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Die Monster von Templeton von Lauren Groff

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Willie Upton kehrt heim nach Templeton, doch nicht als strahlende Karrierefrau, sondern knietief in Schande. Sie hatte eigentlich nicht damit gerechnet an der Alaska-Exkursion teilnehmen zu dürfen, denn die Ehefrau von Professor Dwyers, des Leiters der Exkursion, wacht eifersüchtig darüber, dass der Kontakt zu den Studentinnen nicht zu eng wird. Dieses Mal war es anders – Willie durfte mitkommen, Urzeitmenschen ausgraben und intensivierte ihre Beziehung zu Dwyers. So sehr, dass ihre Periode ausblieb. Mehrfach. Als Dwyer Besuch von seiner Gattin bekam, kam es zum Eklat und rasend vor Zorn versuchte Willie die Besucherin mit dem Flugzeug zu überfahren. Verblüfft und verärgert über das Verhalten der Doktorandin wurde sie zurück nach Stanford gebracht und von da aus flüchtete sie zu ihrer Mutter Vi nach Templeton. Ihre Karriere scheint beendet, zumindest die als Archäologin, vielleicht gibt es noch eine im Gefängnis. Schwanger. Daheim macht sie gleich drei bestürzende Erfahrungen: Aus dem Flimmerspiegelsee wird der Kadaver des Monsters von Templeton geborgen – damit scheint eine Ära zu Ende zu gehen. Dann ist ihre Mutter, die sich stets für Frauenrechte einsetzte und mal ein Hippie war, zur Baptistin mutiert. Und schließlich, weil Lügen Sünde ist, erzählt sie Willie, dass ihr Vater nicht einer der drei Hippies aus der San Franzisko-Kommune, sondern ein Mann aus Templeton ist. Den Namen will sie allerdings nicht verraten, sie gibt nur preis, dass er wie Willie von Templetons Gründer Marmaduke Temple abstammt, allerdings von einer geheimen Linie. Jetzt ist Willies Lebenskrise perfekt.

 

Zwar kommt Willie im Sommer 2002 nach Templeton und in jenem Jahr ist auch die Rahmenhandlung angesetzt, doch Willies Nachforschungen bezüglich ihres Vaters lassen sie viele Details über die Bewohner Templetons seit Marmadukes Vision der Stadt im Jahr 1785 'ausgraben', entsprechend durchzieht die Geschichte zwei Jahrhunderte. Als historischer Roman ist der Text aber nur sehr bedingt zu lesen. Einerseits sind die historischen Episoden sehr pointiert und andererseits ist Templeton eine besondere Neu Englische Kleinstadt: Eigentlich wollte Groff eine literarische Liebeserklärung an ihre Heimatstadt Cooperstown verfassen, doch im Laufe der Zeit machten sich die Details selbstständig und so beschloss sie zum selben Trick wie Cooperstowns berühmtester Autor, James Fenimore Cooper, zu greifen – sie verlegte die Geschichte ins fiktive Templeton, das sich zu Cooperstown verhält wie Gotham City zu New York. Templeton liegt an der Ostküste; die Leute geben sich aufgeschlossen und liberal, sind im Kern aber oft spießig und konservativ. Nichts verändert sich in dem verschlafenen Nest. Templeton ist also eine typische Kleinstadt. Mit zwei Ausnahmen: Marmaduke Temple säte eine verdorbene Saat und im Flimmerspiegelsee, dessen Grund noch nie jemand erkundete, lebte – bisher – ein Monster.

Damit kommen wir zu den phantastischen Elementen. Derer gibt es vielerlei. Es beginnt mit Flimmy, dem Ungeheuer des Flimmerspiegelsees, einem bizarren Hybridwesen, das wohl der Kryptozoologie zu zurechnen ist, aber auch der Geist, der in Willies Zimmer in Averell Cottage 'wohnt', nimmt Einfluss auf die Handlung. Templeton ist ein magischer Ort und so gibt es noch mehr phantastische Elemente zu entdecken, die tendenziell in den Bereich des Paranormalen gehören; "entdecken" ist hier das Stichwort, denn weder der Geist noch andere Elemente lösen bei den Menschen von Templeton erstaunen aus und seltsame Dinge werden als völlig normal hingenommen – was wirklich normal ist und was nicht, liegt also beim Leser. Damit gehört der Roman zum Magischen Realismus.

Da der Roman eine Liebeserklärung an einen Ort ist, wird der Beschreibung des Settings natürlich viel Raum gewährt; da der Blick eher auf die Außenseiter der Stadt gerichtet ist, sind die Figuren zwar eng mit dem Schauplatz verbunden, doch das Setting bleibt mehr Ambiente als Milieu.

