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Der goldene Kompass von Philip Pullman

Reihe: His Dark Materials, Band 1

Rezension von Christel Scheja

 

Nach „Der König von Narnia“ wird ein weiterer Klassiker der phantastischen Jugendliteratur verfilmt, der auch für Erwachsene interessant und spannend sein kann. „His Dark Materials“ hat zwar bei weitem nicht das Alter von C. S. Lewis Epos‘, wurde aber schon im Jahr ihres Erscheinens 1997 zu einem Bestseller, da es dem Autor bereits in „Der goldene Kompass“ gelang, eine für jedes Alter gleichermaßen magische und geheimnisvolle Welt zu erschaffen.

 

In dem alt erwürdigen Coulter-College in Oxford würde man wohl kaum ein junges Mädchen erwarten. Dennoch wächst die elfjährige Lyra dort unter der Obhut eines der Lehrer und der Haushälterin auf. Obwohl sie streng erzogen wird, kann niemand verhindern, dass sie schon bald einen messerscharfen Verstand und klaren Geist voller Fragen entwickelt. Und so wundert sie nicht ohne Grund darüber, dass ihr Onkel Lord Asriel seltsame Dinge zu treiben scheint? Welchen geheimen Forschungen geht er im hohen Norden nach?

Er rät ihr besser zu schweigen und vertraut ihr ein Gerät an, das einem Kompass gleicht, aber keiner ist. Das Mädchen versucht heraus zu bekommen, was es mit dem Artefakt auf sich hat, und so ist sie bald mitten in dem Netz einer dunklen Verschwörung gefangen. Sie gerät in die Fänge der kalten und ehrgeizigen Mrs. Coulter, einer Wissenschaftlerin, die ihren Onkel heraus zu fordern scheint und findet heraus, warum in der letzten Zeit um Oxford herum so viele Kinder aus den armen Schichten verschwinden, ein Schicksal, das auch ihren Jugendfreund Roger getroffen hat. Schuld daran sollen die Gobbler sein.

Ehe Lyra selbst von diesen geheimnisvollen Personen gefangen genommen werden kann, läuft sie davon. Das herumziehende Volk der Gypter nimmt sich ihrer an und versteckt sie vor dem Zugriff der skrupellosen Dame, die intensiv nach ihr suchen lässt, nachdem sie Lord Asriel mit einer heimtückischen Intrige ausgeschaltet hat.

Und Lyra erfährt von den Fahrenden noch mehr: Sie ist enger mit Lord Asriel und Mrs. Coulter verbunden, als sie sich bisher vorstellen konnte und zudem ganz offensichtlich dazu ausersehen ein Verhängnis aufzuhalten, dass genau diese beiden über ihre Welt, nein vieler eng miteinander verbundener Welten, herauf beschwören wollen. Doch wirkliche Klarheit kann sie nur bei den Hexen erlangen, die sich ebenfalls im Hohen Norden und unter dem Polarlicht aufhalten. So verlässt Lyra ihre Heimat, nicht ahnend, dass sie sich damit genau in die Höhle des Löwen und an den Ursprung aller Schatten begibt...

 

Ohne all zu märchenhaft und kindlich zu werden, schildert Philip Pullman eine magische Welt, die unserer zwar ziemlich ähnlich, aber doch anders ist. Technisch und kulturell scheint Lyras Welt irgendwo zwischen dem viktorianischen Zeitalter und den 1930ger Jahren stehen geblieben zu sein, was ihr einen leicht archaischen, aber nicht zu fremden und rückständigen Anstrich gibt. Zauberkraft gehört zu den Menschen dazu und äußert sich vor allem in den Dœmonen, die jeden von der Kindheit bis zum Tod begleiten. Während die der Kinder sich noch verwandeln können, erstarren die der Erwachsenen zu einer festen Gestalt, die als Gefäß der Seele und Ausdruck der Stimmungen zumeist auch ein wenig von der inneren Natur seines Besitzers verrät. Ohne einen Dœmonen kann niemand wirklich lange geistig gesund bleiben. Das Christentum hat nicht die Ausbreitung und Bedeutung erfahren wie in unserer Welt, auch wenn es ziemlich mächtig ist. Aber es existieren immer noch Hexen und sprechende Tiere, die durchaus ihren Anteil an der Handlung haben.

Trotz der ausführlichen Beschreibungen vergisst der Autor nicht, seine Figuren auszuarbeiten und in eine abenteuerliche Handlung zu stürzen. Meint man in Lyra zunächst noch die arme und von allen untergebutterte Waise zu sehen, so belehrt sie den Leser schnell eines besseren. Sie ist eine der aktivsten und listenreichsten Kinderbuchheldinnen, die es gibt, reagiert nicht nur auf das, was ihr passiert, sondern handelt auch selbst. Man merkt nicht, das sie gerade erst einmal elf Jahre alt sein soll, sie wirkt um gut drei bis vier Jahre älter und durchschaut die Ränke der Erwachsenen bereits sehr gut.

Das macht sie zu einer bemerkenswerten Hauptperson, die bis zum Ende die Fäden in der Hand hält und auch nicht wirklich verliert, selbst als man sie ihr im Showdown entreißt. Lyra trägt durch ihre aktive Rolle die Handlung und lässt den Roman niemals langweilig werden. Und ihre Erlebnisse sind längst nicht so simpel. wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Sicherlich werden sich die jugendlichen Leser zunächst an den sprechenden Tieren und magischen Dœmonen erfreuen und bei den Abenteuern mitfiebern, die politische und philosophische Dimension dahinter können allerdings erst Erwachsene in der ganzen Bandbreite erfassen. Denn Philip Pullman spielt auch mit einigen Grundsätzen des christlichen Glaubens, was es spürbar in sich hat.

 

„Der goldene Kompass“ ist damit mehr als nur ein spannendes Märchen oder eine exotische Abenteuergeschichte. Wenn man genau hinsieht, kann man in dem Buch weitaus mehr entdecken.

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Buch:

Der goldene Kompass

His Dark Materials Band 1

Autor: Philip Pullman

broschiert, 412 Seiten

Heyne, erschienen September 2007

ISBN 978-3-453-50307-6

Übersetzung aus dem Englischen von Wolfram Ströle und Andrea Kann

Titelbild von Cliff Nielsen

ab 12 Jahre

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 01.11.2007, zuletzt aktualisiert: 28.10.2019 13:53