

Tares sah Rouvasch mit ihren großen, enttäuschten Augen an. "Eigentlich dachte ich, dass Tante Rouvine zum Geschichten erzählen vorbeikommt und nicht Du, Onkel Rouvasch!"

 

"Ich kenne aber auch schöne Geschichten für Kinder..."

 

"Deine Geschichten sind doof, am Ende gewinnst immer Du oder der Geschichtenheld stirbt."

 

"Ääääh", Rouvasch schaute die zehnjährige Tares verlegen an. "Willst Du Deine

Freunde wieder wegschicken...?"

 

"Nein" entschied das junge Mädchen, "aber erzähle uns eine Geschichte so, wie

Rouvine sie erzählen würde."

 

"Wie Rouvine? Eine meiner Geschichten? Das ist nicht Dein Ernst?"

 

"Bitte, bitteeee... Onkel Rouvasch..." bettelte Tares, "nur das eine Mal!"

 

Tiefe Denkerfalten bildeten sich auf Rouvaschs Stirn, der sich einen innerlichen Ruck gab und widerwillig zustimmte.

 

"Danke, Onkel! Aber nicht vergessen..."

 

"Nein!" grummelte Rouvasch und folgte ihr in den großen Nachbarraum, in dem Tares Freunde schon in freudiger Erregung auf Rouvine und ihre Geschichte warteten.

 

Ein heller, kurzer Aufschrei der entsetzten Kinder begrüßte Rouvasch, der mit einem aufgesetzten, warmen Lächeln und einer honigsüßen Stimme die Gruppe begrüßte.

"Leider ist Rouvine krank, darum werde ich Euch heute eine schöne Geschichte erzählen..."

 

Stumm starrten ihn die zwanzig Augenpaare an. Ohne eventuelle Einwände

abzuwarten begann Rouvasch die Geschichte von Doltsche zu erzählen:

 

"In einem hellen, freundlichen Wald lebte einmal ein gut gelauntes Mädchen. Es war so alt wie ihr und hieß Doltsche. Eines Tages sagte die Mutter von Doltsche: Mein liebes Kind, sei doch so gut und bringe diesen Korb Himbeeren nach Asten, zum Krämer Eran. Versprich mir aber den Waldweg nicht zu verlassen. Natürlich versprach Doltsche ihrer Mutter dies. Frohen Mutes nahm sie den Korb mit den herrlich duftenden Himbeeren, gab ihrer Mutter noch einen Abschiedskuss und machte sich nach Asten auf. Den ganzen Weg über sang sie liebliche Lieder, pfiff lustige Melodien und war guter Dinge. Am Waldesrand geschah es dann..."

 

"Was denn?" riefen die Kinder neugierig durcheinander.

 

"Sie hörte aus dem Wald einen heiteren Flötengesang, der sie die Mahnung ihrer

Mutter vergessen ließ. Neugierig verließ sie den Waldweg und ging in die Richtung

aus der diese schöne Melodie erklang. Sie hüpfte und sprang über kleine Bäche und Büsche und kam auf einer kleinen Lichtung aus, auf der eine Waldelfengruppe zu herrlichen Melodien tanzte. Mit welcher Anmut und Grazie sich die Elfen zu der Musik bewegten, vermag ich nicht mit Worten zu beschreiben. Fasziniert beobachtete Doltsche die Darbietung. Wie gerne würde sie in den einsetzenden Reigen der Waldelfen mitmachen. Da löste sich auch schon eine junge Waldelfe aus der Gruppe und lud Doltsche ein, mit zu tanzen. Freudig sagte sie zu, stellte ihren Korb ab und stieg in den Reigen ein. Mit ausgelassener Fröhlichkeit stieg das Tempo der Musik an. Immer schneller drehte sich der tanzende Ring, der Doltsche aber zu rasant wurde.

Ihre kurzen Beine konnten der Geschwindigkeit nicht folgen. Sie versuchte aus dem Tanz auszubrechen, doch die Waldelfen ließen ihre Hände nicht los, wie Schellen aus Eisen lagen sie um die Handgelenke der bedauernswerten Doltsche. Sie tanzte nicht mehr, sondern wurde nur noch mitgeschleudert. Die Fröhlichkeit war ihr vergangen, ihre Bitten und Flehen wurden von der lauten Musik übertönt und ihre Schultern sendeten unentwegt schrille Schmerzsignale an ihr Hirn..."

 

"Onkel Rouvasch!" warf Tares tadelnd ein.

