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Höllenzirkus von Poul Anderson

Dominic Flandry Bd. 2

Rezension von Christian Endres

 

Die Neuauflage des SF-Klassikers Dominic Flandry aus der Feder von Altmeister Poul Anderson geht mit »Höllenzirkus« in die zweite Runde. Dieses Mal verschlägt es Flandry – mittlerweile Leutnant und auf einem eher langweiligen Planeten und dort zu allem Übel auch noch zu einer mindestens genauso langweiligen Nachrichteneinheit versetzt –dank zwielichtig-gieriger Ambitionen seinerseits auf den kleinen, unscheinbaren Mond Wieland, wo Flandry für den nicht weniger zwielichtigen oder gierigen Ammon auskundschaften soll, ob die Ressourcen dieses Mondes tatsächlich so wertvoll sind, wie Ammon nach Studium alter Logbücher und Dokumente annimmt. Doch man treibt ein falsches Spiel mit Dom, der es mit seiner schönen, aber ebenfalls höllisch gierigen Begleiterin sowie den eisigen Temperaturen auf Wieland eigentlich schon schwer genug hat. Und dann sind da ja auch noch die Roboter, die auf dem ei(n)s(t)igen Kolonial-Mond ihr Unwesen treiben und einen Besuch auf Wieland schnell zu einem wenig erholsamen Besuch in einem mörderisch gefährlichen Höllenzirkus verkommen lassen – von den Mersesianern, die am Rande des Systems lauern und ebenso wie die Erdenstreitkräfte ständig expandieren wollen, ganz zu schweigen ...

 

Poul Anderson hatte augenmerklich große Freude daran, die Abenteuer von Dominic Flandry niederzuschreiben – das merkt man der Lektüre trotz ihres Alters auch heute noch an. Allerdings hat er es hie und da mit dem inneren Monolog seines (nach früheren Maßstäben wohl ziemlich kecken) Helden ein wenig übertrieben. Wenn Dominic nämlich eine halbe Seite lang im Streitgespräch mit sich selbst ausfechtet, ob er denn nun den korrupten Auftrag annehmen und seiner Gier nachgeben soll, oder gar wie ein ‚echter Mann von Welt’ über die Vorteile seiner weiblichen Begleitung philosophiert, dann ist das doch ein bisschen störend und bestenfalls noch ein charmanter Tribut an die Science-Fiction-Literatur der 70er Jahre, den man heute am sinnigsten mit einem Augenzwinkern und einem Schmunzeln verschmerzt und einfach hinnimmt.

 

Überhaupt schwebt spätestens ab dem hier vorliegenden zweiten Band der Reihe der allgegenwärtige Geist von damaligen Heldengrößen wie Flash Gordon oder Buck Rogers über Flandrys Haupt, wenngleich Anderson sich zumindest insofern um Eigenständigkeit seines Weltraumabenteurers bemühte, als dass er diesem mit großem, manchmal dadurch aber eben auch gestelzt wirkendem Wissen über (Astro-)Physik und dergleichen ausstattete. Nicht zuletzt deshalb meistens unantastbar und immer mit der richtigen Lösung für ein Problem ausgestattet, haben wir somit aber schon die nächste Parallele zwischen Dominic Flandry und Flash Gordon & Konsorten ...

 

Fremde Welten und Kulturen indes schildert Anderson mehr als nur vorbildlich und in ihrem Art- und Abwechslungsreichtum vollkommen zeitlos, wobei ihm in erster Linie sein präziser, dennoch aber ansprechender und anschaulicher Schreibstil zu Gute kommt. In der eisigen, verschneiten und höchstens mal während der Schattenstunden etwas nebeligen Hölle von Wieland gibt es jedoch vorerst nicht viel in Sachen Fauna und Flora zu beschreiben, sodass es in der ersten Hälfte des Buches – anders als bei seinem Vorgänger – vornehmlich bei der Beschreibung kleiner wie großer, aggressiver wie stupid-friedlicher Roboter in allen Farben, Formen und Größen bleibt, anhand derer (und anhand deren Bekämpfung durch Flandry ...) Anderson sich kreativ austoben konnte. Von einem großen, immens cleveren Zentralrechner, der gegen Wielands eisige, schneebedeckte Ödnis sein ganz persönliches Schachspiel entworfen hat, ganz zu schweigen ...

