Die Pferdelords und die Paladine der toten Stadt (Autor: Michael H. Schenk, Die Pferdelords Bd. 6, Genre: Fantasy)
 
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Die Pferdelords und die Paladine der toten Stadt von Michael H. Schenk

Reihe: Die Pferdelords Bd. 6

 

Leseprobe

 

1

Die MĂ€nner bewegten sich vorsichtig.

Sie waren es gewöhnt, ĂŒber losen Felsgrund zu steigen. Ihre FĂŒĂŸe tasteten sich vorwĂ€rts, behutsam wie scheue Wesen, und wenn sie Halt gefunden hatten, verlagerten die MĂ€nner ihr Körpergewicht, ohne dabei ihre Aufmerksamkeit von der Umgebung zu wenden. Viele Geschichten erzĂ€hlten von dem Reich Rushaan, und keine von ihnen war angenehm. Es war ein Land, das fremd und unheimlich war. Nicht umsonst nannte man es die Öde, denn hier gab es nur wenig Leben. Selbst die Pflanzen schienen davor zurĂŒckzuschrecken, sich in dem trostlosen Landstrich auszubreiten.

Die Öde war abweisend und verlockte nicht zum Verweilen, aber die Not hatte die vier MĂ€nner hierher getrieben. Elmoruk fĂŒhrte den kleinen Jagdtrupp der Zwerge, und seine Hand lag um den Griff der Bolzenschleuder. Er und seine Begleiter stammten aus der gelben Kristallstadt NalÂŽtÂŽhanas. Wie alle StĂ€dte des Zwergenvolkes hatte sie einst tief verborgen in einer riesigen Höhle gelegen, ĂŒberwölbt von den Felsmassen des Gebirges und geschĂŒtzt von einer Kuppel aus Platten gelben Kristalls. Ihre Bewohner waren ungestört ihrer Arbeit nachgegangen und hatten ein gutes Leben gefĂŒhrt. Sie hatten nach Erzen, Mineralien und Kristallen geschĂŒrft, hatten sich um ihre Nahrung gesorgt und ihren Nachwuchs, die HĂŒpflinge, aufgezogen.

Es gab nicht viel, wovor sich ein AxtschlĂ€ger des Zwergenvolkes fĂŒrchtete. Da waren zum einen die Feuerbestien aus den AbgrĂŒnden der Welt und zum anderen die Gefahr, dass ihnen der Felsenhimmel ihres Reiches auf den Kopf stĂŒrzen könnte. Und eben dies war vor etlichen Jahren in NalÂŽtÂŽhanas geschehen.

Ein Beben hatte einen Teil des steinernen Doms zum Einsturz gebracht. Dabei hatten gewaltige Felsbrocken die Kuppel zerstört und viele der Bewohner erschlagen. MĂ€nner, Frauen und HĂŒpflinge waren getötet worden. Viel zu viele kostbare Leben waren vergangen, und Trauer hatte in NalÂŽtÂŽhanas geherrscht. MĂŒhsam hatten die Zwerge die Opfer geborgen und in Ehren bestattet, so, wie es ihre Tradition verlangte.

Dann hatten sich die Zwerge, in ihrer typischen ZĂ€higkeit, an den Wiederaufbau gemacht. Inzwischen war eine lange Zeit verstrichen, aber NalÂŽtÂŽhanas hatte sich noch immer nicht ganz von dem Schicksalsschlag erholt. Aus dem Felsendom war ein großes Tal geworden, an dessen einem Ende nun die Stadtkuppel lag, nur noch halb verdeckt vom schĂŒtzenden Gestein; eine VerĂ€nderung, die sich stark auf das Leben der Zwerge ausgewirkt hatte.

