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Dracula - Die Wiederkehr von Dacre Stoker und Ian Holt

Rezension von Ingo Gatzer

 

Rezension:

Dracula. Schon der Name des von Bram Stokers 1897 veröffentlichen Romans und seiner Hauptfigur sorgen bei den meisten Horrorfans für wohlige Schauer. Nach unzähligen mehr oder (meist) weniger geglückten Umsetzungen des Stoffs in den verschiedensten Medien hat sich nun mit "Dracula - Die Wiederkehr" ein Autorenduo an einer Fortsetzung des wohl berühmtesten Vampirromans aller Zeiten versucht. Der Kanadier Dacre Stoker ist ein waschechter Urgroßneffe des großen Bram Stoker. Als Co-Autor konnte er den Stoker-Forscher und Drehbuchautor Ian Holt gewinnen, der bereits seit frühester Kindheit von Dracula fasziniert ist.

 

Schon das Äußere des Buches ist äußerst ansprechend und stilvoll gestaltet. Der Umschlag vermittelt den Charakter von altem Pergament und ist mit mehreren Blutstropfen illustriert. Dazu passt der verwendete Schrifttyp, der archaisch-kantig wirkt und an gemeißelte Inschriften erinnert, wie sie etwa auf alten Grabsteinen zu finden sind. Der schwarze Einband, auf dem mit roter Schrift Titel, Verfasser und Verlag, sowie ein weiterer Blutstropfen gedruckt sind, komplettiert zusammen mit dem schwarzen Lesebändchen das stimmige Bild.

 

Ein Vierteljahrhundert nachdem die selbst ernannten Streiter des Lichtes - Abraham van Helsing, Arthur Holmwood, John Seward, Quincey Morris sowie Jonathan und Mina Harker - den Vampir Dracula zur Strecke gebracht haben, ereignen sich wieder furchtbare Morde. Während der Polizist Cotford die Wiederkehr von Jack dem Schlitzer vermutet und den Täter im Kreis der Streiter des Lichtes sucht, glauben andere, das es sich bei dem Täter um einen Vampir handelt. Ist Dracula wirklich tot oder hat er seine Verfolger damals zum Narren gehalten? Die ehemaligen Kämpfer gegen das Böse sind sichtlich von den vergangenen Ereignissen gezeichnet und haben sich entzweit. Anfangs ist allein der von seiner Drogensucht gezeichnete John Seward bereit, sich der Gefahr zu stellen. Dazu verfolgt er die geheimnisvolle Gräfin Báthory. Sein Verbündeter ist der ebenso begnadete wie mysteriöse Schauspieler Basarab. In dessen Bann gerät schließlich Mina Harkers Sohn, Quincey, der davon überzeugt ist, dass Dracula noch lebt und ihn zur Strecke bringen will. Bald entbrennt eine blutige Jagd.

 

Der Prolog von "Dracula - Die Wiederkehr" besteht in einem an ihren Sohn gerichteten Brief von Mina Harker. Dieser dient einerseits dazu allen Lesern, die den Stoff nicht (mehr so gut) kennen, die wichtigsten Ereignisse von Bram Stokers Werk zu vermitteln und ist andererseits als eine Verbeugung vor Bram Stokers Roman "Dracula" zu interpretieren, der bekanntlich als Tagebuch- und Briefroman angelegt ist. Im Unterschied dazu vermittelt das Autorenduo Stoker/Holt die Handlung durch einen Erzähler in der 3. Person Singular, was sicherlich eine gute Entscheidung darstellt. Zwar geht dadurch die bei Tagebüchern und Briefen herrschende Subjektivität etwas verloren. Viel wichtiger ist aber, dass die von Stoker/Holt verwendete Erzähltechnik eine Unmittelbarkeit erzeugt, die einem Brief- und Tagebuchroman abgeht, weil immer nur in einer zeitlich nachgelagerten Reflexion über etwas berichtet werden kann, was sich bereits ereignet hat. Dadurch und diverse Andeutungen erzeugen die Autoren immer wieder geschickt Spannungsbögen, die ihre Leser ergreifen. Rückblicke sorgen dazu immer wieder für Dynamik.

 

Erheblich differenzierter als beim Vorbild sind die Figuren gezeichnet. Schildert Bram Stoker seine Streiter des Lichtes vornehmlich als Gutmenschen ohne Fehl und Tadel, offenbart die Fortsetzung - sicherlich auch durch die vergangenen Ereignisse bedingt - einige dunkle Seiten der Protagonisten. Die bekannten Personen erfahren eine dynamische Weiterentwicklung, welche in den meisten Fällen, wie etwa bei Jack Seward, durchaus realistisch wirkt. Einzig die Gestaltung der Figur des Abraham van Helsing vermag nicht ganz zu überzeugen. Dafür präsentierten die Autoren mit Inspektor Cotford einen interessanten Protagonisten, den eigentlich schon Bram Stoker in seinen Text einführen wollte. Auch die Ausarbeitung der Nebencharaktere vermag zu gefallen. Beispielshaft sei auf die gottesfürchtige Kate Reed verwiesen, die für die konservative Frau ihrer Zeit steht.

