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Drive (BR; Thriller; FSK 18)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension

»Ich bin Fahrer«. Mehr kann, darf und muss man eigentlich nicht über den eher schweigsamen Protagonisten aus Drive wissen. Mitunter ist es sogar besser – für die eigene Gesundheit. Denn während sich Driver (Ryan Gosling) tagsüber seine Brötchen als Mechaniker und Stuntfahrer beim Film verdient, verschafft ihm Mentor und Chef Shannon (Bryan Cranston) regelmäßig Jobs als Fluchtwagenfahrer – unter einer Bedingung: dauert besagter Job länger als fünf Minuten, ist Driver raus. Ebenso wenig wie ihm das davor und danach egal sind und er unter keinen Umständen eine Waffe benutzt. Wie gesagt, ist er lediglich der Fahrer, allerdings nicht irgendeiner. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten hinterm Steuer, kombiniert mit einem hellwachen, scharfen Verstand machen ihn zu etwas ganz Besonderem, wie der grandiose Einstieg bemerkenswert beweist.

Aber tief in seinem Inneren sehnt sich Driver nach etwas anderem: Liebe. Geborgenheit. Einer Zukunft. Dinge, welche die zunächst flüchtige Bekanntschaft mit der allein erziehenden Mutter Irene (Carey Mulligan) und später ihrem Söhnchen Benicio (Kaden Leos) in ihm neu entflammen lassen. Zunächst eher unbemerkt, dann immer stärker. Doch mit der Zeit fühlt sich Driver immer mehr zu den beiden hingezogen, erwacht ein Beschützerinstinkt in ihm, der letzten Endes so weit geht, dass er Irenes frisch aus dem Gefängnis entlassenen Ehemann, Standard (Oscar Isaac) seine Dienste als Fluchtwagenfahrer offeriert. Alles, um Irene und Benicio vor jenen brutalen Gesellen zu beschützen, denen Standard eine ziemliche Summe schuldet. Zusammen mit der eher wortkargen Blanche (Christina Hendricks) wird ein Pfandverleih angesteuert – und Standard tödlich angeschossen, während Blanche und Driver eine äußerst knappe Flucht gelingt. Nicht lange, bis Driver herausfindet, dass hier doppeltes Spiel getrieben wurde und er fortan das oberste Zielobjekt der (noch) gesichtslosen Auftraggeber ist. Fest entschlossen, macht sich Driver auf die Suche nach den Hintermännern, die es bereits auf Irene und Benicio abgesehen haben …

 

Man kann bei »Drive« von einem absoluten Glücksfall sprechen, was den Regisseur anbelangt. War dieser Posten ursprünglich vom Briten Neil Marshall (u. a. The Descent – Abgrund des Grauens, 2005) sowie die Hauptrolle vom Australier Hugh Jackman (u. a. X-Men, 2000) besetzt gewesen, drehte sich das Casting-Rad erneut, bis Ryan Gosling der Part des wortkargen Driver zugesprochen wurde. Nicht nur dass, bekam er ferner freie Hand, was den Regisseur betraf. Schlussendlich fiel Goslings Wahl auf den Dänen Nicolas Winding Refn, der aufgrund solcher Arbeiten wie der Pusher-Trilogie (1996-2005) oder zuletzt Walhalla Rising fast schon Kult-Status innehat. Zu Recht, übrigens.

Das cineastische Vokabular des Mannes ist klar, stringent und demzufolge auch mal unangenehm. Statt schneller Schnittfolgen sind lange, aber stets präzise inszenierte Kamerafahrten ein weiteres Markenzeichen, welches – ähnlich den besten Werken Hitchcocks und später M. Night Shyamalans – aufgrund des eher gemächlichen Tempos zu Verbündeten in Sachen Spannungserzeugung werden lässt. Somit dürften Actionjunkies allerspätestens jetzt raus sein. Denn wer bei Drive jede Menge verbeultes Blech und konstante Geschwindigkeitsräusche erwartet, der wird Ernüchterung erfahren. Der Rest hingegen wird mit nichts anderem als einem modernen Meisterwerk belohnt werden; einem intelligenten Thriller, der bewusst mit diversen Retro-Looks liebäugelt, ohne dabei die eigene Seele zu verlieren.

