Die Pferdelords und die Korsaren von Um´briel (Autor: Michael H. Schenk, Die Pferdelords Bd. 5, Genre: Fantasy)
 
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Die Pferdelords und die Korsaren von Um´briel von Michael H. Schenk

Reihe: Die Pferdelords Bd. 5

 

Leseprobe

 

1

Zu einer Zeit, die selbst die Elfen nicht benennen konnten, war dies ein beeindruckender Berg gewesen. Mit seinem hohen Kegel hatte er das Land weit überragt. Dann hatten Beben die Erde erschüttert, und der hohe Berg war unter einer Wolke aus Feuer und Asche verschwunden. Glühendes Gestein war seine Flanken hinabgeflossen, und das Land war für lange Zeit in Finsternis versunken, bis irgendwann die Sonne erneut hervorbrach. Aber das Antlitz der Erde hatte sich gewandelt, und an die Stelle des hohen Bergkegels war ein großer Krater getreten, dessen Wände steil abfielen und an dessen Grund sich gelblich-grüne Nässe sammelte. Wieder verging eine lange Zeit, und die Erosion forderte ihren Tribut. Ein kleiner Teil der Kraterwand gab nach, stürzte ein, und das Wasser des die Ebene durchziehenden großen Flusses strömte in den Krater und bildete dort einen kristallklaren See. Viele Menschenalter später gab es den Krater und seinen See noch immer, aber sein Anblick hatte sich abermals gewandelt.

Wenn man sich dem Berg von weit her näherte, sah er nun wie ein flacher Kegel aus, dessen Spitze abgetrennt war. Der scharfkantige Fels wies die verschiedensten Schattierungen von Schwarz über Grau bis Braun auf und stieg vom Fuß des Berges immer steiler an. Oben, auf dem Rand des Kraters, erhob sich in strahlendem Weiß das typische glatte Mauerwerk menschlicher Baukunst. Eine hohe und massive Wehrmauer, die sich um den gesamten Krater herumzog und von achteckigen Türmen mit Plattformen unterbrochen war, auf denen schwere Katapulte und Dampfkanonen standen. Überragt wurde diese Anlage von dem gewaltigen Turm, der sich inmitten des Kratersees auf einer Insel erhob. Aufgrund seiner enormen Höhe wirkte er trotz seines beachtlichen Durchmessers schlank und filigran; seine Wände waren durchbrochen von zierlich wirkenden Balkonen und Brüstungen, und seine Spitze endete in einer metallenen Schüssel, in der das Signalfeuer der Stadt entzündet werden konnte.

Der Turm war umgeben von säulengetragenen Gebäuden und Grünflächen. Hier wirkten König und Kronrat des Reiches von Alnoa. Geschwungene Brücken führten über den großen Kratersee hinweg zu dessen Ufern. Dort lagen die Häuser der Stadt, die dem Verlauf der Kraterwände folgten. Ringförmig in übereinanderliegenden Terrassen angeordnet, vermittelten sie den Eindruck, sie seien die Zuschauer in einem riesigen Amphitheater, dessen Bühne der Königspalast mit dem Signalfeuer bildete. Bei den Gebäuden dominierte der weiße Stein, den die Bauherren des Reiches bevorzugten, weshalb man die Stadt auch die „Weiße Stadt“ nannte. Sie war die Hauptstadt des Königreiches von Alnoa und trug den Namen Alneris.

Kein Feind hatte seinen Fuß je in die Stadt setzen können, obwohl man es versucht hatte. Vor vielen Jahreswenden war eine starke Armee des Schwarzen Lords auf den Feldern erschienen, die Alneris umgaben. Die mächtigen Katapulte der Orks hatten den Verteidigungsanlagen Schaden zugefügt, aber diese hatten standgehalten, bis die Beritte der Pferdelords den Menschen des Reiches Alnoa zu Hilfe kamen und die Rettung brachten.

Es gab nur einen Zugang zur Stadt, dort, wo einst ein Teil der Kraterwand eingestürzt war und sich nun der große Fluss in den Kratersee ergoss. Aber diese Zufahrt zum Hafen von Alneris, der im Innern des Kraters gelegen war, und die gepflasterte Straße, die daran entlang in die Stadt hineinführte, waren durch schwere Tore und mächtige Batterien geschützt.

Der Fluss Genda verband die Stadt mit dem offenen Meer, und der träge wirkende, aber tückische Strom erreichte rasch eine Breite von zwanzig Tausendlängen. Erst nach rund vierhundertfünfzig Tausendlängen mündete er in die riesige Bucht von Gendaneris, wo die gleichnamige Hafenstadt die Zufahrt schützte. Von Alneris aus gesehen, erhoben sich am linken Ufer die massigen Formen des südlichen Gebirges von Hesparat und bildeten eine Art natürliche Grenze zum verlorenen Reich der alten Könige. Am rechten Ufer öffnete sich das Land, das zum Königreich Alnoa gehörte.

Es war ein reiches Land, mit riesigen Wäldern und fruchtbaren Ebenen. Ein Land, das ein Leben im Überfluss ermöglichte. Die Bäume waren groß und ausladend und hatten eine weiße Rinde, die nur gelegentlich von dunklen Flecken bedeckt war. Diese Bäume hatten dem Königreich den Beinamen des „Reiches der weißen Bäume“ eingetragen. Ihr Holz war stark und fest, und so waren auch die Schiffe des Reiches Alnoa stark und fest.

Die „Shanvaar“ hatte den Hafen von Alneris vor einer Tageswende verlassen und fuhr nun den Fluss entlang in Richtung Gendaneris. Großkapitän Gort ta Mergon stand an der Reling des Brückenaufbaus am Heck seines Schiffes und wagte es kaum, die hölzerne Einfassung zu berühren. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel herab, und Holz und Metall der Aufbauten hatten sich unangenehm aufgeheizt. Der adlige Großkapitän beneidete seine Matrosen nicht, die barfüßig über die Planken des Schiffes hasteten oder an der Takelage in die Masten aufenterten.

Die „Shanvaar“ gehörte zu den Neubauten der alnoischen Marine, und dies war ihre erste Feindfahrt. Gort ta Mergon fieberte dem Aufeinandertreffen mit dem Gegner ebenso entgegen wie seine Offiziere und die Besatzung, und er war froh, in seinem Ersten Offizier und einigen der Matrosen erfahrene Seeleute an Bord zu haben. Es war nicht leicht für ihn gewesen, das Kommando zu erhalten, und viele beneideten ihn nun zu Recht um dieses Schiff.

