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Deutsche Demokratische Rechnung von Dietmar Dath

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Veras Vater wird beerdigt. Einsam war es um den Mann geworden, der einst der Neuen Ökonomischen Politik Walter Ulbrichts das wissenschaftliche Zahlenwerk gab. Seine Tochter verbindet wenig mit ihrem Vater und dem Land, in dem sie geboren wurde. Bis sie im Kreise der politischen Aktivisten den Journalisten Frigyes kennenlernt. Für Vera öffnet sich eine Verbindung zur Welt ihres Vaters. Langsam tastet sich die junge Frau an ihr Vermächtnis heran. Frigyes jedoch kann am Erbe der DDR nichts Gutes finden und nennt Veras Versuche traurig und grotesk.

Dietmar Daths Geschichte über die Positionierung heutiger Politaktivisten und Linker schlägt einen ungewöhnlichen Bogen in die Historie der beiden deutschen Staaten. Sie buchstabiert aber auch die Ökonomie der täglichen Verzweiflung und Depravation, aus der Auflehnung entstehen kann und muss.

 

Rezension:

Parallel zum prallen SF-Entwurf Venus siegt erschien in diesem Frühjahr gleich ein weiteres Buch von Dietmar Dath, Eine Liebeserzählung, wie der Untertitel ausweist.

Da der Autor nach eigenem Bekunden nur Science-Fiction schreiben kann, muss man also nicht nur nach SF-Momenten Ausschau halten, sondern auch einen Bezüge zum Schwesterroman hineindenken.

 

Zunächst aber gestaltet sich Deutsche Demokratische Rechnung als sehr hochaktueller Gegenwartsroman. Vieles deutet auf eine Handlungszeit im Herbst 2014 hin. Vera Ulitz lässt sich von ihrem Ex auf die Beerdigung des Vaters begleiten. Während der Priester über den Verstorben redet, beraten vom Ex, denkt sich Vera ihren eigenen Teil und der weicht doch um einiges von der Grabrede ab.

Die beiden standen sich in den letzten Jahren nicht sehr nah. Die Wende und der Alkohol. Wobei Otto Ulitz offensichtlich seine Forschungen trotz allem nie aufgegeben hat, wie Vera feststellt, als sie die geerbte Wohnung in Berlin betritt. Etliche Stapel mit Berechnungen, nach Themen sortiert, lassen kaum Platz zum Hindurchgehen und fasziniert beginnt die mathematisch ebenfalls hochbegabte Tochter, das geniale System ihres Vaters zu ergründen.

Dabei wird sie jedoch ständig abgelenkt. Zum einen gibt es da in ihrem Wohnort einen Job in einem Backshop und ihren besten Kumpel Manuel, mit dem sie über alles reden kann.

In Berlin hingegen nimmt sie ihre quirlige Freundin Petra in Beschlag mit linker und antifaschistischer Aktivität, nebst dem vollen Leben. Ein Makler will ihr beim Verkauf der väterlichen Wohnung helfen und ein Journalist der jungen Welt möchte Material zu einem Buch sammeln, an dem Otto Ulitz bis zu seinem Tod gearbeitet hat. In dem ging es darum, dass die DDR vielleicht doch nicht so runtergewirtschaftet war, als die Sowjets Ulbrichts Neues ökonomisches System abwürgten. Und dann taucht da auch noch Frigyes auf und mit ihm die Liebe …

 

Es steckt eine ganze Menge Stoff in dem gar nicht so dicken Buch.