Der Einsturz des Doms hatte viele der Pilzbeete verschĂŒttet, die sich auf den DĂ€chern der ZwergenhĂ€user befanden und die Nahrungsgrundlage des Volkes lieferten. Die restlichen Beete waren ungeschĂŒtzt der Witterung ausgesetzt gewesen und zum großen Teil eingegangen. Zwar hatten die Zwerge sofort begonnen, die Kristallkuppel zu reparieren, aber es war aufwendig, die zerstörten Platten zu ersetzen. Doch schließlich hatte man es geschafft; die gelbe Kristallstadt war wieder von ihrer Kuppel umgeben, sodass der Regen die Dachbeete nicht mehr ĂŒberfluten konnte und die EigenwĂ€rme der Stadt verhinderte, dass die Pilze weiter unter dem Schnee und Eis des Winters litten. Allerdings blieb der östliche Teil der Stadt dem Sonnenlicht ausgesetzt, was zu empfindlichen Einbußen bei der Pilzernte fĂŒhrte. Daher waren die Bewohner der Stadt bestrebt, sich zusĂ€tzliche Nahrungsquellen zu erschließen. Denn nur eine ausreichende ErnĂ€hrung konnte zusammen mit der Vermehrungsfreudigkeit des kleinen Volkes dafĂŒr sorgen, dass NalÂŽtÂŽhanas seine einstige StĂ€rke zurĂŒckerlangte.

NatĂŒrlich hatten die kleinen MĂ€nner versucht, Hilfe aus den anderen KristallstĂ€dten zu erhalten, denn auch wenn man einander nur selten besuchte, so war die Verbundenheit unter den Zwergenvölkern doch groß. Zwei Trupps hatten die Zwerge der Stadt ausgeschickt, um Kontakt aufzunehmen, aber keiner von ihnen war zurĂŒckgekehrt. Vielleicht waren die MĂ€nner einem Unfall zum Opfer gefallen oder von einem Feind getötet worden.

Denn ĂŒber der Erde herrschte Gewalt, seitdem die HĂ€user der Menschen und Elfen im Krieg gegen die Orks des Schwarzen Lords der Finsternis standen. Ein Krieg, von dem auch die KristallstĂ€dte des kleinen Volkes nicht verschont bleiben wĂŒrden, wenn der Feind sie entdeckte.

Weitere MĂ€nner auszusenden, erschien dem König der Stadt daher als zu riskant; zu leicht hĂ€tte ein Trupp ungewollt einen Gegner heranfĂŒhren können. Die Zwerge waren vorsichtig und betrachteten jeden als Feind, der nicht ihrem Volk angehörte, etwa die Elfen, deren Land an das Gebiet der gelben Stadt grenzte. Diese Wesen waren hochmĂŒtig und kĂŒmmerten sich kaum um die Belange der Sterblichen. Es war besser, ihnen aus dem Weg zu gehen, und so hielten sich die Zwerge gut verborgen, wenn ein Trupp der Elfen durch die Berge marschierte.

Bislang war NalÂŽtÂŽhanas unentdeckt geblieben, aber die Gefahr wurde immer grĂ¶ĂŸer, denn um ihr Volk zu ernĂ€hren, mussten sich die Jagdtrupps immer weiter von der Stadt entfernen.

Seit drei Jahreswenden versuchten die Zwerge nun Felsböcke zu fangen und in ihr verborgenes Tal zu bringen. Die Tiere mochten die saftigen DornstrĂ€ucher, die dort wuchsen, und die Zwerge mochten das saftige Fleisch der Böcke; was lag also nĂ€her, als sie vor Ort zu zĂŒchten? Ein paar hatten sie bereits gefangen, aber das reichte nicht aus, um die Herde schnell zu vergrĂ¶ĂŸern.

So war Elmoruks Trupp ausgerĂŒckt, um weitere Felsböcke in die Stadt zu holen.

Die Jagd hatte sich gut angelassen.

In der NĂ€he fanden sie die Spuren eines kleinen Rudels, denen sie folgten. Mehrmals waren sie nahe genug an die Tiere herangekommen, um sie sehen zu können. Ein kapitaler Bock, mit drei beeindruckenden Hörnern auf der Stirn, dazu drei KĂŒhe und zwei Jungtiere. Ein guter Fang, wenn sie die alle ins Tal bringen konnten.

Aber leicht machte es ihnen das Rudel nicht.

Die vier Zwerge waren nun schon viele Tageswenden auf der Spur der Felsböcke. Schon mehrmals hÀtten sie Gelegenheit gehabt, die Tiere zu erlegen. Aber sie wollten sie lebend fangen, und das war bedeutend schwieriger.