Die „Shanvaar“ maß fast vierzig Längen von Bug bis Heck und war knappe sechs Längen breit. Der hölzerne Rumpf bestand aus dicken Planken des Weißbaums und war unterhalb der Wasserlinie mit Platten aus Gold beschlagen, die einen Bewuchs des Unterwasserschiffes mit Algen und Muscheln verhindern sollten. Der Bug war unter Wasser mit einer langen Ramme, von Metallplatten verstärkt, versehen und nach oben hin sanft ausgezogen. An seinem Ende zeigte er das Wappen des Reiches Alnoa, drei weiße Bäume auf grauem Grund. In der Mitte des Schiffes stand der Hauptmast, der an seinem Ende mit der Querstange für das Hauptsegel und der Ausguckplattform versehen war. Ein zweiter, wesentlich kleinerer Mast ragte vor der Brücke am Heck auf. Masten und Segel wirkten für ein Segelschiff ausgesprochen bescheiden und schienen kaum in der Lage, der „Shanvaar“ Geschwindigkeit zu verleihen. Doch sie waren auch nur für den Notfall gedacht, denn das Kampfschiff wurde von einem Brennsteinantrieb bewegt.

Ungefähr in der Mitte des Rumpfes war unter Deck die wuchtige Konstruktion des Brennsteinkessels verborgen, in dem aus Wasser Dampf gebildet wurde, welcher das Schiff antrieb und zugleich seine gefährlichste Waffe bildete. Von der Brennsteinmaschine liefen rechts und links je eine armdicke Metallwelle zur jeweiligen Seite des Schiffes, um dort in einer großen metallenen Scheibe zu enden. An einem Außenpunkt der Scheibe war jeweils eine lange Stange befestigt, die zu den Gegenstücken der Scheiben am Heck der „Shanvaar“ führten. Dort, unter der hinten überstehenden Brücke, drehte sich das gewaltige Schaufelrad, welches das Wasser des Flusses mahlte und dabei das Schiff vorwärtsschob.

Der Dampfantrieb durch Brennstein war neu, und nicht jeder Seemann in Alnoa war davon angetan, denn die Maschine im Bauch des Schiffes stampfte und dröhnte, strahlte Hitze in den Rumpf und musste stets mit Wasser und Brennstein versorgt werden.

Auch Halblar, der Erste Offizier der „Shanvaar“, hatte sich mit dem lärmenden Antrieb noch nicht anfreunden können. Nur seine Freundschaft zu dem adligen Kapitän hatte ihn bewogen, mit an Bord zu gehen. Als er nun neben seinen Freund trat und die Hände automatisch auf die Reling der Brücke legte, stieß er einen halblauten Fluch aus und zog die Finger hastig zurück. „Verfluchte Hitze. Hier oben ist es auch nicht viel besser als unten im Rumpf. Dabei dachte ich, die Maschine sei nicht zu überbieten. Ich frage mich, wie unsere Brennsteinmänner es da unten aushalten.“

„Sie sind es gewöhnt.“ Gort ta Mergon nahm den Helm mit den beiden Federn eines Großkapitäns vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Und die es nicht gewöhnt sind, werden es bald sein.“

„Wie kann man sich an solchen Lärm und solche Hitze gewöhnen?“ Halblar schüttelte verächtlich den Kopf. „Ich sage dir, Gort, mein Freund, ich vermisse den erfrischenden Druck des Windes in den Segeln, das leise Flappen der Leinwand und das Knarren des Tauwerks.“

„Auch wir haben knarrendes Tauwerk“, brummte ta Mergon.

„Ja. Aber ansonsten hört man nur dieses Stampfen und Zischen.“ Halblar wies hinter sich zum Heck. „Und das Klatschen des Schaufelrades. Ich kann nachts ja nicht mehr schlafen.“

„Auch du wirst dich an den Lärm gewöhnen.“ Der Großkapitän sah seinen Freund lächelnd an. „Immerhin macht uns die Brennsteinmaschine unabhängig vom Wind, mein Freund. Während der Feind fahrtlos in den Wellen liegt und auf Wind hofft, können wir manövrieren und ihn vernichten.“

Halblar spuckte ins Wasser. „Doch wenn er Wind hat, fährt er uns davon.“ Er schlug seufzend auf die Reling und verzog erneut das Gesicht. „Jeder wird uns davonfahren, mein Kapitän. Gegen einen fahrenden Segler kommen wir nicht an.“

„Wir fahren nur mit halber Kraft“, tröstete ta Mergon. „Warte, bis wir den Kessel ordentlich geheizt haben, dann wirst du sehen, dass die ‚Shanvaar‘ wie ein elfisches Pfeilschiff über die Wellen fliegt.“

Halblar sah sich kurz nach eventuellen Zuhörern um und gab dann einen obszönen Laut von sich. „Ich weiß, Gort, du liebst dieses Schiff und hast um das Kommando gekämpft, aber du hättest einen der schnellen Kampfsegler wählen sollen. Mit diesem Brennsteinkessel unter unseren Füßen werden wir den Feind nicht einholen können, und wenn es eng wird, können wir ihm auch nicht davonfahren.“ Er lachte freudlos. „Außer, vielleicht, bei Windstille.“

Die Worte seines Freundes begannen Gort zu ärgern. „Du verschließt dich der neuen Zeit, Halblar. Der Brennstein verleiht unserem Schiff besondere Kraft.“ Er wies nach vorne in Richtung Bug. Dort, vor dem vorderen Mast, stand der runde Turm für die Hauptwaffe des Schiffes. „Und unserer Dampfkanone vermag kein feindliches Schiff standzuhalten.“

„Wenn sie denn trifft und der Feind lange genug stillhält.“

„Halblar.“ Gorts Stimme verriet seinen Unmut und ermahnte den Freund, nun besser einzulenken. Der Großkapitän wies über den Fluss. „Mit einem Kampfsegler kannst du bei diesem schwachen Wind kaum manövrieren, doch die ‚Shanvaar‘ schafft dies mühelos. Und wenn wir die Kraft des Dampfes zum Geschütz leiten, wird sein Geschoss jeden feindlichen Schiffsrumpf zerschmettern.“ Gort sah den Freund eindringlich an. „Auf eine Entfernung, in der kein feindliches Katapult uns treffen kann.“

