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Der Wald

Autor: Michael Schmill

 

Er schlug mit der flachen Hand auf das Steuerrad und lachte triumphierend. Es war ihm gelungen, sie abzuhängen. Die Sirene des Polizeiwagens war nur noch aus der Ferne zu vernehmen. Ein letzter Blick in den Rückspiegel, es war weit und breit nichts zu sehen. Seit er vor ein paar Minuten auf den Feldweg eingebogen war, hatte sich seine Spur für die Verfolger verloren.

Zunächst sah es nicht so aus, als wäre sein Überfall gelungen. Als er mit der Tasche voll Geld die Bank verlassen hatte, dauerte es keine Minute, bis er die Sirene hörte. Einer der Bankangestellten musste still und heimlich einen verdammten Knopf gedrückt haben.

Das kann nur dieser Glatzkopf mit der Nickelbrille gewesen sein, dachte er. Den hätte er am liebsten noch nachträglich eine übergezogen. Aber alles in allem war es doch exakt so abgelaufen, wie er es erhofft hatte. Nun lag die Tasche mit Geld neben ihm auf dem Beifahrersitz, prallvoll. Nun ja, den Wagen musste er noch loswerden. Aber den konnte er im Wald verstecken. Bis zum Rastplatz auf der Schnellstraße war es nicht weit, das konnte er abends gemütlich zu Fuß laufen. Der Wagen war sowieso geklaut, es lohnte nicht, lange darüber nachzudenken. Bis die Polizei merkte, dass er in eine andere Richtung gefahren war und seine Spur neu aufgenommen hatte, war genügend Zeit vergangen, um sich abzusetzen.

Er drosselte das Tempo etwas und hielt jetzt in einem leichten Bogen auf den Wald zu. Der Weg war immer noch gut befahrbar und Staub wirbelte er auch nicht auf, der Boden war noch nass vom nächtlichen Dauerregen.

Als er den Waldrand erreichte, hielt er kurz an, um sich die Karte noch einmal anzusehen. Das mit dem Wald war eigentlich ein Glücksfall gewesen, gestern abend hatte er die Karte studiert, aber ein Waldstück war nicht eingezeichnet gewesen. Er stieg aus, sah sich kurz um und breitete dann die Karte auf der Motorhaube aus. Richtig, der Weg war eingezeichnet, aber er endete genau am Feldrand, alles war als Ackerland eingezeichnet, nicht als Wald.

Er schüttelte den Kopf, die Karte war hochaktuell. Das gab's doch nicht. So klein schien dieser Wald doch gar nicht zu sein, wieso war er nicht eingezeichnet?

Er beschloß, den Weg weiter zu fahren und dann irgendwo im Wald abzuwarten. Er faltete die Karte wieder zusammen, setzte sich in den Wagen und startete den Motor. Im Schrittempo fuhr er in den Wald. Der Weg verlief relativ gerade, er war breit und war gut befahrbar.

Nach einigen Minuten hielt er an und stieg aus. Zunächst stutzte er, weil keine Laute zu hören waren. Weder Vogelgezwitscher noch das entfernte Rauschen der Schnellstrasse. Nur der leichte Wind spielte zeitweilig mit den Blättern. Ihn fröstelte jetzt leicht. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass der Wald eine dunkle und kalte Atmosphäre ausstrahlte. Er holte seine Jacke aus dem Auto. Beim Anziehen spürte er die Härte der Waffe, die in der Tasche steckte. Er holte sie heraus und betrachtete sie, als sehe er sie zum ersten Mal. Er sah sich verstohlen um. Irgendwie spürte er ein merkwürdiges Kribbeln. Nicht, weil er Menschen in der Nähe vermutete, sondern der Wald selbst war es, der ihn beunruhigte.

Er steckte die Pistole wieder ein, rauchte ein paar Zigaretten und dachte in aller Ruhe nach. Anschließend fuhr er noch tiefer in den Wald. Nach einer Weile meinte er, dass er das andere Ende eigentlich erreicht haben müsste.

Er hielt abermals an und holte wieder die Karte heraus. Er maß die Strecke vom Ende des Feldweges am Waldrand bis zur Schnellstrasse. Das waren ungefähr fünf Kilometer. Er stutzte, er war inzwischen mindestens das doppelte gefahren.

Er schüttelte genervt den Kopf. Also war er in einem Bogen gefahren und fuhr inzwischen in eine andere Himmelsrichtung. Egal, irgendwo musste er ja schließlich wieder heraus kommen. Die Bäume standen dicht zusammen und viele halb hohe Tannen versperrten jede Sicht.

