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Der Schweif des Todes von Viktoria Platowa

Rezension von Lars Perner

 

Nastja ist ein wandelndes Klischee. Ein russischer Bauerntrampel wie man ihn sich vorstellt. Mit einem Sack voller Äpfel und in ihren Gummistiefeln ist sie aus der tiefsten Provinz gekommen um durch die Groß- und Weltstadt St. Petersburg zu stolpern. Das heißt, sie würde es eigentlich, wenn sie nicht gleich zu Beginn wie versteinert einfach nur dastehen würde. Und zwar in der Leichenhalle vor ihrem ermordeten Bruder, den sie eigentlich besuchen wollte. Nastja macht sich Vorwürfe nicht eher gekommen zu sein, um es zu verhindern. Doch die Polizisten drängen. Für sie ist der Fall klar: Selbstmord. Sie halten nichts von Nastja und ihren Fragen. Sie wollen nur schnell einen Schlußstrich ziehen. Damit entsprechen die Polizisten ebenfalls dem Klischee des einerseits überheblichen Großstadtmenschen und andererseits des ignoranten Polizisten. Also ist das arme Bauernmädchen auf sich allein gestellt. Ohne Hilfe in einer fremden Großstadt beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Denn es war natürlich kein Selbstmord gewesen, den ihr Bruder begangen hat. Nur will ihr das niemand so richtig glauben. Doch zuerst muß sie ihr Image ändern, um den Fall aufklären zu können. So wird quasi über Nacht aus dem kleinen Mauerblümchen eine begehrenswerte Rocklady, als sie kurzerhand die Bauernkluft aus Strickjacke und Batist-Kopftuch gegen die Designerlederklamotten des verblichenen Bruders tauscht. Schließlich gerät sie immer tiefer in den Sumpf der Großstadt und in die Machenschaften einer geheimen Organisation, die ihren Bruder auf dem Gewissen hat. Erstaunlicherweise wird es zwar für die Nebencharaktere teilweise lebensbedrohlich (insbesondere für einen). Nastja entpuppt sich aber als –wie sie bestürzt selber feststellt- die geborene Großstadtschlampe. Gerissen und schlau manövriert sie sich durch jede noch so heikle Situation. Selbst wenn es ihr immer haarscharf erscheint, so meistert sie doch jede Schwierigkeit mit Bravour.

Die Geschichte wird abwechselnd von Kapitel zu Kapitel unterschiedlich aus der Sicht anderer Hauptakteure erzählt. Dies führt manchmal auch dazu, daß man zeitlich noch mal nach hinten versetzt wird. Einerseits wird bereits Geschehenes so deutlicher andererseits wird es auch langweilig dasselbe aus anderem Blickwinkel nochmals zu erleben. Meistens kann Viktoria Platowa solche deja vu’s jedoch durchaus mit viel Humor gestalten, was die Sache dann wieder recht kurzweilig macht. So insbesondere bei den Szenen, die Sie jeweils aus Sicht Nastjas und dann einer anderen Person schildert. Während Nastja sich selber als äußerst unsicher in ihrer neuen Rolle wahrnimmt, hat ihre Umwelt ein ganz anders Bild von ihr. Attraktiv, großstädtisch ja fast schon abgebrüht und mit allen Wassern gewaschen. Schon als mustergültig und fast übertrieben sei hier das Vorstellungsgespräch in der Detektei genannt, in dem sie die Herren Auftraggeber unbewußt so richtig schön verschaukelt. Der Humor ist dann aber auch das einzig positiv Herausragende.

Ist die Erzählung über weite Strecken von der Geschichte, die es zu erzählen gilt eher Mittelmaß. So reißt der Schluß dies noch stark nach unten. Allzu hastig wird auf den letzten Seiten das ganze Ausmaß dessen ausgebreitet, warum nun alles so passieren mußte und nicht anders. Der komplette Hintergrund scheint plausibel. Durch die gedrängte Art und Weise, wie es dem Leser dargeboten wird, wirken die Erklärungen dann allerdings eher lächerlich. Was schade ist. Denn sprachlich kann der Roman durchaus überzeugen. Die Stadt und die einzelnen Charaktere sind plastisch beschrieben. Durch viele Kleinigkeiten erweckt Viktoria Platowa Bilder beim Lesen.

Die Übersetzung ist gut und manchmal etwas freier als das Original. Doch bleiben gröbere Schnitzer weitgehend aus. Mir ist nur einer aufgefallen, der aber sogar in der deutschen Übersetzung jedem hätte auffallen müssen. Zitat: „ … drei Fenster á fünfzig Rubel für jedes. Plus Reinigung zweihundert. Macht summa summarum dreihundert. Richtig?“ Nein, nicht richtig! Nun könnte dies ja ein bewußter Betrug an der „dummen“ Reinigungsfrau sein. Doch im Original steht eindeutig der richtige Betrag über 350 Rubel. Und auch in der deutschen Übersetzung erhält sie einige Seiten später diesen Betrag „…wie abgemacht. …“. Hier hätte es keiner hervorragenden grammatikalischen Kenntnisse bedurft. Ein wenig Mathematik genügt schon, den Fehler zu erkennen.

Ein Kriminalroman ist das Buch sicher. Der Thrill will sich aber nicht so ganz einstellen. Dazu hat man als Leser durch die Sicht aller handelnden Charaktere einfach einen zu göttlichen Überblick über die Geschichte. Der Schluß wird schließlich einfach nur lieb- und emotionslos auf einigen Seiten dem Leser hingeworfen. Dies hinterläßt dann insgesamt leider einen faden Das-war-alles?-Geschmack. Viktoria Platowa hatte bereits bewiesen, daß sie es besser kann. Hier ist ihr dies jedoch in der Gesamtheit nicht gelungen.

 

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Der Schweif des Todes

Autorin: Viktoria Platowa

Broschiert: 413 Seiten

Verlag: Lübbe; Auflage: 1 (Februar 2006)

ISBN: 3404154436

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 23.11.2006, zuletzt aktualisiert: 12.04.2019 16:18