Der Dampf aus dem Brennsteinkessel trieb sowohl das mächtige Schaufelrad als auch das Geschütz an. Man musste am Kessel nur einen schweren Ventilhebel umlegen, damit der Dampf nicht mehr auf die Antriebswelle traf, sondern durch die vordere Dampfleitung das Geschütz erreichte. Dort wurde der Druck in einer Kammer des Geschützrohres gesammelt, bis er groß genug war, um das schwere Kugelgeschoss aus dem Geschützlauf zu treiben. Der Vorgang benötigte eine gewisse Zeit, in der man das Ziel im Visier halten musste. Zudem war das Schiff in diesen Augenblicken ohne Antrieb, aber die Konstrukteure schworen, dass dies nicht sonderlich ins Gewicht fallen würde. Gort ta Mergon war geneigt, ihnen zu glauben, denn die schweren Dampfkanonen der Stadtverteidigung hatten sich bereits bewährt. Aber es behagte ihm nicht, sein Schiff im Gefecht ohne Antrieb zu sehen, und wenn es auch nur für Augenblicke war. Denn diese Momente konnten einem Feind genügen, um die „Shanvaar“ mit einem Hagel von Katapultgeschossen einzudecken oder sie sogar zu rammen.

Das Hauptsegel flappte lustlos im Wind. Die Brise war zu schwach, um das Segel zu füllen, zumal das Schaufelrad das Schiff vorantrieb. Im Grunde war die Leinwand im Augenblick nutzlos und hemmte vielleicht sogar ihre Fahrt, aber Gort konnte sich nicht dazu entschließen, die Segel einholen zu lassen. Immerhin spendeten sie etwas Schatten und brachten Linderung von der brütenden Sonne.

Einige der Matrosen sangen eine der alten Seefahrerweisen, und Halblar stimmte leise summend ein. Die Stimmung der Mannschaft war gut. Sie war froh, endlich der Enge des Hafens entronnen zu sein und sich auf dem großen Fluss zu bewegen. Vielleicht ergab sich sogar die Gelegenheit, ein Stück aufs Meer hinauszufahren. Einst war das die Bestimmung der Seeleute von Alnoa gewesen, als die Schiffe des Königreiches noch Handel mit weit entfernten Ländern getrieben hatten. Doch diese Zeit war vorbei, denn eines Tages war die Brut der Schwärme erschienen und hatte begonnen, das Meer mit ihren schwarzen Schiffen zu bedecken. Zunächst waren es nur wenige Korsaren gewesen, und die Marine von Alnoa hatte sie noch aufhalten können, aber dann waren die Schiffe des Feindes immer zahlreicher geworden. Nun gehörte das Meer den Schwarmschiffen der Korsaren, und die Schiffe der Menschen befuhren nur noch die küstennahen Gewässer. Nur die Elfen trauten sich, so sagte man zumindest, gelegentlich noch aufs Meer hinaus. Aber Gerüchte gab es viele, und Elfen waren nicht weniger verwundbar als ein Mensch. Nein, die Korsaren beherrschten die Wasser, so wie die Reiche der Menschen, Elfen und Zwerge das Land beherrschten.

„Wasserwirbel rechtsweisend voraus“, erklang die Stimme des Ausgucks von der Plattform des Hauptmastes.

Gort blickte unter dem Hauptsegel und über den Geschützturm hinweg zum Bug. „Das muss die Untiefe von Debun sein. Die Fahrrinne verengt sich hier, und über der Sandbank bilden sich Wirbel.“ Gort wandte sich an den Steuermann, ohne sich umzudrehen. „Steuer zehn Grad linksweisend, Maschine auf zweihundert Umdrehungen.“ Er legte eine Hand an den Mund. „Einen Mann mit Lot in den Bug!“

„Steuer zehn Grad linksweisend, Maschine auf zweihundert Umdrehungen!“ Der Matrose am Steuer korrigierte den Kurs, und ein anderer brüllte die Anweisung des Kapitäns in einen metallenen Schlauch mit Trichter hinein, der die Worte zum Maschinisten trug.

Die Strömung des Genda war hier recht stark und wirbelte Schlamm und Schmutz vom Grund auf, sodass an dieser Stelle das Wasser immer getrübt war. Man musste den Verlauf der Wellen und das Muster von Verwirbelungen entziffern, sich auf seine Kenntnis des Flusses und auf das Lot verlassen, damit man an den tückischen Verengungen der Fahrrinne nicht auflief. Ein Stück weiter den Fluss hinunter verrotteten die Wracks zweier Korsarenschiffe, die sich den Rumpf an Unterwasserfelsen aufgerissen hatten und gesunken waren.

Ein Matrose, in der kurzen Jacke und den knielangen Hosen seines Berufsstandes, rannte an der rechten Seite des Schiffes entlang und führte das Lot mit sich. Es bestand aus einem metallenen Zylinder, der an einer langen Leine befestigt und an der Unterseite mit Talg bestrichen war. Als der Mann den Bug erreichte, beugte er sich weit vor, hielt sich mit einer Hand an der aufgeheizten Reling fest und warf mit der anderen das Lot aus. Klatschend tauchte der Zylinder ins Wasser ein, während die Leine an dem langsam fahrenden Schiff entlangzuschwimmen schien.

„Recht so“, brummte ta Mergon. „Kurs halten!“

„Steuer mittschiffs, Kurs halten“, erwiderte der Steuermann.

„Drei Längen unter dem Rumpf“, rief der Matrose mit dem Lot.

„Zu dicht am Ufer“, brummte Halblar. „Wir sollten mehr zur Mitte der Fahrrinne.“

„Wir haben Flut, und drei Längen Wasser unter dem Rumpf reichen.“

„Wenn es die Untiefe von Debun ist.“

Ta Mergon seufzte leise. „Welche Farbe hat der Grund?“, rief er nach vorne. Er sah seinen Freund an. „Es ist Debun. Glaube mir, Halblar, ich kenne den Fluss.“

Der Matrose am Lot zog den Metallzylinder hoch und betrachtete dessen Unterseite. Im weichen Talg hatte sich Material vom Grund des Flusses eingepresst. „Roter Grund, grober Kies, glatt geschliffen“, meldete er und warf das Lot erneut aus.

