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Leseprobe: Der Preis des Lebens

von Christian Endres

 

II: Wölfe im Nebel

 

 

»Mach schon, Kätzchen!«

Das Einzige, was Narija in Folge dieser rauen Aufforderung machte, war kopfschüttelnd ein Schritt nach hinten. Jeder Grashalm, den sie zwischen sich und den stämmigen Glatzkopf brachte, war ein gewonnenes Stück Freiheit.

Andererseits war es mit ihrer Freiheit vielleicht schon vorbei gewesen, als die Schatten der beiden Männer kurz zuvor unversehens auf sie und ihren Korb gefallen waren ...

»Jetzt stell dich nicht so an!« Das tiefe Brummen des Hünen hinderte Narijas Gedanken am Abschweifen. »Komm schon. Wir wissen doch beide, dass du auf stramme Burschen stehst.« Bei diesen Worten nickte er in Richtung seines Gefährten, eines kleinen, wieselgesichtigen Mannes mit unstetem Blick, der mit vor der Brust verschränkten Armen und breitem Grinsen ein paar Schritt hinter Narija stand und ihr den Weg abschnitt. »Wir können Ruyc auch wegschicken«, schlug der Glatzkopf Narija plötzlich vor. »Verpiss dich, Ruyc!«, rief er dann gut gelaunt. »Die Kleine will nichts von dir.«

»Vielleicht will sie auch nichts von dir, Langer«, versetzte das Wieselgesicht. »Was an deinem Mundgeruch liegen dürfte.«

»Ich will von euch beiden nichts«, murmelte Narija da mit der brüchigen, halb erstickten Stimme der Verzweiflung.

Diban sprang so rasch nach vorn, dass Narija keine Gelegenheit hatte, der Ohrfeige auszuweichen. Die schwielige Hand des Söldners klatschte laut auf ihre Wange. Narija schrie entsetzt auf, taumelte zurück, stolperte und landete unsanft auf dem Hintern. Vor ihren Augen tanzten bunte Lichter, Übelkeit stieg in ihr hoch.

Diban spuckte zur Seite aus.

»So nicht, Miststück!«

»Was für ein Grobian«, höhnte Ruyc kopfschüttelnd. Er ging vor Narija in die Hocke und lächelte wie ein guter Onkel. »Komm schon, Kleines. Wir lassen den Langen einfach hier stehen und machen es uns hinter dem Busch da gemütlich, mh? Nur du und ich, Täubchen. Wie klingt das?«

Narija kroch benommen ein Stück von Ruyc fort, sodass sie nun auf halber Strecke zwischen den beiden Männern im Gras kauerte. Doch Ruyc ließ nicht locker.

Mit ausgestreckten Armen schoss er auf Narija zu ...

Narijas spitzer Schrei wandelte sich zu einem panischen Kreischen, als Ruyc sie grob an den Ellenbogen nach oben riss und so nahe an sich heran zog, dass sie seinen Atem warm im Gesicht spüren konnte. Narija wehrte sich nach Leibeskräften und wand sich wie ein Aal im Griff des kleinwüchsigen Mannes. Dabei traf ihr rechter Fuß irgendwie Ruycs Schienbein. Diese kleine Ablenkung genügte Narija bereits - wer mit einem vier Jahre älteren Bruder aufgewachsen war, hatte einige Erfahrung in Rangeleien mit stärkeren Gegnern und wusste, schon kleine Vorteile zu nutzen: Also entriss sie dem für den Moment unaufmerksamen Söldner einen ihrer Arme und krallte die langen Fingernägel in Ruycs Wange.

Ruycs Rattenaugen blitzen vor Zorn und Schmerz, als er Narija daraufhin heftig von sich stieß, knurrend ausholte und ihr mit der geballten Faust mitten ins Gesicht schlug. Narija wirbelte um die eigene Achse und fiel zum zweiten Mal wie betäubt ins Gras – mit dem Unterschied, dass ihr diesmal die Sinne fast augenblicklich schwanden.

»Schlampe!«, schnappte Ruyc giftig und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Auf seiner stoppeligen Wange zeichneten sich fünf hässlich rote Striemen ab.

»Mach das kleine Biest fertig, Ruyc.« Unverhohlene Schadenfreude erhellte Dibans grobe Züge. »Wir müssen zurück. Am Ende erwischt uns sonst noch einer der Späher. Du weißt ja, wie Wambarc ist, wenn er was vorhat.«

Dibans Stimme drang nur wie aus weiter Ferne zu Narija. Die wattierte, dumpfe Schwärze um sie herum schien nicht nur jedes Bild, sondern auch jedes Geräusch zu verschlucken.

»Hab die Kleine gleich so weit, Langer.« Trotz des Schleiers konnte Narija die kalte Wut in Ruycs Stimme hören - gefolgt vom leicht schabenden Geräusch einer Dolchklinge, die aus einer harten Lederscheide fuhr.

»Vorher stutzen wir dem Kätzchen aber noch die Krallen.«

Noch einmal Ruycs kalte, hasserfüllte Stimme.

Danach erst einmal vollkommene Schwärze.

 

*

 

»Diban!«

Erst Ruycs panikerfüllter Schrei drang wieder klar und deutlich zu Narija durch. Ihm folgten neben einem Zischen ein widerliches Schmatzen und ein dumpfer Aufschlag, als etwas unmittelbar neben Narija zu Boden ging und die Erde erbeben ließ. Blinzelnd öffnete die junge Frau die Augen ...

Und starrte direkt in Ruycs hässliches Wieselgesicht, dessen Nase fast die ihre berührte.

Narija rollte mit einem Schrei herum. Ohne auf das Schwindelgefühl hinter ihrer Stirn zu achten, sprang sie unsicher auf die Füße und rannte blindlings los.

Sie kam nicht weit. Nach zwei Schritten taumelte sie bereits und wäre abermals der Länge nach ins Gras gefallen, wenn nicht zwei starke Hände nach ihr gegriffen hätten.

»Ich will dir nichts tun, Mädchen«, sagte eine raue Männerstimme direkt an ihrem Ohr, als Narija sich halbherzig gegen den festen Griff zur Wehr setzte. Es war eine tiefe, rauchige Stimme, fast ein finsteres Grollen. Allerdings gehörte sie keinem der beiden Söldner - woraufhin so etwas wie Hoffnung in Narijas Herzen aufkeimen wollte. Stand da etwa ein wohlgesinnter Retter hinter ihr, der sie aus den Klauen der beiden Unholde befreit hatte? Sofort trübte sich das Bild aber wieder. Denn was, wenn sie nur vom Regen in die Traufe gekommen war und dies nur ein weiterer Lump sein sollte? So oder so: Sie musste sich Gewissheit verschaffen.

Also nahm sie all ihren verbliebenen Mut zusammen und drehte sich ganz langsam zu ihrem vermeintlichen Retter um.

Und schrak erneut zurück.

Vor ihr stand ein Mann, dessen Alter sie nur schwer schätzen konnte, da sein markantes Gesicht von einem Netz hauchdünner, blasser Narben überzogen war, die ihn fraglos um einiges älter erscheinen ließen, als es ohne sie der Fall gewesen wäre. Auch waren sein im Nacken streng zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebundenes glattes Haar und der sauber gestutzte Kinnbart bereits grau, obwohl Haltung und Ausstrahlung des Kriegers Kraft und Sicherheit verrieten.

Narijas Blick huschte über die Rüstung des Fremden.

Schwarz wie Pech, ein ärmelloser Brustpanzer aus dickem Leder, Arm- und Beinschienen aus schwarzem Metall, die faltigen Beinkleider aus demselben robusten Leder wie Stiefel und Handschuhe. Das Auffälligste an der Rüstung waren jedoch vier Dornen, die aus der eisernen Schulterpanzerung des Mannes ragten - der Kleinste so lang wie Narijas Daumen, der Größte etwas kürzer als ihr Ringfinger.

Ein Jagam!

Narija machte große Augen. Selbst in ihrem Dorf hatte man schon Geschichten über die Krieger der Kirche gehört - über diese gnadenlosen Jäger des Bösen und furchtlosen Kämpfer im Angesicht der allgegenwärtigen Finsternis.

Narija starrte auf das Schwert in der Hand des Jagam, eine schmucklose Waffe mit schmaler Parierstange. Die junge Frau hielt den Atem an, als sie die dunkelroten Perlen bemerkte, die von der gesenkten Klinge ins Gras tropften. Dennoch konnte Narija nicht anders, als der dunkelroten Spur im Grün mit unsicherem Blick zu folgen. Sie endete bereits nach nicht ganz drei Metern - und zwar in Ruycs lebloser Gestalt, die hinter dem narbengesichtigen Krieger der Kirche bäuchlings im Gras lag, eine klaffende Wunde in der Seite.