Etwa zehn Minuten später hatte sich immer noch kein Ende des Weges angedeutet. Langsam wurde er ärgerlich. Die Karte nutzte ihm nichts mehr, die Wege hier waren nicht eingezeichnet.

Plötzlich sah er etwas durch das dichte Blätterwerk glitzern und blieb nach weiteren fünfzig Metern am Rand eines Teiches stehen.

Er stieg aus und stellte sich verwundert ans Wasser. Kein Zweifel, der Weg war zu Ende. Auf der anderen Seite ging der Wald weiter. Zu hören war noch immer nichts. Also musste er wohl oder übel wieder zurück. Er beschloß, den Wagen an der nächsten breiteren Stelle einfach abzustellen und auf die Dämmerung zu warten.

Den Wagen an dieser engen Stelle zu drehen, kostete ihn Schweiß und Nerven. Der Boden war glitschig und man kam leicht ins Rutschen. Schließlich hatte er es geschafft und er fuhr langsam zurück. Nach etwa einem Kilometer traute er seinen Augen nicht. Der Weg endete an einer Gabelung, er konnte nur nach rechts oder links abbiegen.

Das war unmöglich. Diesmal klopfte er ärgerlich auf das Lenkrad und fluchte laut. Er war mit Sicherheit immer geradeaus gefahren. Das hieß, dass er hier vorher nicht gefahren war. Einen Augenblick dachte er konzentriert nach, es musste eine einfache Erklärung geben. Dann hatte er eine Idee und stieg aus. Er kontrollierte den Weg auf Reifenabdrücke und tatsächlich konnte er keine finden.

Seitdem er in diesem Wald unterwegs war, hatte er sich immer am Verlauf des Weges orientiert. Abgebogen war er nicht ein einziges Mal. Und auch jetzt, auf dem letzten Kilometer, war er doch nur wieder zurück gefahren. Wie konnte er den ursprünglichen Weg verlieren?

Er stieg wieder ein, drehte den Wagen und fuhr langsam zurück. Nichts, keine Möglichkeit zum Abbiegen. Unglaublich, dachte er. Sein Herz klopfte, langsam wurde es ihm unheimlich. Er sah auf den Tacho, den Kilometer hatte er schon fast wieder zurückgelegt, gleich würde er wieder am Teich stehen.

Aber der Teich kam nicht.

Nach einem weiteren Kilometer hielt er den Wagen abrupt an und stieg aus. Schwer atmend betrachtete er die Umgebung. Ein leichtes Panikgefühl meldete sich. Kurzerhand stieg er umständlich auf das Dach seines Autos und versuchte, mehr in der näheren Umgebung zu erkennen. Aber es war zwecklos, nach spätestens fünfzig Metern in alle Himmelsrichtungen war Schluß.

Sein Herz klopfte jetzt wild. Er sprang herunter, ließ den Motor aufheulen und preschte vorwärts. Jetzt würde er so lange fahren, bis er aus diesem verflixtem Wald wieder heraus kam. Verzweifelt versuchte er, die Himmelsrichtung zu erkunden, aber da die Sonne nicht schien und die Schnellstraße nicht zu hören war, gab er es wieder auf.

Er war etwa fünf Kilometer gefahren, als der Weg wieder endete. Diesmal stand er direkt vor einer Felswand. Es sah aus, als wäre die Wand erst später dazu gestellt worden. Direkt bis an die Felsen heran war der Weg in einem guten Zustand, es sah aus wie abgeschnitten.

Ungläubig starrte er auf die Wand. Der Motor lief, während er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Dann schaltete den Motor aus, sprang aus dem Wagen heraus und knallte die Tür zu. Sein Fluch verhallte zwischen den Bäumen.

Als er sich ein wenig beruhigt hatte, betrachtete er die Wand genauer. Hinauf klettern kam nicht in Frage, herumfahren konnte er ebenfalls nicht, weil die Bäume den Weg nach links und rechts versperrten.

Es gab keine Lösung, er musste schon wieder umkehren. Er drehte den Wagen und fuhr im Schrittempo zurück. Langsam bemerkte er, wie der Tag sich dem Ende neigte. Er sah auf die Uhr, es war kurz nach fünf, der Überfall lag jetzt über eine Stunde zurück. Dann fiel sein Blick zufällig auf die Tankanzeige. Er bremste vor Schreck. Seit seinem Überfall war er über hundert Kilometer gefahren und der Zeiger bewegte sich schon nahe am roten Bereich. Das hieß, vielleicht waren noch zehn Liter im Tank, also noch einmal etwa hundert Kilometer. Wenn er so weiterfuhr, würde es gerade bis zum Waldrand reichen.