„Debun“, stellte ta Mergon fest. „Wie ich es sagte. Ich kenne den Fluss.“

Halblar zuckte die Achseln. „Ich weiß. Aber durch die Strömung wandern die Untiefen gelegentlich.“

Der Großkapitän stieß ein leises Grunzen aus, das alles Mögliche bedeuten konnte. „Heute befahren wir nur den Fluss und die küstennahen Gewässer. Bei den Finsteren Abgründen, es gab andere Zeiten, Halblar, mein Freund.“

„Ja, die gab es.“

Gort seufzte abgrundtief. „Steuermann, auf alten Kurs gehen. Wir sind nun an Debun vorbei. Fahrt auf hundert Umdrehungen!“

Das Steuer bewegte sich, und Kommandos ertönten. „Alter Kurs liegt an, mittschiffs. Maschine auf hundert Umdrehungen.“

Halblar wandte sich um und beschattete die Augen gegen die Sonne. „Sie folgen mittschiffs.“

„So besagt es der Befehl des Königs.“ Gort ta Mergon machte sich nicht die Mühe, sich umzuwenden. Natürlich folgten die beiden anderen Schiffe des kleinen Geschwaders der „Shanvaar“. Die „Aivaar“ war baugleich mit dem Flaggschiff und verfügte somit ebenfalls über Schaufelradantrieb und Dampfkanone. Die dahinter folgende „Netluaar“ hingegen war einer der klassischen Kampfsegler. Ihr Rumpf war etwas länger und trug drei große Masten; entlang ihren Längsseiten standen Katapulte, und im Geschützdeck waren die Bolzenwerfer noch hinter den Luken verborgen.

„Sie hat Mühe, uns zu folgen“, knurrte Halblar. „Sie fällt zurück.“

„Die ‚Netluaar‘?“ Gort lachte leise. „Das wundert mich nicht. Wir haben kaum Wind. Wie ich dir schon sagte, Halblar, der Brennsteinantrieb hat auch seinen Vorteil.“ Der Großkapitän des Geschwaders wandte sich nun doch um und musterte die nachfolgenden Schiffe. „Dabei hat ihr Kapitän schon jeden Fetzen Tuch gesetzt. Nun, ich will ihm die Schande ersparen, sich von der ‚Aivaar‘ schleppen zu lassen. Steuermann, die Maschine soll auf fünfzig Umdrehungen heruntergehen.“

Sie verlangsamten ihre Fahrt, aber der Segler hatte noch immer Mühe, mit den beiden Dampfschiffen Schritt zu halten. Gort wusste jedoch, dass seine stille Genugtuung von kurzer Dauer sein würde. Sobald Wind aufkam, würde ihnen der schnelle Segler mühelos davonfahren können. Der adlige Großkapitän bedauerte, dass man die Brennsteinantriebe noch nicht wirkungsvoller machen konnte.

„Rauch, rechtsweisend voraus“, meldete plötzlich der Ausguck.

„Das ist Mintris“, knurrte einer der Matrosen grimmig. „Diese verfluchten Bestien. Möge die ewige See sie verschlingen.“

„Den Gefallen wird sie uns schwerlich tun“, erwiderte Halblar leise. „Immerhin sind die Bastarde auf ihr zu Hause.“

Gelegentlich segelte ein Schwarm der Korsaren die Küste entlang, um Siedlungen zu überfallen und zu plündern. Selbst den Fluss waren sie oft genug heraufgekommen, bis die Hafenstadt Gendaneris die Bucht endlich sicherte und die Bestien mit ihren Batterien und Wachschiffen fernhielt. Meistens zumindest, denn ab und zu schlüpften in der Nacht doch ein oder zwei Korsaren hindurch und wagten sich den Fluss hinauf. So war es auch vor einigen Tageswenden gewesen, als eine Horde der Bestien über die Stadt Mintris hergefallen war und dort so lange gemordet und geplündert hatte, bis zwei Regimenter der Garde sie endlich vertrieben. Ein Teil des Schwarms hatte sich auf die Schiffe retten können, die sich nun irgendwo zwischen Mintris und Gendaneris auf dem Fluss befinden mussten. Es war Gort ta Mergons Aufgabe, diese beiden Korsarenschiffe zu stellen und zu vernichten. Vielleicht konnten sie sogar ein paar der Bestien fangen, um sie dann zur Genugtuung der Bürger auf dem großen Platz hinzurichten.

Die Stadt war nur undeutlich zu erkennen, denn obwohl der Überfall der Korsaren schon einige Tageswenden zurücklag, hing über ihr noch immer schwerer dunkler Rauch in der Luft.

„Das werden die Kornspeicher sein“, meinte einer der Matrosen. „Die Häuser haben die Bewohner bestimmt längst gelöscht, aber wenn die Speicher brennen, dauert es seine Zeit.“

Neben der Stadt war das Zeltlager der alnoischen Truppen zu erkennen. Dort war Bewegung, und eine Gruppe von Reitern preschte zum Ufer herüber. Einer der Männer führte eine weiße und eine rote Flagge mit sich, deren Tuch jeweils eine halbe Länge im Quadrat maß. Er sprang aus dem Sattel, sah zu den Schiffen herüber und begann die Fahnen in einer bestimmten Abfolge zu bewegen.

„Zwei Schiffe der Bestien sind entkommen“, las Großkapitän Gort ta Mergon ab. „Eines von ihnen ist schwer beschädigt. Sie sind flussabwärts gefahren.“

„Wohin auch sonst?“, brummte Halblar. „Die verfluchten Bastarde haben ihre Beute gemacht und bringen sie nun in Sicherheit. Ich frage mich, wie sie überhaupt an Gendaneris vorbeischlüpfen konnten.“

Der Signalwinker der „Shanvaar“ bestätigte die Winkmeldung vom Ufer, und ta Mergon seufzte leise. „Ihre schwarzen Schiffe sind in der Nacht fast unsichtbar. Zumindest, wenn sich Wolken vor die Sterne schieben. Zudem sind Bucht und Fluss sehr breit. Die Bestien warten nur auf eine Gelegenheit, an der Hafenfestung mit ihren wenigen Wachschiffen vorbeizuschleichen. Meist werden sie entdeckt, aber“, er zuckte die Schultern, „gelegentlich kommen ein paar von ihnen durch.“

„Ja.“ Halblar spuckte ins Wasser. „Und dann morden und plündern sie.“

„Diesmal werden sie uns nicht entkommen“, sagte ta Mergon zuversichtlich. „Zumindest das beschädigte Schiff wird langsam sein. Noch vor Gendaneris werden wir die Bestien stellen.“ Der Großkapitän wandte sich dem Steuermatrosen zu. „Maschine auf dreihundert Umdrehungen. Ich will sie zu fassen kriegen.“

„Maschine auf dreihundert Umdrehungen“, bestätigte der Mann am Steuer.

