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Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt von Erika Swyler

Rezension von Matthias Hofmann

Das ziemlich intelligente und raumfahrtbegeisterte Mädchen Nedda Papas (auf dem Klappentext mit zwei »p« falsch geschrieben) ist elf Jahre alt, als die NASA-Mission »STS-51-L« tragisch endet. Besser bekannt als das Space Shuttle Challenger (OV-99), explodierte die Raumfähre nur 73 Sekunden nach dem Start. Alle sieben Besatzungsmitglieder starben, darunter erstmals gleich zwei Frauen. Eine davon war Judith Resnik, die als zweite Amerikanerin schon davor mit der Raumfähre Discovery im Weltall war.

Die Katastrophe ereignete sich am 28. Januar 1986. Ebenso wie Nedda Papas werde ich das Ereignis nie vergessen, weil ich an diesem Tag 19 Jahre alt wurde und danach für fast vier Wochen mit einer bizarren Krankheit namens Pfeiffersches Drüsenfieber ans Krankenbett gefesselt war. Aber ich war, ebenfalls wie Nedda, als bekennender Science-Fiction-Fan sehr interessiert, was sich im Weltraum so abspielte.

Erika Swyler erzählt in ihrem zweiten Roman Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt von Nedda, ihren Träumen und Ängsten. Die Handlung beginnt einige Zeit in der Zukunft, als sich Nedda als Astronautin seit ungefähr zwei Jahren an Bord der Raumfähre Chawla befindet. Vom Planeten Mars, ihrem Ziel, ist die Chawla noch weitere drei Jahre entfernt. Nedda soll mit ihren drei Besatzungsmitgliedern eine Basis auf dem roten Planeten errichten, um dort menschliches Leben zu ermöglichen. Die Erde wird zunehmend unbewohnbarer.

Die Zukunft ist das eine. Den größten Teil der Story des Buchs nimmt der zweite Handlungsstrang ein, der eindringliche Rückblick auf Neddas Leben als junges Mädchen im Jahr 1986. Sie wächst auf in Easter, einer Kleinstadt in Florida, in der Nähe von Cape Canaveral und dem Weltraumbahnhof John F. Kennedy Space Center.

Nedda ist begeisterte Hobby-Astronomin und träumt davon, eines Tages Astronautin zu werden. Ihre Familie scheint intakt. Ihre Mutter Bethleen ist eine begabte Chemikerin, gefällt sich jedoch mehr in ihrer Rolle aus Hausfrau und Konstrukteurin von extravaganten Kuchen wie einer sogenannten Sekt-Wassertorte. Nedda hat eine stärkere Verbindung zu ihrem Vater Theo, ein NASA-Wissenschaftler, der im Zuge der Challenger-Katastrophe, der anschließenden Pause des Weltraumprogramms und dem folgenden nationalen Trauma, entlassen wurde.

In Folge bastelt Theo im Keller an einer Maschine namens Crucible. Mit ihr will er die Zeit manipulieren. Im Grunde will er aber die Kindheit seiner Tochter verlängern. Er hat vor ihr schon seinen Sohn Michael kurz nach der Geburt verloren und möchte das nicht noch einmal erleben. Als er seine Maschine versuchsweise auf den Ort Easter anwendet, hat dies unvorhergesehene Konsequenzen.

Und auch an Bord der Chawla in der Zukunft kommt es zu lebensbedrohlichen Problemen, als das Lebenserhaltungssystem gestört ist.

Swylers Roman »Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt« hat großes Potential und eigentlich alle Zutaten, die ein begeisternder SF-Roman mitbringen muss, dennoch hat mich die Story nicht wirklich gepackt. Anders als die Kritiker des Schutzumschlags, die sich förmlich mit Lob überschlagen, fand ich die Geschichte weder wie das Library Journal »bewegend, aufwühlend« und »einfach großartig«, noch ist das Buch »ein meisterhafter Roman, der den Leser auf eine wunderbare Reise mitnimmt und von Liebe, Träumen, Trauer und Hoffnung erzählt«, wie das Nylon Magazine meint. Letzteres ist übrigens ein hippes Lifestyle- und Fashion-Magazin, welches auch einen deutschen Ableger hat.

Im Kern ist das Buch ein weiterer Beitrag zum Erwachsenwerden, diesmal aus der Sicht einer 11-jährigen US-Amerikanischen Teenagerin, geprägt von deren Umwelt Mitte der 1980er Jahre. Wer auch in den 1980er-Jahren Teenager war, wird sich schneller einfühlen. 

Eingebettet in die Rahmenhandlung an Bord der Raumfähre Chawla, kann man sich – durchaus intelligent und modern erzählt von Swyler – einlesen in die Probleme, die es gibt, wenn man feststellt, dass man seinen Vater idealisiert und überhöht hat und dass die Mutter schon auch besondere Eigenschaften hat, die man zuvor nicht erkannt hat.

Die weiteren Sci-Fi-Elemente, insbesondere die Maschine Crucible und das Zeitanhalten, kommen unscharf daher. Sie sind letztlich Staffage, um den Leser etwas mehr zu faszinieren, aber auch zu verwirren, und um das allgemeine Drama zu verstärken.

Somit ist »Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt«, dessen deutscher, nicht originalgetreu übersetzte, Titel möglicherweise falsche Erwartungen weckt, keine Lektüre für die durchschnittliche SF-Gemeinde, sondern eher ein Abstecher in leicht (ab-)gehobene Gefilde. Daher gilt: Betreten auf eigenes Leserisiko.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt
Original: Light From Other Stars, 2019
Autorin: Erika Swyler
Gebundene Ausgabe, 446 Seiten
Limes, 22. Februar 2021
Übersetzung: Astrid Finke
Titelillustration: Mark Garlick

ISBN-10: 3809027081
ISBN-13: 978-3809027089

Erhältlich bei: Amazon

Kindle-ASIN: B07ZTFYRKC 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.04.2021, zuletzt aktualisiert: 12.04.2021 19:16