Narijas Gegenüber registrierte ihren angewiderten Blick, wischte seine Klinge bedächtig im Moos ab und steckte sie mit geübter Geschicklichkeit in ein Waffengehänge am Rücken, wo bereits eine Streitaxt überkreuzt im Futteral wartete.

»Er wird dir nichts mehr tun«, erklärte der Fremde unnötigerweise und wollte dem anscheinend noch etwas hinzufügen, als er von einer zweiten Stimme unterbrochen wurde, die irgendwo hinter Narija ertönte:

»Willst du wieder mal den ganzen Ruhm für dich allein einheimsen?«

Der Jagam gab ein genervtes Grunzen zur Antwort und stapfte ohne ein weiteres Wort an Narija vorbei in Richtung der neuen Stimme. Narija schaute ihm verwirrt nach, sodass sie nun auch einen Blick auf den Besitzer jener zweiten Stimme erhaschte.

Lediglich ein paar Meter entfernt stand ein gut aussehender Mann über der Leiche des anderen Söldners. Er hielt so etwas wie ein dünnes Schwert mit ausgefallenem, verbogenem Griff in der Hand, das er gerade am Wams des Glatzkopfes abputzte. Seine langen schwarzen Haare hatte er ebenso wie der Gerüstete im Nacken zusammengebunden, wenngleich sein Zopf länger und etwas weniger streng gebunden war als der des Jagam. Im Gegensatz zu seinem Gefährten trug er auch keine Rüstung, sondern ein eng anliegendes Hemd aus dunkelgrünem Tuch, schwarze Beinkleider und kniehohe Reitstiefel. Ein Großteil seiner hochgewachsenen Gestalt wurde zudem von einem langen schwarzen Umhang verhüllt, der sich wie ein Mantel um ihn schmiegte.

Einen deutlichen Kontrast zu all dem bildete die Hautfarbe des Mannes. Narija hätte darauf gewettet, dass ihn irgendein schwindsüchtiges Leiden plagte. Doch die stechenden, wachsamen Augen passten genauso wenig zu einem Kranken, wie die Ausstrahlung des grauhaarigen Kriegers mit den Narben zuvor zu einem gebrechlichen, ausgemergelten Alten.

Der blasse Mann bemerkte Narijas neugierigen Blick und schenkte ihr ein unerwartet freundliches Lächeln.

Narijas ohnehin schon äußerst zaghafte Erwiderung gefror ihr jedoch auf dem Weg zu den geschwollenen Lippen.

Immerhin starrte sie nun geradewegs auf zwei lange, spitze Eckzähne.

Ein Vampir!, schoss es ihr noch durch den Kopf, ehe sie die Augen verdrehte und an Ort und Stelle erneut zusammenklappte.

 

 

2.

 

 

Eine ganze Weile starrten die beiden Männer schweigend auf das bewusstlose Mädchen hinab.

Dann sahen sie einander mit zunächst ausdruckslosen Mienen ins Gesicht. Schließlich schnitt der Krieger eine Grimasse.

»Hoffentlich bist du dir deiner Wirkung auf Frauen bewusst, Scharfzahn«, ächzte Lorn und strich sich mit der behandschuhten Rechten sichtlich genervt über den Bart.

»Was kann ich dafür, dass alle Welt immer einen Prinzen in weißer Rüstung erwartet?«, fragte Visco zerknirscht. Sein Ego vertrug es nicht sonderlich gut, wenn Frauen bei seinem Anblick erschrocken in Ohnmacht fielen. »Ich heb sie eben nicht auf meinen Schimmel, um mit ihnen dem Sonnenuntergang entgegenzureiten. Na und? Ist das ein Verbrechen? Oder ein Grund, gleich ohnmächtig zu werden?« Leise murmelnd meinte er zu sich selbst: »Ich brauch ein weißes Pferd, verdammt. Und eine Krone. Grmpf.«

»Reg dich ab«, meinte Lorn gleichgültig.

Visco schob streitlustig das Kinn vor. Ihn erregten solche Dinge weit mehr als seinen Partner.

»Wahrscheinlich hat die Kleine es einfach nicht ertragen, einem so gut aussehenden Mann wie mir zu begegnen«, murmelte der geläuterte Vampir verschnupft. »Kein Wunder, wenn sie vorher nur dich und die beiden Kerle da gesehen hat. Eine Art Kulturschock, wenn du verstehst?« Visco überging Lorns verächtliches Schnauben und fuhr ungemindert großspurig fort: »Und du bist ja sowieso nur neidisch! Ich hab genau gesehen, dass du zwei Hiebe gebraucht hast, um mit dem kleinen Frettchen da hinten fertig zu werden, während ich den fetten Ochsen mit einem einzigen, äußerst eleganten Streich erledigt habe, wenn ich das einmal so sagen darf.«

Visco wusste genauso gut wie Lorn, dass der erste Hieb notwendig gewesen war, um das Wiesel zu entwaffnen, damit der Kerl dem Mädchen nicht noch im Fallen irgendwie die Klinge in den Leib hätte stoßen können. Lorn ignorierte daher Viscos selbstgefälliges Grinsen, das inzwischen wieder zwei gleichmäßige Reihen perlweißer Zähne zur Schau stellte - nachdem der Adrenalinstoß des Kampfes abgeklungen war, bildeten sich die Eckzähne recht schnell wieder zurück - und trat zu den Leichen der Söldner. Visco ging zwischenzeitlich neben der jungen Frau in die Hocke. Seine schlanken, fahlen Finger strichen zärtlich über ihre geschwollene Wange und berührten flüchtig die aufgeplatzte, blutige Lippe.

Lorn warf seinem Gefährten einen warnenden Blick zu, ehe er sich daran machte, die Taschen der beiden Söldner zu durchsuchen. Außer einer Handvoll Kupfermünzen und einem weiteren schlecht geschliffenen Dolch im Gürtel des Wiesels fand er jedoch nichts von Wert. Er steckte die Kupfermünzen ein und warf den Dolch achtlos ins Gebüsch.

Als er sich anschließend wieder Visco und der Kleinen zuwandte, kauerte der Vampir immer noch neben dem Mädchen und strich ihr liebevoll durch das haselnussbraune Haar.

»Wir müssen weiter«, knurrte der Jagam ungeduldig.

Visco sah zu Lorn auf. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich schlagartig. »Du willst sie hier zurücklassen, nicht wahr?«, fragte er leise, halb wütend, halb enttäuscht.

Lorn zuckte vielsagend mit den dornengekrönten Schultern.

Visco schüttelte den Kopf. »Manchmal bist du wirklich ein herzloser Bastard, Lorn«, meinte er abfällig.

Der Jagam zuckte erneut mit den Schultern. »Das ändert nichts daran, dass wir sie nicht mitnehmen können.«

»Warum nicht?«

»Weil es uns Zeit kostet. Und weil ich es nicht möchte.«

»Oh. Na dann.« Visco neigte das Haupt und hob entschuldigend die Hand. »Ich bitte vielmals um Verzeihung, Hochwohlgeboren mit meiner Frage beleidigt zu haben.« Der Vampir ballte die Faust und fuhr mit einer energischen Handbewegung durch die Luft. »Verdammt, Lorn! Willst du sie einfach hier liegen lassen? Damit der nächste Bandit kommt und weiter macht, wo die anderen beiden aufgehört haben? Oder damit ein Bär sie anknabbert? Dann hätten wir sie gleich den beiden da überlassen und uns die ganze Mühe sparen können.«

Die feinen Narben um Augen und Mund des Jagam spannten sich. »Wäre es nach mir gegangen, wären wir auch einfach weiter geritten. Dann würden wir uns jetzt auch nicht über den Verbleib irgendeines Bauernmädchens zanken.«

»Warten wir wenigstens, bis sie aufwacht«, entgegnete Visco unbeeindruckt. »Dann können wir sie in ihrem Dorf abliefern, bevor wir zum Fluss weiterreiten.«

Lorn seufzte. Er wusste, wann Gespräche dieser Art mit Visco DeRàul keinen Sinn hatten.

»Also schön.« So etwas wie ein sterbendes Lächeln huschte über Lorns Gesicht. »Und da du deine Finger ja anscheinend nicht von ihr lassen kannst, darfst du sie auch allein zu den Pferden tragen.« Damit verschwand der Nachtjäger wie ein schwarzer Geist zwischen den Büschen und Bäumen.