Schon vor zwei Tageswenden hatten sie die AuslĂ€ufer des Gebirges verlassen und unwirtliches Gebiet betreten, die Öde von Rushaan. Aber nun, da sie so dicht vor ihrem Ziel standen, wollte Elmoruk die Jagd nicht abbrechen. Die MĂ€nner bewegten sich wie Schemen durchs GelĂ€nde und nutzten die Deckung der Felsen, wĂ€hrend sie den Spuren des Felsbockrudels folgten und sich ihm immer weiter annĂ€herten. Elmoruk und Parnuk gingen in der Mitte, die beiden anderen Zwerge in einigem Abstand an den Flanken. Diese MĂ€nner waren, ebenso wie Elmoruk, erfahrene AxtschlĂ€ger und sollten die beiden JĂ€ger vor Gefahren schĂŒtzen, besonders Parnuk, der als Einziger von ihnen kein KĂ€mpfer, sondern einfacher SchĂŒrfer war. Wenn der kapitale RudelfĂŒhrer die Zwerge witterte und keinen Ausweg sah, wĂŒrde er angreifen. Ein Felsbock konnte mit seinen drei ausladenden Stirnhörnern tödliche Wunden schlagen, und bevor dies geschah, wĂŒrde man ihn selbst töten mĂŒssen.

Elmoruk hob eine Hand, und die anderen erstarrten. Wieder einmal spĂ€hte der erfahrene AxtschlĂ€ger und JĂ€ger ĂŒber einen der Felsen und sah erleichtert das Rudel vor sich. Kaum eine DutzendlĂ€nge entfernt standen die Tiere an einem kleinen Wasserloch und tranken. Der Bock hob immer wieder witternd den Kopf und sah sich um, aber der Wind stand gĂŒnstig fĂŒr die Zwerge.

Keiner der MĂ€nner trug ein metallenes RĂŒstungsteil oder einen Helm. Nichts sollte klappern oder ihre Anwesenheit durch Lichtreflexe verraten.

Elmoruk nickte Parnuk zu, und lautlos ordneten die beiden MĂ€nner die Fangnetze, um sich auf den entscheidenden Wurf vorzubereiten. Sie hatten sich zuvor abgesprochen. Der SchĂŒrfer wĂŒrde die nĂ€chststehende Kuh ĂŒbernehmen und Elmoruk den kapitalen Bock. Wenn es gelang, sie mit den Netzen zu fangen, wĂŒrden die beiden Jungtiere einfach stehen bleiben, denn der Instinkt wĂŒrde sie bei den Muttertieren halten. Die beiden anderen KĂŒhe wĂŒrden zu fliehen versuchen, aber in ihren Eutern war keine Milch, und die Jungen wĂŒrden sich ihnen nicht anschließen.

Die Maschen und Gewichte des Netzes glitten durch Elmoruks prĂŒfende Finger, und er nickte Parnuk zu. Als dieser die Geste erwiderte, richteten sich die beiden MĂ€nner hinter dem Felsen auf und warfen ihre Fangnetze blitzschnell auf ihre Beute.

Der Bock bemerkte die Bewegung und wandte sich ihr instinktiv zu, wÀhrend er den SchÀdel senkte und die Hörner der möglichen Gefahr entgegenstellte. WÀre er zur Seite gesprungen, dann hÀtte ihn das Netz nicht getroffen, aber Elmoruk hatte damit gerechnet, dass der Bock sein Rudel verteidigen wollte.

Die Maschen glitten ĂŒber die Spitzen der drei Hörner hinweg, und das Netz legte sich ĂŒber SchĂ€del und RĂŒcken des Bocks, wĂ€hrend die Gewichte es zusammenzogen. Als das Tier die BerĂŒhrung spĂŒrte, richtete es sich auf und versuchte zu entkommen, aber es war zu spĂ€t. Mit einem wĂŒtenden Blöken verlor es den Halt und stĂŒrzte zur Seite um. Der von Parnuk ausgewĂ€hlten Kuh erging es nicht besser. WĂ€hrend die beiden gefangenen Felsböcke zu Boden gingen, stĂŒrmten die beiden anderen KĂŒhe blindlings los. Zwei Pfeilbolzen zischten durch die Luft, und die Tiere ĂŒberschlugen sich und blieben liegen.

„Packt sie“, schrie Elmoruk und warf sich nach vorne.

Sie brauchten nicht mehr vorsichtig zu sein, nun kam es auf Schnelligkeit an, damit der Anfangserfolg nicht zunichte gemacht wurde.

