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Dschiheads von Wolfgang Jeschke

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Auf einem weit abgelegenen Planeten, dessen Klima für eine Besiedlung denkbar ungeeignet ist, leben die Dschiheads, eine rätselhafte Sekte, die einst von der Erde geflohen ist und auf dieser neuen Welt eine bizarre Gesellschaftsform errichtet hat. Jahrzehntelang hat sie niemand in ihrem religiösen Wahn gestört – doch als ein Forschungsteam die Ökologie des Planeten untersuchen will, kommt es zur Katastrophe.

 

Rezension:

Wolfgang Jeschke gehört zu den bedeutendsten Förderern der Science-Fiction in Deutschland und hat sich auch als SF-Autor einen sehr guten Ruf erarbeitet.

Vielleicht ist es seiner angegriffenen Gesundheit geschuldet, dass Dschiheads so weit entfernt von Erwartungen und gewohnter Klasse aufschlägt.

 

In ferner Zukunft hat die Menschheit das All erobert und diverse Kolonien gegründet, manche unfreiwillig. Eine davon dient als letzte Heimat einer fanatischen Sekte, den Dschiheads. Aus nicht genannten Gründen gibt es in der Nähe einen prunkvollen Militärstützpunkt, dessen Kommandant um die wissenschaftliche Untersuchung seltsamer Steinbilder bittet. Als die Expedition eintrifft, ein Universitätspärchen und ein mittels KI und Genetik aufgewerteter Hund, ist der Kommandant jedoch tot und der neue begrüßt sie mehr als unfreundlich.

Schnell stellt sich heraus, dass das dort stationierte Militär mit den religiösen Fanatikern sympathisiert oder sich gar aus Dschiheads rekrutiert und man die Kritzeleien als gotteslästerlich verdammt. Bald kommt es zu einer ernsthaften Auseinandersetzung zwischen den Wissenschaftlern und den Dschiheads …

 

Jeschke versucht, sich auf mehreren Ebenen mit dem Thema Religion auseinanderzusetzen. Er beschreibt, wie die Menschheit mittels Operation am Gehirn vom Glauben befreit wurde, nicht ohne schmerzliche Opfer. Auf dieser Basis hätte er differenziert aufbauen können. Leider simplifiziert er gerade die Dschiheads, an denen er sich eigentlich hätte literarisch abarbeiten können. Doch stattdessen greift er auf ein billiges Klischeegerüst zurück. Den religiösen Anführer macht Jeschke zu einem perversen Monster, der über ein ärmliches Dorf wie ein Diktator herrscht und beliebig Sünder bestraft, Kinder missbraucht und alle Hässlichkeiten der Welt auf sich vereinigt. Seine engsten Diener sind ebenfalls üble Gesellen. Jeschke ist sich nicht einmal zu schade dafür, Homosexualität zur Bebilderung der Lasterhaftigkeit anzuführen.

An dieser Stelle beerdigt er jedes Bemühen, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Offenbar dienen ihm die Dschiheads nur als plakatives Beispiel. Tiefer in die Motive und Gründe von religiösem Fanatismus einzudringen, war offensichtlich nicht geplant.

Der Konflikt zwischen Wissenschaftler und Dörflern beruht auf einigen seltsamen Prämissen. Ausgerechnet in der Nähe der Fanatiker muss die Expedition durchgeführt werden. Ein Experte für Kultur und intelligente Lebensformen stürmt wie ein Trampel in das Heiligste Zentrum dieser Menschen und wundert sich dann über Probleme. Überhaupt fällt es Jeschkes Menschheit sehr spät ein, die Lebewesen des Planeten auf Intelligenz hin zu untersuchen.

Dieser als Konflikt angelegte Handlungsstrang um die Expedition hätte sich vielleicht von diesen haarigen Plotkonstrukten erholen können, wenn man nun endlich spannend über die Erforschung der exotischen Fauna und Flora berichtet hätte. Doch als ob der Autor das Interesse daran verloren hätte, lässt er die Wissenschaftler nach einem mageren Showdown mit dem Sektenanführer vom Planeten fliehen. Selten wurden weniger leidenschaftliche und professionelle Explorer in einem SF-Roman beschrieben. Sein eigentliches Anliegen, über Religion zu schreiben, verliert er ebenfalls aus den Augen. Von einer echten Lösung für das Dschiheads-Dorf ist weit und breit nichts zu lesen.

 

Dass Wolfgang Jeschke ein begnadeter Romancier ist, beweist sich jedoch immer dann, wenn er sich seiner jugendlichen Hauptfigur Suk zuwendet.

Mit Wärme und eindringlichen Szenen lässt er uns zunächst am Leben im Dorf teilhaben. Natürlich ist Suk im Innern bereits gegen seine fanatische Heimat eingestellt. Der einzige Rebell unter all den sklavischen Untertanen Gottes. Unterstützt wird das Aufbegehren durch die Freundschaft zu einem Außenseiter. Als der stumme Anzo vom Sektenchef schwer bestraft wird und danach spurlos verschunden bleibt, macht sich Suk auf, seinen Freund zu suchen. Er findet Unterschlupf auf einem riesigen Floß, dessen Besatzung, wie offenbar auch alle übrigen Bewohner des Planeten, nichts weiter mit den Dschiheads zu tun haben, als ein bisschen Handel zu treiben. Jeschke malt hier mit kräftigen Farben eine Zivilisation, die Nährboden der spannendsten Planetenabenteuer sein könnte. Doch leider scheint der Atem oder Platz nicht für mehr gereicht zu haben. Das Ende kommt enttäuschend dünn daher, Harmoniepartikel, wenig mehr als ein Exposé.

 

Was bleibt ist der bittere Nachgeschmack einer verkorksten Auseinandersetzung mit Fanatismus, inakzeptabler Verunglimpfung und dem von der Seele schreiben all der Dinge, die dem Autor auf die Nerven gehen wie Handys etwa.

 

Dem Cover hat der Heyne-Verlag keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, es hätte auch einfach schwarz sein können. Dafür aber bemühte man sich, den Text künstlich zu verdicken. Traurig, dass lieblose Buchproduktionen nun auch schon das Heyne-Urgestein Jeschke erreicht haben.

 

Fazit:

Jeschke scheitert nicht nur am Thema, sondern auch daran, einen stimmigen und spannenden Science-Fiction Roman zu schreiben. Am besten, man vergisst diesen Ausrutscher sofort wieder.

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Eure Meinung:

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Buch:

Dschiheads

Autor: Wolfgang Jeschke

Taschenbuch, 368 Seiten

Heyne Verlag, 12. August 2013

 

ISBN-10: 3453314913

ISBN-13: 978-3453314917

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00CWZKCNQ

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 21.05.2014, zuletzt aktualisiert: 07.06.2019 15:11