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Die Waldhexe

Autor: Waldläufer

 

Die Nacht lag still. Auf einem schmalen Pfad, wandelte ein zierliches wirkendes Wesen. Es schwebte langsam über den braunen Boden hinweg. Das Licht der funkelnden Sterne und des Mondes, in dieser klaren Nacht, zeigten ihr den Weg – den sie scheinbar schon längst kannte. Sie wirkte so schwach und hilflos, dass ihr niemand zugetraut hätte, in der Dunkelheit durch den Wald zu ziehen. Aber sie tat es. Ein silbern glänzendes Kleid umhüllte ihren Körper; die goldenen Haare wehten im Wind, der sich ebenso seinen Weg durch das Gehölz bahnte. Die blauen Augen verrieten Freude und Neugierde. In ihrer rechten Hand hielt sie einen violett schimmernden Stab. Der Duft von Kräutern und nächtlicher Frische lag um sie herum. Leuchtende Augen beobachteten sie. Da war ein kleiner Hügel, direkt vor ihr, zu erkennen - langsam gleitete sie ihn hinauf. Er war mit saftigem, aromatisch duftendem Gras bewachsen, welches für einige Zeit funkelte, als sie darüber hinweg schwebte. Kleine Sterne senkten sich von ihrem Kleid hinab. Vom Hügel aus betrachtend, konnte man eine glitzernde Spur durch den Wald erkennen – es war der Weg, dem sie gefolgt war. Sie befand sich nun am höchsten Punkt, wo eine grüne Ebene vor ihr lag. Dort stand ein Kessel, der auf Hochglanz poliert wirkte. Vom Schein des Mondes erhellt, der ihre Körpergrösse um ein Vielfaches übertraf. Er hing, an zwei langen Ketten befestigt, die zu den Ästen eines umstehenden Baumes führten, über einem Stoss Holz. Lächelnd schwebte sie heran und berührte mit ihrem Stab den Holzstapel; worauf er in grüner Farbe entflammte. Es knisterte. Weisser Rauch stieg auf und hielt sich als Nebel in der Luft. Er sammelte sich sogleich zu kleinen Wolken, die sich in der Umgebung verteilten. Der Kessel war bis an den Rand mit einer schimmernden Flüssigkeit gefüllt, auf deren Oberfläche es allmählich zu brodelte. Das Wesen zog einen gelben Stein aus der Tasche ihres glänzenden Gewandes. Dieser glühte sofort auf, als ihre zart aussehenden Finger ihn berührten. Vorsichtig legte sie ihn auf die Oberfläche des bereits kochenden Inhalts; er ging nicht unter. Das Zwitschern eines kleinen Vogels war zu vernehmen. Das Wesen lauschte neugierig. Er landete auf ihrer Schulter, als er sie im Schein des Feuers erkannte. Es war ein kleiner Sittich, mit bunten Federn und einem frechen Blick. Schnell drehte sich sein Kopf in alle Richtungen, als er das Geschehen – das lodernde Feuer - beobachte. Sie gewährte ihm, auf seinem Platz zu bleiben. Nun griff sie erneut in ihre Tasche. Sie zog ein kleines Fläschchen heraus, in dem sich eine rote Flüssigkeit befand. Sie öffnete es und gab drei Tropfen in den Kessel – auf den gelben Stein – hinein. Es zischte wild auf. Ein schwefliger Geruch lag in der Luft, der sogleich von Pfefferminze abgelöst wurde. Dem Vogel auf ihrer Schulter schien das zu viel zu sein; sogleich war er protestierend in der Nacht verschwunden. Das Wesen lächelte. Von einem der umstehenden Bäume zupfte es ein grünes, saftiges Blatt, ab. Und liess es in den Kessel gleiten. Das Feuer loderte mit sehr starker Intensität; der Inhalt schäumte. Sie hielt ihren Stab dem Sternenhimmel entgegen. Er war aus einem magischen Element geschaffen; man konnte seine Energie, die er scheinbar unentwegt entsandte, förmlich spüren. Vorsichtig schob sie ihn etwas in die Flüssigkeit hinein und rührte sie vier mal - behutsam - um. Dabei sprach sie, in leisem, flüsterndem Ton: „Erwachet, meine Kinder!“ Die Erde bebte - für einen kurzen Moment. Es war das Gähnen des Bodens, konnte man annehmen. Sie zog ihren Stab wieder heraus und schwebte ein paar Meter von der Feuerstelle weg. Sie blickte zum Himmel - erneut lächelte sie. Dann führte sie ihren Stab in kreisenden Bewegungen, ganz langsam, vor sich hin. Als sie ihre Bewegung beendet hatte, blickte sie in die Dunkelheit, auf den glänzenden Pfad, den sie gekommen war, hinaus - und wartete. Die Minuten vergingen. Allein der frische Wind, schien sie unterhalten zu wollen. Plötzlich knarrte der Kessel. Zuerst ein bisschen, dann immer lauter werdend. Noch immer stand sie am Rand des Hügels. Die Flammen waren erloschen, aber der Inhalt brodelte in unvorstellbarer Intensität. „Erwachet, meine Kinder!“ flüsterte sie erneut, als es passierte. Ein leuchtender, von unglaublicher Energie erfüllt wirkender, violetter Strahl, schoss aus dem Kessel zum Himmel hinauf. Er rauschte zum Firmament empor, bis er es scheinbar erreicht hatte; und zog sich krachend, unter einem kleinen Blitzgewitter, zusammen. Eine leuchtende, gewaltige Kugel hatte sich gebildet. Sie schwebte hinunter, bis sich die ersten Baumkronen des Waldes unter ihr befanden. Leuchtend, gar knisternd, hielt sie dort für einen Moment inne. „Erwachet!“ war ihre sanfte Stimme im ganzen Wald zu vernehmen. Plötzlich entlud sich die Energie der Kugel in einer Explosion, die das Sein, scheinbar zu zerschmettern drohte. Aber nur für einen kurzen Moment. Es waren leuchtende Wellen, die sich in alle Richtungen hin ausbreiteten. Jeden Stein und jedes Leben, durchfluteten. Es herrschte Stille. Kleine, weisse Sterne funkelten, wie Schnee, vom Himmel herab, als sich die Sonne über den Horizont – ganz langsam – erhob. Ihre Strahlen bedeckten das Land. Gewaltige Bäume, mit ihren grünen als auch goldbraunen Blättern, wurden erkennbar - uralte Zeugen der Vergangenheit. Manche Blätter funkelten; der Morgentau hatte sich auf ihnen gebildet. Er reflektierte das ganze Spektrum des Lichts. Man konnte das Rauschen von Wasser an vielen Stellen vernehmen. Folgte man ihm, so traf man auf silberne Bäche, in denen sich bunte Fische tummelten. Der Wind war angenehm warm. Vergnügt liessen sich allerlei zwitschernde Vögel, verschiedenster Arten, von ihm treiben. Die Lichtungen zeigten sich in ihrer ganzen Pracht. Kleine Tiere, wie z.B. ein weisses Reh, blickten neugierig umher, als sei eine neue Welt um sie herum geboren.

 

Am Rande des Waldes lag ein Hügel, zu dem ein schmaler Pfad führte. Hoch oben, an seinem höchsten Punkt, fand sich eine grüne Ebene. Ein Vogel – ein munterer, bunter Sittich - flog laut zwitschernd umher. Er suchte ein zierliches, stets lächelndes Wesen. Sie war verschwunden.

 

Der Wald war erwacht.

 

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Erstellt: 28.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58