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Doktor Lauritzen

Autor: Hanno Berg

 

Doktor Lauritzen

 

 

I

Erno Lauritzen war Student der Medizin in einer kleinen Universitätsstadt in der Mitte des Landes. Eines Tages nach dem Mittagessen saß er träge auf einer Bank unter der großen Linde, die vor der größten Kirche der Stadt stand. Da setzte sich einer seiner älteren Kommilitonen zu ihm.

„Na, Parso, wie kommst du mit deinem Studium voran?“, fragte Lauritzen.

„Sehr gut, Erno,“ entgegnete dieser. „Ich werde wohl in zwei Semestern Arzt sein und in mein Heimatdorf zurückkehren, um dort zu praktizieren.“

„So etwas käme für mich nicht in Frage!“, sagte Lauritzen. „Ich will einmal ein berühmter und reicher Arzt in einer der Metropolen des Landes werden!“

„Dazu müsstest du schon das Wundertaschentuch der Heiligen Elisabeth haben,“ sagte Parso lächelnd.

„Was hat es damit auf sich?“, fragte Lauritzen neugierig.

„Es handelt sich dabei wohl um das Taschentuch, mit welchem die Heilige Elisabeth ihre Tränen über das Leid der Menschen und das Elend in der Welt getrocknet hat,“ antwortete Parso. „Es geht die Sage um, dass derjenige, der krank ist und dieses Taschentuch berührt, gesund wird, ganz gleich, welche Krankheit er hat.“

„Und wo befindet sich dieses Taschentuch?“, fragte Lauritzen.

„Es befindet sich im Reliquiar in der kleinen Kapelle auf dem Berg Omus, keine zwanzig Kilometer von hier,“ erwiderte Parso. „Aber die Sache mit der Heilkraft dieses Tuches ist sicherlich nur eine der üblichen Legenden, die sich um die Heiligen der Kirche ranken!“

Erno Lauritzen unterhielt sich noch eine Weile mit Parso über einige unverfängliche Dinge. Anschließend gingen sie auseinander. Lauritzen aber hatte seinen Entschluss gefasst. Er würde zur kleinen Kapelle auf dem Berg Omus wandern und dort das Taschentuch der Heiligen Elisabeth stehlen. –

Lauritzen tat, was er sich vorgenommen hatte. Schon am nächsten Morgen schnürte er sein Bündel und machte sich auf den Weg zur Kapelle auf dem Berg Omus. Dort angekommen schaute er sich um, um zu ergründen, ob er allein war. Kein Mensch befand sich in der Nähe. Also nahm er ein kleines Messerchen aus seinem Bündel und brach damit das Reliquiar der Kapelle auf. Drinnen lag tatsächlich ein weißes Taschentuch. Er nahm es gierig an sich und machte sich dann auf den Rückweg. –

Als er bei seiner Studentenbude angekommen war, ging er eilig zum Nachbarhaus. Die Leute, die dort wohnten, hatten einen lahmen Sohn. Das Kind saß im Hof und sah den anderen Kindern traurig zu, die dort Ball spielten.

„Hier, nimm dieses Tuch einmal in die Hand!“, sagte Lauritzen freundlich, als er den Kleinen erreicht hatte und hielt ihm das gestohlene Taschentuch hin.

Der Kleine nahm das Tuch in die Hand. Sekunden später aber fühlte er seine Beine wieder und konnte von seinem Platz aufstehen und mit den anderen Kindern herumtollen.

„Nun bin ich ein gemachter Mann!“, dachte Lauritzen bei sich. „Ich mache noch mein Examen, und dann werde ich der berühmteste Arzt des Landes!“ –

Er tat in den nächsten Jahren, was er geplant hatte, wurde der berühmteste und reichste Arzt des Landes, und die Zeit verging...

 

 

 

 

II

Einige Jahre später kam ein armer Bauer namens Bocerus am Tor des Schlosses an, welches sich Lauritzen, der natürlich inzwischen den Titel eines Doktors führte, von seinen großen Einkünften hatte erbauen lassen.

