Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Die Zaubertinte

Autor: Hanno Berg

 

Die Zaubertinte

 

I

Martin Korte war einundvierzig Jahre alt. Er war nach langer Krankheit vor einigen Jahren arbeitslos geworden und hatte sich seitdem erfolglos um eine neue Stelle bemüht. Immer wenn die Sprache auf seine Erkrankung gekommen war, hatten die potentiellen Arbeitgeber abgewinkt. Martin war unverheiratet und kinderlos. Nur sein älterer Bruder namens Viktor hatte sich um ihn gekümmert und ihm ab und zu mit größeren Summen unter die Arme gegriffen, denn Martin war arm, seit er keinen Job mehr hatte.

Aber vor nicht ganz zwei Monaten war dann Viktor durch einen Autounfall ums Leben gekommen, so dass Martin, dessen Eltern schon lange tot waren, nun niemanden mehr hatte. Er hatte zwar einige Tausend Euro von Viktor geerbt, doch es war absehbar, wann das Geld aufgebraucht sein würde, und dann musste er mit dem wenigen auskommen, was er vom Staat bekam.

Aber nicht allein dies war seine Sorge. Er hatte nämlich nicht nur keine Verwandten mehr, sondern auch keine Freunde. Diese hatten sich in der Zeit seines Elends von ihm losgesagt, da sie - wie es dem Zeitgeist entsprach – nur mit gutgelaunten Leuten in ihrer Freizeit Spaß haben wollten. Martin aber war ganz und gar nicht mehr fröhlich und an Spaß interessiert, sondern seit dem Verlust seiner Stelle überwiegend melancholisch gestimmt und konnte sich auch die teuren Freizeitvergnügungen seiner ehemaligen Freunde nicht mehr leisten.

So lebte er nun vereinsamt und in Bitterkeit am Rande der Gesellschaft, und ein Ende seiner Pechsträhne war nicht in Sicht...

 

II

Es war Mittwoch, der achte Mai, und es schlug gerade zehn Uhr vormittags, als Martin im Park bei der Johanneskirche auf einer Bank saß und missgelaunt den Tauben zusah, die sich um ein halbes Brötchen zankten, das ein Passant dort weggeworfen hatte.

Es gab für ihn wirklich keine Chance mehr, wieder einen Arbeitsplatz zu bekommen. Seine Qualifikationen als Ingenieur waren zwar gut, und er hatte, während er arbeitete, auch immer an Fortbildungen teilgenommen, aber nun war der Zug für ihn wohl abgefahren. Seit Jahren war er aus der Übung, und inzwischen auch zu alt. Die Firmen suchten junge und dynamische Leute, die gerade von der Uni kamen, aber sicher nicht solche Leute wie ihn. –

Er warf einen Stein in Richtung der zankenden Tauben, so dass diese in die Höhe flogen. Dann richtete er seinen Blick zur Kirche hin, wo ein Wagen gerade laut hupte. Auf dem Weg, der sich vom Kirchenportal zum kleinen Park erstreckte, in dem er saß, stand ein Mann, der ihm den Rücken zukehrte und die Kirche fotografierte.

„Sicher ein Tourist!“, dachte Martin.

Da aber drehte sich der Mann zu ihm um und Martin fiel fast von seiner Bank.

„Viktor!“, schoss es ihm durch den Kopf, denn der Fremde sah genauso aus, wie sein verstorbener Bruder.

Dann winkte ihm der Mann und machte sich auf den Weg zu ihm. Mit jedem Schritt jedoch, den er näher kam, sah Martin seine Gestalt verschwommener, am Ende nur noch schemenhaft. Als er endlich fast bei Martins Bank angekommen war, so dass dieser ihn hätte mit der Hand berühren können, war der Mann plötzlich ganz verschwunden.

Martin war verstört. Was war da nun wieder mit ihm geschehen? Hatte er wieder Halluzinationen, wie zu Beginn seiner langen Krankheit, die ihn damals den Job gekostet hatte? –

Erst einige Minuten später war er wieder ganz bei sich. Aber was war das? In der Brusttasche seines Hemdes steckte ein Zettel, der sich zuvor nicht dort befunden hatte!