»Aber mit Vergnügen«, murmelte Visco sanft lächelnd und lud sich die junge Frau ohne große Mühe auf die Arme.

 

*

 

Svergo rannte schnell wie ein Pfeil durch den Wald.

Äste rissen sein Wams auf, ritzten seine Haut und schlugen wie dornige Peitschen nach seinem Gesicht, während Wurzeln nach seinen Füßen griffen und Mooskissen zu gefährlichen Stolperfallen wurden. Es schien dem jungen Kesselflicker fast, als hätte der Wald selbst etwas gegen seine Flucht.

Hinter sich hörte Svergo die Stimmen seiner Verfolger, die einander Kommandos zubellten oder üble Verwünschungen ausstießen, wenn auch sie mit den Unzulänglichkeiten des unebenen Waldbodens und seiner Auswüchse zu kämpfen hatten.

Söldner!, dachte Svergo nicht zum ersten Mal verzweifelt und spürte, wie sein wild hämmerndes Herz einen Satz machte. Er wusste, dass es darauf ankam, die Meute irgendwo im Wald abzuhängen und dann so schnell wie möglich einen Bogen zu schlagen und zum Dorf zu gelangen. Vielleicht würde der aufkommende Nebel ihm bei seiner Flucht helfen, damit er Egemunde rechtzeitig erreichen und die anderen warnen könnte.

Durch Zufall war Svergo auf das Lager der Söldner gestoßen, wo er prompt einem der Männer in die Arme gelaufen war, der sich irgendwo in der Nähe erleichtert hatte. Svergo hatte sich Dank der Unpässlichkeit des Mannes, der immer noch an seiner Hose herumgefummelt hatte, in die Büsche schlagen können, doch hatte es nicht lange gedauert, bis der Söldner seine Kameraden mit lauten Rufen alarmiert gehabt hatte und ein Teil der Truppe wie eine Rotte Jagdhunde mit blank gezogenen Waffen hinter Svergo hergerannt war.

Seit einer Viertelstunde hetzten sie Svergo nun schon wie ein Stück Wild durch den Wald. Bisher hatte er es nur seiner überlegenen Ortskenntnis zu verdanken, dass die Männer ihn nicht schon längst erwischt hatten - dem jungen Kesselflicker war jede Senke vertraut, wohingegen die Söldner bereitwillig in jede Bodenmulde stolperten, die sich ihnen auf dem unebenen Waldboden darbot. Dennoch wusste Svergo, dass er in diesem Wettlauf nicht mehr lange bestehen würde. Es waren einfach zu viele Häscher, und irgendwann würden sie ihn wie einen Hirsch bei einer Treibjagd in die Enge gehetzt haben.

Kaum dass sich dieser bittere Gedanke in seinem Kopf niedergelassen hatte, rutschte sein Fuß in einer Schlammpfütze zur Seite; Svergo knickte um und fiel der Länge nach in den Matsch. Fluchend stemmte der junge Mann sich auf alle Viere, um sich so schnell wie möglich wieder aufzurichten und seine Flucht fortzusetzen.

Als er hinter einem struppigen Busch zu seiner Linken jedoch das stapfende Geräusch schwerer Stiefel vernahm, erstarrte er wie ein Kaninchen und hielt gebannt den Atem an.

»Da ist er!«

Svergo hatte nicht einmal mehr die Zeit, beim Klang dieser schroffen Stimme über ihm zusammenzuzucken, da dem Ausruf beinahe auf dem Fuße ein unheilvolles Zischen folgte.

Bereits einen Herzschlag später war es nur noch Svergos Kopf, der seine Flucht rollend fortsetzte, bis auch er schließlich von einer krummen Baumwurzel gestoppt wurde und in einer schlammigen Pfütze liegen blieb, die sich schnell zu einer schmutzigen rotbraunen Schliere verfärbte.

Unter rauem Gelächter kehrten die Söldner zu ihrem provisorisches Lager zurück, um ihren Kameraden vom Ausgang der lustigen Treibjagd auf den Bauerntölpel zu berichten.

Und natürlich, um den Angriff auf das Dorf vorzubereiten.

 

*

 

Lorn und Visco standen im Schatten eines mit Fichten und Tannen bewachsenen Hanges. Hinter ihnen lag der Eingang zu einer kleinen Höhle, in deren Innerem Visco der bewusstlosen jungen Frau ein Deckenlager bereitet hatte.

Dort lag das Mädchen mit gleichmäßig gehendem Atem und erholte sich von den Schrecken des Nachmittags, während Lorn und Visco vor der Höhle saßen und sich zankten: Im Moment exzessiv über das Beschaffen von Feuerholz, generell aber über den Umstand, dass Lorn nach wie vor stinksauer war, da sie wegen Viscos Starrsinn nun tatenlos hier herum saßen und darauf warten mussten, dass das Mädchen endlich aufwachte.

»Du hast sie angeschleppt. Also wirst du auch dafür sorgen, dass sie es warm hat.« Lorn verschränkte die Arme vor der Brust. »Oder denkst du allen Ernstes, dass ich deinen Herzensdamen nun schon Feuerholz besorge?«

Visco seufzte. »Wieso nimmst du’s mir eigentlich so übel, dass ich ihr helfen möchte? Selbst für dich sollte so was normal sein. Das gebietet allein schon die Menschlichkeit.«

»Menschlichkeit? Und das aus deinem Mund?«

»Du weißt, dass du mich damit nicht mehr treffen kannst«, entgegnete Visco ernst. Er straffte die Schultern und deutete in die Höhle. »Ich werde jedenfalls hier sein, wenn die Kleine erwacht.« Sein ernster Tonfall verlor seine Wirkung, als er zum Ende hin eine Spur zu dick auftrug: »Dieser Dame muss bewiesen werden, dass ich kein Monster bin!«

»Am besten sagst du ihr, dass du seit mindestens hundertfünfzig Jahren tot sein müsstest«, schlug Lorn trocken vor.

»Du bist einfach geschmacklos.«

»Dein Glück. Andernfalls wäre ich nicht mit dir unterwegs.«

»Ja, was hab ich für ein unverschämtes Glück«, murmelte Visco und schenkte Lorn anschließend ein aufgeschlossenes Lächeln. »Also - wann gehst du jetzt Feuerholz sammeln? Es wird bald dunkel.«

Lorn ignorierte den Vampir und stapfte ohne ein weiteres Wort in die Höhle.

»Gut, dass wir drüber geredet haben«, seufzte Visco und schlenderte lustlos in die andere Richtung davon, um den Waldboden nach Ästen und Hölzern abzusuchen.

 

*

 

Mit den letzten Strahlen der hinter den Bäumen versinkenden Sonne erreichte Bork die Palisade aus grob bearbeiteten Baumstämmen, die Egemunde in erster Linie vor wilden Tieren schützen sollte. Gut anderthalb Manneslängen hohe Stämme umgaben das kleine Dorf, in das nur ein großes, von einer turmähnlichen Plattform überdachtes Tor und eine versteckte Tür an der Nordseite der Palisade Einlass boten. Jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit standen die Männer Egemundes in festgelegten Schichten auf dem Wehrgang und spähten in die Nacht hinaus, um den Frieden und die Sicherheit ihrer schlafenden Mitmenschen zu sichern.

An diesem Abend war es kalt und ungemütlich auf Egemundes hölzernem Schutzwall, die Stimmung ungewohnt angespannt. Das lag zum einen an den Nebelschwaden, die aus dem Wald in Richtung Dorf zogen und alles, was sie mit ihren geisterhaften Fingern berührten, in milchige Schleier tauchten; zum anderen lag es aber auch an dem Besuch eines fahrenden Händlers am Nachmittag und dem, was der rundliche Mann zu erzählen gehabt hatte.

Der Kaufmann war mit seinem von einem struppigen Maultier gezogenen Karren nach Egemunde gekommen und hatte in der Dorfmitte zwei Stunden lang gesalzene Heringe, geräucherten Seelachs, Haarspangen aus Fischbein und kleine Fässchen mit Talg und Tran verkauft, ehe er im einzigen Gasthaus des Dorfes gegessen hatte, wo sich schnell eine kleine Menschenmenge um den Tisch des dicken Fremden bildete.