Der Bock blökte erneut und versuchte erfolglos, wieder auf die Beine zu kommen. Dann sah er Elmoruk, wandte ihm den SchĂ€del zu und stieß nach ihm. Doch der Zwerg wich aus, sprang an den RĂŒcken des Tieres und fesselte die Beute gekonnt. Parnuk hingegen erhielt einen schmerzhaften Tritt von der Kuh und schrie wĂŒtend auf. Das Tier richtete sich halb auf, aber der Getroffene drĂŒckte es wieder nach unten. „Verdammt, packt mal mit an. Das Vieh wehrt sich wie verrĂŒckt.“

„Sie will ihre Jungen schĂŒtzen“, erwiderte einer der AxtschlĂ€ger.

Gemeinsam fesselten sie das Tier. Der vierte Mann stand vor den beiden verÀngstigten Jungtieren, die keinen Versuch machten, zu entkommen. Im Gegenteil drÀngten sie der gefesselten Mutter entgegen, denn ihre Instinkte waren noch darauf ausgelegt, Schutz und Nahrung bei ihr zu finden.

„Ein guter Fang“, knurrte Elmoruk und richtete sich Ă€chzend auf.

„Ein verdammt guter Fang“, bestĂ€tigte AxtschlĂ€ger Maratuk auflachend. „Ein starker Bock, der die KĂŒhe ordentlich bespringen wird, und dazu ein Muttertier mit zwei Jungen, die rasch heranwachsen werden. Ah, ein wahrhaft guter Fang.“

„Die Jungen sind groß genug und werden ins Tal laufen können.“ Parnuk rieb sich das getroffene Bein und sah zu den beiden erlegten KĂŒhen hinĂŒber. „Das ist gut. Dann brauchen wir sie nicht den ganzen Weg zu tragen und können das Fleisch der beiden KĂŒhe mitnehmen.“

„Ja, nehmen wir sie aus. Es hat wenig Sinn, das ungenießbare Zeug mitzuschleppen. Schneiden wir also nur die guten StĂŒcke heraus.“ Elmoruk legte seine Bartzöpfe in den Nacken und verknotete sie, damit sie bei der nun folgenden Arbeit nicht beschmutzt wĂŒrden, und zĂŒckte sein scharfes Messer.

WĂ€hrend die Bauchdecken der erlegten KĂŒhe geöffnet wurden, fĂŒllte Maratuk die Wasserflaschen des Trupps auf. Dann bezog er Posten an einem der Felsen und hielt Ausschau nach Gefahr. Unterdessen machten sich die anderen daran, die beiden toten KĂŒhe auszunehmen.

„Reibt das Fleisch gut mit Salz ein“, meinte Elmoruk. „Wir haben einen weiten Weg vor uns, und es soll nicht verderben.“ Er deutete mit der blutigen Klinge auf Parnuk. „Nimm eines der Felle und schabe es sorgfĂ€ltig aus, damit es sauber ist und wir die besten StĂŒcke darin tragen können.“

„Ich bin zwar zum ersten Mal auf der Jagd, aber ich weiß sehr wohl, was zu tun ist“, erwiderte der SchĂŒrfer errötend.

„Dein Netzwurf war gut“, lobte Elmoruk. „Sei also nicht gleich beleidigt.“

Der andere AxtschlĂ€ger zog soeben Darm und Eingeweide aus dem Bauch der zweiten Kuh, trennte beides ab und warf es zur Seite. Überall stank es nach Blut und dem Darminhalt, den die Tiere im Tode von sich gegeben hatten. „Trotzdem hat er sich einen krĂ€ftigen Tritt eingefangen.“ Er sah Parnuk forschend an. „Wirst du bis nach Hause durchhalten?“

„Ich denke, schon.“

„Lass mich mal sehen.“ Elmoruk machte eine auffordernde Geste, dann steckte er das Messer in den Boden und sah zu, wie Parnuk sein Hosenbein nach oben zog. „Nichts gebrochen. Aber du wirst ein bunt geschecktes Bein und Schmerzen bekommen.“ Er musterte Parnuk ernst. „Wenn es nicht mehr geht, dann melde dich.“

„Es wird gehen.“

„Wir sollten uns beeilen.“ Der WĂ€chter kratzte sich am Bart. „Da hinten kommt Nebel auf, und das gefĂ€llt mir nicht.“

„Nebel? Jetzt schon?“ Elmoruk erhob sich Ă€chzend und trat zu dem Posten. „Es sind noch mehrere Zehnteltage bis zum Einbruch der Dunkelheit. Vor dem Morgen wird es keinen Nebel geben, denn die Luft ist klar und trocken.“

„Sieh selbst.“ Der AxtschlĂ€ger wies nach Norden.