Beeindruckend ist von Anfang an, mit welcher Leichtigkeit Dath das Leben seiner Figuren mit einem weitestgehend normalen Alltag verbindet und jede Menge Spannungspunkte darin findet. Er führt uns in die Welt politisch engagierter Jugendlicher, die deutlich links positioniert sind und damit all die Ungerechtigkeiten der BRD anprangern, die allzu oft als Meckerei oder Neiderei heruntergespielt werden. Die Aktionen und ihre Reaktionen ermöglichen es Dath, das theoretische Fundament, mit dem sich Otto und Vera Ulitz beschäftigen, mit der bundesrepublikanischen Realität zu verknüpfen. Es führt zur durchaus berechtigten Frage, ob es nicht langsam Zeit ist, aus den Fehlern der DDR zu lernen und den Versuch nochmal zu wagen. Dath hütet sich davor, eine revolutionäre Stimmung herbeizureden, aber er gibt vieles zu Bedenken.

Vielleicht benötigen die Aktivisten tatsächlich mehr MathematikerInnen, um endlich wieder neue Impulse zu geben?

Zumindest am Ende wird das Utopische des Buches deutlich, schwingt Dath eine große Schippe Science Fiction auf den lahmen Laster Bundesrepublik, der mit einem überschweren Führerhaus so sehr krängt, dass ständig jemand hinten runterfällt.

Sehr amüsant sind auch die kleine Kabbeleien zwischen Vera und ihrer Freundin Petra, die ganz locker nebenbei mit kessen Sprüchen auf Sprachdiskriminierung hinweist. Allesamt grandiose Beispiele, dergleichen ernst zu nehmen.

Mit vielen kleinen Details beweist Dath, dass er mit wachen Augen durchs Leben geht und welch große Bedeutung das Frühstück darin hat. Unter anderem natürlich. »Deutsche Demokratische Rechnung« muss man eher eine Art gesellschaftskritische Parallelweltgeschichte nennen.

 

Stilistisch ist »Deutsche Demokratische Rechnung« ein Friedensangebot an all jene, die Daths Schreibe als zu verkopft empfinden. Es gibt zwar wieder einige mathematische und philosophische Passagen, aber immer bleibt es luftige Prosa mit einer Hauptfigur, in die man sich auch gleich verlieben möchte. So einfühlsam und lebendig ist diese Vera Ulitz geschrieben, dass man sich wünscht, sie würde tatsächlich in Berlin leben und an der Zukunft rechnen. Dabei stört es nicht einmal, dass neben der Liebesgeschichte auch noch eine Menge Selbstfindung auf Vera einprasselt. Ihr dabei zuzusehen, ist eine große Freude, selbst in den tragischen Momenten.

 

Es gibt viele Parallelen zu »Venus siegt«. Etwa eine Eltern-Kind Beziehung, in der es um ein mathematisches Erbe geht. Kollektive Gesellschaftsformen, deren Scheitern nicht unheilbar ist. Erweiterungen des Verstandes und ambivalente DiktatorInnen.

Dath untersucht Abbildungen auf die Geschichte, geht sowohl in der Zukunft als auch in der Vergangenheit Möglichkeiten durch, die letztlich die Unbestimmtheit aller Zeitformen aufzeigt. Das Ziel aber ist stets eine gerechtere Welt für alle.

 

Fazit:

»Deutsche Demokratische Rechnung« ist auch eine Liebesgeschichte. In erster Linie aber liefert Dietmar Dath eine zuckersüß erzählte Abrechnung mit der BRD. Und eine Utopie, die uns empfiehlt, das Erbe der DDR noch einmal neu zu betrachten. Nicht nur mathematisch, aber ein paar zusätzliche Dimensionen werden wohl nicht schaden, um einige alte Zöpfe abzuschneiden und so manche Schere gleich mit zu zerbrechen.

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Eure Meinung:

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Buch:

Deutsche Demokratische Rechnung von Dietmar Dath

Deutsche Demokratische Rechnung

Eine Liebeserzählung

Autor: Dietmar Dath

Gebundene Ausgabe, 229 Seiten

Eulenspiegel Verlag, 10. März 2015

 

ISBN-10: 3359024710

ISBN-13: 978-3359024712

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00TPL3YVW

 

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Erstellt: 07.06.2015, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 09:09