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Ein Ire in Paris von Jo Baker

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, hält sich der Schriftsteller in seinem Elternhaus in Irland auf. Die Mutter ist froh, sie möchte den Sohn immer in ihrer Nähe wissen. Trotzdem verlässt der junge Mann seine sichere Heimat und kehrt zum Künstlerkreis um James Joyce und Marcel Duchamp und zu seiner Geliebten nach Paris zurück. Als seine Freunde nach und nach verschwinden, schließt er sich der Résistance an. Jo Baker nähert sich dem rätselhaften Samuel Beckett über die dunklen Jahre seiner künstlerischen Anfänge und zeigt, wie die entbehrungsreichen Kriegsjahre und das endlose Warten auf ein Ende sein Werk prägten, das Jahrzehnte später weltbekannt wurde.

 

Rezension:

Wer den Klappentext nicht liest, wird auf den Namen Samuel Beckett erst am Ende von Ein Ire in Paris in der Anmerkung der Autorin stoßen. Obwohl Jo Baker fast die gesamte Zeit hautnah an ihrem Protagonisten bleibt, seine Gedanken und Gefühle mit uns teilt, bleibt er namenlos. Vielleicht, weil er noch nicht der Samuel Beckett war, den wir heute kennen. Weil ihn diese Kriegsjahre zu dem werden ließen, was Samuel Beckett in unserer Vorstellung ist. Diese Idee entwirft die Autorin in ihrer Schlussbemerkung und führt dabei an, Spuren dieser Jahre in den Texten gefunden zu haben, die danach entstanden und den Iren berühmt machten.

Der Roman beginnt mit einer Kindheitserinnerung, folgt dann den lähmenden Zwängen im Haus der Mutter, die dem Autor das Schreiben unmöglich machen. Vor denen er nach Paris flieht, zu Suzanne, der Pianistin, die ihn am Krankenbett kennenlernte und sich um ihn kümmert. Es ist der Herbst 1939, Deutschland beginnt, Europa mit Krieg zu überziehen. Das Paar flieht vor den Besatzern aus Paris nach Vichy, folgt dorthin James Joyce, dem verehrten Schriftsteller, an dessen »Finnegans Wake« der junge Mann Anteil hatte. Doch nach Vichy kommt bald schon die Regierung, das kollaborierende Regime, und vertreibt die Geflohenen. Irgendwann zieht es das Paar zurück nach Paris, in dem man noch irgendwie leben kann, das immer noch Paris ist. Doch der Autor kommt nicht zum Schreiben in der besetzten Stadt, ihn treibt es, etwas zu tun und so findet er Kontakt zum Widerstand, arbeitet mit. Bis ihre Gruppe verraten wird. Die Flucht nach Roussillon beginnt, bestimmt von Hunger, Leid und Angst. Der Krieg drängt sich zwischen die beiden …

 

»Ein Ire in Paris« ist ein Buch, das still macht. Jo Baker entwickelt in der Übertragung von Sabine Schwenk eine intime Sprache, die sich in den vielen stillen und wortkargen Szenen selbst dann wie ein Balsam anfühlt, wenn die Figuren um ihr Leben kämpfen. Man begreift das Unausgesprochene zwischen der Frau und dem Mann, sieht die Beziehung am Krieg, an der Kälte, am Widerstand erkranken. Die Autorin will keine Biographie schreiben, sie will diese furchtbaren Jahre erfühlbar machen. Das gelingt ihr mühelos. Man ist diesem erdachten Beckett hinterher nah und verbunden, meint den Geruch seines Mantels zu kennen oder den Schmerz im Kiefer. Literatur ist groß, Kriege klein und doch sind sie allesamt von Menschen geschaffen.

 

Fazit:

»Ein Ire in Paris« von Jo Baker ist ein Buch über das Schwinden und Wachsen von Menschen im Krieg. Menschen, in deren Nähe uns die einfühlsame Sprache der Autorin bringt und die wir mit ihren Schwächen, ihrem Schweigen und vor allem mit ihrem Überleben kennenlernen, als lebten sie und wir im selben Augenblick.

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Eure Meinung:

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Buch:

Ein Ire in Paris

Original: A Country Road, A Tree, 2016

Autorin: Jo Baker

Übersetzerin: Sabine Schwenk

Gebundene Ausgabe, 348 Seiten

Albrecht Knaus Verlag, 23. April 2018

Cover: Sabine Kwauka

 

ISBN-10: 3813507548

ISBN-13: 978-3813507546

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B077C3JK9K

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 18.09.2019, zuletzt aktualisiert: 09.10.2019 14:08