Mit zitternden Fingern zog Martin den Zettel hervor, faltete ihn auseinander und las:

 

„Mein lieber Bruder,

 

da ich nun nicht mehr unter den Lebenden weile und Dir deshalb auch nicht mehr so helfen kann, wie früher, will ich Dir nun einen Tipp geben. Wenn Du das folgende Rätsel löst, hast Du vielleicht die Chance, doch noch Dein Glück zu machen:

 

HO CFQ LKFHODO JJRUD, EHF CJQ EDS MPSBQ ATTZNLFM NHU LFHODN FFKE ZMR EDJM FQCD WNO CFHODN ASTEDS ZVRHDIZFMEHHS IZU, HTS BTDG DHO FMZT LJS TBIVBQADS SJMUD, EZT UPM VMTDSDN TSFSNTRWZUDS RUZNLU. VFMO LBM NHU CJDTDS SJMUD FHOD TDOCVMH ZO IFLBMEDO ZEQFRTHFQU, RP RPKM HIM EHF RFMETOF FQSDJBIDO, ZVBI VFMO DS RDGPM MZOFF SPS JRU.

 

Ich selbst habe den Zauber, den dieses Rätsel beschreibt, nie ausprobiert, denn es ging mir immer gut. Dir aber kann er vielleicht irgendwie von Nutzen sein. Das jedenfalls wünsche ich Dir.

Auf Wiedersehen, Dein Dich liebender Bruder Viktor“.

 

Das war ein Rätsel, das nicht so einfach zu lösen war. Martin dachte längere Zeit angestrengt über die zunächst sinnlos erscheinende Reihung von Buchstaben nach. Dann aber glitt ein Lächeln über sein Gesicht. Er hatte die Lösung gefunden. Die Buchstaben waren Platzhalter für andere Buchstaben, aus denen sich Wörter ergaben. Für den jeweils ersten Buchstaben hatte Viktor den Buchstaben eingesetzt, der davor im Alphabet stand und für den jeweils zweiten Buchstaben den Buchstaben, der im Alphabet an der Stelle danach kam. Nach dem Z aber kam in Viktors Reihe das A, so dass vor dem A wiederum das Z stand. So ergab sich folgender Text:

 

„In der kleinen Kiste, die Dir der Notar zusammen mit meinem Geld als Dein Erbe von Deinem Bruder ausgehändigt hat, ist auch ein Glas mit schwarzer Tinte, das von unserem Urgroßvater stammt. Wenn man mit dieser Tinte eine Sendung an jemanden adressiert, so soll ihn die Sendung erreichen, auch wenn er schon lange tot ist.“

 

III

Völlig in seinen Gedanken gefangen ging Martin nach Hause. Ob Viktor über die Tinte die Wahrheit geschrieben hatte?

Als er zu Hause angekommen war, holte er die kleine Kiste seines Bruders aus dem Schrank. Darin befand sich tatsächlich ein kleines Gläschen voller schwarzer Tinte, zusammen mit einigen Stahlfedern. Er würde einmal ausprobieren, ob diese Tinte magische Kräfte hatte! Aber wie sollte er das tun?

Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er hatte vor Jahren, als er noch arbeitete und noch nicht erkrankt war, eine Freundin namens Johanna gehabt. Sie war die Tochter eines Industriellen, der zig Millionen besaß. Der Vater torpedierte allerdings damals ihre Beziehung zu Martin, so dass sie sich schließlich von ihm abwandte. Heute war sie mit dem Prokuristen der Firma ihres Vaters verheiratet. Martin waren von damals nur einige Fotos von Johanna geblieben, darunter eines, worauf sie als Kind mit ihrer früh verstorbenen Mutter zu sehen war. Er konnte sich noch ganz genau daran erinnern, was Johanna ihm damals erzählt hatte: Ihr Vater sei über den Tod seiner Frau nie hinweg gekommen. Er habe sich oft ein Porträt seiner Frau von einem berühmten Maler gewünscht. Dafür, so hatte er seiner Tochter gesagt, würde er Millionen bezahlen. Die namhaften zeitgenössischen Künstler aber gefielen ihm nicht, und so ließ er seine Frau nicht von ihnen malen, auch wenn er es hätte bezahlen können. Seine Vorliebe galt van Gogh und dem Blauen Reiter. –

Wie nun, wenn...? - Martin wagte nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Aber was konnte schon passieren? Er musste es einfach versuchen!

So machte er sich noch am selben Tag auf zur Universitätsbibliothek, um dort Bücher und Artikel über van Gogh auszuleihen...

