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Der traurige Henker von Fritz Leiber

Reihe: Die Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling Bd.3

Rezension von Oliver Kotowski

 

Lankhmar ist die größte Stadt der Welt Nehwon. Sie ist uralt, war einst mächtig und stolz und ist jetzt ein Hort der Korruption und Dekadenz: Halsabschneider und Huren säumen die Strassen, Diebe und Ratten streichen durch die Gassen und in den Palästen gehen die Sklavenhalter ihren befremdenden und sadistischen Gelüsten nach. Die abgeklärten Bewohner spotten gerne über die Religiosität der naiven Anhänger der Götter in Lankhmar – doch die Götter von Lankhmar werden gefürchtet, denn sie sind harsche Herren und sollten sie in die Stadt zurückkehren, könnten sie ihre Schützlinge genauso hart strafen wie deren Feinde. Hierhin zieht es die beiden Schurken immer wieder: Fafhrd, den hünenhaften Barbaren aus dem Norden, und den wieselflinken Dieb Grauer Mausling. Doch man sollte die beiden nicht unterschätzen – Fafhrd ist kein plumper Trottel und der Mausling ist trotz seines Mangels an Größe ein tödlicher Gegner. In der Vergangenheit haben sie sich nicht nur Verbündete, wie die bizarren Zauberer Shilba und Ningaubel, sondern auch mächtige Feinde geschaffen – dem Tod von Nehwon haben sie einst seine Maske gestohlen, der Götter vielfach gelästert und den Herr der Sternenrampe beleidigt. Neben dem Hang zum hemmungslosen Gelagen haben sie eine zu große Schwäche für schöne Frauen; die Gier nach diesen lässt sie sich immer wieder in unsinnige Gefahren stürzen.

 

Der traurige Henker ist eine Sammlung von Geschichten, die vormals in Die Schwerter von Lankhmar und Schwerter und Eismagie erschienen waren.

In Die Schwerter von Lankhmar (221 S.) werden Fafhrd und der Mausling angeheuert um den Schutz einer Getreidelieferung vom Magister Lankhmars an Morval von den Acht Städten zu gewährleisten. Doch mit den Schiffen werden nicht nur Getreide, sondern auch die blasse Hisvet und ihre dressierten albinotischen Ratten befördert. Da die letzte Getreideflotte ihr Ziel nie erreichte, sind Zwischenfälle zu befürchten. Der Kommandant Slinur glaubt, dass Hisvet und ihre Ratten darin involviert sind; er fordert ihre Tötung. Die lüsternen Helden können selbstverständlich nicht zulassen, dass dem schönen Mädchen ein Leid zugefügt wird. Es wird noch etliche Verwicklungen geben, bis das Rätsel der seltsamen Ratten und des Feindes Lankhmars geklärt wird. Der traurige Henker (10 S.), der Tod, muss für die Fürsten der Zwangsläufigkeit in den nächsten zwanzig Atemzügen zwanzig mal zehn Lebenslichter auslöschen – darunter die zweier Helden... Schöne und Bestie (2 S.) stellt den zwei Schurken eine schöne Frau entgegen, die Hell und Dunkel in sich vereinigt. Im Schattenland gefangen (6 S.) werden die beiden Widersacher des Tods; werden sie ihm aus eigener Kraft entkommen können? Der Köder (3 S.) soll den Mordbuben des Tods ausreichend Zeit für ihr Handwerk verschaffen – der Tod zeigt sich einfallslos. Den Göttern ausgeliefert (13 S.) wandern die zwei Schwerenöter durch einen seltsamen Tempel im Hinterhof des Silbernen Aals; eigentlich wollten sie hübsche Mädchen fangen mit sich selbst als Köder, allerdings erlauben sich einige beleidigte Götter einen bösen Spaß mit den Zweien und ermöglichen eine Begegnung mit vielen der ehemaligen Gespielinnen. Gefangen im Meer der Sterne (14 S.) segeln die beiden Glücksritter mit der Schwarzer Läufer in den tiefen Süden – um neue Kontinente zu entdecken und auszuplündern. Sie werden außerdem von den zwar bezaubernden, aber auch unheimlichen Flimmerwischen dort hin getrieben. Die Frostmonstreme (28 S.) ist ein gewaltiges Problem, welches auf Fafhrd und den Grauen Mausling zukommt, denn sie wurden von zwei Ratsfrauen der legendären Eislande als Söldnerführer gedungen um eine Invasion von Meermingols zu verhindern. Sie sollen jeweils zwölf tapfere Recken anheuern – Fafhrd Berserker aus dem hohen Norden und der Mausling Diebe aus den Gassen Lankhmars. Jedoch ist der listige Feind mächtig und schläft nicht. Angekommen in den Eislanden (79 S.) stellen die Beiden fest, dass ihre Auftraggeberinnen Afreyt und Cif zwar Ratsfrauen sind, aber nicht in Sinne des Rates sprechen. Sie haben ihr Wissen von zwei fremden und kaum wahrnehmbaren Göttern: Loki und Odin. Während Fafhrd heimlich mit seinen Mannen in den Norden der Insel zieht um einen Teil der Mingols zu begegnen, ist es des Mauslings Aufgabe den anderen Teil in den Großen Mahlstrom zu locken. Im Laufe der Ereignisse treffen sie nicht nur auf einige alte Bekannte, sie stellen auch fest, dass der Herr der Mingols nicht zu unterschätzen ist und die beiden sonderbaren Götter ihnen Unbehagen einflössen.