In der Folge war der fahrende Händler den neugierigen Egemundern nichts schuldig geblieben und belohnte ihr Interesse an seiner Person mit allerhand Neuigkeiten. Mitunter berichtete er von einem wilden Trupp Söldner, der seit einiger Zeit die Gegend auf dieser Seite des Flusses unsicher machte. Von ihrem letzten Auftraggeber in einem Nachbarschaftskrieg zwischen zwei Herzögen um den Sold geprellt, hatten die Söldner in den letzten Wochen nicht nur beide Herzogtümer geplündert, sondern weitere drei Dörfer und vier Weiler im Umland überfallen und gebrandschatzt.

Hiras, der Wirt des Singenden Gockel, hatte dem Kaufmann für diese Information gedankt und ihm das Mittagessen geschenkt, nur um nach der eiligen Verabschiedung des Händlers zusammen mit einer Schar anderer besorgter Männer sogleich zu Bürgermeister Flanks Hof zu eilen.

Noch ehe der nach Fisch stinkende Karren des Händlers aus dem Tor geholpert war, beschloss man in einer spontanen Versammlung im Gockel, die Wachen auf der Palisade in nächster Zeit zu verdoppeln – natürlich nur für den Fall.

Das brachte zwar ein gewisses Gefühl der Sicherheit, änderte aber nichts an der angespannten Stimmung, die Bork entgegenschlug, als er die Leiter zum Wehrgang hinaufstieg

Er grüßte die anderen, die sich bereits dort eingefunden hatten, und stampfte ein paar Mal mit den Füßen auf, um die Kälte und das taube Gefühl aus den Beinen zu vertreiben.

»Wird eine kalte Nacht, was?«, fragte er laut.

»Kalt und klamm«, bestätigte Fugar und stellte demonstrativ den Schafsfellkragen seiner Lederweste nach oben. Neben dem Schmied stand ein schwerer Hammer an der Palisade, den er nur dann in der Schmiede zurückließ, wenn er in die Kirche ging.

»Aye.« Bork stellte seinen Eschenholzbogen und den Pfeilköcher neben Fugars Hammer, um die kalten Hände aneinander reiben zu können. »Vor allem kalt.«

»Habt ihr Svergo heute schon gesehen?«, fragte Norbam da plötzlich. Der Schweinehirt strich sich nervös über den Schnurrbart und blickte in Richtung des Turms über dem Tor.

»Glaub nich«, brummte Fugar. »Wieso?«

»Er müsste heute überm Tor Wache halten. Aber ich kann da drüben niemanden sehen.«

»Hm. Seltsam.« Bork spähte ebenfalls angestrengt in Richtung des kastenförmigen Aufbaus über dem Tor.

Svergo war eigentlich ein zuverlässiger Geselle, allen im Dorf als sauber arbeitender Gehilfe von Tomash dem Kesselflicker bekannt. Der Junge würde seinen Posten nicht ohne triftigen Grund vernachlässigen - nicht einmal für Lilis, mit der er in letzter Zeit öfter im Wald gesehen worden war. »Ich übernehme dort oben, bis er kommt«, erklärte Bork kurzerhand, griff wieder nach Bogen und Köcher und stieg geschickt die kurze schräge Trittleiter hinauf, um den höchsten und breitesten Abschnitt des Wehrganges zu erklimmen. Von hier oben konnte er wie die anderen auch den Waldrand im Auge behalten, hatte durch schmale Ritzen im Boden aber auch einen Blick auf das mit einem schweren Balken von innen verriegelte Tor, über das die Plattform wie ein kompakter Turm wachte.

Der Nebel verdichtete sich, was unter den Männern für noch mehr Nervosität sorgte.

Bork hörte Fugars tiefe Stimme durch die immer trüber werdenden Schwaden hallen. »Dieser nach Fisch stinkende Fettsack mit seinen Geschichten hat uns gerade noch gefehlt! Und dazu auch noch dieser verfluchte Nebel!«

»Reg dich ab, Fugar«, erklang eine andere Stimme, der ein kurzes Aufglühen im Nebel folgte.

Dick, folgerte Bork, als er den Schuster an seiner allgegenwärtigen Pfeife erkannte.

»Der Nebel tut dir nichts. Und das andere Dorf war vier Tagesmärsche entfernt. Außerdem hat der Kaufmann gesagt, dass die Kerle schutzlose Dörfer angreifen. Und wir sind vieles, aber sicher nicht schutzlos.«

Bork hörte, wie Dick mit der Pfeife auf die Palisade klopfte. Fugar brummte etwas Unverständliches zur Antwort.

»Svergo schon da?«, rief der Schmied nach einer Weile zu Bork hinüber. Seine Stimme hallte seltsam nach.

»Er treibt sich bestimmt wieder bei deiner Tochter rum, Dick«, stichelte Norbam.

»Oder bei deiner Frau«, versetzte Fugar und kam damit Dicks Antwort zuvor. »Heute ist kein Tag für schlechte Scherze, Norbam«, schloss der Schmied ernst.

Zustimmendes Gemurmel ertönte von allen Seiten.

Auch Bork nickte. »Ekelhafte Suppe«, grummelte der junge Jäger leise und spähte in Richtung Waldrand.

Eine flüchtige Bewegung zwischen den Bäumen erregte seine Aufmerksamkeit. Sofort richtete er sich auf und kniff die Augen zusammen. Wieder nahm er eine Bewegung wahr. Ehe er jedoch Genaueres erkennen konnte, trieb eine Nebelbank in sein Sichtfeld und schnitt ihn förmlich von der Außenwelt ab. Jetzt sah er so gut wie gar nichts mehr - nicht einmal mehr die restlichen Abschnitte der Palisade, geschweige denn den Waldrand. Einzig und allein Dicks Pfeife glomm irgendwo schwach im trüben Grau zu seiner Linken.

Die Aussichtsplattform über dem Tor kam Bork nun wie eine einsame Insel in einem Meer aus kratziger Wolle vor. Kalter Schweiß perlte plötzlich auf seiner Stirn. Einmal mehr glaubte er, eine schattenhafte Bewegung in den dichten Schwaden am Waldrand zu sehen, doch war er sich wieder nicht ganz sicher. Er überlegte fieberhaft, ob ihm seine Augen einen Streich spielten oder ob er dort wirklich mehrere Schattengestalten durch den Nebel huschen sah.

Dann erinnerte er sich an die Worte von Bürgermeister Flank am Nachmittag: Seid wachsam. Gebt lieber einmal zu viel Alarm, als einmal zu wenig.

Bork nickte entschlossen und griff mit klammen, zitternden Fingern nach dem Horn an seinem Gürtel, ehe er es mit einer fahrigen Bewegung zum Mund führte und kräftig hineinblies.

Der tiefe Ton des Jagdhorns hallte laut und klar durch den Nebel. Es klang wie das Klagen eines verwundeten Auerochsen.

Zu beiden Seiten der Plattform über dem Tor setzte Gemurmel ein. Da nahm Bork ein weiteres Geräusch wahr, das ihm als einem der besten Jäger des Dorfes nur allzu vertraut war.

Das Zischen durch die Luft fliegender Pfeile.

Nur wenige Augenblicke später drang links und rechts ersticktes Keuchen aus dem Nebel, manchmal gefolgt von einem Poltern. Das Glühen von Dicks Pfeife, das Bork eben noch gesehen hatte, erlosch von einer Sekunde auf die nächste.

Bork blies noch einmal kräftig in sein Horn, als er von einem plötzlichen Ruck nach hinten gerissen wurde und hart gegen das rückseitige Geländer der Plattform prallte. Die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, während sich ein brennender Schmerz in seiner Schulter ausbreitete, durch seinen Oberarm flammte und schließlich die Hand erreichte, wo das Horn Borks kraftlosen Fingern entglitt. Der Jäger spürte etwas Warmes seinen Arm hinablaufen, der gefühllos an seiner Seite baumelte. Mühsam richtete Bork sich auf und stieß sich vom Geländer ab, um an die Frontseite der Plattform zu stolpern. Er stützte sich auf die Balustrade und rutschte beinahe zur Seite weg, als sein eigenes Blut unter der Hand hervorfloss und das feuchte Holz noch glitschiger machte.

Der Nebel lichtete sich ein wenig, sodass Bork aus vor Schmerz zusammengekniffenen Augen nun auch die Umrisse von Männern auf Pferden erkennen konnte, die sich gegen die vertrauten Schatten des Waldrands abhoben.

»Die Söldner ...«, murmelte Bork mit brüchiger Stimme.

Wenigstens hatte sein Hornsignal seinen Zweck rechtzeitig erfüllt: Die meisten Männer des Dorfes kamen bereits bewaffnet aus ihren Häusern geeilt. Fackeln und Lampen wurden entzündet, Kinder, Frauen und Alte im Keller des Gockels in Sicherheit gebracht. Aufgeregte Rufen erfüllten die Nacht.