Unsinn, dachte er und suchte nach einer Lösung. Am besten war es, sich darauf zu konzentrieren, den Weg komplett wieder zurück zu fahren, nur heraus aus diesem verfluchten Wald. Aber versuchte er das nicht schon in den letzten Minuten? Wieso traf er immer wieder auf Wege, die vorher gar nicht da waren?

Einige Minuten lang passierte nichts, der Weg verlief immer noch gerade und Abzweigungen kamen keine. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass er sich wiederum auf einem völlig neuen Weg befand. Er befahl sich, ruhig zu bleiben. Nur keine Panik jetzt.

Als er wieder auf eine Weggabelung traf, die sich aber von der vorhergehenden unterschied, brauchte er einige Sekunden, um die Situation zu erfassen. Es war einfach zu unglaublich. Er schaltete den Motor aus und stellte sich mitten auf den Weg. Reifenspuren waren auch hier keine vorhanden. Nervös rauchte er seine letzten beiden Zigaretten. Er merkte, wie seine Hand zitterte. Mit der Entscheidung für eine bestimmte Richtung war er im Moment überfordert.

Er holte die Karte aus dem Auto und breitete sie wieder auf der Motorhaube aus. Er wusste, dass er mit ihr nichts anfangen konnte, aber vielleicht hatte er ja etwas übersehen. Viel konnte er nicht mehr erkennen, bald würde es dunkel sein, was die Situation auch nicht einfacher machte. Mit dem Finger verfolgte der den Weg bis zum Waldrand. Das gesamte Gelände, das als Nutzfläche angegeben und sich als Wald herausgestellt hatte, war nicht besonders groß. Die Schnellstraße war nicht weit entfernt, er hatte sie noch gehört, als er noch am Waldrand stand. Seitdem hatte der Wald alles, was von außen kam, einfach verschluckt. Zumindest kam es ihm so vor. Auch von einem Teich keine Spur. Von der Fläche her müsste er jeweils nach wenigen Kilometern in alle Richtungen aus diesem Wald längst heraus sein. Wie konnte er zig Kilometer in diesem Wald herumfahren, ohne das Ende zu erreichen.

Er war wieder in einer Situation, in der er sich für eine Richtung entscheiden musste. Es war zum Verrücktwerden.

Ein Knacken in der Nähe ließ ihn herumfahren. Aber in der Dämmerung konnte er nichts mehr erkennen. Aber es war für ihn der Anlaß, wieder in den Wagen zu steigen. Rein instinktiv wählte er den Weg nach links. Irgendwie glaubte er, hier dem Waldrand näher zu sein. Unruhig blickte er auf seine Tankanzeige, aber die hatte sich natürlich noch nicht weiter verändert.

Als er sechs Kilometer hinter sich hatte, machte sich die Panik wieder bemerkbar. Zu allem Übel musste er feststellen, dass der Weg plötzlich schmaler wurde. Etwa zwei Kilometer weiter hatte er keine Chance mehr. Der Weg war unpassierbar. Nicht nur, dass die Bäume jetzt zu eng zusammen standen, auch Geröll, größere Felsbrocken, die herumlagen, verhinderten das Weiterkommen.

Zunächst überlegte er, zu Fuß weiter zu gehen. Aber diesen Gedanken gab er schnell wieder auf. Nur nicht von dem Wagen trennen, dachte er.

Mit viel Mühe wendete er zum wiederholten Male. Als er zurückfuhr, merkte er, dass er der Verzweiflung nahe war. Er blickte auf die Tasche mit dem Geld. In diesem Moment war sie nichts wert, absolut nichts. Er würde einige Tausender opfern, nur um hier wieder heraus zu kommen.

Inzwischen hatte er schon wieder fast zehn Kilometer hinter sich gebracht, aber die letzte Abzweigung war nicht wieder aufgetaucht.

Er schluckte, seine Augen wurden feucht. Er wusste, etwas stimmte hier nicht, aber mit normalen Maßstäben war es nicht zu erklären. Immer wieder fiel sein Blick auf die Tankanzeige. Sie bewegte sich unaufhörlich Richtung Rot.