 

Lankhmar erinnert vage an eine Stadt der Renaissance, die Länder darüber hinaus wirken etwas mittelalterlicher, doch selten wird auf das Setting ausführlich eingegangen; es ist ein farbenfrohes und chaotisches Ambiente, vor dessen Hintergrund sich ebenso schräge Geschichten abspielen. Ausführlicher werden nur groteske Details behandelt, sei es die Beschreibung der Ghule, menschenartiger Leichenfresser mit nahezu durchsichtigem Fleisch, und einiger ihrer Sitten oder Magister Glipkerios Eigenart seine Sklavinnen nackt und haarlos bedienen zu lassen. Von derartigen Einzelheiten, gerade im Bereich der phantastischen Elemente schäumen die Geschichten nahezu über. Leiber fabuliert wilde Ideen zusammen – und dabei ist ihm die Plausibilität komplett egal und die Konsistenz des Settings nur nachrangig.

 

Die Figuren sind zunächst einmal Archetypen, die aber ironisch gebrochen und überzogen werden. Deutlich wird dieses an den 'Helden': Fafhrd ist auf dem ersten Blick der 08/15 Nordlandbarbar: Er ist groß, sehr kräftig und kämpft mit Breitschwert und Axt. Natürlich ist er ein großer Zecher, jagt schönen Frauen nach und gehört zu den besten Schwertkämpfern von Lankhmar. Doch er ist auch sehr gebildet, denn er wollte Skalde werden. Er ist neugierig auf die Zivilisation – als Jugendlicher kehrte er seinem beengendem Barbarenstamm den Rücken. Im Alter beginnt er etwas wankelmütig zu werden und die Genüsse der dekadenten Stadt als leer zu empfinden. Hinzu kommt die Verquickung von Gewissen und amoralischer Seite. In Eislande fragt er sich, warum er ein bestimmtes Risiko eingeht: Weil er vor Afreyt, die er begehrt, gut dastehen will? Weil ihre Nichte Mara den Namen seiner Jugendliebe trägt, die er verlassen hatte, als sie schwanger von ihm war und später starb (ist er nicht auch daran schuld?) oder gar weil er im Alter sonderbare Gelüste entwickelt und die sehr junge Nichte selbst begehrt?

Ähnlich verhält es sich mit den anderen Figuren: Sie sind skizzenhaft entwickelt, wobei die basalen Triebe hervorgehoben werden – edle Motive gibt es nur selten.

 

Die Plots entstammen zumeist der Abenteuergeschichte oder der Wundergeschichte; beide eignen sich hervorragend für die Sword & Sorcery. Spannungsquellen sind so auch die bedrohlichen Situationen, Wendungen der Geschichten und die grotesken Details, ob phantastisch oder nicht. Die Handlung schreitet meistens rasch voran und kann teilweise sogar mit der Rasanz R.E. Howards Geschichten mithalten. Doch ähnlich wie bei dem Setting ist Leiber die Plausibilität und Konsistenz der Geschichte nicht besonders wichtig; zum Teil hastet der Autor von Sensation zu Sensation und schafft dabei einige schwache Verknüpfungen.

