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Die Entfremdung der Kate Pryce

Autorin: Nina Horvath

 

Kate Pryce liebte das Leben nicht, aber sie fürchtete den Tod. Ja, sie war jung, aber sie wußte bereits, wie schnell ein Mensch sterben konnte und daß es kein ruhiges Einschlafen, sondern ein qualvolles Weggerissenwerden von allem darstellte. Damals...damals, das Feuer; und überall der Rauch und Qualm, undurchdringbare Wogen aus Tod und Vernichtung. Sie verbarg ihr Gesicht zwischen ihren Händen und wollte nichts mehr sehen, aber es war sinnlos. Die Vision war in ihr, nicht irgendwo draußen, es gab kein Entrinnen. Kate Pryce lehnte sich gegen die rußgeschwärzte Wand, hätte am liebsten geweint und ihren Schmerz in die Welt hinausgeschrien. Doch sie tat es nicht. Die Zeit hatte sie stumm gemacht und so hörte niemand ihr Leid. Und wenn doch jemand sie sah, wenn sie nachts mit verzerrten Gesicht auf dem Grundstück mit der Ruine stand, so schien es, als wäre sie selbst die Seele einer Toten, die nicht fähig war, Ruhe zu finden.

 

Eine Wolke zog auf und bedeckte den Himmel, nur die leuchtende Mondsichel schien durch eine Lücke herab, in unangenehmes Fahlgelb getaucht und von bläulichen Kratern übersät. Kate Pryce betrat das verfallene Gebäude, das einst sehr groß gewesen sein mußte und es auch noch immer war, obwohl das, was noch übrig war, einen kläglichen Rest der einstigen Erhabenheit darstellte. Von den Wänden fiel die letzte Farbe in dicken, schuppenählichen Plättchen herab. Auf den zerfallenden Schichten hatten Sprayer sinnlose Botschaften hinterlassen. Die Schritte hallten in den immer noch vorhandenen Gängen und Nebengängen wider und wurden vielfach verzerrt und gebrochen zurückgeworfen, sodaß es schien, als würden nicht zwei, sondern tausend Füße gehen. Es gab wohl keine unfreundlichere und eine größeres Unbehagen verursachende Umgebung, aber Kate Pryce kehrte immer wieder zurück. Sie war unfähig, Gefallen an lauten, menschenüberfüllten Plätzen zu finden, sie war dort so einsam, wie es andere Menschen in einem Abbruchhaus wie diesem hier gewesen wären. Sie lebte einfach in einer anderen Art von Realität, und so vermochte sie von den Menschen nichts als Verzweiflung und Spott zu ernten. Ihre Art zu Denken war ihnen fremd, sie sahen nicht die glitzernde Seele, sondern nur die mitunter seltsame Art sich auszudrücken und ihre gesamte Unbeholfenheit. Auch fiel es ihr manchmal schwer, sich nur auf eine einzige Sache zu konzentriere, was man schließlich mit einfacher Beschränktheit erklärte.

 

Kate Pryce trat heraus aus dem Schatten in das Licht, das von überall her zu kommen schien, nicht nur von der feindseligen Sichelscheibe des Mondes. Sie zitterte vor Kälte, obwohl es mitten im Sommer war. Hier, an diesem mysteriösen Ort, wurde es selbst in dieser Jahreszeit nicht richtig warm, genauso, wie es tagsüber nie vollkommen hell wurde. Dieser Platz spottete allen gültigen Regeln, kein Gesetz vermochte hier wirksam zu sein, und manchmal schien es ihr, als würden selbst die Toten keine Ruhe finden, als wären sie gefangen in irgendeiner Art von Scheinleben, eingehaucht von irgendeinem blasphemischen Götterwesen, das irgendwo lauerte und die Kontrolle hatte, dem alles Lebende feindlich und alles Seltsame eigen war.

 

Dunkel war er, der Himmel, und das, obwohl die Nacht noch nicht begonnen hatte. Nur Kate Pryce vermochte die Schwärze wahrzunehmen, die einem lauernden Nebel gleich alles einhüllte. Gerade deshalb, weil die für andere nicht zu erblickende Dunkelheit ihre Sinne überdeckte, schien sie wie eine Blinde durch die Welt zu wandeln. Sie fürchtete die Nacht, an der sie hinaustreten mußte in das Dunkel des zerstörten, düsteren Gebäudes, in dem trotz seiner Leere immer Bewegung war. So wurde sie bald zu einem Sonderling, der, unfähig auszusprechen, was sie sah und fühlte, sich immer mehr von ihrer eigenen Welt entfremdete.

 

Kate Pryce trat hinaus in das Dunkel der Nacht, dann tat sie einen Schritt in das zerstörte Haus, das in Wirklichkeit der Eingang zu einer anderen Welt war, einer Welt, die aufgrund ihrer Andersartigkeit abschreckend war. Es war kalt und unwirtlich, ein kühler Wind blies Kate Pryce entgegen, aber der Himmel stand in einem gewaltigen, wundervollen Leuchtfeuer. Es waren die unzähligen Lichter der riesigen Stadt, die sich weit hinauf erhob, scheinbar bis zu den Sternen. Doch es gab keinen sichtbaren Weg zu all der Herrlichkeit und so blieb Kate Pryce nur der Blick, der vielleicht auch ein Traum war. Sie wußte nicht, was für Wesen es waren, die hier in den Wolken lebten, doch es war gewiß, daß es ihr sehnlichster Wunsch war, hinaufzugehen in die Stadt und in all den Wundern zu schwelgen.

