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Drachenflug

Autor: Waldläufer

 

Der kalte Wind stürmte den schmalen Gang entlang. Vorbei an glatten, feuchten Wänden. Von einzelnen Stellen tropfte Wasser herab und sammelte sich langsam zu schimmernden Pfützen am Boden. Der Wind zog weiter. Schon seit Ewigkeiten war nur er es gewesen, der diesem Weg folgte und auch nur er fand ihn wieder zurück. Es ging aufwärts. Immer höher hinauf. Schmale Treppen schwebte er pfeifend entlang.

Sein Wesen wand sich zwischen manchen Stellen hin und her und durchdrang mit aller Kraft jeden noch so kleinen Winkel. Immer höher hinauf. Plötzlich wehte er zwischen einer Felsspalte hindurch, in einen gewaltigen, dämmernden Raum. Etwas entsandte seine leuchtende Energie. Da war ein grosses Tor zu sehen. Dunkles, schimmerndes Holz war in die steinige Wand hineingelassen. Er näherte sich dem Tor und das Licht wurde immer heller. Auf ihm war ein Abbild eines der mächtigsten, doch auch seltensten Geschöpfe dieser Welt zu sehen: ein roter Drache. Dieser schien zu fliegen, seine Schwingen den Wind dirigieren zu lassen, sich mit dem Element auf ewig zu vereinen. Für einen Moment hielt er inne. Eine

Sache zog ihn an sich. Etwas, was all die Jahre, die er schon diesen Weg beschritt, noch unentdeckt von ihm gewesen blieb. Es waren die Augen dieses phantastischen Wesens. Leuchtend rot funkelten sie, als wollten sie eine Geschichte erzählen. Das Bild kam näher. Seine Neugierde überwältigte ihn. Plötzlich wurde er in einen magischen Bann gezogen und sah Dinge, die noch nie jemand vor ihm gesehen hatte.

Weisse Wolken schwebten, gar sausten, vom kühlen Wind getrieben, an seinem gewaltigen Körper vorbei. Um ihn herum erstrahlte der blaue Himmel. Die goldenen Strahlen der Sonne senkten sich auf den schuppigen Panzer herab und seine Schwingen unterwarfen die rauschenden Winde. So wie sie es schon seit Ewigkeiten taten. Er flog in eine Wolke hinein und ein Schleier verhüllte seine Augen. Nur für einen Moment. Langsam wurde die Umgebung sichtbar. Ein kleiner Wald lag unter ihm und schnell flog er über diesen hinweg, während die Gegend von seinen feurigen Blicken gemustert wurde. Bäume von gewaltiger Höhe wuchsen und entfalteten sich hier. Riesen, die schon fast so alt waren wir er. Das wärmende, goldene Licht der Sonne lies den letzten Tau auf ihren grünen Blättern aufblitzen und verlieh dem Wald eine zauberhafte Atmosphäre. Zwischen all diesen Zeugen der Vergangenheit wandelten auch vielerlei Tiere umher. Im Flug erspähte er aus dem Augenwinkel ein kleines Reh. Flink tänzelte es sich zwischen dem Gestrüpp und dicken Baumstämmen umher; wahrscheinlich auf der Suche nach Nahrung. So wie er.

Ein Gefühl des Hungers stieg in ihm empor. Alle Bewohner des Waldes hielten ihren Atem an, als etwas brachiales über die raschelnden Baumkronen hinweg fegte. Er war nicht an ihnen interessiert - sein Flug ging weiter. Ein langer Fluss lag direkt unter ihm, als sich der Wald zu einer kargen Berglandschaft gewandelt hatte. Gewaltig die Klüfte, die sich zwischen den glänzenden, schneebedeckten Bergen

auftaten. Allerlei Geröll donnerte die steilen Hänge hinab und fiel platschend in den Strom. Das eiskalte Wasser erstrahlte silbern und an vielen Stellen schäumte es wild auf. Ein Schwarm bunter Fische versuchte den Lauf hinauf zu wandern, um für Nachkommen zu sorgen. Auch an ihnen war er nicht interessiert. Sein Flug folgte dem Strom mit immer grösserer Geschwindigkeit. Plötzlich schoss er über

einen Wasserfall hinweg, an dem die Berglandschaft ihr Ende gefunden hatte. Mit kräftigen Flügelschlägen durchdrang er den Wasserdampf. Eine weite Grasfläche lag direkt vor ihm und langsam liess er sich auf einen kleinen Hügel hinabgleiten. Seine weissen, messerscharfen Klauen stiessen sich in das saftige Gras und gruben die braune Erde um, die sich hilflos wehrte. Seine Schwingen lagen an seinem Körper an. Er genoss den Ausblick, der sich ihm bot. Ein endloses Feld befand sich in östlicher Richtung. Auf ihm wuchsen die verschiedensten Pflanzen, die alle in einem bunten Farbenspiel wirkten, als die Sonne sie erleuchtete. Dorthin schweifte sein Blick und vor seinem geistigen Auge spielten sich Erinnerungen längst vergangener Zeiten ab. Tausende waren es gewesen, die hier aufmarschierten, um ihn mit ihren Waffen, von legendären Schmieden geschaffen, zu töten. Sie kamen alleine oder gar in Gruppen – Wesen verschiedenster Arten versuchten es. Hier stellte er sich ihnen. Es war für ihn immer wieder ein Genuss