Häufig verwendetes Thema ist das Motiv des Spielballs höherer Mächte; ob Zauberer, Tod oder Götter, oft werden die beiden Helden manipuliert. Erkennen sie es, versuchen sie sich dem zu entziehen. Auch Frauen, Lust und Sexualität werden vielfach in unterschiedlichsten Varianten thematisiert. Der Mausling hat eine sadomasochistische Ader und Fafhrd hatte im Suff vielleicht Sex mit einer Kuh. Daneben werden noch weitere bizarre Fetische angeschnitten. Wer jetzt befürchtet (oder hofft...), einen Porno zu erhalten, dem sei versichert: Es ist nicht so; der Akt selbst bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

 

Neben der engeren Verknüpfung untereinander sind die Geschichten auch an frühere angebunden. Gerade Den Göttern ausgeliefert bezieht sich stark auf ältere Geschichten und man wird vielleicht den Clou nicht so tief nach empfinden können, kennt man Die zwei besten Diebe in Lankhmar nicht. Insgesamt lassen sich die Geschichten aber durchaus ohne die Kenntnis der Vorgänger verstehen; die Stoßrichtung bleibt immer erhalten.

Sowohl die Figuren wie auch die teilweise pikaresken Plots sind ironische Kommentare zur Heroischen Fantasy, was Leiber in einem Vorwort für die späteren Geschichten auch ausdrücklich sagt: Er wollte Fantasy-Helden mit menschlicherer Natur als Conan oder Tarzan. Ihr Hindergrund als Söldner und Glücksritter macht sie zu Gegenstücken der asexuellen Helden Tolkiens. Vorbild sind eher Cabells 'Helden'; wie Jürgen so hält auch der Mausling sich für besonders gewitzt.

 

Die Erzähltechnik ist nicht besonders aufregend, zumeist gibt es ein oder zwei Handlungs- und Erzählstränge, die jeweils aus auktorialer Perspektive geschildert werden. Sie sind progressiv und neigen zur Entwicklung wobei die Helden häufig desillusioniert werden.

Die Stilhaltung ist klar ironisch. Die Sätze erinnern ebenfalls an Cabell; es wechseln sich überschäumende, spielerisch verschlungene mit lakonisch-knappen ab. Ebenso die Wortwahl: Mal ist sie gespreizt, mal derbe.

 

Die neue Übersetzung Körbers ist wesentlich besser gelungen als die älteren. Zudem sind einige Geschichten hier zum erstenmal ungekürzt auf Deutsch erhältlich: Wer die Heyne-Ausgabe von Die Schwerter von Lankhmar von 1973 besitzt, mag es nachprüfen. Die Heyne-Ausgabe kommt auf 207 Seiten, 14 Seiten weniger als die Edition Phantasia-Ausgabe, obwohl die Heyne-Seiten deutlich kleiner sind und der Schriftgrad gleich ist. Körber übersetzt so: "Es geht weniger um den Tribut", sagte der kleine Mann. "Nach dem letzten Raubzug, als ich die acht Diamanten aus dem Tempel des Spinnengottes gestohlen habe, muss ich wohl versäumt haben, mit ihnen zu teilen."

Bei Heyne findet sich Folgendes: "Es geht nicht um die Abgaben", erwiderte der Kleine. "Ich habe beim letzten Raubzug glatt das Teilen vergessen. Ich hatte es eilig – der Spinnengott war hinter mir her."

Schon auf der ersten Seite fehlen ganze Absätze. Wer Leiber auf Deutsch lesen will, sollte zur neuen Ausgabe greifen.

 

Abgerundet wird der Band durch eine Einleitung Nail Gaimans, in dem dieser von seinem Verhältnis zu den Fafhrd und Grauer Mausling Geschichten berichtet; interessant, aber nicht umwerfend.

 

Fazit:

Das Schurkenpaar Fafhrd und der Graue Mausling müssen sich mit höheren Mächten und Frauen auseinandersetzen; zuweilen lässt sich beides durch ausgeprägtes Zechen befriedigend abhandeln. Leibers Geschichten zeichnen sich durch Groteskerien und sardonischem Humor aus. Doch wer Heroische Fantasy nicht schätzt – selbst wenn sie wie hier ironisch gebrochen wird – sollte einen Bogen um diesen Klassiker machen.

 

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Der traurige Henker

Reihe: Die Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling Bd. 3

Autor: Fritz Leiber

Broschiert: 400 Seiten

Verlag: Edition Phantasia; Auflage: 1 (2006)

ISBN: 3937897186

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 07.11.2006, zuletzt aktualisiert: 14.06.2019 09:00