Bocerus klopfte, und Lauritzens Diener öffnete und fragte nach seinem Begehr.

„Meine jüngste Tochter, die Mara, ist unheilbar krank geworden,“ sagte Bocerus demütig. „Wenn man dem Arzt unseres Dorfes glauben darf, wird sie noch in diesem Jahr sterben, wenn nichts geschieht. Wir aber haben von Doktor Lauritzen gehört, der den Ruf hat, jede auch noch so schwere Krankheit heilen zu können.“

„Hast du Geld?“, fragte Doktor Lauritzens Diener.

„Leider nicht!“, entgegnete Bocerus. „Wir besitzen gerade drei Apfelbäume und eine Milchkuh und müssen oft hungern!“

„Dann kann ich dir leider keine Hoffnung auf die Hilfe des Doktors machen,“ sagte der Diener mitleidig. „Er heilt mit seiner Kunst nur solche Leute, die sehr reich sind und ihm für seine Hilfe ihr ganzes Hab und Gut vermachen. Durch ihn sind zwar schon viele Menschen gesund geworden, aber auch bettelarm.“

Niedergeschlagen verabschiedete sich der arme Bauer von Doktor Lauritzens Diener und machte sich auf den Heimweg. Nun war auch noch seine letzte Hoffnung dahin! ...

 

III

Als Bocerus zu Hause angekommen war und seiner Frau über die Worte von Lauritzens Diener Bericht erstattet hatte, legte er sich gleich schlafen, denn es war spät geworden. Da aber hatte er einen sonderbaren Traum:

Er kniete in der Dorfkirche vor einem Kreuz. Plötzlich ertönte eine sanfte Männerstimme und sagte zu ihm, er solle zu den Felsen im nahen Wald gehen und den höchsten von ihnen erklimmen. Dort werde eine Quelle entspringen. Mit ihrem Wasser solle er seine drei Apfelbäume begießen und seine Milchkuh tränken.

Kaum hatte die Stimme dies gesagt, da wachte Bocerus auf. Da es bereits helllichter Tag war, beschloss er, sofort zu tun, was die Stimme verlangt hatte. Also suchte er die Felsen im nahen Wald auf und erklomm den höchsten von ihnen. Dort aber gab es keine Quelle. Völlig entmutigt setzte sich der Bauer auf einen großen Stein an der Spitze des Felsens, vergrub sein Gesicht in den Händen und weinte. Da aber hörte er plötzlich hinter seinem Rücken ein munteres Plätschern! Er drehte sich um, und dort, wo zuvor nur der nackte Fels zu sehen gewesen war, sprudelte nun eine Quelle hervor. Eilig füllte er ein mitgebrachtes Gefäß mit ihrem Wasser. Kaum hatte er dies getan, da versiegte die Quelle wieder. Bocerus aber kehrte mit dem Wasser sofort nach Hause zurück...

 

IV

Als er zu Hause angelangt war, begoss Bocerus seine drei Apfelbäume mit dem Wasser der Quelle und tränkte mit dem Rest seine Kuh. Zunächst geschah gar nichts. Gegen Abend molk der Bauer dann die Kuh und erntete die Äpfel der Bäume, um alles am nächsten Tag auf dem Markt feilzubieten. Als er am nächsten Morgen aufstand, staunte er nicht schlecht. Statt der drei Apfelbäume standen hinter dem Haus nun sechs, und im Stall stand neben der ersten Kuh nun eine zweite.

Bocerus brauchte den ganzen Tag, um die Ernte einzufahren und die Kühe zu melken. Am Morgen des folgenden Tages aber standen vier Kühe im Stall und zwölf Apfelbäume hinter dem Haus. Der Bauer brauchte nun zwei ganze Tage für die Apfelernte und das Melken der Kühe. Am nächsten Tag aber war die Anzahl der Kühe und Bäume wieder verdoppelt. So ging es einen ganzen Monat lang weiter. Auf diese Weise wurde Bocerus zum reichsten Bauern der Gegend.

