Die Enteigneten (Autor: Ursula K. Le Guin)
 
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Die Enteigneten von Ursula K. Le Guin

Eine ambivalente Utopie

 

Rezension von Christian Endres

 

Ursula K. Le Guins »Die Enteigneten« (schon diverse Male unter dem Titel »Planet der Habenichtse« erschienen und mit den prestigeträchtigen ‚Weltraumorden’ Hugo und Nebula behangen) gilt als einer der großen Klassiker der Science-Fiction-Literatur des 20. Jahrhunderts – aufgereiht also nebst Orwell, Bradbury und Co. Nun hat die Edition Phantasia Le Guins intelligent-ambivalenter Utopie aus dem Jahre 1974 eine Neuauflage (die »definitive Fassung«) in ihrem renommierten Paperback-Programm spendiert – Grund genug, sich erneut aufzumachen, um das teils recht philosophische Spiel mit den so verschiedenen Weltanschauungen anhand der Schwesterplaneten Urras und Anarres auf sich und das eigene moralische und gesellschaftsstrukturelle Empfinden/Denken wirken zu lassen ...

 

Ein Computer gibt Dir einen Namen.

Du musst nichts unter Zwang tun,

keine Herrschaft oder Regierung anerkennen.

Es gibt de facto keine Herrschaft/Regierung im eigentlichen Sinne.

Die Lasten sind scheinbar gleich auf den Schultern aller verteilt.

Es gibt keine Diebe, denn nur Besitz macht Diebe.

Es gibt keine Mörder, da niemand etwas hat, für das zu morden sich lohnt.

Und doch ...

 

Und doch gibt es noch etwas anderes. Zum Beispiel an dem Ort, von dem eine ganze Kulturbewegung, ein ganzes Kollektiv an Denkern und Revolutionären, einst nach den Aufständen hinter dem sozialen Gedanken verbannt worden ist, um auf dem Nachbarplaneten ihr idealistisch-sozialistisches Gesellschafts-System zu verwirklichen, während auf dem ursprünglichen Planeten – dem ursprünglichen Nährboden beider Gedankenspiele, wohlgemerkt – nach wie vor der Weg des Kapitals angesagt ist, der Gedanke an Klassen und Kasten, an Macht und Nicht-Macht brav vor sich hin gedeiht wie die Habensumme auf einem dicken, fetten Bankkonto. Die Hauptstraße des Geldes, deren goldene Pflastersteine mit Gehsteigen der Ignoranz an Sackgassen und Hinterhöfen der Armut vorbeiführen – und diese ignorieren, wenn man den Blick nur auf das schöne Oz des Kapitals, all das Behagliche und all die Annehmlichkeiten richtet ...

 

Was passiert aber mit einem klugen Menschen, der aus dem sozialistischen Umfeld der Gleichheit und der Gemeinschaft kommt – als Botschafter des kollektiven Gedankens und der friedlichen Co-Existenz, der wirtschaftlich wie wissenschaftlich, ja sogar sexuell völlig offen eingestellt plötzlich auf den Kapitalismus trifft – und sich plötzlich in der glänzenden Welt des Wohlstands wiederfindet und dort ferner allein arrangieren muss?

 

Nun, er lässt sich wahrscheinlich korrumpieren, oder? Zumindest bis zu dem Punkt, da er und sein wieder erwachender Freidenker-Geist nach einer Aneinanderreihung an widersprüchlichen Eindrücken und Einflüsterungen die Fassade des Schwesterplaneten erkennen und als solche durchschauen; eine Fassade, die ihn in den letzten Wochen und Monaten, ja vielleicht sogar Jahren langsam aber sicher mit einem Tuch aus ignoranter Behaglichkeit des Wohlstands eingelullt hat, für das er sich nach Erkennen zuweilen selbst hassen könnte.

 

Es ist der Punkt, da sich der brillante Physiker Shevek in vorliegender Utopie von Urusla K. Le Guin endgültig entscheiden muss, welcher Weg der seine – oder überhaupt nur der halbwegs richtige – sein soll.

 

Und wie weit er diesen gehen möchte ...