„Die ‚Netluaar‘ wird mit ihren Segeln nicht mithalten können“, warf Halblar ein.

Ta Mergon erlaubte sich ein schmallippiges Lächeln. „Wie ich erwähnte, Halblar, mein Freund, die Brennsteinmaschine hat auch ihren Vorteil.“

Das Segelkampfschiff „Netluaar“ fiel hinter den beiden Dampfkanonenschiffen „Shanvaar“ und „Aivaar“ zurück, aber ta Mergon wollte keine Zeit verlieren. Der Anblick der geschundenen Stadt Mintris hatte ihn mit Zorn erfüllt, und er wollte die Verantwortlichen stellen und vernichten.

Aber es dauerte noch einige Zehnteltage, bis vor ihnen endlich zwei dunkle Silhouetten auf dem Fluss sichtbar wurden.

„Das sind sie“, knurrte ta Mergon zufrieden, als der Ausguck im Mastkorb über ihnen die Sichtung meldete. „Wir haben sie.“

Es waren unzweifelhaft die gesuchten Korsaren. Der schnittige Rumpf ihrer Schiffe war tiefschwarz, und dort, wo die Öffnungen für Ruder oder Waffen waren, wirkte das Schwarz noch dunkler und drohender.

Die Masten waren so hoch, wie das Schiff lang war, und die Segel, tiefrot gefärbt, zeigten die jeweiligen Symbole der Korsarenschwärme.

„Könnt Ihr den Schiffstyp erkennen?“, rief ta Mergon zum Mastkorb hinauf.

Die beiden flüchtenden Schiffe waren nur von hinten zu sehen, und es war schwer einzuschätzen, welche Größe sie hatten. „Sie fahren meist mit den kleineren Schiffen den Fluss herauf“, sinnierte Halblar mit gedämpfter Stimme. „Für die großen Kampfsegler fehlt ihnen hier der Manövrierraum, und sie kennen den Fluss und seine Gefahren nicht so gut wie wir.“

„Das hintere ist ein Jagdschiff“, meldete der Ausguck. „Der davor scheint ein Kampfsegler zu sein.“

Die Jagdschiffe der Korsaren trugen zwei Masten und hatten einen schnittigen Bug. Es waren leichte Schiffe, dazu bestimmt, das Meer nach Beute abzusuchen und die schweren Kampfsegler heranzuführen.

„Das Jagdschiff macht mir keine Sorgen“, gestand der Großkapitän ein. „Es ist zu leicht gebaut. Sein Rammsporn kann unseren metallverstärkten Rumpf nicht durchdringen, dazu ist unser Panzer zu dick. Es führt auch keine großen Katapulte. Nur einige der Pfeilschleudern, mit denen sie die Segel und Takelage eines gegnerischen Schiffes zerstören können, um es manövrierunfähig zu machen, bis die großen Segler heran sind. Doch selbst wenn die Bastarde unsere Segel zerstören, können wir sie mit der Kraft der Brennsteinmaschine einholen.“

„An Deck“, rief da der Ausguck. „Das vordere Schiff ist ein Kampfsegler mit drei Masten, aber der Hauptmast ist gebrochen!“

„Ah!“ Ta Mergon rieb sich aufgeregt die Hände. „Sie haben einen Mast verloren. Das behindert sie und macht sie langsamer. Ja, jetzt fahren sie eine halbe Wende, und die Linien werden lang. Nun kann man es sehen. Auch ihre Segel haben Schaden genommen. Statt der roten Tücher haben sie weißen Stoff gesetzt. Das Schiff hat gelitten, Halblar, mein Freund, und wenn wir erst heran sind, wird es noch viel mehr leiden.“

„Wie ist der Kampfsegler bewaffnet?“, fragte der Steuermatrose neugierig. „Verzeiht die Frage, edler Herr, aber ich bin noch nie einem Korsarenschiff begegnet.“

Ta Mergon lächelte freundlich. „Ihr könnt stolz darauf sein, es nun zu tun. Ihr werdet in den Tavernen von Alneris eine gute Geschichte zu erzählen haben.“

Halblar nickte. „Die Weiber werden an Euren Lippen hängen, Steuermatrose.“ Der Erste Offizier der „Shanvaar“ zwinkerte dem Mann zu. „Sie mögen die Helden der See. Vor allem, wenn diese einen Korsaren versenkten.“

Großkapitän ta Mergon räusperte sich. „Der Kampfsegler hat einen gerundeten, mit Eisen verstärkten Bug und einen Rammsporn wie wir. Aber der fehlende Mast und die beschädigten Segel machen ihn schwerfällig und langsam, er wird keine Chance haben, den Sporn gegen uns einzusetzen. Ansonsten hat solch ein Segler Katapulte und Pfeilschleudern. Mit den Katapulten schleudern sie Steine oder Metallstücke, in der Hoffnung, die Segel des Gegners zu beschädigen oder sein Ruder zu treffen. Mit den Pfeilschleudern verschießen sie übergroße Pfeile, an die Leinen gebunden sind.“ Ta Mergon blickte grimmig zum Korsarenschiff hinüber. „Treffen die Pfeile Segel oder Takelage, dann reißen die Bastarde an den Leinen und zerstören sie. Treffen sie den Rumpf, dann ziehen sie ihr Schiff an das Opfer heran, damit sie es entern können. Das ist ihnen lieber, als ein Schiff zu versenken, doch schrecken sie auch davor nicht zurück, wenn die Beute ihnen sonst entkommt. Denn Schiffe sind eine wertvolle Beute. Die Schwärme verwenden sie jedoch nicht, um mit ihnen die Meere zu befahren, sondern um ihre verfluchten Städte damit auszubessern. Ihnen geht es vor allem um die Fracht der Schiffe, und da können sie wirklich alles gebrauchen.“

Rechts vor ihnen öffnete sich nun die weite Bucht von Gendaneris, an deren rechtem Ufer die große Hafenstadt lag. Die beiden Korsaren kannten die Gefahr und steuerten nach links, um das offene Meer zu erreichen und den schweren Batterien der Hafenfestung zu entgehen.

