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Die Lincoln-Maschine von Philip K. Dick

Rezension von Ralf Steinberg

 

Klappentext:

Als ihre Klavier-Fabrik in finanzielle Schwierigkeiten gerät, kommen Maury Rock und sein Partner Louis Rosen auf eine scheinbar geniale Verkaufsidee: Sie produzieren künstliche Menschen - Kopien berühmter historischer Figuren. Einer der Prototypen ist der frühere amerikanische Präsident Abraham Lincoln. Doch schon bald taucht ein Problem auf: Die Lincoln-Maschine verhält sich keineswegs wie eine Maschine.

 

Philip K. Dicks großer Roman über die Frage, was uns zu Menschen macht - in erstmals ungekürzter Neuübersetzung und mit einem Nachwort von Tim Powers

 

Rezension:

Band 16 der großartigen Dick Werkausgabe von Heyne stellt einen weniger bekannten Roman des Autors vor. Dabei geht es in der Lincoln-Maschine um eines der großen Themen Dicks.

Die Art und Weise, wie er sich aus unterschiedlichen Richtungen einer Definition des Menschseins nähert, gehört vielleicht nicht zu seinen überragendsten Leistungen, dennoch weist „Die Lincoln-;Maschine“ eine ganze Menge Besonderheiten auf, die sie zu Recht in die Werkausgabe bringen.

 

Vordergründig geht es um die Maschinen, die Simulacra, Kopien von Abraham Lincoln und Edwin M. Stanton. Ihre Emanzipation ist gar nicht nötig, da Dick sie Figuren entwarf, die sich zum einem in die ungewohnte Umwelt problemlos einpassten und zum anderen engstirnig genug waren, die mit ihrer Existenz verbundenen Paradoxa zu ignorieren.

Dick überlässt solche Feststellungen sowieso den Lesern. Zumeist begnügt er sich mit der Beobachterrolle der von ihm initiierten Geschehnisse. Von allen Figuren des Buches sind die beiden Simulacra die souveränsten. Das mag an ihrem Maschinenwesen liegen oder an der Zeit, der sie entstammten, wobei auch hier ein nicht näher thematisiertes Problem sichtbar wird, nämlich der Erstellung eines Persönlichkeitsprofils einer historischen Persönlichkeit aus den heute zugänglichen Quellen. Wie exakt könnte so eine hochgerechnete Persönlichkeit dem Original gleichen?

 

Dicks Augenmerk lag aber noch auf etwas Anderem.

Die menschliche Psyche an sich und ihren Veränderungen, Abartigkeiten und Krankheiten.

In der USA des Romans unterliegen alle Bürger der Pflicht, sich ausgiebig auf psychische Anomalien hin untersuchen zu lassen. Diverse Tests widmen sich den verschiedensten Formen der Schizophrenie usw., letztendlich weist jeder mehr oder weniger Symptome irgendeiner psychischen Deformation auf. Sobald man davon ausgeht, dass es so etwas wie einen normalen Verstand gibt, können Normative als Maßstab verwendet werden.

Hier führt das zu Selbstanzeigen, Einweisungen und Förderprogrammen für eine psychische Reinigung.

Louis Rosen entwickelt so im Laufe der Handlung seine eigene Krankheit. Es fragt sich, in wie weit er sie selbst entwarf, aufgewachsen mit Psychotests und ständiger Selbstbeobachtung. Dick reicht dabei stets Umstände mit, die durchaus auch eine andere Erklärung liefern könnten, als gerade Geisteskrankheit.

Liebe, Angst, Wut - die Triebfedern für irrationales Handeln lassen uns oft „wahnsinnig“ werden, bei Dick werden diese Aussetzer zum echten Wahnsinn. Eine folgerichtige Entwicklung, die jeder erwartet und deren Behandlung fest in das Staatswesen integriert ist.

Dicks Biographie weist in der Zeit vor dem Erscheinen des Romans mit einem Selbstmordversuch und dem Aufenthalt in einem Reha-Zentrum genug Material auf, um das Beschriebene glaubwürdig und vorstellbar erscheinen zu lassen.

 

Nicht unerwähnt bleiben soll hier auch, dass Dick seine Suche nach dem Menschsein in eine Amerikabeschreibung fast, die so klar und deutlich das Leben im Westen USA reflektiert, wie es nur wenige Autoren vermögen, wenn sie das ganz große Thema betrachten. Dick braucht nur wenige Sätze, um das mittelständische Unternehmen MASA Associates vorzustellen. Probleme, Erfolge Betreiber der Leser steckt mitten im Geschehen nach den ersten Seiten.

Zwar ist der Handlungsstoff der „Lincoln-Maschine“ nicht dick, aber fein gewebt. Nur wird das der Leser selbst entdecken müssen. Stets gibt es einen deutlichen Hintergrund. Ob es die feindliche Übernahme durch einen Konkurrenten ist, oder soziales Engagement in einem vom Abriss bedrohten Wohngebiet. Der Leser erfährt mit der Zeit das Pro und Kontra, nur ein Urteil liefert Dick nie.

 

Fazit:

Mit der „Lincoln-Maschine“ bleibt Philip K. Dick weiter auf der Spur des menschlichen Verstandes und entwirft nebenbei eine zukünftige Gesellschaft, in der psychische Krankheiten Normalität sind. Selten geben sich künstliche Menschen so normal wie hier. Doch die Norm ist nie statisch. Ein Roman, der zum Fragen auffordert.

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Buch:

Die Lincoln-Maschine

Autor: Philip K. Dick

Original: We can build you, 1972

Übersetzer: Frank Böhmert

Heyne, Juli 2007

Broschiert: 287 Seiten

ISBN-10: 3453522702

ISBN-13: 978-3453522701

Erhältlich bei: Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 22.09.2007, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 13:39