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Ein guter Sohn von Peter James

Rezension von Chris Schlicht

 

Die Schauspielerin Gloria Lamarck nimmt eine Überdosis Medikamente und stirbt. Ihr Sohn Thomas, der sie abgöttisch liebte, findet sie bei einem seiner täglichen Rituale, die sein und ihr Leben bestimmten – der allmorgendlich um Punkt 10 Uhr 30 stattfindenden Erweckung zum Frühstück.

 

Der junge Mann, gutaussehend und überdurchschnittlich intelligent, schwört Rache zu nehmen an allen, die seiner Mutter jemals in die Quere gekommen waren. Und sei es nur mit Ignoranz oder mit Worten.

 

Blutige Rache.

 

Sein erstes Opfer ist die Lektorin eines Verlages, welche die von Thomas geschriebene Biografie über seine Mutter einst mit einem kurzen, lapidaren Brief, den sie sicher auch vielen anderen hoffnungsvollen Autoren geschrieben hatte, ohne die Werke selbst zu kennen, abgelehnt hatte. Er lauert ihr in einem Parkhaus auf und quält sie , indem er ihr erst alle Zähne einzeln herausbricht und sie schließlich verhungern und verdursten lässt.

 

Der Zweite ist ein Reporter von einer Lokalzeitung, die einzige , die überhaupt zum Begräbnis der Schauspielerin erschien, außer dem Pfarrer und den Leuten vom Bestattungsinstitut. Er trägt eine unpassende Krawatte und kennt keinen einzigen Film, bei dem Gloria Lamark, deren Erfolge bereits Jahrzehnte zurück lagen, mitgewirkt hatte. Er wird von Thomas mit einem anonymen Anruf in die Falle gelockt. In einer heißen Sauna gefesselt muss er sich die Filme Glorias ansehen und wenn er auf Fragen dazu falsche Antworten gibt, wird er nach und nach mit Stichsäge und Schweißbrenner seiner Gliedmaßen entledigt.

 

Weiter geht es mit einer alten Dame, Schauspielerin in alten Zeiten wie auch seine Mutter. Einst hatte sie Gloria Lamarck eine wichtige Rolle weg geschnappt. Somit ist sie für Thomas eine Intrigantin und verdient den Tod.

 

Doch der wichtigste Mensch, dem Thomas eine Lektion erteilen will, ist Dr. Michael Tennent, ein Psychiater in London. Gloria Lamarck war seine Patientin, weil sie sich in eine gloriose Scheinwelt zurückgezogen hatte. Tennent hatte die Schauspielerin gedrängt, sich endlich der Wirklichkeit zu stellen – doch das war zuviel für sie. Die Erkenntnis, das sie ihre Schönheit verloren und keinerlei Verehrer mehr außer ihrem Sohn hatte, trieb sie in den Selbstmord.

 

Tennent, der selbst Einiges zu verarbeiten hat und sich am Tod seiner geliebten Frau schuldig fühlt, hat damit noch eine weitere Nuss zu knacken. Und das zu einer Zeit, in der er sich wieder verliebt hat. Ausgerechnet in eine junge Journalistin, die ihn eigentlich in einer Enthüllungsreportage über die Fehler der modernen Psychotherapie fertig machen wollte – dabei geht sie selbst regelmäßig zu einer Therapeutin.

 

Thomas Lamarck erschafft sich eine neue Identität und einen Therapeuten irgendwo in der Provinz, um Tennent auszuspionieren und ihn in eine Falle zu locken. Am Anfang sieht es so aus, als hätte der hochintelligente Thomas leichtes Spiel.

 

 

Das Buch wird wohlweißlich nur als Thriller bezeichnet, denn von einem Psycho-Thriller ist diese Story weit entfernt, trotz des Aufmarsches von Psychotherapeuten. Denn hier kommt der Schrecken nicht subtil daher, wie bei „Das Schweigen der Lämmer“, sondern brachial wie mit dem Presslufthammer. Man kann das Sterben der armen Unwissenden nur als Gewaltorgie bezeichnen, das von dem ohne jeden Zweifel geistesgestörten Sohn der Schauspielerin inszeniert wird. Das Blut spritzt, die Knochen knacken. Würde man das Ganze so verfilmen, wie es beschrieben wird, dann würde der Film bestenfalls eine Altersfreigabe von 18 Jahren bekommen.

 

Bei einem Psychothriller sollte das Grauen, das die Abgründe der menschlichen Seele hervorbringt, auf leisen Sohlen um die Ecken schleichen. Einem einen kalten Schauer über den Rücken jagen und bei einem Knacken in der Zimmerecke hektische Reaktionen hervorrufen. Hier aber gibt es nur blutiges Gemetzel, die einem nach einer Weile schon zum Gähnen verleiten oder anekeln. Deshalb nur „Thriller“.

 

Leider wird die Geschichte dadurch erschreckend vorhersehbar. Das macht das Buch nicht wirklich spannend. Dabei hätte die Psyche des Thomas Lamarck durchaus Potential. Eine Bestie in einer attraktiven Hülle. Aber das Potential wird nicht wirklich genutzt, außer in der Hinsicht, dass er immer wieder neue Grausamkeiten entwickelt, auf die ein normales Menschenhirn vermutlich nie kommen würde. Mittelalterliche Folterknechte wirken dagegen wie kleine Jungs, die versuchshalber einen Frosch sezieren.

 

Auch Dr. Tennent könnte ein wirklich interessanter Charakter sein, doch er bleibt seltsam farblos. Und sein Schwarm Amanda ist einfach nur hübsch. Sie hat sich wohl hochgearbeitet, aber das sie ein intelligentes, fleißiges Persönchen sein soll, kommt nicht zum Leser durch. Hätte man nicht die Beschreibung ihrer Vergangenheit, man könnte sie für ein reichlich hohles Püppchen halten, das einen ausgeprägten Komplex hat und sich Vaterfiguren zum Freund erwählt.

 

Wer es blutig mag, der findet hier spannende, schnelle, flüssig geschriebene Lektüre für heiße Tage am Pool. Und traut sich danach nicht mehr alleine ins Parkhaus. Wer einen abgrundtief schürfenden, psychisch mitreißenden Thriller sucht, sollte weiter Klappentexte studieren.

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buch:

Ein guter Sohn

Autor: Peter James

Droemer/Knaur, Juni 2007

Broschiert, 592 Seiten

ISBN-10: 3426637049

ISBN-13: 978-3426637043

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 07.08.2007, zuletzt aktualisiert: 12.01.2019 12:03