Elmoruk beschattete seine Augen. „Du hast recht. Das sieht nach Nebel aus.“

Nördlich von ihnen erstreckte sich ein ausgedehntes Geröllfeld, dessen Felsen im Sonnenlicht scharf konturiert wirkten. Doch hin und wieder wurden die Konturen von einem seltsamen Wallen verdeckt, einem milchig trĂŒben Nebel, wie er am Morgen den Wechsel vom Tag zur Nacht ankĂŒndigte, zu dieser Zeit aber höchst ungewöhnlich war.

„Das gefĂ€llt mir gar nicht“, brummte der WĂ€chter. „Der Nebel wird immer dichter und breitet sich aus.“ Er sah Elmoruk an. „Und er kommt direkt auf uns zu.“

„Ja, seltsam“, bestĂ€tigte der erfahrene AxtschlĂ€ger. „Aber die nördliche Öde ist auch ein seltsames Land.“

„Kein Land, in dem ich leben oder sterben möchte.“

„Hm.“ Elmoruk sah zu den beiden anderen, welche die Felsböcke zerlegten. „Beeilt euch. Wir wollen sehen, dass wir bald wieder in den Schutz der Berge kommen.“

Parnuk nickte erleichtert. „Einen halben Zehnteltag noch. Wir mĂŒssen das Fleisch etwas abhĂ€ngen lassen, damit das Blut heruntertrieft und wir die StĂŒcke salzen können, sonst verderben sie.“

Elmoruk biss sich auf die Unterlippe und sah den WĂ€chter an. „Hilf ihnen. Ich werde das da selber im Auge behalten.“

„Meine Augen sind gut.“

„Ich weiß.“ Elmoruk legte dem Mann die Hand auf die Schulter. „Aber beim Salzen hast du die flinkeren Finger.“

Der AxtschlĂ€ger lachte auf und nickte, dann warf er nochmals einen Blick zum Geröllfeld hinĂŒber. „Da geht etwas vor sich, Elmoruk. Achte gut darauf.“

Der Zwerg verzichtete auf eine Erwiderung. WĂ€hrend seine GefĂ€hrten sich beeilten, die eingefangenen Tiere und das erbeutete Fleisch fĂŒr den Transport vorzubereiten, lehnte er am Felsen und spĂ€hte misstrauisch zu dem fernen Nebel hinĂŒber. Immer wieder sah er auch in die anderen Richtungen, aber seine Aufmerksamkeit galt der ungewöhnlichen Erscheinung. Das Wabern und Wallen machte es schwer festzustellen, wohin die Nebelfront sich bewegte. Also konzentrierte sich der erfahrene KĂ€mpfer auf einen der Felsen und konnte nun erkennen, dass der Stein immer undeutlicher wurde. Ja, der Nebel kam nĂ€her. Wenn es denn Nebel war.

Es sah aus, als verdampfe dort sehr viel Wasser, doch anstatt nach oben zu steigen, hielt sich der Dunst in BodennĂ€he und wurde immer dichter, wĂ€hrend er langsam auf Elmoruk zufloss. An den undurchdringlichsten Stellen des Nebels bemerkte der Zwerg gelegentlich ein Aufblitzen, als tobe dort ein winziges Gewitter. Aber eigentlich war es gar kein richtiges Blitzen, sondern ein sanftes GlĂŒhen, das sich ausbreitete wie die Wellen auf der OberflĂ€che eines Sees, nachdem man einen Stein hineingeworfen hatte, und das dann ebenso wie diese Wellen verebbte.

Nein, der Anblick erfĂŒllte Elmoruk mit immer grĂ¶ĂŸerem Unbehagen.

„Wie weit seid ihr?“, rief er den GefĂ€hrten zu.