Erst im letzten Augenblick erkannte er, dass er sich plötzlich in den Resten eines ehemaligen Steinbruchs befand. Wenige Meter vor dem Ende des Weges hielt er an. Zitternd verließ er den Wagen und sah sich um. Er war mitten in den Steinbruch hinein gefahren. Kreisförmig verlief die Abbruchkante in etwa drei bis vier Meter Höhe um ihn herum. Die einzige Öffnung war der Weg gewesen.

Jetzt war es fast dunkel, das meiste konnte er auch nur erkennen, weil er sein Licht noch eingeschaltet hatte. Den feinen Nieselregen bemerkte er erst jetzt. Gellend laut schrie er seinen Fluch in den Nachthimmel. Es war wie eine Befreiung.

Über ihm knackte es am Rand des Steinbruches. Mit zwei langen Sätzen brachte er sich im Wagen in Sicherheit.

Wovor eigentlich, fiel ihm ein, als er in einem Bogen wieder aus dem Steinbruch heraus fuhr. Nach einer Minute drosselte er das Tempo wieder. Er hatte keine Ahnung, wohin er fuhr. Links und rechts des Weges tauchten Felswände auf. Vorher gab es hier keine Felsen, wurde ihm sofort klar. Also auch dieser Weg war neu.

Er gab Gas, fluchte laut, schrie fast, als könne er damit den Wagen dazu bewegen, ihn aus diesem verfluchten Wald wieder heraus zu bringen.

Schließlich hatte er sich wieder beruhigt. Irgendwann gab er es auf und hielt an. Er schaltete den Motor aus, ließ den Schlüssel stecken und stieg aus. Es regnete jetzt heftiger. Er knöpfte die Jacke zu, seine Hand glitt in die Seitentasche und er fühlte wieder die Waffe.

Langsam holte er sie heraus und wog sie in der Hand. Das Gefühl der Sicherheit kehrte nicht zurück. Was sollte er auch in dieser Lage mit der Pistole anfangen? Vor wem sollte er sich schützen, gegen wen verteidigen?

Das Knacken von Ästen kam jetzt von allen Seiten. Rückwärts bewegte er sich auf den Wagen zu. Er fragte laut, wer da sei.

Zwecklos.

Schwer atmend, wie nach einem langen Lauf, setzte er sich in den Wagen. Einfach weiterfahren, dachte er. Der Wagen war seine letzte Zuflucht.

Der Motor sprang nicht an.

Zuerst stutzte er. Mein Gott, nein, das durfte nicht wahr sein. Er versuchte es, immer wieder, begleitete seine Bemühungen mit Flüchen, mit Versprechungen, als hätte er es mit einem Kontrahenten zu tun. Schließlich gab er auf. Er packte die Tüte mit dem Geld und sprang aus dem Auto.

Laut schrie er in die Nacht, als er seinen vermeintlichen Verfolgern das Geld anbot. Eine große Summe, vielleicht die Hälfte, nein, alles konnten sie haben. Sie sollten ihn nur wieder aus dem Wald heraus lassen.

Niemand sprach mit ihm, niemand kam auf ihn zu, niemand nahm ihn an die Hand und führte ihn auf den richtigen Weg.

Er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Er ließ die Tasche mit dem Geld einfach fallen. Der Wagen fiel ihm plötzlich wieder ein. Er versuchte es erneut, versuchte, den Motor zu starten. Der Wagen durfte ihn nicht im Stich lassen.

Aber der Motor gab keinen Laut mehr von sich. Plötzlich flackerten die Scheinwerfer und schließlich ging das Licht ganz aus. Sekundenlang starrte er auf den Weg, den er von seinem Platz aus kaum noch erkennen konnte. Das Knacken kam näher, wurde lauter. Er nahm seine Waffe und feuerte einen Schuß aus dem Fenster. Der Knall war dumpf, nicht einmal ein Echo war zu hören. Das Knacken kam unaufhörlich näher.

Er versuchte es mit einem zweiten Schuß. Das Knacken kam näher.

Er schloss die Augen und schrie. Zwei weitere Schüsse fielen. Das Knacken kam näher, von allen Seiten.

Mit zwei zitternden Händen umschloß er den Griff der Waffe und richtete sie aus dem Fenster. Er wartete, die Tränen rannen ihn an den Wangen herunter, er merkte nicht wie er schluchzte. Als das Knacken so laut war, als würde jemand neben ihm stehen, schoß er wieder.

Drei Sekunden später knackte es wieder, laut, nahe. Er schloss die Augen und wusste instinktiv, dass nur noch eine Patrone übrig geblieben war. Langsam drehte er die Waffe, er konnte nur noch eins tun ...

 

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Erstellt: 24.07.2005, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17