Da hörte Bork plötzlich erneut das Zischen.

Wenige Sekunden später traf etwas sein Auge. Sein Kopf schien vor Schmerzen zu explodieren. Er stolperte nach hinten und riss kreischend die Hände vors Gesicht.

Als sein Körper über das rückwärtige Geländer taumelte und in die Tiefe stürzte, war Borks Seele bereits an einem anderen Ort.

 

*

 

Narija erwachte mit hämmernden Kopfschmerzen.

Trotzdem kehrten ihre Erinnerungen schnell zurück: An die beiden Grobiane, die sie auf dem Nachhauseweg von der Großmutter im Nachbardorf, die sie eine Woche gepflegt hatte, überrascht hatten; an den Krieger mit dem Narbengesicht, der sie aus den Klauen der Unholde gerettet hatte; und an den ...

Der Vampir!

Narija schlug die Augen auf und erwartete fast, in das blasse, schmale Gesicht der Kreatur zu blicken, die sich mit spitzen Zähnen über sie beugte.

Doch der Vampir war nirgends zu sehen.

Lediglich der Krieger mit der schwarzen Halbrüstung und den blassen Narben im Gesicht saß ihr schweigend gegenüber.

Narija orientierte sich kurz. Sie befand sich in einer kleinen Höhle mit schrägen, zerklüfteten Wänden. Irgendwer hatte sie gewissenhaft in eine warme Decke gewickelt.

Diese Beobachtung beruhigte sie ungemein. Hätten die Fremden sie töten oder als Vampirfutter missbrauchen wollen, hätten sie Narija nicht in eine flauschig-warme Wolldecke gehüllt, damit sie es möglichst bequem hatte.

»Hast du Hunger?«, brummte der Krieger plötzlich.

Narija nickte. Daraufhin griff der Mann nach einem Dolch, zerteilte einen gelben Apfel, den er aus einer Satteltasche nahm, und warf Narija eine der Hälften zu. Das Mädchen fing sie ungeschickt mit beiden Händen auf.

»Danke«, murmelte sie verlegen. Während sie zögerlich in den Apfel biss, spähte sie in den hinteren Teil der Höhle.

Auch wenn diese nicht allzu tief zu sein schien, gab es doch genügend Schatten, die der jungen Frau Unbehagen bereiteten.

»Wo ist der Vampir?«, fragte sie schließlich zwischen zwei hungrigen Bissen.

»Feuerholz sammeln«, entgegnete der Jagam, wobei ihm das Gesagte eine seltsame Genugtuung zu verschaffen schien.

 

*

 

Lorn stieß einen Seufzer aus, als er den misstrauischen Blick des Mädchens bemerkte. Der Nachtjäger bereute bereits, nicht doch Feuerholz sammeln gegangen zu sein und das Feld Visco überlassen zu haben. Dieser mochte zwar die meiste Zeit über eine echte Nervensäge sein, doch er konnte erheblich besser mit Frauen, ja überhaupt mit solchen Situationen umgehen.

»Ja, er ist ein Vampir«, eröffnete Lorn dem Mädchen irgendwann griesgrämig, da er ihren verunsicherten Blick nicht länger ertragen konnte - es war der durchdringende Blick eines verschreckten Mädchens, verborgen hinter den dunklen, sinnlichen Augen einer erst vor kurzem aufgeblühten Frau. »Manchmal ist er außerdem ein echte Plage und ein öffentliches Ärgernis«, fügte der Jagam hinzu, »aber in erster Linie ist er mein Partner.« Lorn fuhr sich mit der behandschuhten Rechten durch den kurzen Kinnbart. »Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben. Vielleicht wird er sich wie üblich unsittlich benehmen - aber beißen wird er dich nicht. Jedenfalls nicht, wenn du es nicht möchtest ...«

»Aber er ist ein Vampir!«, schnappte das Mädchen erregt.

»Stimmt«, bestätigte Lorn ruhig. Der Nachtjäger bedachte seine Hälfte des Apfels mit einem nachdenklichen Blick, suchte nach den richtigen Worten. »Wenn in einem der Äpfel ein Wurm ist – bedeutet das dann, dass alle anderen Äpfel des Baums ebenfalls verwurmt sind?«

Das Mädchen sah erst Lorn und dann das letzte Stückchen Apfel in ihrer Hand an. Sie blinzelte verständnislos.

Lorn seufzte. »Die beiden Banditen, die dich überfallen haben, waren Menschen. Wahrscheinlich hätten sie dich getötet. Wollen deshalb alle Menschen deinen Tod?«

Zaghaftes Kopfschütteln.

»Siehst du. Visco ist so etwas wie ein Vampir, ja. Doch wenn mich nicht alles täuscht, dann sollten Vampire, wie du sie aus den Geschichten kennst, weder unter der Sonne wandeln, noch Feuerholz sammeln. Oder gar mit jemandem unterwegs sein, der die Rüstung eines Jagam trägt, oder?«

»Das nicht, aber ...«

»Das muss dir für den Augenblick genügen. Bei Visco ist nicht alles so, wie es den Anschein hat. Und für dich ist eh nur interessant, dass er dir nichts tun wird. Genau genommen hast du es sogar ihm zu verdanken, gerettet worden zu sein.« Lorn entschied sich, eine Grenze zu überschreiten. Visco bedeuteten Zuneigung und Sympathie des Mädchens wesentlich mehr als ihm. »Wäre es nach mir gegangen, würdest du jetzt mitten im Wald erwachen – mit ein paar Leichen in Reichweite und sicher auch dem einen oder anderen Tier, das Aas und ohnmächtige Mädchen für ein willkommenes Abendbrot hält.«

Große Augen starrten ihn fassungslos an.

»Und Ihr seid ein Jagam?«, fragte das Mädchen schockiert.

Lorn seufzte erneut. Wo blieb eigentlich Visco?

 

*

 

Für Wambarcs Geschmack war das Ganze fast schon zu einfach.

Die Männer auf dem Wall wurden von dichten Nebelschwaden eingehüllt, während er und seine Leute in aller Ruhe zwischen den letzten Baumstämmen am Waldrand Position beziehen konnten. Sie warteten, lauschten, gaben sich geduldig, doch schließlich gab Wambarc seinen Jungs das ausgemachte Zeichen. Daraufhin ließen die Söldner ihre Pferde in einen leichten Trab fallen; lumpenumwickelte Hufe sorgten dafür, dass die Tiere trotzdem kaum ein Geräusch verursachten. In kürzester Zeit hatten die Söldner so ungefähr zwei Drittel der Strecke zwischen Waldrand und Palisadenzaun überwunden.

Da hallte ein Hornsignal durch den Nebel.

Also hatte man sie doch noch entdeckt.

Wambarc grinste. Zu spät.

»Ho!«, rief der Söldnerhauptmann mit laut durch den Nebel hallender Stimme. Darauf kam es nun auch nicht mehr an.

»Das ist nahe genug!«

Er zügelte sein Pferd. Seine Männer taten es ihm gleich und bezogen in einer geordneten Reihe zu beiden Seiten ihres Hauptmanns Position. Eingefettete Waffen fuhren aus Scheiden, Streitkolben aus Schlaufen, Äxte aus Futterals. Zwei von Wambarcs Männern griff zudem nach kurzen Bögen und Köchern mit Pfeilen, die an ihren Sätteln befestigt waren. Wambarc hatte indessen ebenfalls sein Schwert gezogen und hielt es wie eine Standarte nach oben: ein weiteres Zeichen, auf das seine Männer fast wie im Lehrbuch reagierten.

Die beiden Bogenschützen feuerten dem verhüllten Nachthimmel mehrere Salven ihrer gefiederten Geschosse entgegen. Nach einiger Zeit nickte Wambarc den Schützen zu.

Daraufhin entzündeten die beiden mit Hilfe einer kleinen, bis dahin abgeblendeten Laterne, die zuvor in das Lampen-Öl getauchten Spitzen ihrer Pfeile, die sie wenig später auf das Tor im Holzwall abfeuerten.

Obwohl der Nebel auch die Söldner wie eine schmuddelige Decke umgab, trafen die Pfeile allesamt ihr Ziel und bohrten sich je mit einem leisen Plop! ins Holz des Tors.

»Die nächsten!«, befahl Wambarc und sah zufrieden dabei zu, wie kurz darauf drei weitere Pfeile ihr Ziel fanden.