„Fast fertig“, erwiderte Maratuk. „Was macht der verdammte Nebel?“

„Er kommt nĂ€her.“

Maratuk nickte. „Dann sollten wir verschwinden.“

Elmoruk bĂŒckte sich, hob etwas Sand vom Boden und sĂ€uberte sich die HĂ€nde, wĂ€hrend er abermals zu dem Nebel hinĂŒbersah. Er war noch dichter geworden und schien nun auch dunkler zu sein. Der AxtschlĂ€ger verengte die Augen, als er feste Konturen innerhalb des Wallens zu erkennen glaubte. TĂ€uschten ihn die Sinne?

Inmitten des Nebels meinte er zwei menschliche Gestalten auszumachen. FĂŒr einen Augenblick schien das Metall von RĂŒstungen zu funkeln, aber dann verdichtete sich der Dunst erneut und verschlang alles. Der Zwerg konzentrierte sich auf die Stelle, an der er das PhĂ€nomen gesehen hatte. Doch es war nichts mehr zu erkennen. Nur der Nebel, der sich mit einem Mal schneller zu bewegen schien.

Elmoruk hatte nichts gegen einen Kampf einzuwenden, bei dem man einem sichtbaren Feind gegenĂŒberstand, bei dem man wusste, dass die Klinge der eigenen Axt auf Stahl und Fleisch des GegenĂŒbers treffen wĂŒrde. Aber dieses Wallen und GlĂŒhen war ihm unheimlich. Was immer sich in dem Nebel verbarg, es war ihm und den anderen feindlich gesinnt, und Elmoruk hatte das unangenehme GefĂŒhl, dass ihm der gute Stahl seiner Axt hier wenig nĂŒtzen wĂŒrde.

Ein wenig blass geworden, wandte er sich endgĂŒltig ab und hastete zu den GefĂ€hrten. „Beeilt euch, wir mĂŒssen los!“

Sie hoben den gefesselten Bock und die geschnĂŒrte Kuh auf die Schultern Parnuks und des anderen AxtschlĂ€gers, und Maratuk nahm das schwere Fell mit den frischen FleischvorrĂ€ten. Als alles bereit war, seufzte Elmoruk erleichtert und blickte sich um.

Zwischen den Felsen am Wasserloch sah es nach einer wilden SchlĂ€chterei aus. Blut befleckte den Boden, und die unbrauchbaren Überreste der toten FelsbockkĂŒhe lagen achtlos zwischen den Steinen verstreut. Unter anderen UmstĂ€nden hĂ€tten die Zwerge die Spuren sorgfĂ€ltig beseitigt, aber keinen von ihnen verlangte es danach, lĂ€nger als nötig an diesem Ort zu verweilen.

Parnuk hatte es besonders eilig, wieder ins Gebirge zu kommen, wenngleich sein Bein verletzt war und er so das Tempo des kleinen Trupps bestimmte. Er merkte kaum, dass Elmoruk immer wieder einen Blick zurĂŒckwarf. Aber niemand folgte ihnen, und nachdem ein Zehnteltag verstrichen war, ohne dass ein unheilvoller Nebel oder fremde Gestalten sich auf sie stĂŒrzten, war der TruppfĂŒhrer erleichtert. Schließlich ließ er eine Rast einlegen, obwohl sie die Öde noch nicht hinter sich hatten. Aber der Rand des Gebirges Noren-Brak war nun nahe, und inmitten einer Felsengruppe fĂŒhlten sie sich einigermaßen sicher.

Sie hatten den ausgewachsenen Felsböcken die MĂ€uler zugebunden, damit ihr Blöken die Gruppe nicht verriet. Die beiden Jungen waren folgsam auf ihren dĂŒrren Beinen mitgelaufen und wirkten nun erschöpft. Sie störten sich nicht an den Fesseln des Muttertieres, sondern stĂŒrzten sich sofort auf dessen Zitzen, als Maratuk es auf den Boden legte.