„Bei den Finsteren Abgründen.“ Der Großkapitän stieß ein wütendes Knurren aus. „Sie kommen an Gendaneris vorbei. Verfluchte Brut.“ Er sah den Steuermatrosen an. „Maximale Umdrehungen! Wir müssen die Bastarde erwischen!“

Es würde ein Wettrennen werden, dessen Ausgang ungewiss war. Das Jagdschiff der Korsaren konnte entkommen, wenn der Wind günstig war, doch für das größere Kampfschiff standen die Chancen schlechter. Ohnehin schwerfälliger als sein kleinerer Bruder, war es durch den fehlenden Mast und die beschädigten Segel zusätzlich behindert. Dennoch würde die Jagd nicht einfach werden. Die beiden Dampfkanonenschiffe Alnoas würden nun bald die offene See erreichen, deren rauere Wellen eine höhere Belastung für die Schaufelräder darstellten.

„Das Jagdschiff flieht!“, rief der Ausguck erregt. „Es lässt den anderen zurück!“

„Wir kriegen sie!“ Ta Mergon schlug sich abermals aufgeregt in die Hände. „Zumindest das Kampfschiff werden wir einholen.“

Die „Shanvaar“ und die „Aivaar“ dampften mit voller Leistung an der Stadt und Festung Gendaneris vorbei, den fliehenden Korsaren dicht auf den Fersen. Das Segelkampfschiff „Netluaar“ hingegen fiel immer weiter zurück. Vielleicht würde es aufschließen können, wenn die Winde der offenen See seine Segel füllten. Ta Mergon schlug seinem Ersten Offizier freundschaftlich auf die Schulter. „Lass das Schiff klar zum Gefecht machen, Halblar. Auch wenn es noch ein Weilchen dauern wird, bis wir die Bastarde erreichen, wir wollen vorbereitet sein.“

Gendaneris hinter ihnen wurde immer kleiner und die See immer bewegter. Die „Shanvaar“ begann leicht zu stampfen, und die Schaufelräder unter der Brücke am Heck hoben sich gelegentlich für einige Augenblicke aus dem Wasser und drehten leer, bevor sie erneut ins Meer klatschten und mit ihrem Druck das Schiff vorantrieben. Dennoch war das Dampfkanonenschiff schneller als der beschädigte Korsarensegler. Allmählich holte man zum Feind auf.

Halblar warf nachdenklich einen Blick in den Himmel hinauf. „Es wird bald Dunkeln, ta Mergon, mein Freund. Die Nacht beginnt sich über die See zu legen.“

„Wir holen auf“, erwiderte der Kapitän. „Zudem haben wir einen klaren Himmel, und der Bastard vor uns hat weißes Tuch gesetzt. Wir werden ihn nicht verlieren, mein Freund.“

Mit überraschender Plötzlichkeit brach die Nacht herein. Keiner der Seeleute Alnoas hatte einen Blick für die Schönheit des Sonnenuntergangs auf dem offenen Meer, denn das Jagdfieber hatte sie gepackt. Während das kleine Jagdschiff der Korsaren am Horizont in der hereinbrechenden Dunkelheit verschwand, rückte der beschädigte Kampfsegler immer näher. Seine ungewohnt weißen Segel leuchteten durch die Nacht, und so fiel es nicht schwer, ihm zu folgen.

Die Kampfstationen der „Shanvaar“ und ihres Schwesterschiffes „Aivaar“ waren längst besetzt. Im Kanonenturm hatte die Bedienung eine der schweren Geschosskugeln mit seinem Ladepfropfen in die Mündung des Laufes gesteckt und mit einem Rammstock nach hinten gedrückt. Die Kugel lag nun direkt vor der Druckkammer, und es musste nur noch der Ventilhebel umgelegt werden, um die Maschinenkraft vom Antrieb in das Geschütz zu leiten und das Geschoss aus dem Lauf herauszupressen. Die Kanonenturmbesatzung achtete akribisch darauf, den Feind im Ziel zu behalten und die Dampfleitung bei den dazu erforderlichen Bewegungen nicht zu beschädigen.

Die beiden seitlichen Katapulte, die rechts und links des Hauptmastes in Gefechtsbuchten außen am Rumpf aufgestellt waren, waren bemannt. Gelegentlich sprühte die Gischt über die Männer an den Waffen und durchnässte sie. Entlang der Reling hatten sich die Seesoldaten der „Shanvaar“ formiert. Während die Matrosen nur einen metallenen Brustpanzer trugen, hatten die Soldaten die volle Rüstung angelegt: Bein- und Armschienen, dazu Panzer und Helm. Im Gegensatz zu den Landtruppen des Königreiches Alnoa wiesen die Helme der Seesoldaten jedoch keine Zierfedern auf. Die zweischneidigen geraden Schwerter sowie die Bogen und Spieße wurden noch in Ruhestellung gehalten. Zum Schutz gegen die See war ihr Stahl von gut gefetteten Lederhüllen umgeben, denn das Wasser setzte diesem rasch zu. Bald würde der Schutz entfernt werden, um die Klingen in die Leiber der Schwarmmänner zu senken.

Das Rauschen des Wassers mischte sich mit dem Stampfen der Maschine und dem Klatschen des Schaufelrades und übertönte die üblichen Geräusche, die ein Schiff erfüllten: das leichte Knarren von Takelage und Holz, das Flappen der Segel, das Tappen nackter Matrosenfüße auf den Planken und die geflüsterten Worte der Männer.

Die „Aivaar“ fuhr nun nahezu auf gleicher Höhe mit dem Flaggschiff, und als Halblar kurz nach hinten sah, nickte er zufrieden. „Die ‚Netluaar‘ holt auf. Der Seewind hat ihr endlich Schnelligkeit verliehen.“

„Sie kommen zu spät.“ Ta Mergon lachte leise. „Aber sie werden einen guten Platz haben, um zuzusehen, wie wir den Korsaren versenken.“

Halblar nickte. „Sie sind jetzt in Reichweite der Kanone, ta Mergon, mein Freund.“

Der Großkapitän lächelte. „Gerade eben. Nun, dann lass uns die Bestien mal aufscheuchen.“ Er beugte sich ein wenig zur Seite. „Nehmt sie unter Beschuss! Geschütz frei!“

Der Hauptmaschinist im Rumpf der „Shanvaar“ wartete, bis vom Kanonenturm die Bestätigung kam, dass man das Ziel im Visier habe, dann legte er den großen Ventilhebel um.

Schlagartig war das Schaufelrad ohne Dampfdruck. Das Klatschen der mächtigen Schaufeln verstummte, und das Schiff verlor sofort an Fahrt. Denn der Dampf strömte nun durch die vordere Leitung zum Kanonenturm und begann sich in der Druckkammer des Geschützes zu sammeln. Rasend schnell stieg dort der Druck an, und als ein Überdruckventil schrill zu pfeifen begann, schlug ein Matrose des Kanonenturms auf den Auslöser. Ein winziger Hebel, der das Geschoss im Geschützrohr festgehalten hatte, klappte zur Seite, und explosionsartig schleuderte der Dampfdruck das metallene Geschoss aus dem Kanonenrohr.