»Was ist das, Hauptmann?«, fragte da plötzlich der Reiter zu seiner Rechten - Tilbur, der erst im Frühjahr zu Wambarcs Truppe dazu gestoßen war.

»Was ist was?«, knurrte Wambarc. Sein Blick ruhte nach wie vor auf den aufkeimenden Flammenzungen am Tor, deren Schein sich im gierigen Glanz von Wambarcs Augen spiegelte.

»Das da«, flüsterte der junge Söldner heiser.

Irgendetwas in seiner Stimme veranlasste Wambarc dazu, den Kopf zur Seite zu drehen. Der Nebel schien in dieser Richtung noch dichter zu sein - dennoch erkannte Wambarc schnell, was den jungen Mann neben ihm so in Angst versetzt hatte.

Wambarc verzog angewidert das Gesicht.

»Mist.«

»Was ist das, Hauptmann?«, flüsterte Tilbur noch einmal.

Seine Stimme zitterte, und obwohl er sich darum bemühte, leise zu sprechen, spähten inzwischen auch einige der anderen Söldner in den Nebel und begannen, miteinander zu tuscheln.

Wambarc sparte sich eine Rüge. Schließlich sah auch er die rot glühenden Augen in den Schwaden, genauso wie er das kehligen Knurren hörte, das aus dem Grau drang.

Wölfe, überlegte der Hauptmann, empfand dabei aber keine Furcht. Er wusste, dass er und seine Männer mit den Biestern fertig werden würden, solange sie in der Überzahl waren, zusammen blieben und auf ihren Pferden saßen. Dennoch ärgerte er sich über die Unvorhergesehenheit und spürte, wie ein feiner Nebelfinger der Sorge an seinen Gedanken zupfte.

Er hasste es und wusste, wie gefährlich es sein konnte, wenn sich seine Männer nicht voll auf ihre Arbeit konzentrierten. Wambarc ließ den Blick über seine aufgereihten Untergebenen gleiten. Ihm war klar, dass sie die ungebetenen Gäste im Nebel vertreiben oder den Kötern wenigstens zeigen mussten, wer auf der Lichtung das Sagen hatte - und zwar noch bevor das Feuer sein Werk am Tor vollendet hatte. Sonst würden seine Männer ständig über die Schulter schauen und nur mit halbem Herz bei der Sache sein.

Also wies Wambarc die Bogenschützen an, eine Salve Brandpfeile in Richtung der glühenden Augenpaare zu schicken.

»Machen wir ihnen Feuer unterm Hintern«, fügte er gehässig hinzu, als die flammenden Geschosse in den Nebel flogen.

Die rot glühen Augen erloschen schlagartig, als ihre Besitzer vor den Flammengeschossen, die sich zischend ins feuchte Gras der Lichtung bohrten, in den nahen Wald flüchteten.

Zufrieden wandte Wambarc sich wieder der Palisade zu, um den Fortschritt am Tor zu beobachten.

Es dauerte jedoch keine ganze Minute, bis Tilburs Stimme Wambarc erneut von dem feurigen Spektakel ablenkte.

»Hauptmann ...«

Wambarc runzelte verärgert die Stirn. Vielleicht müsste er den jungen Mann vor dem nächsten Feldzug ersetzen. Er brauchte keine Feiglinge in seiner Truppe.

»Schießt ruhig noch eine Salve ab, wenn die Biester nicht kuschen wollen«, knurrte Wambarc abwesend, den Blick nach wie vor auf die Flammen unter der Plattform gerichtet.

»Hauptmann ...«

Tilburs Stimme, in der Furcht blankem Entsetzen gewichen war, ließ Wambarc schließlich doch reagieren. Skeptisch drehte er sich im Sattel zur Seite, um erneut in die wabernden Schleier zu blicken.

Was er sah, ließ auch den Söldner-Hautmann nach Luft schnappen.

Die rot glühenden Augenpaare waren wieder im Grau aufgetaucht - mit dem Unterschied, dass sie sich nun ein ordentliches Stück über dem Boden befanden.

Sechs Fuß, um genau zu sein ...

 

*

 

»Du hast ja sogar ein paar Äste gefunden.«

Visco ignorierte Lorns Sarkasmus, ließ das Feuerholz vor dessen Stiefelspitzen zu Boden fallen und setzte sich ohne ein Wort auf einem flachen Stein zwischen Narija und den Nachtjäger. Die Atmosphäre in der Höhle war angespannt, gedrückt wie die Nacht vom Nebel draußen. Lorn kramte geräuschvoll in seiner Satteltasche nach der Zunderbuchse, derweil das Mädchen Visco dermaßen misstrauisch beäugte, dass es den geläuterten Vampir beinahe körperlich schmerzte.

»Wie geht es dir?«, fragte Visco dennoch bemüht locker und mit einem Nicken in Richtung ihres geschwollenen Gesichts.

»So ... so weit ganz gut. Dank Euch, anscheinend.«

»Keine Ursache.« Visco bemerkte, dass eine gewisse Sinnlichkeit hinter dem kritischen, fast furchtsamen Blick dieser dunklen Augen verborgen lag. Er versuchte, es nicht weiter zu beachten. »Immerhin gebietet es die Ritterlichkeit, einer Frau in Not zu helfen«, meinte er stattdessen gelassen. »Ist es nicht genau das, was du auch immer sagst, Lorn?«

Der Jagam warf Visco die Zunderbuchse zu.

»Dein Holz ist klamm«, sagte er barsch und griff im Aufstehen nach der Streitaxt, die neben seinem Bündel an der rauen Felswand lehnte. »Und Fleisch hast du auch keines mitgebracht.«

»Wir haben Glück«, verriet Visco Narija daraufhin in gespielt verschwörerischem Tonfall. »Wie es aussieht, wird Lorn uns sein berühmtes Eichhörnchen-Gulasch kochen.« Er nickte in Richtung der Axt. »Eichhörnchen jagt man am besten mit der Axt, weißt du? Das spart Arbeit beim Ausnehmen.«

Diesmal war es Lorn, der ohne ein weiteres Wort aus der Höhle stapfte, wo er bereits nach zwei Schritten mit der Dunkelheit und dem Nebel verschmolz.

Die junge Frau schenkt Visco ein zögerliches Grinsen.

»Ich bin Narija«, sagte sie.

»Visco DeRául.« Visco neigte huldvoll das Haupt - womit er sein selbstzufriedenes Lächeln verbarg. »Zu Euren Diensten.«

 

*

 

Werwölfe.

Wie das Beil eines Scharfrichters hing das Wort über den Köpfen der Söldner, machte als heiseres, furchtsames Flüstern die Runde. Mit einem Mal schien sich der Nebel um sie herum zu verdichten und die Form von scharfen Klauen anzunehmen, die sich nach dem Herzen eines jeden Mannes ausstreckten.

Auch Wambarc hatte mit seinen Urängsten zu kämpfen. Von allen Geschöpfen, denen man in einer Nacht wie dieser am wenigsten begegnen wollte, standen Werwölfe wohl ganz oben auf der Liste. Und als wäre einer nicht schon schlimm genug, lauerte irgendwo in diesem Nebel ein ganzes verdammtes Rudel.

»Hauptmann?«

Tilbur klang dem Wahnsinn nahe. Der junge Söldner sah aus, als wolle er jeden Moment schreiend in den Nebel davon reiten - was nicht nur ziemlich gewissenlos gegenüber dem Rest der Truppe, sondern auch sein Todesurteil gewesen wäre.

Wambarc konnte es dem Jüngling trotzdem nicht verübeln.

Allerdings wusste er auch, dass eine Flucht sinnlos war.

Die Wölfe würden in einem kurzen Sprint jedes Pferd schlagen, genauso wie sie Dank ihrer überlegenen Sinne jeden Flüchtigen im Wald rasch aufspüren würden.

Wambarc seufzte. Er war sich darüber im klaren, dass es nun an ihm als Hauptmann lag, seinen Männern ein nach außen hin halbwegs standhaftes Beispiel zu sein. Also richtete er sich im Sattel auf und drückte seinem Tier die Schenkel in die Seiten. »Auf die Köter, Männer!«, rief er und galoppierte seiner Schar mit hoch erhobenem Schwert voran.

Erleichterung durchflutete den Söldnerhauptmann, als seine Meute sich fasste und ihm nach kurzem Zögern mit rasselnden Waffen, wildem Gejohle, stampfenden Hufen und laut wiehernden Pferden durch die trüben Schwaden folgte ...