„Wir mĂŒssen den Älteren die Fesseln lösen“, brummte Elmoruk, „damit auch sie etwas saufen und fressen können.“

Parnuk nickte und sah auf die beiden jungen Felsböcke, die gierig saugten. „Wir sollten uns ebenfalls etwas zubereiten. Es wird sowieso bald dunkel. Am besten lagern wir im Schutz dieser Felsen und braten uns etwas Fleisch.“ Er leckte sich ĂŒber die Lippen. „Ich habe schon lange kein geröstetes Felsbockfleisch mehr gegessen.“

Der Gedanke war sicherlich verlockend. Elmoruk strich sich ĂŒber die Enden seiner langen Bartzöpfe. Eine der gelben SchnĂŒre, mit denen sie gebunden waren, hatte sich ein wenig gelockert, und der TruppfĂŒhrer ließ sich Ă€chzend nieder und löste den Knoten. „Die Felsen bieten uns Schutz. Ich denke, du hast recht. Mit der Beute schaffen wir es vor Einbruch der Nacht nicht mehr ins Gebirge. Also schön, richten wir uns hier fĂŒr die Nacht ein.“ Er sah die anderen eindringlich an. „Aber kein Feuer.“

„Keinen Braten?“, brummte Parnuk enttĂ€uscht. „Bei den feurigen AbgrĂŒnden von Irghil, wozu die ganze Plackerei, wenn wir uns nicht einmal einen herzhaften Bissen gönnen dĂŒrfen?“

„Wir sind noch immer in der Öde“, entgegnete Maratuk an Elmoruks Stelle. „Fremdes Land, Parnuk. Feindliches Land.“

„Es ist vor allem totes Land“, versetzte Parnuk störrisch. „Ich kann hier keine Gefahr entdecken.“

„Dein Hunger ist grĂ¶ĂŸer als dein Verstand“, zischte der andere AxtschlĂ€ger. „Als wir die Öde betraten, konntest du es kaum erwarten, sie wieder zu verlassen. Und jetzt willst du hier ein gemĂŒtliches Feuer machen, damit man uns auf große Entfernung sehen kann. Verdammter SchĂŒrfer.“

„Was soll das heißen?“ Erbost wandte sich Parnuk dem AxtschlĂ€ger zu. „Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass wir nun das Fleisch haben. Du hast kein Recht, mich zu beleidigen.“

„Ruhe!“ Elmoruk ließ das Zopfende sinken, das er gerade neu flocht, und hob den Kopf. „Seid still, ich höre etwas!“

Die anderen schwiegen und lauschten. Parnuk nickte zögernd. „Ich auch. Steine, die sich bewegen.“

Elmoruk deutete auf die jungen Böcke. „Haltet ihnen die MĂ€uler zu. Da marschiert jemand durch die Öde, und ich will nicht, dass er uns bemerkt.“

Begleitet von Maratuk, schob sich Elmoruk in die Deckung einiger grĂ¶ĂŸerer Felsen und spĂ€hte in die Richtung, aus der die schwachen GerĂ€usche erklangen. Ab und zu war das leise Klicken und Poltern eines rollenden Steines zu hören.

„Wer immer das auch ist“, hauchte Maratuk, „er bewegt sich leise.“

Der Boden war dicht mit Geröll bedeckt, und so ließen sich GerĂ€usche nicht ganz vermeiden. Ein GlĂŒck fĂŒr die Zwerge, die sonst die Herannahenden wohl nicht bemerkt hĂ€tten.

Elmoruk legte die Hand auf die Schulter des anderen AxtschlĂ€gers und deutete nach rechts. Dort erschienen undeutlich Gestalten, die langsam nĂ€her kamen. „Elfen“, flĂŒsterte der erfahrene KĂ€mpfer. „Wenigstens eine Hundertschaft.“

Auf die Entfernung konnte man weder ihre Gesichter noch die spitzen Ohren erkennen, aber ihre Gestalt machte sie unverwechselbar: Schlanke, hochgewachsene MĂ€nner mit den hellblauen UmhĂ€ngen ihres Volkes. Sie trugen die typischen hohen Helme mit dem Nackenschutz und dem aufragenden Symbol ihres Hauses an der Stirn. Die Zwerge konnten das Zeichen nicht erkennen, aber es mussten Elfen von einem der HĂ€user des Waldes sein, denn die Muster auf Kleidung und Helmen waren eindeutig. Über den Schultern ragten die langen Bogen empor, und an den HĂŒften hingen Pfeilköcher und Schwerter. Viele der Elfen trugen zudem schwere Lasten mit sich.