 

Mit einem entschuldigenden, entwaffnenden Lächeln sah Rouvasch in seine junge

Zuhörerschaft, die eng aneinander gerückt war. Sein kurzes Räuspern ließ die Kinder ängstlich zusammenzucken, dann erzählte er weiter.

 

"Endlich wurde der Reigen langsamer und langsamer, bis die Musik ganz erstarb.

Verausgabt, aber voller Lebensfreude, fielen sich die Tanzenden lachend in die Arme und umarmten sich herzlich. In diesem Augenblick brachen kleine, hässliche Kobolde aus dem Dickicht. Wild und bedrohlich..."

 

"O N K E L!"

 

"Wedelten sie mit hellen, bunten Blumensträußen umher. Wir wollen mittanzen. Bitte, bitte. Spielt wieder dieses lieblichen Lieder riefen die Kobolde durcheinander und formierten sich zu einem Reigen. Zögernd setzte die Musik wieder ein, gebannt

verfolgten die Elfen die Tanzversuche der Kobolde. Es war ein Bild zum totlachen.

Hölzern und staksig drehten sich die Kobolde im Kreis, manche wollten nach links

drehen, andere nach rechts. Nach ein paar weiteren Takten hatte sich der Reigen

aufgelöst und einen wild lamentierenden Koboldhaufen gebildet. Neugierig näherten

sich die Elfen, um die Streitgespräche der Kobolde besser verstehen zu können,

darauf hatten die Kobolde aber nur gewartet. Sie hatten ihre Freundlichkeit nur

vorgespielt, um näher an die Elfen heranzukommen. Erschrocken blickten die Elfen auf die gefährlich blitzenden, langen Dolche der Kobolde. MACHT SIE NIEDER! schrie der Anführer der Kobolde und die Jagd auf die harmlosen Elfen und Doltsche begann.

Wäre Doltsche doch auf dem Weg geblieben, dann müsste sie nun nicht vor diesem hässlichen, gemein kichernden, mordlüsternen Koboldanführer davonlaufen, der ihrem jungen, unschuldigen Leben..."

 

"OOOOOOONKEL!"

 

"Ein Ende setzen wollte! In panischer Angst floh Doltsche in die Richtung, aus der sie gekommen war. Der blutdürstende Kobold war ihr hart auf den Fersen. Blind vor Gier, waren seine Augen auf Doltsche gerichtet und nicht auf ein auftauchendes Hindernis, den Korb voller Himbeeren. Sein kurzer, schmutziger Fuß landete schmatzend in dem Weidenkorb, nach seinem Gleichgewicht rudernd fiel der Kobold bäuchlings zu Boden und verlor dabei seinen Dolch. Mamas Himbeeren! Das waren Mamas Himbeeren!

Das Geräusch der zertretenen Himbeeren weckte den Kampfgeist in der jungen

Doltsche. Sie floh nicht weiter, sondern stürmte auf den Kobold los, der sich langsam, unter bösen Verfluchungen, aufrappelte. Flugs hatte Doltsche sich den Dolch gegriffen..."

 

"NEIN! Onkel Rouvasch!"

 

"Ihre Augen schrieen nach Rache für die zerquetschten Himbeeren! Der böse Kobold wusste nicht wie ihm geschah. Immer wieder drang sein eigener Dolch in ihn ein und färbte sich koboldblutgrün. Erst als er sich nicht mehr bewegte, ließ sie von ihm ab.

Noch waren die unschuldigen Himbeeren ihrer Mutter nicht gerächt. Wer will noch?

brüllte sie voller Wut den jagenden Kobolden zu. Als diese ihren Anführer tot, in seinem eigenen giftgrünen Lebenssaft, im Gras liegen sahen, ergriffen sie die Flucht..."

 

"D A N K E, Onkel! Wir haben genug!"

 

Überrascht sah Rouvasch in die Augen der Kinder. Wie paralysiert saßen sie vor ihm und schwiegen, nur Tares schaute ihn bitterböse an. "Was ist, Tares? Die Heldin lebt und ich komme gar nicht in der Geschichte vor!" rechtfertigte sich Rouvasch.

 

"Lass nur, Onkel... du wirst nie ein Ersatz für Tante Rouvine werden!" tadelte Tares ihn.

 

"Das weiß ich, das weiß ich! Aber vielleicht möchtest Du Dein damaliges Erlebnis ,

Deine Freunden hier, selbst zu Ende erzählen?" mit einem Schmunzeln verließ

Rouvasch den Raum und ließ eine Tares zurück, bei der nun die Kupfermünze fiel.

Onkel Rouvasch hatte wirklich ihr schlimmstes Erlebnis ein wenig verändert zum

Besten gegeben.

 

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Erstellt: 25.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58