 

Weite Teile der Handlung werden im Wechselspiel zwischen Rückblenden auf Anarres – Sheveks Jugend, seine Anfänge als Physiker – und den aktuellen Ereignissen nach Sheveks Ankunft auf Urras erzählt. Damit erreicht Le Guin, dass dem Leser bewusst wird, welche Ereignisse, Situationen, Überzeugungen, Lehren und Erfahrungen Shevek geprägt haben – und wieso ihn manches auf Urras nun dermaßen erschüttert oder so unverständlich erscheint. Die einzelnen Handlungs-Sequenzen werden zudem von oftmals recht philosophischen (und leider stellenweise auch etwas arg akademisch, ja hölzern wirkenden) Dialogen getragen und voran getrieben. Diese Dialoge helfen allerdings dabei, die Zerrissenheit von Sheveks zu verstehen, da beide Systeme mit großer Vehemenz von ihren jeweiligen Verfechtern im Gespräch propagiert werden – und sich selbst der kluge Geist eines Wissenschaftlers wie Shevek sich von schönen Worten den Kopf verdrehen lässt ...

 

Wie schon bei Orwells »1984« muss man auch Ursula K. Le Guins Roman in einen historischen Kontext rücken, um »Die Enteigneten« korrekt einzuordnen und die mehr oder minder subtilen Kritiken, Ängste und Äußerungen richtig zu verstehen: Um 1974 bewegte sich einiges. Die Systeme wackelten, jeder strebte mehr denn je nach seinem Glück – wobei der eine es für sich allein im Kapital suchte, der andere im eher sozialistischen Kollektiv –, und dennoch waren trotz aller Überzeugungen nicht wenige verunsichert, ob ihr eingeschlagener Weg der richtige war. So ist »The Dispossessed« dann auch ein Kind seiner Zeit – eine wahrlich zwiegespaltene, hin und her gerissene Zukunftsvision eben, wie der neue Untertitel der Geschichte um die Schwesterplaneten der einstigen Habenichtse eben recht schön und passend verkündet.

 

Das recht dicke Paperback der Edition Phantasia bietet die gewohnte Qualität der EP-Klappenbroschuren aus den Reihen Science Fiction, Fantasy, Horror und Crime und passt sich von Covergestaltung und Art des Titelmotivs her dem ersten Le Guin-Band der Reihe, »Die Geißel des Himmels«, an. Darüber hinaus enthält das schmucke Paperback ein Vorwort – oder sollte man sagen, eine Warnung? – von Denis Scheck (’Druckfrisch’) sowie zwei Kartenbilder der Schwesterplaneten Urras und Anarres.

 

Fazit: Man muss Zukunftsromane wie Le Guins »Die Enteigneten« mögen und sich auf das manchmal etwas trockene Gedankenspiel mit den Systemen, Anschauungen und vor allem auch Moral- und Wertevorstellungen einlassen, um die Faszination hinter einem solchen Werk zu verstehen und sich von ihr gefangen nehmen zu lassen – wer krachende SF-Action in Form von materialistischen Raumschlachten oder sabbernde Killer-Aliens mit zweiundvierzig Tentakeln sucht, ist hier also definitiv falsch.

 

Wer es allerdings schätzt, intelligent unterhalten und mit faszinierenden Gleichnissen und Sinnbildern an verschiedene, oftmals ineinander verschachtelte moralische und gesellschaftliche Thematiken und Thesen herangeführt und zum Nachdenken angestoßen zu werden, der ist hier wiederum genau richtig und sollte dem Physiker Shevek unbedingt folgen, wenn er im Verlauf der Geschichte sein »altes neues« Selbst, aber eben auch das vermeintlich richtige System zu finden versucht ...

 

Keine leichte Kost, manchmal auch mit der ein oder anderen Länge behaftet und hie und da vielleicht sogar etwas steif oder gar ein klein wenig snobistisch – aber in der Summe ein äußerst kluges und fundiertes Gedankenspiel von der grand dame der phantastischen Literatur, das seinen Status als Klassiker trotz kleinerer Mängel auch heute noch völlig zu Recht inne hat.

 

Ältere Kommentare:

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 2024041215472284841b6b
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Buch:

Die Enteigneten

Autorin: Ursula K. Le Guin

Original: The Dispossessed, 1974

ÜbersetzerInnen: Hiltrud Bontrup und Joachim Körber

Taschenbuch, 349 Seiten

Edition Phantasia, Dezember 2006

Vorwort: Denis Scheck

 

ISBN: 3937897208

 

Erhältlich bei: Amazon

 


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Erstellt: 23.01.2007, zuletzt aktualisiert: 10.04.2024 18:52, 3388