Ein Knall ertönte, begleitet vom lauten Zischen entweichenden Dampfes, als die Eisenkugel zum feindlichen Schiff hinüberschnellte, während der Maschinist den Dampf bereits wieder auf den Antrieb gelegt hatte und die Kanonenturmbesatzung eine neue Kugel in das noch heiße und feuchte Rohr stopfte.

Unweit des Korsarenschiffes stieg indes eine dünne Wassersäule aus der See empor, deren Gischt im Licht der sternklaren Nacht hell aufleuchtete.

„Dicht dran“, knurrte ta Mergon zufrieden. „Lass uns noch etwas aufschließen, und das nächste Geschoss wird ihr Schiff dann zertrümmern.“

Die Marine Alnoas hatte lange versucht, das richtige Maß zu finden. Größere Geschosse hatten sich als wenig wirkungsvoll erwiesen, da sie eine sehr geringe Reichweite hatten und schnell an Durchschlagskraft verloren. Die jetzt genutzten Eisenkugeln waren relativ klein, aber sie trafen mit verheerender Wucht und waren in der Lage, Eisenplatten und dicke Bordwände zu zerschlagen.

„‚Netluaar‘ kommt längsseits“, rief der Ausguck aus dem Mastkorb mit einem Mal.

„Was soll der Unsinn?“ Der Großkapitän blickte verdrossen zur Seite. „Die sollen Abstand halten.“

Halblar trat an die Reling und sah dem herangleitenden Kampfschiff entgegen, dessen weiße Segel sich deutlich gegen den Hintergrund der nächtlichen See abhoben. Das Schiff war bereits unerhört nah. Der Erste Offizier verengte die Augen. Für einen Moment erstarrte er, bevor er herumfuhr.

„Das ist nicht die ‚Netluaar‘!“, rief er überrascht. „Das ist ein Korsar!“

„Unmöglich.“ Ta Mergon starrte auf den Segler, der nun fast längsseits der „Shanvaar“ fuhr.

Aber nun, wo das gesamte Schiff deutlich sichtbar wurde, war die Täuschung offenkundig. Der schnittige schwarze Rumpf verriet den Korsaren, an dessen der „Shanvaar“ zugewandten Seite sich Männer stauten, deren Klingen und Rüstungen im Sternenlicht blinkten.

„Klar zur Abwehr von Enterern!“, brüllte ta Mergon erschrocken.

Auch dieses Schwarmschiff führte weiße Segel, wodurch der Großkapitän und seine Männer getäuscht worden waren. Wahrscheinlich hätten sie die List dennoch früh genug erkannt, wenn sie nicht so sehr darauf konzentriert gewesen wären, den verfolgten Korsaren zu stellen.

Die Seesoldaten der „Shanvaar“ reagierten sofort, aber im Gegensatz zu den Korsaren mussten sie gegen jenen kurzen Augenblick des Schocks ankämpfen, der einen überraschten Krieger für entscheidende Augenblicke lähmen konnte. Die Korsaren hingegen waren vorbereitet und ließen ihre Pfeilgeschütze auf die Soldaten Alnoas niederhageln. Die Wirkung war verheerend. Um die Takelage und Segel eines Feindes zu zerstören, trugen die armdicken Pfeile dieser Waffen breite sichelförmige Klingen mit Widerhaken, die nun wie Sensen in die Reihen der Verteidiger schlugen.

Männer schrien auf und wurden verstümmelt auf das Deck der „Shanvaar“ zurückgeworfen oder stürzten über die Bordwand hinab ins aufspritzende Wasser. Bogenschützen der Korsaren nahmen jene Soldaten zum Ziel, die der ersten Salve entkommen waren, während sich die Schiffe weiter näherten.

Ta Mergon zückte sein Schwert und sah seinen Freund Halblar wütend an. „Diese Brut der Finsternis hat es auf unser Schiff abgesehen. Sie sind zu nahe, um sie mit der Kanone bekämpfen zu können. Gib Signal an die ‚Aivaar‘, dass sie den Feind von der anderen Seite her angreifen soll! Steuermatrose, das Steuer linksseitig, wir müssen von dem Bastard freikommen!“

Der Mann am Steuer nickte und wollte den Befehl gerade ausführen, als ein Pfeil seinen Hals durchschlug und seinen sterbenden Leib auf die Planken warf. Ein anderer Mann sprang an seine Stelle, wurde aber ebenfalls gefällt. Ein mächtiger Stoß erschütterte die „Shanvaar“, als das Korsarenschiff gegen ihre Bordwand stieß. Leinen mit eisernen Haken flogen nun heran, krallten sich in das Holz der Reling und verbanden die Schiffe miteinander. Zwar versuchten alnoische Matrosen noch, die Leinen zu kappen und ihr Schiff zu befreien, aber es war zu spät. Wie eine Woge stürmten die Korsaren auf das Deck der „Shanvaar“.

Die Männer des Königreiches Alnoa waren von vornherein in der Minderheit. Ein unendlicher Strom von Kämpfern schien aus dem Bauch des Korsarenschiffs hervorzuquellen und überrannte die Besatzung des Dampfkanonenschiffs.

Halblar hatte noch zwei Brennsteinlaternen gepackt, um der nahen „Aivaar“ zu signalisieren, sah dann aber schockiert, wie sich zwei weitere Korsarenschiffe neben das Schwesterschiff legten und es ebenfalls enterten. Mit bleichem Gesicht wandte er sich zu seinem Freund ta Mergon um und schrie dann peinerfüllt auf, als ein breites Schwert in seinen Leib drang. Der Erste Offizier ließ die beiden Laternen fallen und versuchte seine hervorquellenden Gedärme festzuhalten, während er den triumphierenden Korsaren mit brechenden Augen anstarrte. Dann kippte er haltlos mit dem Gesicht voran zu Boden.

Ta Mergon parierte indes den Hieb eines Angreifers, tötete den Mann und schwang herum, um einem anderen zu begegnen. Dann schrie er auf in Zorn und Schmerz, als der tödliche Stoß seinen Körper traf. Um ihn herum war der Lärm des Kampfes zu hören. Das Klirren aufeinanderprallender Waffen, das Stöhnen und Schreien der Kämpfer und die verzweifelten Rufe verletzter Soldaten. Der Großkapitän sank auf die Knie und sah ein letztes Mal das seltsam entspannte Gesicht seines toten Freundes, bevor ihn die Unendlichkeit umfing.