Allerspätestens die in knalligem Pink gehaltenen Namensnennungen im Vorspann und nicht zuletzt der erstklassige Soundtrack machen dies klar. In den 80ern wäre »Drive« sicherlich eine absolute Rakete an den Kinos gewesen, wohingegen der Film heutzutage eher was für die Nischenprodukte der kleinen Programmkinos ist. Leider. Denn sind es weniger die Sehgewohnheiten, die sich in der Zwischenzeit verändert haben, sondern vielmehr jene Vorgaben der großen Filmstudios, die uns indirekt klar machen sollen, was wir zu sehen haben . Dabei ist der Film »cool«, bezieht jedoch seine Coolness weniger aus markigen One-Linern oder spektakulären Multimillionendollar-Zerstörungsorgien. Es ist vor allem der wortkarge Protagonist, der den Film so unglaublich interessant und trotz der mehr als gesunden Härte so menschlich werden lässt. Womöglich zum ersten Mal in seiner Karriere zeigt der Kanadier Ryan Gosling, welches Potenzial wirklich in ihm steckt. Nicht einfach nur ein hübsches Gesicht, ist sein Alter Ego im Prinzip ein Neustart der richtigen, der klassischen Helden; ein in sich gekehrter Einzelgänger, der trotz seiner zumeist nicht legalen Einnahmequellen klare Werte- und Moralvorstellungen hat, und diese auch, falls nötig, unter Einsatz seines Lebens verteidigt. Ebendiese Prämisse stellt den Ausgangspunkt für eine erstaunliche, wenngleich stets vollkommen nachvollziehbare Dualität dar.

So existiert auf der einen Seite eine schüchtern-kindliche Figur, während die andere keine Hemmungen hat, einem Mann mittels Klauenhammer sämtliche Handknochen zu pulverisieren oder einem anderen den Schädel zu Brei zu treten – buchstäblich. Auslöser von beiden ist Drivers Zuneigung zu Irene und Benicio; ein Gefühl, das er höchstwahrscheinlich noch nie bisher hat erfahren dürfen: Liebe. Gerade dieser wichtige Aspekt hätte das ganze Konzept des Films, welcher sich zwar radikal von James Sallis’ nicht minder brillanter Romanvorlage entfernt, trotzdem die gleiche geradlinige Tonart beibehält, unsanft zum Einsturz bringen können. Tut er aber nicht. Weit gefehlt. Nicolas Winding Refn entsagt sich jeglicher Klischees und filtert letztlich die Essenzen von Hingabe und Zuwendung heraus, die sich eben nicht aus akrobatischen Trieben oder ungehemmten Zungenorgien definieren, sondern vielmehr aus verstohlenen Blicken, einem knappen Lächeln, behaglichem Schweigen.

Großes Kompliment an die junge Britin Carey Mulligan, welche einen kongenialen Gegenpart zu Gosling entwirft. So endet die »Beziehung« der beiden demzufolge auch in keinem kitschigen Overkill, sondern in folgerichtiger Konsequenz. Apropos: die gleiche darstellerische Strenge findet sich auch in den, bis aufs i-Tüpfelchen meisterhaft gecasteten Nebendarsteller wieder, deren alleinige Präsenz mitunter schon die dichte Atmosphäre noch intensiver werden lässt. Stellvertretend seien hier der großartige Bryan Cranston (u. a. Breaking Bad) und ein nach allen Regeln der Kunst auftrumpfender Albert Brooks genannt. Beide hätten in der vergangenen Filmsaison durchaus die eine oder andere Nominierung für ihre Rollen verdient gehabt! Und nicht nur die. So ist auch die triumphale Kameraarbeit und Farbgebung von Kameramann Newton Thomas Sigel absolut phänomenal geworden, da sie stets den jeweiligen Charakter der Geschichte grandios zu unterstützen weiß.

Besonders auf der gestochen scharfen Blu Ray wird dies sehr deutlich. So mag »Drive« durchaus nichts für den allgemeinen Massengeschmack sein, doch wer sich darauf einlässt, wird mehr als belohnt werden – wie nach einer langen Nachtfahrt nach Hause: man ist erschöpft, aber glücklich.

 

Fazit:

Nicolas Winding Refns Hollywood-Debüt kann man jetzt schon als Kult bezeichnen. Fernab jeglicher Klischees inszenierte er mit »Drive« eine ebenso emotionale wie bisweilen äußerst brutale Krimi-Ballade, welche gerade wegen ihrer Verweigerung der aktuellen gängigen Geschmäcker frisch und überzeugend daherkommt. Ein klarer Anwärter auf den Film des Jahres 2012!

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Eure Meinung:

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BR:

Drive

USA, 2011

Regisseur: Nicolas Winding Refn

Format: Widescreen

Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Region: Region B/2

Bildseitenformat: 16:9 - 2.35:1

Umfang: 1 BR

FSK: 18

Universum Film, 29. Juni 2012

Spieldauer: 100 Minuten

 

ASIN (Blu Ray): B0073ZZE42

ASIN (DVD): B0073ZZEJW

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Darsteller:

Ryan Gosling

Carey Mulligan

Bryan Cranston

Albert Brooks

Oscar Isaac

Christina Hendricks

Ron Perlman

Kaden Leos

Jeff Wolfe

James Biberi

Russ Tamblyn

Joe Bucaro III

Tiara Parker

Tim Trella

Jim Hart

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Erstellt: 11.07.2012, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 10:23