 

*

 

Der Duft von gebratenem Fleisch stieg Narija in die Nase und erinnerte sie daran, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Kaum dass Lorn aus der Höhle gegangen war, hatte Visco sich des Feuers angenommen und schnell mehr Erfolg gehabt als der ungeduldige Jagam vor ihm. Keine Viertelstunde später war dieser wiederum aber auch schon zurückgekehrt – mit zwei gehäuteten Kaninchen, die kurz darauf an einem Spieß über dem kleinen Feuerchen brutzelten und die zischenden Flammen mit goldbraunen Fetttropfen versorgten.

»Ein wenig fad«, meinte Visco nach einem ersten Bissen.

»Der Wald ist eben keine Herberge«, versetzte Lorn mürrisch. »Wo es Salz gegeben hätte. Und Kartoffeln. Und frisches Brot. Und Gemüse. Und Bier. Und Wein. Und ...«

»Ja ja, ich hab den Hinweis verstanden, danke.« Visco warf Narija einen flüchtigen Blick zu. Trotz der Schwellung ihrer Wange zuckte der Widerschein des Feuers über ein hübsches Frauengesicht. »Aber wären ein paar Kartoffeln es wirklich wert gewesen, Narija ihrem Schicksal zu überlassen?«

Lorn sagte nichts dazu.

Visco zuckte unter seinem Umhang mit den Schultern.

»Lorns Kochkünste sind eher bescheiden, verzeih«, meinte er dann an Narija gewandt. »Aber man gewöhnt sich an alles.«

Die junge Frau, die dem Dialog hinter ihrer knusprigen Kaninchenkeule hervor bis hierhin schweigend gefolgt war, lächelte schwach. »Ihr seid schon ziemlich lange zusammen, was?«

Visco stutzte. »Woran erkennst du das?«

»Ihr streitet euch wie ein altes Ehepaar.«

»Oh.« Der Vampir verzog das Gesicht. »Na danke.«

»Ich meine ...«

»Ich weiß, wie du es gemeint hast.« Visco erwiderte ihr Lächeln und zwinkerte. »Und Lorn versteht das auch. Immerhin ist er in jedem Gasthaus von hier bis Dremhaven für seinen großartigen Sinn für Humor bekannt.«

Lorn schenkte Visco einen eisigen Blick.

Narija zog unterdessen prüfend die Luft ein.

»Was tun wir eigentlich, wenn sich ein Wolf oder ein Bär durch den Bratengeruch eingeladen fühlt?« Sie schielte nervös in Richtung des Höhleneingangs, vor dem sich der wabernde Nebel wie ein zähflüssiger grauer Vorhang bewegte.

»Wir schicken Lorn nach draußen.« Visco leckte sich unbekümmert die Finger ab, die im Feuerschein fettig glänzten. »Der erklärt dem Bären dann in Brummsprache, dass wir eine geschlossene Gesellschaft sind.«

Narija grinste. Langsam gewöhnte sie sich nicht nur an den mürrischen Krieger mit den feinen Narben im Gesicht, sondern auch an dessen charakterliches Gegenstück, den blassen Mann mit dem charmanten Lächeln - das nun zum Glück auch wieder eine ebenmäßige Zahnreihe zur Schau stellte. So sah Visco DeRául gar nicht mal schlecht aus ...

Für einen Vampir, erinnerte sich Narija sofort und erschrak über das Bedauern, das sie bei diesem Gedanken verspürte.

»Wann brechen wir morgen auf?«, fragte sie schnell und bemühte sich, dabei so belanglos wie möglich zu klingen.

»Sobald Prinzessin ausgeschlafen hat.« Lorn sah die junge Frau über die Flammen hinweg so finster an, dass Narija den Blick abwandte und verlegen ins Feuer starrte.

»Ich kann sehr früh aufstehen, wenn es sein muss ...«

»Nicht früh genug«, knurrte Lorn.

»Vielleicht solltest du jetzt trotzdem schlafen gehen«, begann Visco, wurde aber von Lorn unterbrochen.

»Ja. Für ein Bauernmädchen hast du heute wirklich genug Abenteuer und Aufregungen gehabt ...«

Narija starrte den Jagam entgeistert an.

Sie musste an ihre Furcht denken, an ihre Schmerzen und an das Schicksal, dem sie nur mit knapper Not entkommen war.

Das alles wollte dieser narbige Mistkerl als Abenteuer abtun?

Tränen bahnten sich einen Weg über ihre geschwollenen Wangen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Ungelenk stand sie auf und rannte schluchzend in die Nacht.

Visco sah ihr alarmiert nach; dann zuckte sein Blick in Lorns Richtung, der unbeteiligt in die Flammen stierte.

»Ich hoffe, dass du dir deiner Wirkung auf Frauen bewusst bist, Jagam«, zischte der Vampir gallig und erhob sich in einer fließenden Bewegung, um Narija mit schnellen Schritten nachzugehen. Der Nebel verschluckte auch ihn bereits nach wenigen Metern.

Lorn starrte weiter in die Flammen.

»Das bin ich, Scharfzahn, das bin ich«, erklärte der Nachtjäger dem Feuer nach einer Weile leise und griff nach der letzten Kaninchenkeule.

 

*

 

Nachdem die Söldner zu ihrem Hauptmann aufgeschlossen hatten, ritten Wambarc und seine Männer in eng geschlossener Formation auf die roten Augenpaare im Nebel zu.

Drei von Wambarcs Leuten - darunter der junge Tilbur - hatten weniger Willenskraft als ihr Anführer und der Rest der Kriegerschar. Sie rissen ihre Rösser kurz vor dem Zusammenprall mit dem Wolfsrudel brutal herum. Dicht über die Hälse ihrer Pferde gebeugt, galoppierten die drei davon und versuchten, in Richtung Waldrand zu entkommen.

Daraufhin sanken aus der Schattenreihe im Nebel vier der glühenden Augenpaare nach unten und eilten den Flüchtenden wie lautlose Kuriere des Todes hinterher.

Wambarc, der an der Spitze seiner zu einem schmalen Dreieck ausgefächerten Truppe ritt, sah je zwei riesige Schatten links und rechts an ihrer kompakten Phalanx vorbeihuschen. Ein strenger Moschusgeruch stieg ihm in die Nase, als die Wölfe kurz auf gleicher Höhe waren. Sein Pferd wieherte schrill und wollte zur Seite ausbrechen, sodass Wambarc Mühe hatte, das panische Tier unter Kontrolle zu halten.

Kräftige Läufe trugen die Wölfe derweil geschwind durch das Grau. Die Entfernung zu den flüchtigen Söldnern schmolz rasch dahin. Tilbur und die anderen beiden blickten immer wieder über die Schulter zurück - nur um zu sehen, dass ihr Vorsprung mit jedem Hufschlag geringer wurde und die roten Augen immer näher kamen. Das Trio stachelte seine Pferde lautstark an, obgleich die Furcht vor den Wölfen der beste Antrieb für die Tiere sein musste.

Wambarc achtete nicht weiter auf das Dreigespann und seine lautlosen Verfolger, sondern konzentrierte sich ganz auf die rotäugigen Schatten im Nebel vor ihm. Diese sanken nun nacheinander ebenfalls herab und verharrten gut auf Hüfthöhe.

Der Herr stehe uns bei, dachte Wambarc, obwohl seine Berührungen mit dem Glauben an den Einen sonst eher auf die gelegentliche Plünderung einer abgelegenen Waldkapelle oder einer kleinen Dorfkirche hinausliefen.

Dann waren sein waffenstarrender Haufen und er unter den Wölfen. Ein Wirbelsturm aus wildem Knurren schlug ihnen entgegen. Gewaltige Kiefer schnappten nach Menschenbeinen und Pferdehälsen, während zottige Leiber Rösser und Reiter ansprangen und von messerscharfen Zähnen und langen Klauen Gebrauch gemacht wurde.

Neben sich sah Wambarc einen seiner Männer aus dem Sattel kippen, nachdem ein großer Wolf ihn von der Seite angesprungen und mit seinem Gewicht aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Kaum dass die Schultern des Söldners den Boden berührten, stürzten sich auch schon zwei weitere Schatten laut knurrend auf ihn und zerfetzen sowohl den Mann, als auch sein angsterfüllt kreischendes Reittier.