Allmählich erlosch der Kampflärm, und einige wenige Männer der alnoischen Marine lieferten sich der Gnade der Eroberer aus und warfen ihre Waffen aufs Deck. Korsaren in einem bunten Gemisch an Kleidung und Rüstungen schwärmten unterdessen durchs Schiff, um auch den letzten Widerstand zu brechen.

„Verschont die Brennsteinmänner“, brüllte ein stämmiger Mann, dessen langes schwarzes Haar im Nacken von einem Band zusammengehalten wurde. „Wer Hand an die Brennsteinmänner legt, den werfe ich den Dornfischen vor!“

Einige der Korsaren lachten bei der Doppeldeutigkeit der Worte. Die Dornfische waren berüchtigte Raubfische der Meere, mit starken, zahnbewehrten Kiefern und zwei lanzenartigen Dornen über dem riesigen Maul. Doch nach diesen Fischen benannte sich auch jener Korsarenschwarm, der die Schiffe Alnoas geentert und erobert hatte.

Der stämmige Mann schritt mit kaltem Lächeln über die blutbefleckten Planken auf der Brücke des eroberten Dampfkanonenschiffes. Verächtlich stieß er mit dem Fuß gegen den toten Halblar. „Nehmt ihnen die Kleidung ab, dann werft sie über Bord“, befahl er kalt. Elek-Mar T´os, Führer des Korsarenschwarms der „Dornfische“, wischte seine blutbefleckte Klinge am Beinkleid der Leiche ab. „Und säubert ihre Kleidung. Wir brauchen sie noch.“

Der Anführer trug eine Rüstung, die aus dem Brustpanzer eines alnoischen Kapitäns und einem Kettenhemd bestand. Der Vorderteil des Panzers war mit der schillernden Kehlhaut eines Dornfisches bezogen. Eine blutrote Narbe zog sich über die Wange des Mannes und verlief vom Ansatz des rechten Ohrs bis zum Kinn. Sie war allerdings nicht geradlinig, sondern gezackt, und schien nicht von der Klinge eines Schwertes herzurühren.

Ein schlanker Mann mit blonden Haaren trat neben Elek-Mar T´os. Sein brauner Brustpanzer wies an einigen Stellen frische Blutflecke auf, andere Bereiche schimmerten hell, wo das Salzwasser dem Leder im Laufe der Zeit zugesetzt hatte. „Was ist mit den anderen Überlebenden?“

Elek-Mar zuckte die Schultern. „Was schon? Nehmt ihre Kleidung und Rüstung, dann tötet sie. Wir brauchen nur die Brennsteinmänner lebend.“

Segu-Mar T´os, stellvertretender Schwarmführer der Dornfische, legte die Hände vor den Mund. „Die Landmänner sollen sich ausziehen. Danach könnt ihr sie erschlagen.“

Einige der Seeleute Alnoas versuchten nun doch noch, um ihr Leben zu kämpfen, nachdem sie begriffen hatten, dass es keine Gnade geben würde, aber sie hatten keine Chance. Während sich in der Mitte des Decks ein Stapel von Kleidung und Rüstungen bildete, ertönte immer wieder das Klatschen, mit dem die nackten Körper ermordeter Seeleute ins Meer schlugen.

Elek-Mar stützte seine Hände auf die Einfassung der Brücke, an genau jener Stelle, an der Halblar dies vor einigen Zehnteltagen getan hatte. Doch nun war die Hitze des Tages der Kühle der Nacht gewichen, und ein angenehmer Wind strich über das Meer. Der Führer des Korsarenschwarms sog die leicht salzige Luft tief ein und hatte den Geschmack von Kupfer auf der Zunge, als Blutgeruch von der nahen „Aivaar“ herübertrieb. Auch dort stürzten nackte Leiber ins Meer. Elek-Mar nickte zufrieden.

„Diese Landmänner von Alnoa haben wirklich geglaubt, die ‚Nar´akk‘ sei beschädigt. Ihre Gier, das Schiff zu versenken, hat sie blind gemacht.“

„Und unsere weißen Segel haben sie getäuscht“, stimmte Segu-Mar zu.

„Ein wirklicher Seemann hätte sich nicht täuschen lassen“, brummte Elek-Mar. „Aber diese alnoischen Landmänner sind schon lange keine Seefahrer mehr. Sie haben es verlernt, Wind und Wellen zu beherrschen.“

„Man kann Wind und Wellen nicht beherrschen“, wandte Segu-Mar ein. „Wir mögen uns ihrer bedienen, aber niemand beherrscht das Meer.“

Sein Schwarmführer stieß ein leises Grunzen aus. „Ich mag dieses Schiff nicht. Es stinkt nach Brennstein und hat nicht einmal eine anständige Besegelung.“

Segu-Mar lachte vergnügt auf. „Es braucht uns nicht zu gefallen. Das Schiff soll uns ja nur kurze Zeit dienen.“

„Und das wird es auch“, stimmte Elek-Mar zu. Er strich sich unbewusst über die tiefrote Narbe in seinem Gesicht. „Lass uns ein Wort mit den Brennsteinmännern wechseln. Ich hoffe, es sind genug von ihnen übrig, um dieses Ding zu fahren.“

Die Korsaren standen lachend auf Deck und musterten die erbeuteten Kleidungsstücke und Rüstungen der alnoischen Besatzung. „Steht nicht herum und schwatzt wie die Weiber“, rief Elek-Mar ihnen zu. „Zieht die Sachen an, damit wir endlich Kurs nehmen können!“

Sein Stellvertreter strich sich über das bärtige Kinn. „Nach Gendaneris?“

„Wohin sonst?“ Der Anführer lachte auf. „Natürlich nach Gendaneris. Die Dornfische werden dort eine Menge Beute machen.“

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230609204100d740e785
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Die Pferdelords und Korsaren von Um´briel

Reihe :Die Pferdelords Bd. 5

Autor: Michael H. Schenk

broschiert, 620 Seiten

Mira, Hamburg, erschienen Mai 2008

Titelbildgestaltung sowie Illustrationen und Karten von pecher und soiron, Alexander Jung

ISBN 978-3-89941-471-4

Erhältlich bei: Amazon

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 23.07.2008, zuletzt aktualisiert: 21.02.2015 17:43