 

Die Figuren sind sicherlich das Kernstück des Romans; ihnen hat die Autorin die größte Aufmerksamkeit angedeihen lassen. Einerseits werden etwa zwanzig Figuren mehr oder minder detailliert porträtiert, andererseits wirkt keine davon klischeehaft, was normalerweise bei knapp ausgeführten zentrischen Figuren leicht der Fall ist. Insgesamt entstammt etwa die Hälfte der Figuren der Historie Templetons und bei denen sind wiederum reale wie fiktive Figuren zu finden – Lederstrumpf und Chingachcook sind Zeitgenossen von Jacob Franklin Temple (in dem der Leser unschwer J. F. Cooper selbst erkennen wird).

Zentrale Figur ist Wilhelmine Sunshine Upton; auf den Namen "Sunshine" reagiert sie allerdings nicht mehr, seit sie drei ist. Sie hatte Templeton vor Jahren verlassen, studiert und mit einigem Erfolg an ihrer Doktorarbeit in Archäologie geschrieben. Dann kamen der Eklat bei der Ausgrabung und ihre Heimkehr in Schande. Sie glaubt, sie habe alle enttäuscht und ist kurz davor sich selbst aufzugeben: Archäologie kann sie wohl abhaken und was sie sonst machen soll – so sie denn auf freiem Fuß bleibt – weiß sie nicht. Und das "Klümpchen" (wie sie ihr Kind vorerst nennt): Soll sie es bekommen oder nicht? Es wäre momentan ja sehr unvernünftig. Schließlich besitzt ihre Mutter die Frechheit, nachdem sie sie achtundzwanzig Jahre belogen hat, ihr nicht den Namen des Vaters zu sagen. Doch Willie hat einen Anhaltspunkt und wird es allen schon zeigen, dass ihr der völlig ausreichen wird.

Ihre Mutter Vivienne Upton ist ebenfalls wichtig. Mit vierzehn war sie nach San Franzisko ausgerissen und hatte eine dreijährige Sex- und Drogenpartie gefeiert. Nach dem Tod ihrer Eltern war sie nach Templeton zurückgekehrt und hatte festgestellt, dass das Vermögen ihrer Eltern nahezu aufgebraucht war. Statt einer berühmten Dichterin, die im Luxus schwelgt, wurde sie eine berüchtigte Alleinerziehende Mutter (Templeton war noch nie reif für feministisches Gedankengut), die jeden Cent zweimal umdrehen musste. Als Krankenschwester hatte sie begonnen sich in die Gesellschaft einzupassen und jetzt ist sie sogar Baptistin geworden. Man weiß nie, was man von ihr zu erwarten hat.

Schließlich sei noch Marmaduke Temple, der Stadtgründer, genannt. Die Figur ist aus Coopers Roman Die Ansiedler entliehen und schon von Cooper als Chiffre für seinen Vater (und Gründer von Cooperstown) William Cooper verwendet worden. Marmaduke stammte aus ärmlichen Verhältnissen, war Quäker, jedoch nicht allzu fromm. Die Mehrheit der Figuren aus der Geschichte Templetons bezieht sich irgendwie auf ihn und so entsteht ein vielschichtiges Mosaik, das von seiner Schaffenskraft, seiner Lebenslust und seiner Grausamkeit kündet. Templeton war seine Vision – und manche seiner Eigenschaften finden sich noch immer in den lebenden Bewohnern der Stadt gespiegelt.

 

Kommen wir zum schwierigsten Teil des Romans: dem Plot. Wie die Verflechtungen zwischen den vielen Figuren, sind auch die verschiedensten Aspekte des Plots sehr verflochten, allerdings haben sie ein zentrales Thema: Alleinerziehende Mütter. Die Väter können Ehebrecher, Vergewaltiger oder Verstorbene sein, die Mütter können vorehelichen Sex haben und dann sitzengelassen oder einfach nur verlassen worden sein. Daneben gibt es einige Mütter mit unehelichem Kind, die sich in verschiedene Beziehungen flüchten; auch das gehört zum Thema. Dieses Thema verdichtet sich in der Lebenskrise Willies. Indes weicht hier der Plot vom Thema ab, denn Willie macht vieles – sich grämen, mit ihrer schwerkranken Freundin Clarissa telefonieren, zwischen Dwyers und dem ehemaligen Schulkameraden Zeke Felcher schwanken und vor allem nach ihrem Vater forschen – doch um ihre eigentlichen Probleme – Doktorarbeit, Anklage, "Klümpchen" – kümmert sie sich wenig. Willie (und der Leser) verdrängen sie weitgehend. Soweit, so gut, doch die Auflösung missfällt mir. Ich will an dieser Stelle nicht mehr verraten, als dass sie mir zu einfach ist.

