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Drachenfraß

Autor: Takina

 

Sorgfältig wischte Hektor einen Apfel am Zipfel seines Wappenrockes ab und

betrachtete ihn kritisch. Nach eingehender Prüfung biß er ein großes Stück

ab, verschluckte sich, hustete eine Weile und räusperte sich. "Wissen wir eigentlich, ob sie auch wirklich eine Jungfrau ist ?", fragte er seinen Kameraden und deutete mit dem Kopf hinunter in die Senke. An einen Pfahl gebunden stand dort unten ein zierliches Fräulein von vielleicht 18 Jahren und strampelte mit aller Kraft, um sich von den Fesseln zu lösen. Zu schreien war sie nicht in der Lage, da die beiden Stadtwachen ihr einen Knebel in den Mund gesteckt hatten. Das war eine der Bedingungen des Drachen gewesen.

 

Eigentlich war sie viel zu schade, diesem fiesen Drachen als Mittagessen zu

dienen. Ihr Haar war wie Gold, ihre Haut wie Schnee und ihre Lippen...

Es gab doch noch genug häßliche Jungfrauen in der Stadt. Doch über das Opfer entschied nun mal schon seit Jahren das Los. Jede Woche mußte dem Drachen eine Jungfrau zum Opfer gebracht werden, sonst würde er die Stadt in Schutt und Asche legen.

 

"Ja, ich habe es überprüft.", antwortete Simon und lief rot an.

Hektor grinste breit. "Du Glückspilz. Immer bekommst du die schönen

Aufgaben." Augenblicklich wurde Simon noch ein gutes Stück roter. Dieser Gesprächsstoff war ihm sichtlich unangenehm. "Warum tun wir das eigentlich?", fragte er schließlich, um vom Thema abzulenken. "Was ?", fragte Hektor und machte dabei ein ziemlich dummes Gesicht. "Na, dieses Jungfrauen opfern ständig. Warum gehen wir nicht einfach hin und erschlagen den Drachen ?" Hektor lachte laut auf. "Wie alt warst du damals, als der Drache hier aufgetaucht ist ?" "Vier.", antwortete Simon nach kurzem Überlegen. "Dann kannst du dich wohl nicht mehr daran erinnern. Damals, kurz nachdem der Drache seine Forderungen gestellt hatte, schickte man Kämpfer, um ihn zu erschlagen. Die gesamte Stadtwache, etwa zwanzig Söldner und nochmal so viele Freiwillige waren ausgezogen. Zurück kam nicht ein einziger." "Oh...", sagte Simon und schwieg für eine Weile, bis plötzlich ein leises, dumpfes Geräusch erklang. In einem bedrohlichen Rhythmus kam es näher und näher.

 

"Ist er das ?", fragte der jüngere Simon seinen erfahrenen Kameraden.

Hektor duckte sich hinter einen Busch und nickte. Sein Gesicht war fahl

geworden und seine Knie schlotterten ein wenig. Simon wußte zwar nicht genau warum, denn eigentlich sollten sie vom Drachen nichts zu befürchten haben. Schließlich waren sie nur hier, um sicherzustellen, daß er auch wirklich sein Jungfrauenopfer bekam. Doch auch er duckte sich hinter den Busch und spähte vorsichtig darüber hinweg. Es dauerte noch eine ganze Weile bis die Bestie endlich auftauchte. Doch als sie endlich erschien, raubte ihr Anblick Simon den Atem. Der Drache war größer als der junge Soldat erwartet hatte. Von Kopf bis zur Schwanzspitze maß er etwa 100 Ellen. Der mit drei Hörnern bewehrte Kopf war groß genug, um einen Mann mit einem Bissen zu verschlingen. Die roten Schuppen, die seinen Körper bedeckten, jede so groß, daß man sich einen Schild daraus hätte fertigen können, schimmerten in der Sonne, als wären sie feucht. Die Jungfer

zerrte immer verzweifelter an ihren Fesseln und trotz des Knebels waren ihre Schreie bis hinauf zu den beiden Soldaten zu hören.

 

Immer näher kam die Bestie seinem Opfer, daß irgendwann einfach das

Bewußtsein verlor. Der Drache schenkte dem keine Beachtung. Er ging einfach

auf sie zu und biß ihr ohne Umschweife den Kopf ab. Als er sich anschließend ausführlich und genüßlich den Eingeweiden der jungen Frau widmete, mußte Simon sich abwenden. Er konnte fühlen, wie die Magensäfte in ihm aufstiegen.