 

IV

Als er wieder zu Hause war, wälzte er die Werke, die er in der Bibliothek bekommen hatte, und er fand tatsächlich heraus, wo van Gogh in jungen Jahren, als er gerade mit dem Malen anfing, gelebt hatte, sogar den Ort und die Straße.

Als er dies erfahren hatte, hob er zweitausend Euro seines Bruders von seinem Konto ab und kaufte dafür in der Stadt eine Perlenkette. Dann packte er ein Päckchen, in welches er einen Brief, das Foto von Johanna und ihrer Mutter, die Perlenkette und einen großen Rückumschlag mit seiner eigenen Adresse legte, die er mit der vermeintlichen Zaubertinte geschrieben hatte. Als er damit fertig war, schrieb er noch van Goghs Namen und damalige Adresse mit derselben Tinte auf das Päckchen und brachte es zur Post. Ob nun das geschehen würde, was er sich so sehr wünschte? –

Vier Wochen später – Martin war seit Tagen ungeduldig zum Briefkasten hinabgestiegen – klingelte der Paketdienst an der Tür.

„Ein Paket für Sie! Bitte unterschreiben Sie hier!“

Martin unterschrieb, und der Bote händigte ihm das Paket mit seiner Adresse in seiner eigenen Handschrift aus, die er mit der Zaubertinte geschrieben hatte. Der Umschlag war von genau der Größe, wie sie ein gerahmtes Bild in kleinerem Format aufwies und fühlte sich von außen auch genauso an.

Ob ihm gelungen war, was er sich erhofft hatte? Hoffentlich war die Perlenkette Lohn genug gewesen!

Er öffnete eilig den Umschlag, und darin befand sich – ein gerahmtes Porträt der Mutter Johannas im Din-a-4- Format und im Stil Vincent van Goghs. Dabei lag ein Brief, in welchem sich der Künstler für den Auftrag und das gute Entgelt bedankte und sich wünschte, das Bild möge gefallen.

Martin war außer sich vor Freude. Dann aber brachte er das Bild zu einem der großen Museen der Stadt, um es von einem renommierten Kunstexperten, der dort angestellt war, auf seine Echtheit hin prüfen zu lassen. Zwei Wochen später hatte er Gewissheit. Das Bild war ein echter van Gogh. Der Experte hatte noch zwei Kollegen hinzugezogen, die beide dieses Urteil bestätigt hatten. Das Museum bot ihm drei Millionen für das Bild.

Martin aber suchte Johannas Vater auf und bot diesem das Bild zum Kauf an.

„Ich kann es gar nicht glauben, ein Porträt meiner lieben Frau aus der Hand des großen Meisters van Gogh in meinen Händen zu halten,“ sagte Johannas Vater, nachdem Martin ihm das Bild zur Ansicht übergeben hatte. „Das kann doch gar nicht wahr sein! Es ist wie Zauberei! Ich möchte das Bild noch einmal von Professor Thiel prüfen lassen, der „die“ Koryphäe in der Kunstszene der Stadt ist. Die Expertisen der anderen Kunstsachverständigen reichen mir nicht aus!“

„Das können Sie gern tun,“ sagte Martin. „Ich überlasse Ihnen das Porträt für drei Wochen. Dann komme ich zu Ihnen, und wir sprechen weiter über dieses Geschäft.“

Mit diesen Worten verabschiedete sich Martin und verließ das Haus. Johannas Vater aber tat, wie er gesagt hatte und ließ das Bildnis von Professor Thiel prüfen. Dieser aber bestätigte das Urteil der anderen Experten. So bot Johannas Vater Martin sechs Millionen für das Porträt, und Martin nahm sein Angebot an...

 

V

Es vergingen einige Jahre. Durch das Geld wurde für Martin ein ganz anderes Leben möglich. Er fand neue Freunde und am Ende sogar eine nette Frau, die er heiratete und mit der er zwei Söhne bekam. Sie lebten glücklich zusammen und nahmen am gesellschaftlichen Leben der Großstadt teil. Die Zaubertinte musste Martin zunächst nicht wieder benutzen.

Eines Tages aber, als Martin gerade die Morgenzeitung las, klingelte jemand an der Tür seiner Villa.