Da aber setzte er sein krankes Töchterchen Mara vorn aufs Pferd, stieg hinter ihr in den Sattel und ritt mit ihr zu Doktor Lauritzens Schloss. Wie zu erwarten gewesen war, verlangte der Doktor für Maras Heilung das ganze Vermögen des Bocerus.

„Wie gewonnen, so zerronnen!“, dachte Bocerus bei sich, als er Lauritzen einen entsprechenden Schuldschein unterschrieb.

Dann aber nahm der Arzt das Taschentuch der Heiligen Elisabeth zur Hand und legte es Mara auf die Stirn. Im Nu war sie von ihrer Krankheit geheilt und dankte ihrem Vater mit einem Kuss auf die Backe. –

Beim Verlassen des Schlosses trafen Vater und Tochter noch einmal den Diener des Doktors, der schon beim letzten Mal mit Bocerus geredet hatte. Er sagte: „Grämt euch nicht! Doktor Lauritzen ist hartherzig und wird seine gerechte Strafe dafür wohl noch bekommen. Was zählt, ist, das Mara nun geheilt ist!“

Bocerus nickte und gab dem Diener zum Abschied die Hand. Dann verließ er mit Mara das Schloss und sie kehrten gemeinsam heim...

 

V

Als der Bauer zusammen mit seiner Tochter wieder zu Hause war, wurde ihm erst das ganze Ausmaß seines Elends klar. Haus und Hof sowie Herde und Obstplantage gehörten von nun an Doktor Lauritzen, und er und seine Familie standen auf der Straße. Ihr einziges Quartier war ein alter Stall, in welchem sie ein freundlicher Bauer übernachten ließ. Um zu essen und zu trinken mussten sie nun alle in den benachbarten Dörfern betteln gehen. Bocerus war ob dieser schlimmen Entwicklung sehr traurig. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen, und die Zeit verging. –

Kurz vor Heiligabend, als Bocerus gerade von einer Betteltour zu seinen Lieben in den Stall zurückgekehrt war, legte er sich hungrig auf sein Lager aus Stroh und schlief sofort ein. Da aber hatte er wieder einen bemerkenswerten Traum. Er träumte noch einmal, er knie in der Dorfkirche vor dem Kreuz. Wieder sprach dieselbe Männerstimme zu ihm, wie beim ersten Mal. Sie sagte: „Bauer Bocerus! Nimm einen weißen Zettel, schreibe darauf deinen Namen, und verbrenne ihn dann in der Flamme der Altarkerze!“

Bocerus tat, was die Stimme gefordert hatte. Kaum aber war der Zettel verbrannt, da erwachte er aus seinem Traum. –

Einen Tag später, als Bocerus gerade wieder zum Stall zurückgekehrt war, klopfte jemand an das Tor. Er öffnete, und draußen stand ein Mann, der von oben bis unten weiß gekleidet war, golden schimmernde Haare hatte und von einem sonderbaren hellen Licht umgeben war. Er war ein Bote und brachte dem Bauern einen Brief, auf dessen Umschlag kein Absender verzeichnet war. Kaum aber hatte Bocerus den Brief entgegengenommen, da löste sich der Bote vor seinen Augen in Luft auf.

„Das muss ein Engel des Herrn gewesen sein!“, dachte Bocerus bei sich.

Dann aber öffnete er den Umschlag. Innen aber befand sich der Zettel mit seinem Namen, den er in seinem Traum verbrannt hatte. Auf dem Zettel stand nun von fremder Hand geschrieben das Folgende:

 

„Lieber Bauer Bocerus,

nimm einige Halme von dem Stroh, auf welchem deine Tochter Mara schläft, und mache daraus einen Strohstern! Diesen Stern hänge an Doktor Lauritzens Weihnachtsbaum!“

 

Kaum hatte Bocerus dies gelesen, da verschwand die fremde Schrift von seinem Zettel, und dort war nun nur noch sein Name zu lesen.