 

Er fühlte sich miserabel. Das war der schrecklichste Anblick seines Lebens

gewesen. Während Simon noch mit seinem Frühstück rang, bemerkte sein älterer Kamerad etwas ungewöhnliches. Der Drache begann plötzlich zu husten. Hatte er sich verschluckt oder steckte ihm eine Rippe im Hals fest? Hektor grübelte noch darüber nach, was das zu bedeuten hatte, als plötzlich

Simon und der Drache simultan damit begannen sich zu übergeben. Weder der

Anblick, noch die Geräusche waren sehr appetitlich. Angeekelt wandte Hektor

sich von beiden ab und wartete, bis sie ihr widerliches Geschäft erledigt

hatten.

 

"Ihr Götter...", stöhnte Simon als sich mit grünem Gesicht und nach Luft

schnappend wieder aufrichtete. "Das ist schrecklich. Ich..." Der ältere Soldat brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Hektor stand jetzt aufrecht da und starrte mit ungläubigem Blick in die Senke herab. Winselnd wand sich der gigantische Drache am Boden. Sein Schwanz schlug wild herum und knickte dabei mannsdicke Bäume wie Grashalme. Doch langsam wurden die Schläge schwächer und auch das Winseln und Heulen wurde schwächer. Einige unverständliche Worte, die entfernt an sehr unziemliche Beschimpfungen erinnerten, drangen aus seiner Kehle und plötzlich, mit einem tiefen Schnaufen entwich das letzte Bißchen Leben aus dem schuppigen Körper. "Was zum... ?", stieß Simon aus, als er sah, was geschehen war. Doch Hektor

hörte ihn schon nicht mehr. Er hatte sich bereits an den Abstieg, hinunter

in die Senke gemacht.

 

"Was tust du da ?", fragte Simon, als er ebenfalls endlich am Kadaver des

Drachen angekommen war. "Wonach sieht es denn aus ?", erwiderte Hektor die Frage und zog sein Schwert wieder aus der Brust des Drachen. Dann ging er ein Stück weiter hinauf in Richtung Kopf und durchbohrte der toten Bestie die Kehle. "Ich mache uns beide zu Helden." Verständnislos blickte Simon seinen Kameraden an und sah zu, wie er die Klinge seines Schwertes mehrmals in der Wunde herumdrehte und schließlich wieder herauszog. Da ging ihm plötzlich ein Licht auf. Seine Augen weiteten sich und ungläubig fragte er den anderen Soldaten: "Du willst wirklich erzählen, wir hätten den Drachen erschlagen ?"

 

"Wer soll uns denn das Gegenteil beweisen ? Es weiß doch keiner, wie er

gestorben ist. Nicht mal wir wissen das." Hektor lachte. "Vielleicht hat er

sich ja...", plötzlich verstummte der Soldat. Als hätte ihn gerade eine

Erkenntnis erschlagen starrte er seinen jungen Kameraden an. "Wie hast du es überprüft ?" "Was ?" "Wie hast du überprüft ob sie noch eine Jungfrau war ? Du hast doch nicht etwa... ?" Sofort wechselte Simons Gesichtsfarbe wieder von einem blassen Grün zu einem kontrastierenden, knalligen Rot. Hektor sah ihn noch einen Augenblick verdutzt an. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.

"Was... ?", fragte Simon. Er hatte nicht die geringste Ahnung, warum Hektor

lachte. Was war denn daran so witzig. "Weißt du überhaupt, was du getan hast ?", brüllte Hektor fast vor Lachen und schnappte nach Luft. "Du hast nicht nur gegen die Dienstvorschriften verstoßen... du hast auch noch nebenbei den Drachen getötet."

 

Der junge Simon sah ihn auch weiterhin an, als hätte er einem Wahnsinnigen

vor sich. Doch Hektor fuhr fort, ohne ihn zu beachten. "Du hast das Mädchen entjungfert und der Drache hat sich daran eine Lebensmittelvergiftung zugezogen. Deshalb hat er ausdrücklich nach Jungfrauen verlangt. Du bist ein Drachentöter."

 

Langsam schlich sich das Verständnis dessen, was sein Kamerad gerade gesagt

hatte auch in Simons Bewußtsein. Er war sich nicht sicher, ob er darauf

jetzt stolz sein sollte. Doch in einem war er sich sicher. Nämlich darin,

daß er nicht wollte, daß jemand davon erfuhr. Langsam zog er sein Schwert

"Ich glaube, wir bleiben lieber bei der Geschichte mit dem Erschlagen.",

rief der junge Soldat um Hektors Lachen zu übertönen und rammte sein Schwert ebenfalls in den reglosen Leib des Drachen, während sie der andere Soldat vor Vergnügen am Boden wälzte.

 

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Erstellt: 24.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58