Martin öffnete. Draußen stand Johannas Vater und bat um Einlass. Nachdem Martin ihn hereingebeten und er auf dem Sofa im Salon Platz genommen hatte, kam er sofort zur Sache:

„Meine Tochter Johanna ist vor etwa einem Jahr ermordet worden, Herr Korte. Der Mörder hat ihr die Kehle durchgeschnitten. Er ist bis heute nicht gefasst worden. Ihr Ehemann, mein Prokurist, war am Boden zerstört und hat sich von dem schlimmen Schock bis heute nicht ganz erholt.“

„Das ist ja furchtbar!“, sagte Martin, den die feige Tat nicht ganz unberührt ließ. „Aber was führt Sie denn nun ausgerechnet zu mir?“

„Ich wünsche mir zum Andenken an mein einziges Kind ihr Porträt aus der Hand van Goghs,“ erwiderte Johannas Vater. „Ich habe gedacht, dass Sie, so wie Sie mir damals das Porträt meiner Frau beschafft haben, mir heute auch ein Bildnis Johannas vom großen Meister verschaffen könnten. Ich habe zwar nie begriffen, wie ein Toter nach seinem Tod noch ein Bild malen kann, aber Sie kennen ja wohl dieses Geheimnis. Deshalb komme ich zu Ihnen. Ich wäre auch bereit, für ein solches Bild von meiner Tochter noch einmal sechs Millionen zu bezahlen.“

Martin ließ sich von ihm ein neueres Foto von Johanna geben und sagte, er werde tun, was ihm möglich sei. Dann verließ Johannas Vater das Haus. –

Am nächsten Tag kaufte Martin einen Diamantring im Wert von fünftausend Euro und packte – wie beim ersten Mal – wieder ein Päckchen an Vincent van Gogh, auf welches er mit der magischen Tinte die Adresse schrieb. Auch einen Rückumschlag mit seiner eigenen Adresse, geschrieben mit der Zaubertinte, legte er wieder bei. Als er fertig war, brachte er das Päckchen zur Post.

Wieder vergingen einige Wochen. Dann aber erhielt Martin Johannas Porträt aus der Hand des großen Meisters mit der Post und brachte es sofort zu Johannas Vater. Nachdem dieser sich die Echtheit des Bildes von Experten hatte bestätigen lassen und den vereinbarten Preis bezahlt hatte, lud er Martin zu einer Feierstunde ein, in welcher er das Bild der Öffentlichkeit präsentieren wolle. Martin sagte sein Kommen zu. –

Zwei Wochen später waren dann die Honoratioren der Stadt und der Universität sowie Geschäftsfreunde von Johannas Vater und Pressevertreter im Verwaltungsgebäude der Firma versammelt, wo man Johannas Porträt an einem Ehrenplatz aufgehängt hatte. Martin kam gerade rechtzeitig, um noch die Festrede von Professor Thiel zu hören, die mit großem Beifall bedacht wurde. Anschließend betrachteten die Anwesenden alle nacheinander das wunderschöne Bild, und die Pressevertreter schossen ihre Fotos.

Als die Feier fast zu Ende war, kam Johannas Mann im Verwaltungsgebäude der Firma an. Er hatte noch einen geschäftlichen Termin gehabt und deshalb nicht von Beginn an an der Feier teilnehmen können. Martin beobachtete, wie er sich vor dem Bild aufstellte, um es zu betrachten. Da aber geschah das Unfassbare. Es war, als werde der Johanna auf dem Bild von unsichtbarer Hand die Kehle durchgeschnitten, und plötzlich spritzte echtes Blut vom Hals der Porträtierten auf den Anzug des Prokuristen. Dieser schrie laut auf und brach dann völlig zusammen, während einige junge Zuschauerinnen in hysterisches Geschrei ausbrachen. Sekunden später stammelte Johannas Mann: „Ich habe sie umgebracht! Sie wollte mich verlassen und sich einen Jüngeren suchen. Das konnte ich doch nicht zulassen. Wenn ich sie nicht haben konnte, so sollte sie niemand bekommen. Jetzt aber holt sich ihre Seele ihren Tribut von mir.“ –

Johannas Mann brachte man schließlich in der gerichtlichen Psychiatrie unter, und er wurde nie wieder ganz gesund. Die Zaubertinte aber verschwand noch am selben Tag aus ihrem Gläschen, und es weiß wohl niemand, wo sie hingekommen ist.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:


Keine Einträge
Keine alten Kommentare vorhanden.

Zum Seitenanfang

Platzhalter

Disclaimer

Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

Freigabe zur Weiterveröffentlichung besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

weitere Infos:


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 03.09.2011, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26