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Der Vermesser von Clare Clarke

Rezension von Markus Mäurer

 

London stinkt. Ein widerwärtiger nach Exkrementen, Abfall, toten Tieren und sonstigen Ekelhaftigkeiten stinkender Geruch steigt aus der Kanalisation hinauf und verpestet die Luft in der Stadt. Hinzu kommen noch die zahllose Gerüche von Gerbereien, die Hundekot verarbeiten, Händler, die teilweise verfaulten Fisch verkaufen, dem ganzen Unrat, der auf der Straße landet und nicht zu vergessen, die unzähligen Körpergerüche der Londoner, für die sauberes Wasser ein Luxus ist. Aber das ist nicht nur eine Zumutung für die Nase sondern auch für die Gesundheit. Das Trinkwasser ist verschmutzt, die Luft verpestet, es bilden sich zahllose Krankheitskeime und eine Choleraepidemie jagt die nächste. Das ist London 1855. Das London von William May, einem jungen Vermesser der gerade aus dem Krimkrieg zurückgekehrt ist, wo er schwer verwundet wurde. Auf Empfehlung bekommt er eine Stelle beim Londoner Bauamt, das vom Parlament den Auftrag bekommen hat, die Kanalisation zu modernisieren.

Der Krimkrieg hat William schwer gezeichnet, und der Kontakt zu anderen Menschen ist ihm unangenehm. Viel lieber zieht er stundenlang alleine durch den Londoner Untergrund, in dem sich sonst nur einige Ausspüler und illegale Kanaljäger rumtreiben.

Einer dieser Kanaljäger ist Tom, der fast schon sein ganzes Leben von dem lebt, was die Bürger Londons wegschmeißen. Das meiste Geld verdient er mit der Jagd nach Ratten, die er an einen Wirt verkauf, der sie gegen Hunde kämpfen lässt.

In den übel riechenden labyrinthartigen Gängen der Kloake kreuzen sich auch auf unheilvolle Weise die Wege von William und Tom. William der durch seine psychischen Probleme und sein gewissenhafte und penible Arbeit unwissend in eine Verschwörung hineingerät. Und Tom, der auf der Suche nach ein bisschen Wohlstand an vermeintlich ehrliche und eher zwielichtige Geschäftsleute gerät. Beide sind sich des anderen nicht wirklich bewusst, und doch können sie nur durch gegenseitige Hilfe dem Intrigennetz entkommen, das um sie gespannt wurde.

 

Dieses Buch stinkt zum Himmel. Nein, nicht das Papier und auch nicht der Einband. Sondern die Worte, die lebhaften und atmosphärisch dichten Beschreibungen, die Clare Clark bildhaft und „geruchhaft“ in Szene setzt. Sie versetzt den Leser samt Geruchsinn in die stinkenden Abgründe Londons. Man wandert Seite an Seite mit den Protagonisten durch die Straßen und riecht die Scheiße die einem am Schuh klebt. Bei all dieser detaillierten Beschreibung der Hauptstadt Englands gerät die eigentliche Verschwörungsgeschichte eher in den Hintergrund. Doch das schadet dem Lesegenuss und der Spannung in keiner Weise.

Neben dem Hauptdarsteller London konzentriert sich die Autorin auch auf das Innenleben der anderen Protagonisten. Sie zeichnet eine gründliche und nachvollziehbare Charakterstudie eines verstörten Kriegsveteranen, der Erlösung im Schmerz sucht.

Obwohl sie mit der Renovierung der Kanalisation einen der wichtigsten Wendepunkte der Geschichte Londons beschreibt, erzählt sie dies aus der Sicht der einfachen Leute. William, der in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist, und mittels Bildung zu ein wenig Wohlstand gefunden hat. Und Tom, der in der Gosse geboren, aufgewachsen und sein ganzes Leben dort verbracht hat. Clarke zeigt welche einschneidenden Veränderungen solche, von „oben“ kommenden Maßnahmen für das einfache Volk haben können. Sie zeigt auch, wie gleichgültig es der Elite ist, in welchem Dreck die kleinen Leute leben. Erst als sie selbst den Gestank nicht mehr ignorieren und ertragen können, geben sie grünes Licht für die Verbesserungsmaßnahen.

Es ist ein abenteuerliches London voller Schattenseiten, die im romantisch verklärten Rückblick gerne vergessen werden. Ein Hort der Zivilisation, Bildung, Kultur und Macht, der trotz allem noch zum Himmel stinkt.

 

Clare Clark ist ein hervorragender historischer Roman gelungen, der seinen Leser mitreist wie eine Flutwelle in der Kanalisation, ihn eintauchen lässt in das vielfältige Leben unter der Oberfläche und bis zum Schluss nicht mehr loslässt.

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Buch:

Der Vermesser

Autor: Clare Clarke

Übersetzer: Rita Seuß und Bernhard Jendricke

Heyne, Februar 2007

Broschiert: 414 Seiten

ISBN-10: 3453810783

ISBN-13: 978-3453810785

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 20.02.2007, zuletzt aktualisiert: 10.09.2019 20:12