 

So kam es, daß Kate Pryce ihrer Welt, in der sie immer mehr in die Rolle eines Außenseiters gedrängt wurde, die Einsamkeit und Schönheit der unerreichbaren Welt hinter dem verbrannten Haus mehr und mehr vorzog, und wenn sie des Nachts die verlassenen Straßen entlangging, schien es, als wäre sie immer mehr entfremdet von den Dingen, die uns alltäglich scheinen, aber unser aller Leben bestimmen. Der Anblick der Stadt ließ Kate Pryce alles vergessen, was bisher für sie von Bedeutung gewesen war. In solchen Momenten war es ihr egal, daß sie anders war, als die Menschen es gut fanden. Doch wenn sie wieder zurückkehrte in ihre Welt, dann haßte sie diese, weil sie durch ihre seltsamen Gesetzte und Gebräuche in den Wahnsinn getrieben wurde, der immer nur zu Selbsthaß und unendlicher Verzweiflung führte.

 

Irgendwann ging Kate Pryce immer wieder zurück, aber ihr eigentliches Leben hatte seinen Mittelpunkt hier, hier und in zahllosen Träumen, die stets von jener wunderbaren Stadt über den Wolken handelte. Kate Pryce kam wieder, immer wieder und sah hinauf in die herrliche Stadt, die aussah, als wäre sie einer lichten Phantasie entsprungen. Die Häuser waren in verschiedensten Farben bemalt, aber am schönsten leuchteten jene, die in strahlendstes Weiß getaucht waren. Die Dächer waren mit perlmuttfarbenen Steinplättchen gedeckt, überall funkelte goldener Zierrat. Sie zögerte noch einen Moment, sie zögerte, als ihr der Gedanke kam, einfach auf die sonderbare Götterstadt zuzugehen, es erschien ihr wie ein Frevel an dem Traum, der so lange Zeit ihr Leben eingenommen hatte. Doch Minuten später stand ihr Entschluß endgültig fest. Sie ging über schottrigen Grund, der einer Steinwüste glich und auf dem nur vereinzelte Grüppchen von Büschen standen, weit hinein in das Land, für das sie keinen Namen hatte.

 

Schließlich erblickte sie eine Treppe, die aus dem gleichen Material bestand wie die strahlenden Dächer. Tiefe Ehrfurcht ergriff sie angesichts der Erbauer dieser mächtigen, mosaikbedeckten Treppe, als sie die Stufen erklomm, von denen jede einzelne ihr bis ans Knie reichte. Endlich war sie in der Stadt und wandelte über den glatten, marmornen Boden. Wohl funkelte goldener Zierrat an den Häusern, aber ihr war, als wäre die ganze Pracht vor Jahrhunderten entstanden und dann dem Verfall preisgegeben worden. Keine Augen schauten das Häusermeer und keine Seele bevölkerte die Straßen. Von den Wänden rieselte der Putz und die leuchtenden Farben waren aus der Nähe betrachtet fahl und bleich. Ein verwahrloster Hund wühlte in einem Berg von Unrat, der wohl seit ungezählten Jahren nichts Eßbares mehr hergab. Die Stadt war schon lange tot, irgendwann im Laufe der Zeit zur Geisterstadt geworden.

 

Kate Pryce blickte zum Mond, nun einer kreisrunden, milchigen Scheibe, deren Krater mit schrecklicher Wucht hervorsprangen. Sie erinnerte sich plötzlich an die Nacht, an der das Haus brannte, hörte wieder und wieder die unzähligen, in grauenhafte Unerträglichkeit gesteigerten Schreie. Sie wußte nicht, was sie zu finden gehofft hatte, ob sie sich nach einem Platz zum Leben oder einem Zufluchtsort gesehnt hatte. Vielleicht wollte sie auch etwas erreichen, was manche Menschen den Himmel nannten. Sie kannte die Antwort nicht, aber sie fühlte sich, als würde sie im Sturzflug auf die Hölle zusteuern.

 

Was immer auch ihr Traum gewesen sein mochte, sie war um ihn betrogen worden. Aber ohne Träume gibt es auch keine Hoffnung; und ohne Hoffnung kann keiner leben. Der Hund heulte empor zum schrecklichen, bedrohlichen Mond, und auch Kate Pryce blickte zum Himmel hinauf, aber sie tat es mit toten Augen. Mit ihrem Traum war alles gestorben, was ihr Leben bestimmt hatte. Nun führte kein Weg mehr zu ihrem wahren Ich, das, so umnachtet es auch gewesen war, doch stets menschlich geblieben war.

 

 

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Erstellt: 04.06.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58