ihrem Vorhaben ein Ende zu setzen. Drachentöter gab es viele, doch ebenso gross war die Anzahl der Gefallenen. Es waren nach Hilfe flehende und von Schmerz verzerrte Gesichter, als ein feuriger Schweif ihre Körper umschloss und sie samt ihren Rüstungen verglühte. Welch modriger Geruch daraufhin in der Luft lag. Das war Teil der Vergangenheit. Heute lagen auf dem Feld einzig und allein die verwesten Gerippe. Tief begraben und von einem bunten Blumenmeer bedeckt, das jede Schlacht vergessen liess. Von dieser Welt geschieden und Teil so mancher, phantastischer Erzählungen waren diejenigen, die einst die Hoffnung in sich trugen, einen Drachen zu töten. Ein leichter, kühler Wind kam auf und voller Genuss streckte er seine Schwingen nach ihm aus. Seine schuppige Haut funkelte von der Sonne erhellt wie ein roter Rubin. Eine innere Kraft sammelte sich und mit einem Mal befand er sich wieder in den Lüften. Von seinem Unterworfenen - dem Wind - getragen. Noch war das Hungergefühl in ihm nicht befriedigt. Wald und Wiesen liess er hinter sich und flog direkt hinaus auf die stürmische See. In eine dunkle Gewitterfront eingetaucht, senkten sich zuckende Blitze an seinem Körper hinab – ohne ihn zu berühren. Es war eigenartig. Kein Wind war zu spüren und auch kein Regen fiel. Seltsame Gesänge taten sich auf und drangen an das Ohr des Drachen. Sie waren sehr stürmisch, aber beruhigend für seine Gedanken. Das

Gewitter war schnell verschwunden. Es war eine einfache, magische Barriere. Nun erblickte er einen gewaltigen, alleinstehenden Berg, dessen Spitze von grauem, dichtem Nebel umhüllt war. Auf ihm zeigte sich ein kleines Plateau. Um ihn herum befand sich nichts als blaues Wasser, das mit hohen Wellen und aller Gewalt gegen die Wände stürzte. Es war braunes Gestein, das dem Berg eine aussergewöhnliche Farbe gab. Durchzogen von unendlich vielen Furchen, die von der Macht des Windes und des Wassers geschaffen wurden. Mit Leichtigkeit durchdrang er den grauen Schleier und landete behutsam auf der kleinen Ebene. Es waren unzählige, bunte Mosaike, die sich auf dem Boden befanden und ebenso endlose Geschichten erzählten. Nur er verstand sie. Eine riesige Öffnung befand sich vor direkt vor ihm und führte mitten in sein Reich. Zwischen dunklen, glatten Felsen schmiegte er sich hindurch und langsam trat er in einen breiten Gang, der mit hunderten, brennenden Fackeln gesäumt war. Ein roter Teppich war auf

dem kalten Boden ausgebreitet und über ihn bewegten sich seine Klauen hinweg - die Müdigkeit sass auf seinen Augenliedern. Den Weg folgend betrat er einen gewaltigen Thronsaal. Die Fackeln waren mit einem Mal erloschen. Es dämmerte leicht. Ein weiterer Zugang war zu erkennen: es war ein imposantes, dunkles Tor, das einen Spalt offen stand. Es führte zum Fusse des Berges, wo der Wind sich

allmorgendlich seinen Weg nach oben bahnte. Unzählige Schätze erwarteten den Drachen. Reichtümer, die er sein eigen nannte, da die einstigen Besitzer verstorben waren. Es waren die Waffen und Kostbarkeiten der Gescheiterten. Ein unglaublich befriedigendes Gefühl überkam ihn, als er sich seinen Weg durch diese Fülle bahnte, die überall in grossen Haufen verteilt lag. Inmitten des dämmernden

Raumes fand sich eine besonders auffällige Ansammlung an Edelsteinen und Goldstücken. Diese bestieg er langsam. Es war sein Thron und Schlafplatz zugleich. Der mächtige, rote Körper wand sich zusammen und langsam schloss der Drache die feurigen Augen. Längst vergangene, kriegerische Zeiten erfüllten

seine Träume. Sein Hunger war gestillt.

 

Fasziniert betrachtete er das Abbild des Drachen. Das Tor stand einen Spalt offen und durch diesen drängte er mit aller Gewalt. Ein lauter Pfeifton war zu hören. Er bewegte sich durch einen Raum voller Schätze auf ein altes Wesen zu, welches fest im Schlaf versunken war. Alles wurde mit seinem Betreten leicht erhellt - die Sonne war zu diesem Zeitpunkt über den Horizont gestiegen. Reichlich Fackeln waren mit einem Mal entzündet. Ebenso erleuchteten und blitzten die vielfältigen Schätze des träumenden Drachen auf. Es war das Zeichen. Sein Lauf zum Schlafenden war schnell, doch hielt er fasziniert für einen Moment inne. Welch wunderbares, wie auch altes Geschöpf sich vor ihm befand. Die Schuppenhaut wurde durch die Strahlen der Sonne in ein einzigartiges, rotes Glitzern versetzt. Es war im Einklang mit dem Funkeln der Reichtümer, die sich um in herum befanden. Er kam näher. Plötzlich rauschte er mit aller Gewalt über den Drachen hinweg und brachte Kühle und morgendliche Frische mit sich.

 

Ein hungriger Drache war erwacht.

 

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Erstellt: 28.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58