Die Flusswelt der Zeit (Autor: Philip José Farmer; Flusswelt Bd. 1)
 
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Die Flusswelt der Zeit von Philip José Farmer

Reihe: Flusswelt Band 1

Rezension von Carina Schöning

 

Rezension:

Anlässlich eines Schreibwettbewerbs zum Thema Science Fiction und Fantasy schrieb Philip José Farmer 1952 erstmals eine kurze Novelle mit dem Titel Owe for the Flesh. Obwohl sie damals nur knapp 150 000 Wörter hatte, konnte sie durch Originalität die Jury überzeugen und brachte dem amerikanischen Autor den ersten Preis ein. Aus Gründen, die er im Nachwort nicht weiter nennt, wurde sie jedoch nie veröffentlicht und er schrieb die Novelle für verschiedene Verlage mehrfach um. Der Erfolg blieb zwar aus, aber die Idee einer unendlichen Welt ohne Krankheit und Tod fesselte ihn weiterhin. Weitere Novellen rund um die Flusswelt folgten und 1971 wurden die überarbeiteten Fassungen von Day of the Great Shout und The Suicide Express zu dem Roman To your Scattered Bodies go (dt. „Die Flusswelt der Zeit“) zusammengefügt. Nun ganze 36 Jahre nach der deutschen Erstveröffentlichung hat der Piper Verlag den Zyklus komplett überarbeitet und sie mit schicken Covern neu ausgestattet. Der Auftakt der Reihe „Die Flusswelt der Zeit“ enthält als Bonusmaterial auch die erstmals 1966 erschienene Novelle Riverworld (dt. „Auf dem Fluss“).

 

Kurz nach seinem Tod 1890 wacht der ehemalige Afrikaforscher und Übersetzer Sir Richard Burton in einem wundersamen Raum voller schwebender Menschen auf. Im nächsten Moment liegt er neben vielen Anderen vollkommen nackt am Ufer eines unbekannten Flusses und reibt sich verwundert die Augen. Er kann kaum glauben was er sieht. Anscheinend wurden alle Menschen, die bis zur endgültigen Vernichtung 2008 jemals auf der Erde gelebt haben, wiedererweckt und mit jungen Körpern ausgestattet. An ihren Handgelenken baumeln zylinderförmige Grale, die auf magische Weise dreimal täglich mit Essen und Trinken aufgefüllt werden, wenn man sie in die Vertiefung der herum stehenden „Pilze“ setzt. Was sich aber geradezu paradiesisch anhört, ist für viele Wiedererweckte die Hölle auf Erden. Religiöse Menschen zweifeln an ihr bisheriges Leben und begehen Selbstmord. Aggressivität und Langeweile führt zu sinnlosen und blutigen Kämpfen, denn in der Flusswelt gibt es weder Tod noch Krankheit. Die Getöteten erwachen einfach 24 Stunden später an einem anderen Teil des ewigen Flusses.

 

Das Geheimnis des Flusses lässt Burton aber keine Ruhe. Was war das für ein Raum voller schwebender Menschen? Und wer hat dies überhaupt alles geschaffen? Zusammen mit einer kleinen Gruppe von ganz unterschiedlichen Wiedererweckten macht er sich auf, um flussaufwärts vielleicht Antworten zu finden.

 

In der zusätzlichen Novelle “Auf dem Fluss“ flieht der ehemals amerikanische Schauspieler Tom Mix vor dem deutschen Diktator und Sklavenhalter Kramer und begegnet letztendlich sogar dem wiedererweckten Jesus.

 

Philip José Farmer ist mit seinem Flusswelt-Zyklus ein hoch interessantes und originelles Szenario mit allerlei Möglichkeiten gelungen. Das eigenartige Science Fiction Märchen bietet sowohl philosophische und religiöse Gedanken als auch gesellschaftskritische Aspekte und kann so auf verschiedene Weisen gelesen werden.

Stellvertretend für alle Wiedererweckten muss sich die Hauptfigur Sir Richard Burton im Laufe seiner Reise mit seinem vergangenen Leben und die Zeit nach seinem Tod auseinandersetzen. Er lernt den berühmten Antisemitismus des 20. Jahrhunderts kennen und begegnet seinen eigenen Vorurteilen gegenüber anderen „Rassen“. Denn hier in der Flusswelt wurden die verschiedensten Menschen aus Region und Zeit nach einem bestimmten Muster zusammen gewürfelt. Was sie aus ihren neuen Chancen machen, bleibt ihnen selbst überlassen. Einige Despoten und Herrscher wiederholen ihr „Erdenleben“ und versuchen auch hier die Anderen zu unterdrücken und versklaven. So ergeben sich interessante Bündnisse wie Hermann Göring mit dem römischen König Tullius Hostilius, den einige Leser vielleicht noch aus dem Latein Unterricht kennen? Andere wiederum interpretieren religiöse Motive in ihre Wiedererweckung hinein und schließen sich der neu gegründeten „Kirche der Zeiten Chance“ an, gehen auf kulturelle Pilgerreise oder suchen sich einfach neue Lebensgefährten und leben in den Tag hinein. Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos und so fragt man sich als Leser zwangsläufig, wie man selbst in dieser Situation handeln würde?

Der Roman setzt sich aus zwei aufeinander aufbauenden Novellen zusammen und liest sich sehr flüssig und klar. Die dritte Novelle ist nur als Zusatz gedacht und kann unabhängig von den ersten beiden gelesen werden. Man sollte allerdings, um in den vollen Genuss des Romans zu kommen, zumindest etwas geschichtliches Interesse und Vorwissen haben, damit man weiß was hinter den einzelnen Begegnungen und Handlungsweisen der Personen steckt.

 

Fazit:

Insgesamt kann „Die Flusswelt der Zeit“ sowohl als Zeitreise-ähnlicher Abenteuer-Roman, anspruchsvoller philosophischer/religiöser Diskurs oder auch als intelligentes Plädoyer für mehr Gleichheit und Menschlichkeit gelesen werden. Der Science Fiction Klassiker hat nach all den Jahren nichts von seiner Faszination und Atmosphäre verloren und ist immer noch spannend und abwechslungsreich.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240418183122479a981d
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Buch:

Die Flusswelt der Zeit

Autor: Philip José Farmer

Der Flusswelt-Zyklus Band 1

Original: To your Scattered Bodies go, 1971

Übersetzer: Ronald M. Hahn

Piper Verlag, April 2008

Taschenbuch, 352 Seiten

 

ISBN-10: 3492266576

ISBN-13: 978-3492266574

 

Erhältlich bei: Amazon

 


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Erstellt: 06.04.2008, zuletzt aktualisiert: 10.04.2024 18:52, 6248