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Der Irrtum des großen Zauberers von Johanna und Günter Braun

Rezension von Ralf Steinberg

 

Nach dem Tode Stalins begann das ZK der Partei, exakt und konsequent eine Politik durchzuführen, die darin bestand nachzuweisen, dass es unzulässig und dem Geist des Marxismus-Leninismus fremd ist, eine einzelne Person herauszuheben und sie in eine Art Übermensch mit übernatürlichen, gottähnlichen Eigenschaften zu verwandeln. Dieser Mensch weiß angeblich alles, sieht alles, denkt für alle, vermag alles zu tun, ist unfehlbar in seinem Handeln.

Rede von Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU am 25. Februar 1956, erstmals veröffentlicht in Iswestija, 1989, Nr. 3, S. 128-170.

 

Ihr Debüt im Phantastik-Bereich gaben die Brauns 1972, der genaue Umfang des Stalin-Kultes war noch lange nicht bekannt geworden, die o.g. Rede unveröffentlicht, die DDR auf einem politischen Höhepunkt. Das Viermächteabkommen beschert dem sozialistischen Staat eine erste internationale Anerkennung und Erich Honecker verspricht seinen Bürgern wirtschaftliche und soziale Verbesserungen, nachdem er unter heftigem Streit seinen politischen Ziehvater innerhalb der Partei, Walter Ulbricht, als SED-Chef ablöste und nicht zuletzt steckte der Prager Frühling allen Intellektuellen tief in den Knochen.

Dieser Hintergrund ist in sofern wichtig, als das „Der Irrtum des großen Zauberers“ in erster Linie eine ironische Parabel auf das gesellschaftliche Leben der DDR darstellt.

Im utopischen Land Plikato hat sich ein Herrscher mit Hilfe von blödmachenden Birnen einen totalitären Staat geschaffen. Dieser Multi Multiplikato will alle Menschen durch Maschinen ersetzen lassen, die er für zuverlässiger und besser hält.

In diesem Land lebt Oliver Input, der eines Tages beschließt, seine Birne nicht mehr zu essen und die drei letzten Bücher aus der Schule klaut, um sie zu lesen, was natürlich strengstens verboten ist.

Mit dem Wissen aus den drei Nachschlagewerken kommt er auf die Idee, Affen in die Schule zu locken. Bei seiner Heldentat wird er von einem Fremden aus der Hauptstadt Integral beobachtet und justamente zum ersten Schüler der kybernetischen Akademie auserwählt um dereinst Erbe und Nachfolger des Landesvaters Multi Multiplikato zu werden.

Doch Oliver Input ist neben zunehmender Technikbegeisterung in erster Linie Anarchist, der aus kindlicher Naivität heraus seine Umgebung kritisch beobachtet und sich sein Wertesystem nicht von anderen aufzwängen lässt. Nicht ganz unwesentlichen Einfluss hat dabei natürlich ein Mädchen, das er in einem Restaurant unter dem Tisch kennenlernt.

Je tiefer er in den Dunstkreis seines Ziehvaters gerät, um so dringender wird in ihm der Wunsch, dessen Diktatur zu beenden, nicht gerade um die Welt zu retten, ein Kuss von Naida würde ihm schon reichen. Und so kommt es zu einer gemächlichen Palastrevolution, in der es um Maschinen, Birnen und letztendlich auch um Särge geht.

Aus heutiger Sicht ließt sich „Der Irrtum des großen Zauberers“ wie ein deutlicher Rundumschlag auf Diktatur und Personenkult, aber auch auf maschinelle Automatisierung und Verblödung der Menschen durch Drogen und Entertainment.

Oliver Input spielt dabei ein Regulativ, das das System von innen heraus zerbrechen soll. Doch ist der Zerfall des Birnenstaates Plikato ein erstaunlich weitsichtig beschriebener Prozess. Als Multi Multiplikato dem von Oliver Input eingeflüstertem Wahn verfällt, in jeder Sache der Größte werden zu wollen, und die Anschaffung neuer Maschinen immer mehr Geld verschlingt, bricht das Wirtschaftssystem langsam zusammen. Der eilig eingestellte menschliche Finanzexperte lässt, um die Kosten durch Birnenexporte bezahlen zu können, die Bevölkerung Plikatos von der Birnenversorgung ausschließen. Und plötzlich wachen die Leute wieder auf, ihr birnenvermanschtes Hirn beginnt zu denken und unbemerkt vom besessenen und abgeschotteten Multiplikato ändert sich das Land, nehmen es die Menschen in ihre eigenen Hände.

Somit ist der Ausgang glücklich. Die Hoffnungslosigkeit von Orwells „1984“ gehen die Brauns nicht mit. Man kann durchaus vermuten, dass sie den Menschen tatsächlich zutrauen, die Diktatur zu beenden. Obwohl Oliver Input als Prinz seinen Teil beiträgt, hat sich das System letztendlich selbst zerstört und der größere Teil der Veränderungen geht auf das Volk zurück.

Diese erstaunliche Parallele zum Untergang der DDR macht aus diesem Buch im Nachhinein mehr als eine spinnerte Parabel. Johanna und Günter Braun waren nie Freunde einfacher Science Fiction Geschichten. Durch ihre Lösung von der Realität, der Aufweichung formaler Wahrheiten, geben sie ihren Figuren nicht nur die Möglichkeit Grenzen zu übertreten, oder die normalen Absonderlichkeiten abzuschütteln, den Brauns gelingt es auch diese Surrealität immer auch als Spiegel der Gegenwart aufzustellen, in der Handelnde und Komparsen zu Ebenbildern werden. Dicht dran und doch einen Hauch daneben. Eine Kunst, die mir einzigartig in der deutschen SF zu sein scheint.

 

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Eure Meinung:

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Anzeige: 1 - 3 von 3.

Andreas
Freitag, 19. Februar 2010 19:25 Uhr
Das Lieblingsbuch meiner frühen Jugend - heute bin ich Mathematiker und wohl auch Anarchist

holmol
Montag, 04. Mai 2009 21:24 Uhr
Ein brillianter Roman, schade dass es von ihm keine Neuauflage gibt. Gerade in der heutigen Zeit gewinnt er immer mehr an Wichtigkeit.

Chloro Nostal
Donnerstag, 16. April 2009 02:30 Uhr
Bis auf einen kleinen Fehler ausgezeichnet rezensiert...
Ich verstehe bis heute nicht warum diese beiden Ausnahmeschriftsteller nicht die Anerkennung und den Ruhm bekommen den sie verdienen.
Ich verehre die Beiden und durchwühle jedes Antiquariat nach Büchern die ich noch nicht mein eigen nennen darf...

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Der Irrtum des großen Zaubers

Johanna und Günter Braun

Verlag Neues Leben Berlin, 1972

Einband: Uwe Drechsler

Illustrationen: Ruth Knorr

Weitere Infos:


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Erstellt: 09.01.2006, zuletzt aktualisiert: 24.07.2020 15:25