 

Die Handlung wird - fast im Stile eines historischen Romans - in den geschichtlichen Kontext gestellt, wodurch das Geschehen eine größere Glaubwürdigkeit erhält. So lernt der Leser etwa als Nebenfigur den französischen Piloten Henri Salmet kennen, der im März 1912 als Erster von London nach Paris flog. Auch die Gräfin Báthory, die sich zu einer zentralen Protagonistin entwickelt, ist eine historische Person. Sogar Bram Stoker wird zu einer Figur innerhalb des Romans. Indem sie innerfiktional geschickt behaupten, Stoker habe "Dracula" auf Basis einer Geschichte geschrieben, die ihm ein alter Mann in einer Kneipe erzählt habe, können die Autoren sogar einige Veränderungen des Stoffes logisch erklären.

 

Angesichts der Tatsache, dass zwischen Bram Stokers Werk und der Fortsetzung mehr als ein Jahrhundert liegen, darf es kaum überraschen, dass einige Szenen blutiger und grauenhafter als im Originaltext ausgefallen sind. Doch Stoker/Holt setzen diese Momente sowohl wirksam als auch sparsam ein, so dass der Leser nie befürchten muss, sich plötzlich in einer Splatterorgie wieder zu finden. Fans des Stoffes dürfen zudem immer wieder über einige teilweise ironische Anspielungen schmunzeln. Etwa wenn Romanfiguren Namen tragen, die an berühmte Schauspieler (Lee) oder Autoren (Deane) verweisen, die mit dem Draculastoff zu tun hatten. Ähnlich augenzwinkernd ist in Bezug auf Stokers "Dracula" dann auch die Feststellung von Quincey Harker zu verstehen, der gerade einen Brief von seinem Vater erhalten hat: "Verdammt! Dreizehn Seiten! Die Familie Harker war für ihre ellenlangen Briefe berüchtigt."

 

Die von Hannes Riffel besorgte Übersetzung kann bis auf wenige Abstriche gefallen und lässt sich angenehm lesen. Allerdings ist es unnötig aus dem auch im Deutschen feststehenden Terminus "Jack the Ripper" die Übersetzung "Jack der Schlitzer" zu machen. Etwas befremdlich wirkt zudem an wenigen Stellen der Satzbau bei der wörtlichen Rede von Abraham van Helsing. Wäre diese Umstellungen bei seinen Ausführungen immer so gehalten, könnte man an eine Eigenart des Charakters glauben. Das ist aber nicht der Fall. Außerdem wäre es besser gewesen den Romantitel im Deutschen einfach strikt mit "Dracula: Der Un-Tote" zu übersetzen. Hintergrund ist die Tatsache, dass Bram Stoker seinen Roman bereits "Dracula: The Un-dead" nennen wollte, aber wahrscheinlich sein Verleger daraus "Dracula" machte. In eingedenk dessen haben Stoker/Holt ihre Fortsetzung nun "Dracula: The Un-dead" genannt. Aus unerfindlichen Gründen wurde dieser Namensgebung im Deutschen nicht gefolgt.

 

Um die Fortsetzung von "Dracula" mit Jack the Ripper verbinden und mit Quincey Harker gleichzeitig einen erwachsenen Charakter präsentieren zu können, verlegen die Autoren die Handlung von Bram Stokers Originaltext wenig werkgetreu um einige Jahre. Das wird gerade Puristen kaum gefallen, lässt sich aber durch die Art wie Stoker innerfiktional zu dem Stoff kommt - wie auch andere kleinere Abweichungen - logisch erklären.

 

Leider gibt es aber einige - wenn auch wenige - logische Ungereimtheiten, die nicht ganz so einfach wegdiskutiert werden können. Beispielhaft sei hier darauf verwiesen, dass

Cotford die Streiter des Lichtes mit den Taten von Jack the Ripper in Verbindung bringt, nachdem er die Leiche von Lucy Westenraa untersucht hat. Das ist insgesamt aber nicht sehr überzeugend, da sich bei der Leiche von Lucy im Unterschied zu den Rippermorden völlig andersartige Verletzungen zeigen.

 

Für Dracula-Fans gibt es als Dreingabe noch einige schöne Boni am Ende des Buches. Neben einem Nachwort von Elizabeth Miller, eine der bekanntesten Dracula-Forscherinnen, kommen auch die Autoren zu Wort und erklären dabei wo and warum sie Modifikationen des ursprünglichen Stoffes unternommen haben. Zudem gibt es Fotografien von Bram Stoker und seinen Notizen sowie von Vlad Tepes.

 

Allen Fans der Horrorliteratur im Allgemeinen und Draculas im Speziellen kann diese in eine wunderschön gestaltete Ausgabe gekleidete, belebende Bluttransfusion, die eine stimmige Fortsetzung zum bekanntesten Vampirroman aller Zeiten liefert, nur ans Herz gelegt werden!

 

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Roman:

Titel: Dracula - Die Wiederkehr

Originaltitel: Dracula: The Un-dead

Autoren: Dacre Stoker und Ian Holt

Übersetzung: Hannes Riffel

Verlag: Egmont Lyx (Oktober 2009)

Ausgabe: gebunden

Seitenzahl: 592

ISBN-10: 3802582209

ISBN-13: 978-3802582202

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 10.12.2009, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27