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Der Überläufer von Joel Ross

Rezension von Björn Backes

 

Inhalt:

Dezember 1941: Tom Wall, ein verletzter Sergeant im Dienste der amerikanischen Armee befindet sich im Rowansea-Hospital in der britischen Hauptstadt, um sich von den Verletzungen seiner Stationierung auf Kreta zu erholen. Doch Wall ist nicht nur körperlich, sondern vor allem auch psychisch angeschlagen, da ihn ausgerechnet sein Bruder Earl offenkundig an die Nazis verraten hat. Nachdem auch die englischen Behörden Kontakt mit Tom aufgenommen haben, weil sie hinter Earls gesamten Treiben eine überdimensionale Spionageaffäre vermuten, die auch mit dem Schaffen des gerade inhaftierten Nazi-Spions Dietrich Sondegger muss, begibt sich der stark angeschlagene jüngere Bruder selbst auf die Suche nach Earl und dessen zweifelhaften Motiven. Doch je weiter er in die Geschichte verstrickt wird, desto gefährlicher wird das Ränkespiel zwischen britischem Geheimdienst und deutscher Spionageabwehr auch für ihn – bis Tom schließlich vom Jäger zum Gejagten wird.

 

 

Rezension:

Spionageromane sind eine ganz eigene, besondere Spezies im Bereich der Kriminalliteratur, gerade deswegen aber auch immer wieder mit Vorsicht zu genießen. Stets lauren verschiedenste Stolperfallen, seien es nun komplexe historische Verstrickungen, der Umgang mit Codes und der eigenwilligen Spionagesprache oder aber die häufig sehr sprunghaft gewählte Erzählform, deren Spannungsaufbau zumeist auf ganz anderen Prinzipien beruht. Andererseits genießen Vertreter dieser Gattung immerzu den Ruf, sehr individuell zu sein und sich nicht an grundlegenden Strickmustern orientieren zu müssen – ebenso wie „Der Überläufer“ aus der Feder von Joel Ross, einem aufstrebenden amerikanischen Autor, der nach Insider-Meinungen sogar schon in die Fußstapfen von Robert Harris treten könnte.

 

In seinem aktuellen Werk rechtfertigt er jenen Anspruch in erster Linie mit der Aufbereitung seines fundierten Wissens über das britische Spionagenetz im Zweiten Weltkrieg, und dies auf beiden Seiten. Die Zusammenhänge zwischen Organisationen und elementaren Figuren werden absolut authentisch wiedergegeben, aber auch was Daten, Schauplätze und das Kriegselend an sich angeht, ist Ross auf der Höhe der Zeit und flechtet derlei Informationen an den passenden Stelle in die Handlung ein. So weit, so gut – oder doch nicht?

 

Tja, es ist vorrangig der verworrene Erzählstil des Autors, der dem Leser an vielen Stellen des Buches einfach nur die Lust raubt. Kurze, abgehackte Sätze, eine sehr launische Umgangssprache und Sprunghaftigkeit so weit das Auge reicht – da soll mal jemand leicht Zugang zur eigentlich sehr interessanten Story bekommen. Die wiederum bewegt sich äußerst zäh voran und ist partiell verschlüsselter als die geheimen Codes der deutschen Spione. Hintergründe werden angedeutet, Charaktere erwähnt, aber irgendwie keine echten Zusammenhänge gesponnen, die eine gewisse Basis für den weiteren Plot liefern könnten. Erst mit und mit erhält man erste Einblick in die Story und erfährt ein wenig mehr über die Personen, die in Toms direkter Nähe agieren, wobei auch hier alles unberechenbar und undurchschaubar bleibt, Motive sich also auch nur erahnen lassen.

Und so nimmt das Dilemma seinen Lauf: Während im Hintergrund eine hochexplosive Spionagegeschichte entflammt, bleibt das Geschriebene sperrig und das eigentliche Drama bis zu den letzten Seiten verborgen. Der Effekt bleibt folgerichtig aus, was aber auch damit zusammenhängt, dass der Spannungsaufbau aufgrund des mäßigen Schriftbilds auch sehr bescheiden praktiziert wird. Und das, genau das, ist unter Berücksichtigung des hohen Potenzials erst die wahre Schande. Denn letztendlich verspielt Ross all das, was er sich schrittweise aufbaut, noch bevor er die entsprechenden Worte verfasst hat – was im Übrigen fast noch tragischer ist als das Schicksal aller Beteiligten innerhalb der Story.

 

 

Fazit:

Inhaltlich funktioniert „Der Überläufer“ als Spionageroman sicherlich gut, nicht zuletzt wegen der einfach brillanten Background-Story. Doch auch diese kann nur dann aufleben, wenn der Autor in seiner Wortwahl zu fesseln und begeistern weiß, und das trifft in diesem Fall leider nicht zu. Fans der Materie können natürlich mal gerne reinschnuppern, sollten aber vor dem sperrigen Komplex, den Joel Ross hier aufbereitet, gewappnet sein.

 

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Der Überläufer

Autor: Joel Ross

Broschiert: 512 Seiten

Verlag: Droemer/Knaur; Auflage: 1 (Juli 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3426638436

ISBN-13: 978-3426638439

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 04.07.2008, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27