„Sie marschieren in die Öde hinein“, murmelte Maratuk.

„Nein, nicht in die Öde.“ Elmoruk duckte sich tiefer hinter die Felsen. Elfische Krieger hatten verdammt scharfe Sinne, und er wollte nicht, dass die Spitzohren ihn und seine MĂ€nner bemerkten. Er zog Maratuk nach unten und bedeutete ihm zu schweigen. „Sie marschieren nach Osten, am Rand des Gebirges entlang“, flĂŒsterte er. „Wahrscheinlich zum Pass von Rushaan, der in die LĂ€nder der Orks hineinfĂŒhrt.“

„Ob es wieder Krieg gibt?“ fragte Maratuk erschrocken. „Werden die Legionen des Schwarzen Lords wieder gegen den Bund kĂ€mpfen?“

„Ich glaube nicht, dass die Elfen in den Kampf ziehen. DafĂŒr sind es zu wenige. Gerade mal eine Hundertschaft ihrer Bogen.“

„Ja, du hast recht.“

Die Elfen zogen vorĂŒber, schweigend und nahezu lautlos. Nur gelegentlich rollte ein Stein unter dem Tritt eines Fußes. Eine schemenhafte Prozession, die schon bald wieder aus dem Blickfeld der Zwerge verschwunden war.

„Glaubst du wirklich, sie wollen zum Pass von Rushaan?“

Elmoruk nickte entschlossen. „Sie werden nicht in die Öde vordringen. Niemand dringt dorthin vor.“

Maratuk nickte mit dĂŒsterer Miene. „Und wer es tut, kommt nicht mehr zurĂŒck. Die ‚Anderen‘, die WĂ€chter, sie dulden es nicht.“

„Die WĂ€chter sind nur ein GerĂŒcht, nicht mehr als ein Aberglaube“, brummte Elmoruk. Aber seine Stimme verriet Zweifel. Er musste an die Schemen denken, die er in dem Nebel gesehen hatte.

„Es macht keinen Unterschied, ob die Elfen den ‚Anderen‘ oder den Orks begegnen.“ Maratuk richtete sich auf und bedeutete den Begleitern mit einem Wink, dass die Gefahr vorĂŒber sei. „Sie sind so gut wie tot. Kein lebendes Wesen wird den WĂ€chtern entkommen. Und um einer Legion der Orks standzuhalten, sind sie zu wenige.“

„Sollten wir sie nicht warnen?“

„Wozu?“ Maratuk zuckte die Schultern. „Die Elfen sind nicht unsere Freunde. Und sie leben schon lange genug, um zu wissen, was in Rushaan vor sich geht.“

Parnuk und der andere AxtschlĂ€ger waren erleichtert und beeilten sich, die Tiere zu versorgen. Sie erhoben keinen Widerspruch, als Elmoruk entschied, in die hereinbrechende Nacht zu marschieren. „Je eher wir den Schutz unserer Berge erreichen, desto besser“, seufzte Parnuk. „In dieser Öde fĂŒhle ich mich nicht wohl.“

Elmoruk sah nachdenklich in die Richtung, in der die Elfen verschwunden waren. „Es heißt, sie werden das Land bald verlassen.“

Maratuk lachte und schulterte den gefesselten Felsbock. „Wer? Die Elfen? Das kĂŒmmert mich wenig. Kommt, lasst uns lieber zusehen, dass wir das Fleisch nach Hause schaffen. Ich möchte hier nicht lĂ€nger bleiben. Das ist ein Land des Todes.“

Elmoruk nickte. Er glaubte nicht, dass einer der Elfen aus der Öde zurĂŒckkehren wĂŒrde. Egal, was ihr Ziel war, sie wĂŒrden nur den Tod finden.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230609211002715991d1
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Die Pferdelords und die Paladine der toten Stadt

Reihe: Die Pferdelords Bd. 6

Autor: Michael H. Schenk

Taschenbuch: 624 Seiten

Verlag: MIRA TASCHENBUCH IM CORA VERLAG; Auflage: 1 (3. November 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3899415272

ISBN-13: 978-3899415278

ErhÀltlich bei: Amazon

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Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur fĂŒr "FantasyGuide.de". FĂŒr alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 23.07.2008, zuletzt aktualisiert: 24.02.2015 21:10