Wambarc hackte derweil nach einem Werwolf, der einem anderen seiner Untergebenen auf den Rücken gesprungen war. Die scharfe Klinge des Hauptmanns bohrte sich gierig in das stinkende, zottelige Fell und fügte der Bestie eine tiefe Wunde zu, die ihr Rückgrad entblößte. Der Wolf heulte schmerzerfüllt auf, ließ von seinem Opfer ab, fiel und blieb reglos am Boden liegen, ehe eine Nebelschwade seinen Kadaver verschluckte. Unermüdlich teilte Wambarc weiter zu beiden Seiten Schwerthiebe aus, teils gezielt, teils blind, da die Werwesen überall im Nebel zu sein schienen und mal hier, mal da völlig unversehens aus dem wabernden Grau auftauchten.

Und allerorts den Tod brachten.

Die markerschütternden Schreie sterbender Männer, das schrille Kreischen zum Tode geweihter Pferde und das Knurren, Bellen und Jaulen der Werwölfe zerrissen die nebelige Nacht.

Wie schnell die Jäger zur Beute geworden sind, überlegte Wambarc mit kaltem Entsetzen und spähte in den Nebel, da das Kampfgeschehen sich ein wenig von ihm entfernt hatte.

Die Schwaden um ihn herum waren mit einem Mal so dicht, dass er sie mit dem Schwert hätte in Scheiben schneiden können. Plötzlich sah der schwer atmende Wambarc die dunkle Silhouette eines reiterlosen Pferdes wenige Meter entfernt, vor der noch ein anderer, deutlich massigerer Schatten auf zwei Beinen aufragte. Das herrenlose Pferd bäumte sich auf und trat mit den Vorderhufen nach dem breitschultrigen Schatten. Wambarc sah, wie die Hufe den Wolf direkt vor die Brust trafen; er hörte ein klagendes Jaulen, das in einem unglaublich menschlich klingenden Seufzer endete.

Der Söldnerhauptmann nickte zufrieden, als der dunkle Umriss des Wolfs zusammensackte und im Nebel verschwand.

Da ließ ein unheilvolles Knurren zu seiner Rechten Wambarc mit erhobenem, blutgetränkten Schwert herumfahren.

Zwei rot glühende Schlitze näherten sich ihm dicht über dem Boden, nicht mehr als eine verwaschene Kontur mit Augen wie Kohlenbecken, die durch feuchtes Gras und dichten Nebel kroch. Ein unheimlicher Anblick.

Wambarc hatte alle Mühe, sein Pferd zumindest so weit im Zaum zu halten, dass es ihn nicht abwarf und durchging.

Angespannt erwartete er den Wolf.

»Komm her«, flüsterte der Hauptmann heiser und umfasste das Heft seines Schwertes fester.

Nicht ganz drei Schritt vor Wambarc verharrte der Wolf jedoch urplötzlich an Ort und Stelle, ja zog sich sogar wieder ein ganzes Stück in das wabernde Grau zurück.

»Worauf wartest du?«, fragte Wambarc angespannt.

Das rote Glühen verkam zu einem blassen Glimmen, als der Werwolf sich noch weiter in die Schwaden zurückzog.

»Verflucht, was soll das?!«

Wambarc blickte dem Wolf verstört hinterher, bis auch das letzte schwache rötliche Glimmen vom Nebel verschluckt wurde.

Zu spät bemerkte der Hauptmann, wie sich seine Nackenhaare aufstellten und ihm ein Schauer über den Rücken rann.

Als er sich im Sattel umdrehte, war der zweite Werwolf, der sich von hinten an ihn angeschlichen hatte, bereits in der Luft. Wambarc spürte einen gewaltigen Druck auf dem Oberkörper, als der Wolf auf ihm landete. Er roch den fauligen Atem der Bestie und hörte, wie sich die Kiefer mit einem Schnappgeräusch um seine Kehle schlossen.

Von seinem Sturz, dem Aufschlag auf dem Boden und den vielen, vielen scharfen Zähnen, die tief in seinen Leib eindrangen, merkte der Hauptmann allerdings nichts mehr.

 

*

 

Narija wusste nicht, wie lange sie durch Nebel und Dunkelheit gerannt war, als sie unversehens stolperte und umknickte. Sie humpelte und hopste noch zwei, drei Schritt auf einem Bein, ehe sie mit dem Rücken gegen eine knorrige alte Eiche sank, an deren Stamm sie langsam zu Boden rutschte, bis sie sich wie ein wimmerndes Häufchen Elend zusammenkauerte.

»Alles in Ordnung?«

Narija blinzelte den Tränenschleier fort und erstarrte.

Der Vampir stand von einer Sekunde auf die nächste vor ihr, als hätte der Waldboden oder die Nacht selbst ihn ausgespuckt. Dennoch empfand Narija keine Furcht.

Nur Wut. »Du musst einem Bauernmädchen nicht helfen!«, fauchte sie und versuchte, aus eigener Kraft aufzustehen.

Es blieb bei einem Versuch. Mit der rechten Hand am Knöchel sank sie augenblicklich wieder leise jammernd gegen den Stamm.

Visco sah sie nachdenklich an.

»Was?«, fauchte Narija.

»Nichts«, meinte der Vampir leichthin und spähte übertrieben beiläufig in den Nebel, in dem die Schatten des Waldes hinter wabernden Schwaden und sanften grauen Wirbeln ein gespenstisches Eigenleben entwickelten. »Ich überlege nur gerade, was ich an deiner Stelle tun würde.« Unter dem Umhang zuckte er andeutungsweise mit den Schultern. »Ob ich auch den erstbesten Menschen verärgern würde, der mir helfen will, wenn ich hier verletzt säße.«

»Menschen?«

Visco knurrte wie ein schlecht gelaunter Wolf. Für einen Moment fürchtete Narija schon, einen Fehler begangen zu haben. Doch Visco atmete bloß ein paar mal tief durch.

»Lass Lorns schlechte Angewohnheiten seine Sache bleiben, ja? Jetzt zeig schon her.« Nur zögernd ließ Narija ihn gewähren, als er neben ihr niederkniete. Visco schob ihren Rock ein Stück nach oben und betastete den Knöchel vorsichtig mit schlanken, kühlen Fingern. »Nichts gebrochen«, konstatierte er. »Laufen kannst du damit heute aber nicht mehr.« Noch bevor Narija auch nur etwas sagen konnte, hatte er schon einen Arm um ihre Schultern geschlungen und den anderen unter ihre Knie geschoben. Er hob sie wie ein Kind hoch, um sie vorsichtig zu einem moosüberwucherten Baumstamm in der Nähe zu tragen, den ein Sturm aus dem Boden gerissen hatte. Dort ließ er Narija sanft auf der natürlichen, feuchten Bank ab und setzte sich neben sie auf den Stamm.

»Wieso gehen wir nicht zurück zur Höhle?« Misstrauen und noch etwas anderes schwangen in Narijas Stimme mit.

Visco schottete sich gegen den Geruch der Angst ab, der etwas tief Verborgenes in ihm reizte. Sie würden zur Höhle zurückgehen. Bald. Vorher musste er noch etwas tun.

Wieder atmete er schwer durch.

»Lorn hat es nicht so gemeint«, sagte er nach ein paar Sekunden schließlich und richtete den Blick auf Narijas Dekolleté. Wenigstens hatte er den Anstand, verlegen zu lächeln und ihr wieder ins Gesicht zu schauen, ehe er weitersprach. »Er weiß genauso gut wie ich, dass du kein einfältiges Bauernmädchen bist. Das solltest du wissen, ehe wir zurück gehen. Ich ... will dir nicht wieder nachlaufen müssen, wenn er trotzdem noch mal was in der Art sagt.«

Außerdem ließ Visco DeRául sich nie die Gelegenheit für schöne Worte und Schmeicheleien entgehen, egal wie gut sie vom Mantel der Ernsthaftigkeit verborgen wurden.

Narija, Frau durch und durch, blickte freilich ohne große Mühe unter den Mantel.

»Nett, dass du das sagst«, antwortete sie kühl. Ihre Selbstsicherheit kehrte langsam zurück. »Falls das aber ein Versuch sein sollte, mich dazu zu bewegen, mich hier mit dir auf dem Waldboden zu wälzen, muss ich dich leider trotzdem enttäuschen ...«

Visco ließ sich nichts anmerken, als er sich wortlos erhob und sich die junge Frau ungeachtet ihrer Proteste erneut auf die Arme lud.

Innerlich grinste er jedoch, jubilierte das fast vergessene Raubtier.

Er liebte Herausforderungen.

 

 

 

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von Christian Endres

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Atlantis-Verlag, Dezember 2008

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Autor: Christian Endres

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Erstellt: 05.11.2008, zuletzt aktualisiert: 20.02.2015 09:39