Witzigerweise wird das Thema indirekt durch Willies Plotstrang wieder behandelt, denn darin eingebettet sind die zahlreichen Episoden aus dem Leben der Leute Templetons, die eine Biographie Marmadukes, situative Schilderung Templetons und eine Art Sittengemälde der sexuell devianten Mütter erzählen.

Über diese vielfältigen Episoden kommen die verschiedensten Spannungsquellen ins Spiel, von der Spukgeschichte zum Liebesdrama, doch selbst in Zeiten des Bürgerkriegs bleibt das Geschehen zivil – wobei zu beachten ist, dass Mord und Totschlag Teil der Zivilgesellschaft sein kann. Zentral sind jedoch die Spannungsquellen, die aus dem Rätselplot Willies, der Entwicklungsgeschichte Vis, der Biographie Marmadukes und dem übergreifendem Thema der Mütter erwachsen. Der Plotfluss ist dabei trotz des generell situativen Textes verhältnismäßig hoch.

 

Der Variantenreichtum des Plots überträgt sich in die Erzähltechnik. So ist es sehr schwer genau zu bestimmen wie viele Handlungsstränge es tatsächlich gibt, da die verschiedenen Episoden sehr Unterschiedliches beitragen können. Grob gesagt gibt es drei: Willies Alltag und Nachforschungen, Marmadukes Biographie und Templeton in all seiner Pracht. Die Erzählperspektiven sind sehr unterschiedlich: Während Willies Rahmenerzählung eine Ich-Erzählung ist, sind die meisten Templeton-Episoden in Form verschiedener Ego-Dokumente (Briefe, Tagebuch etc.) gehalten. Es gibt jedoch auch alle möglichen anderen Perspektiven, wenngleich in wesentlich kleineren Einschüben. Willies Nachforschungen erinnern formal sehr an einen klassischen Whodunnit-Krimi und so wird dieser Aspekt auch regressiv erzählt; andere Aspekte werden wiederum progressiv erzählt.

Auch der Schreibstil ist der jeweiligen Perspektive angepasst: Marmaduke Temple klingt deutlich anders als Guvnor Averell, Cinnamon Averell wiederum anders als Charlotte Franklin Temple. Doch es sei der Autorin gedankt: Sie übertreibt es nicht mit exzentrischen Schreibweisen, Satzbauten oder altertümelnden Ausdrücken – es bleibt stets gut verständlich.

Schließlich sei noch auf ein paar Bilder der verschiedenen Mitglieder der Temple-Familie und, wichtiger noch, den Stammbaum der Temples, der mit jeder neuen Entdeckung Willies erweitert und revidiert wird, hingewiesen; besonders die verschiedenen Stammbäume sind sehr hilfreich um den Überblick über die Vielzahl der Figuren aus der Temple-Familie zu behalten.

 

Fazit:

Willie Upton kehrt geschlagen nach Templeton zurück; sie ist kurz davor aufzugeben. Aber die Bemerkung ihrer Mutter, dass einer der Männer Templetons ihr Vater sei, lässt ihren Ehrgeiz wieder aufleben: Sie setzt alles dran, ihren Vater ausfindig zu machen – und erfährt dabei vielerlei seltsame und nicht immer nette Details über ihre Heimatstadt und deren Bewohner. Mit Die Monster von Templeton hat Lauren Groff einen enorm vielschichtigen und variantenreichen Roman geschaffen: Rätselgeschichte, Entwicklungsgeschichte, Sittengemälde, Familiendrama, Magischer Realismus – diese Beschreibungen und mehr passen auf die verschiedenen Aspekte des Romans. Setting, Figuren, Plot und Erzähltechnik des abwechselnd komischen und melancholischen Werkes sind dabei akkurat durchgeformt und aufeinander abgestimmt. Doch wie Zwerge am Ende des Tages lange Schatten werfen, so trüben Schwächen in der Auflösung des Plots den Genuss der Geschichte mehr als an anderer Stelle. Ein Meisterwerk mit Webfehler am Ende und daher "nur" ein guter Roman.

 

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Roman:

Titel: Die Monster von Templeton

Reihe: -

Original: The Monsters of Templeton

Autor: Lauren Groff

Übersetzer: Judith schwaab

Verlag: C. H. Beck (Februar 2009)

Seiten: 507 - Gebunden

Titelbild: Kostanze Berner

ISBN-13: 978-3-406-58-390-2

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 31.03.2009, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36