Er bastelte eilig vom Stroh von Maras Nachtlager einen Weihnachtsstern und zog damit noch am selben Abend – es war der Vorabend des Heiligen Abends – zu Doktor Lauritzens Schloss. Als er klopfte, öffnete ihm wieder der Diener des Doktors. Er erklärte sich sofort bereit, den Stern an den Christbaum seines Herrn zu hängen.

„Danke!“, sagte Bocerus, verabschiedete sich von Lauritzens Diener und kehrte zu seinem Stall zurück...

 

VI

Am Weihnachtsabend betrat Doktor Lauritzen sein prunkvolles Wohnzimmer, um dort allein das Fest zu feiern. Er ließ sich von seinem Diener den Gänsebraten auftischen und trank dazu einen guten Wein. Dabei erfreute er sich an seinem prächtigen Baum.

Als er aber gerade sein Essen verzehrt hatte, verdunkelte sich der Raum wie von Geisterhand, und alle Lichter, auch die am Baum, erloschen. Plötzlich ertönte aus dem Nichts schwere Orgelmusik, und das Feuer im Kamin loderte wieder auf. An der Stelle des Weihnachtsbaumes aber stand nun ein riesiges Kreuz, an welchem Christus hing, der noch lebte und aus seinen Wunden blutete. Er sprach zu Lauritzen mit derselben Stimme, die Bocerus in seinen Träumen gehört hatte. Er sagte: „Du, Doktor Lauritzen, hast auf schändliche Weise dein Glück gemacht, indem du das Tränentuch der Heiligen Elisabeth aus der Kapelle gestohlen hast! Anstatt nun deine Patienten billig damit zu heilen, hast du sie alle um ihr ganzes Hab und Gut gebracht, nur um dich selber zu bereichern! Deshalb sollst du nun selbst an der Krankheit erkranken, die die Tochter des Bauern Bocerus gehabt hat. Das Taschentuch der Elisabeth wird dir aber nicht helfen, wieder gesund zu werden. Nur wenn dir Bauer Bocerus verzeiht, sollst du geheilt werden.“

Mit diesen Worten entschwand der Gekreuzigte den Augen des Arztes samt dem Kreuz, an das er genagelt war...

 

VII

Wenige Tage später erkrankte Doktor Lauritzen schwer an der unheilbaren Krankheit, die auch die Tochter des Bocerus gehabt hatte. Er nahm das Tuch der Heiligen Elisabeth in die Hand, aber es half ihm nicht, wie es ihm der Gekreuzigte prophezeit hatte. So ließ sich der Arzt von seinem Diener zum Bauern Bocerus fahren, um dessen Verzeihung zu erbitten.

„Ich werde Euch nur dann Euer Tun verzeihen, wenn Ihr allen Patienten, an denen Ihr Euch bereichert habet, ihr Hab und Gut zurückerstattet!“, sagte Bocerus, als er von Lauritzens Begehr erfuhr.

Schweren Herzens unterschrieb der Arzt daraufhin eine Erklärung, mit der er sich verpflichtete, all seinen ehemaligen Patienten ihre Habe wiederzugeben. Da verzieh ihm Bocerus seine Schandtaten, und er wurde auf der Stelle wieder gesund. Die ehemaligen Patienten von Lauritzen, die nun ihre Güter wiederbekamen, legten zusammen und übereigneten dem Doktor so viel Geld, dass er künftig gut davon leben konnte. –

Beschämt zog er sich daraufhin in eine andere Gegend zurück und wurde nie wieder in seinem Beruf tätig. Das Tränentuch der Heiligen Elisabeth aber gab er dem Pfarrer der Kapelle auf dem Berg Omus zurück, wo man es bis heute bewundern kann.

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Erstellt: 30.11.2009, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58