 

Doch Poul Anderson wäre nicht Poul Anderson, wenn er es darauf hätte beruhen lassen. Denn plötzlich nimmt er die uns bereits aus dem ersten Band bekannten Merseianer – immerhin die politischen Erzfeinde der Erde und mit dieser im ewigen Wettkampf um die besten Plätze im All – mit an Bord und macht aus Flandrys egoistischer kleiner Queste eine (nicht nur strategisch) bedeutungsvolle Mission für Terra. Zudem fährt er noch ein paar fremde, exotische Rassen und Kulturen auf und gibt dem Band, der zunächst einen überschaubaren Kreis an Figuren gehabt hat, in der zweiten Hälfte damit noch einmal eine völlig andere Note und gliedert ihn darüber hinaus perfekt in den Kontext des ersten Teils der Reihe um den heorischen Spion im Dienst der Erde ein.

 

Und das alles auf weniger als 300 Seiten – nach heutigen Maßstäben ist das schon fast utopisch-minimalistischer Wahnsinn.

 

Besagte knapp 300 Seiten sind wieder in das Reihen-Design verpackt worden, das wir schon von »Im Dienst der Erde« kennen. Jenes wiederum, mit seinem fotorealistischen Cover, mag man oder mag man nicht – dazwischen gibt es nicht viel. Wahrscheinlich hätte Anderson diese wissenschaftliche, an die Informatik angelehnte Polarisation zwischen eins und null sogar gefallen. Das Druckbild ist stellenweise leider ein bisschen ungleichmäßig geraten – mal eher blassgrau, dann auf der nächsten Seite wieder über die Maße sattschwarz und sogar ein bisschen patzig. Ansonsten gibt es die übliche Bastei-Qualität, wozu auch ein mit Drucklack und matten Aussparungen veredeltes Cover gehört, das dem Taschenbüchlein richtig gut zu Gesicht steht und das Auge trotz des fragwürdigen Titelbildes erfreut. Auch das einheitliche Rücken-Design der ersten beiden Bände der Neuauflage weiß durchaus zu gefallen und wird am Ende, wenn die Neuveröffentlichung komplett vorliegt, im Regal bestimmt gut aussehen – nicht zuletzt dank der netten Spielerei mit der jeweiligen Band-Ziffer (1, 2 ...) im »o« von »Dominic Flandy«.

 

Fazit: Eine Steigerung zum ersten Band und ein in der Summe recht gelungener Mix aus innovativen Ideen und klassischen SF-Komponenten – damit können vor allem Science-Fiction-Fans mit nostalgischen Allüren und einem Feeling für eher kurzweilige Unterhaltung sehr gut leben. Doch auch für alle anderen SF-Leser ist der zweite Band – den man übrigens auch ohne Vorkenntnisse des ersten Teils noch ziemlich gut lesen kann, wenngleich es anders natürlich ein bisschen mehr Spaß macht – der Neuauflage von Poul Andersons Dominic Flandry-Serie durchaus einen Blick wert.

 

Man muss ein bisschen Staub vom »Höllenzirkus« wegpusten, keine Frage – darunter wartet aber ein angenehm nostalgisches, ja vielleicht sogar klassisches Lesevergnügen aus den zwar unschuldigen, jedoch keinesfalls uninteressanten Anfangstagen der Military Science Fiction.

 

War ich mir nach Band eins der Neuauflage aus dem Hause Bastei Luebbe auch noch nicht ganz sicher – mittlerweile bin ich vollkommen von dieser neu übersetzten und erstmals vollständigen Edition überzeugt und freue mich auf die nächsten Bände.

 

Eure Meinung:


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Höllenzirkus

Reihe: Dominic Flandry Bd. 2

Autor: Poul Anderson

Taschenbuch - 270 Seiten

Bastei Luebbe

Erscheinungsdatum: November 2006

ISBN: 3404243544

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 14.12.2006, zuletzt aktualisiert: 21.08.2019 20:32